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Wie Genies denken

Diese etwas reißerische Überschrift trägt ein Artikel in „Spektrum der Wissenschaft“ 1/2007. Dort wird vor allem über „die Drosophila der Kognitionswissenschaft“, Schach, berichtet. Gewiss gibt es außergewöhnliche Leistungen auch in der Kunst und der Wissenschaft, aber einen objektiven Vergleichsmaßstab gibt es dort nicht. Wenn es um die Untersuchung außergewöhnlicher geistiger menschlicher Leistungen geht, ist deshalb Schach am besten geeignet, weil man die Leistung messen kann – durch den Vergleich der Spielergebnisse von Wettkämpfen zwischen Menschen.

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts gab es erste Untersuchungen:

Der Psychologe Adriaan de Groot, selbst Schachmeister, fand dies schon 1938 bei einem großen internationalen Turnier in den Niederlanden bestätigt. Er verglich dabei durchschnittliche und starke Spieler mit den damals führenden Schachgroßmeistern.

Wie de Groot damals feststellte, untersuchen starke Spieler deutlich mehr Zugvarianten als schwache. Bei den Schachmeistern und -großmeistern stieg die Zahl der analysierten Züge dagegen nicht viel weiter an. Statt mehr Möglichkeiten zu durchdenken, beschränken sich die besseren Spieler auf die aussichtsreicheren Varianten und verfolgen sie gründlicher.

Mit einer komplizierten Stellung konfrontiert, mag ein schwächerer Spieler eine halbe Stunde über dem Brett brüten und viele Züge vorausberechnen, auf den richtigen Zug aber trotzdem nicht kommen. Ein Großmeister hingegen sieht diesen Zug sofort, ohne überhaupt bewusst irgendetwas zu analysieren.


Inzwischen hat man auch auf vielen anderen Gebieten bestätigt gefunden, wodurch sich ein Experte auf einem speziellen Gebiet von einem normalen Menschen unterscheidet: Er verfügt über mehr strukturiertes Wissen über sein Fachgebiet. Bei standardisierten Tests auf beliebigen anderen Gebieten schneidet er hingegen nicht besser ab als der Durchschnitt. Es ist einzig und allein die langjährige und intensive Beschäftigung mit seinem Fachgebiet, die ihn von den Nichtexperten unterscheidet.

Im weiteren wird im Artikel dann auf die sogenannte Chunk-Theorie eingegangen. Die Schachmeister denken und erinnern sich nicht an die Stellung jeder einzelnen Figur auf dem Brett, sondern sie operieren mit charakteristischen Stellungsmerkmalen oder Figurengruppen, eben den Chunks. Aus sehr speziellen Überlegungen und Messungen nimmt man an, dass Großmeister mit etwa 50-100.000 solcher Chunks operien können – was in etwa der Anzahl der Wörter in einer menschlichen Sprache entspräche.

Allerdings lässt sich mit der Chunk-Theorie nicht alles erklären, weil eben jede Stellung ihre Besonderheiten hat. Deshalb wurde der Ansatz um sogenannte Templates erweitert, die sich von den Chunks durch eine größere Variabilität einzelner Figuren unterscheiden. (An dieser Stelle ist der Artikel aber nicht sehr deutlich.)

Interessant ist der Schlussteil, in dem es um die Art der Beschäftigung mit einem Fachgebiet geht, um zum Expertentum zu gelangen:

Laut Ericsson kommt es nicht auf das Praktizieren an sich an, sondern auf das, was er „angestrengtes Üben“ nennt. Das bedeutet, sich stets Herausforderungen zu stellen, denen man gerade eben noch nicht gewachsen ist. Aus diesem Grund kann jemand Zehntausende von Stunden Schach, Golf oder ein Musikinstrument spielen, ohne je über das Amateurniveau hinauszukommen, während ein anderer, richtig unterrichteter Schüler ihn relativ schnell überflügelt. Die mit Schachspielen verbrachte Zeit – auch bei Turnieren – trägt offensichtlich nur wenig zum Fortschritt eines Spielers bei. Der größte Wert normaler Partien ist, Schwächen aufzudecken, die es dann durch gezieltes Training zu beseitigen gilt.

Damit ergreift der Autor des Artikel eindeutig Partei für den Standpunkt, dass eine besondere Begabung für ein Gebiet nur zu 1% Inspiration, aber zu 99% Transpiration ist. Aber es gibt zumindest einen guten Einwand und mehrere sich aus dem Artikel ergebende Fragen:

Der Einwand: Beim „Üben“ spielen sicherlich allgemeine geistige Fähigkeiten eine große Rolle, eine schnelle Auffassungsgabe, ein gutes Gedächtnis, etc. Mit gutem Training könnten wahrscheinlich sehr viele Schach-„Patzer“ auf das Niveau eines durchschnittlichen Ober- oder Bundesligaspielers kommen, aber um Großmeister zu werden, müssen wahrscheinlich noch einige zusätzliche Voraussetzungen erfüllt sein.

Die Fragen: Wenn es so ist, dass nahezu jeder Mensch durch intensive Beschäftigung mit einer Sache zu einem Experten auf einem Gebiet werden könnte, warum tun es dann nur so wenige? Besteht die Schachbegabung also weniger in spezifischen neuronalen Strukturen, um spezielles „Wissen“ zu „speichern“, als vielmehr darin, über viele Jahre ausdauernd und verbissen sich mit einer einzigen Sache zu beschäftigen und alles andere darüber zu vergessen? Und wenn das so ist, wurden diejenigen mit dieser Verbissenheit bereits geboren oder später von ihrer Umwelt dorthin gedrängt? Und wie könnte man das vorab mit einem Persönlichkeitstest messen?

Kommentare

steppenhund 01/22/2007 02:41:43 PM

Also ich glaube, man muss kein Genie sein, um so zu denken. So denke ich auch, selbst wenn ich in Schach schwächer bin als in Go. Dort bin ich wenigsten Meister gewesen:)

Aber Spass beiseite:
meiner Meinung nach geht es um Mustererkennung. Und die lässt sich auf unterschiedlichsten Gebieten einsetzen.
Entsprechende links zum Einlesen habe ich auf meiner Homepage.
Einfach den Links folgen, obwohl die dort mehr in Richtung Software gehen, kann man auch andere „Patterns“ suchen, wenn man einmal weiß, was das ist.

http://hh.objentis.com/hartmann/English.htm

inside-chess 01/03/2010 04:17:07 PM

Schöner Artikel! Ich selbst stehe auch auf dem Standpunkt, dass eigentlich jeder normal begabte Mensch mit dem richtigen Training auf IM-Niveau spielen kann (vorausgesetzt er fängt früh genug an).
Mit der Übung kommt die Erfahrung, Muster erkennen, Pläne und Strategien in den Positionen kennen …

Für mich habe ich die Hoffnung auch noch nicht aufgegeben, dass es mit dem Schach noch mal was wird.

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