Lokführerstreik

20. Mai 2015 4 Kommentare

Es ist für die Medien vielleicht schwierig, Nachrichten zu präsentieren, ohne dass die Redakteure ihre eigene Meinung einfließen lassen. Aber haben sie diesen Anspruch überhaupt? Persönliche Meinungen werden ja schon dadurch geäußert, dass man aus der Vielzahl der täglichen Meldungen einige wenige auswählt, die man kommentiert. Ein aktuelles Beispiel ist die Berichterstattung über den Lokführerstreik bei Spiegel Online, z.B. im Titel, Text und der Umfrage dieses Artikels: Weselsky rüttelt am Deutschland-Prinzip.

In Deutschland ist man jetzt mehrheitlich der Meinung, an der aktuellen Situation ist nur Weselsky schuld. Mehrere einfache Tatsachen werden dabei “vergessen” oder spielen in der Diskussion nur eine untergeordnete Rolle:

  • Weselsky vetritt etwa 19.000 Gewerkschaftsmitglieder, die ihn unterstützen und seiner Strategie folgen.

  • Zu einem Streit gehören wenigstens zwei Parteien, in diesem Fall außer der Gewerkschaft der Bahnvorstand.

  • Bei der aktuellen Auseinandersetzung sitzt eine unsichtbare dritte Partei mit am Verhandlungstisch, der Bund als Eigentümer der Bahn.

Das Hauptargument der Bahn, sie wolle nur einen Tarifvertrag im gesamten Unternehmen, finde ich besonders bemerkenswert. Sie könnte nämlich diesen einen Vertrag ganz einfach mit der folgenden Strategie haben:

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Der Längengrad

13. Mai 2015 Keine Kommentare

Dieser Film wurde mir von einem sehr guten Freund empfohlen. Es ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Dava Sobel. Erzählt wird die Geschichte zweier Männer aus verschiedenen Epochen. Der erste ist John Harrison aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Dem zweiten Mann, Rupert Gould, ist zu verdanken, dass Harrisons Leben und seine Werke Anfang des 20. Jahrhunderts der Vergessenheit entrissen wurden.

Im ausgehenden 17. Jahrhundert gab es bei der Navigation der Schiffe auf hoher See ein großes Problem. Man konnte relativ einfach den Breitengrad bestimmen, also wo man sich bezüglich der Pole bzw. des Äquators befand. Dazu musste man nur den Winkel zwischen dem Zenit der Sonne und dem Horizont bestimmen. Am Äquator steht die Sonne zu Mittag genau senkrecht, an allen anderen Orten niedriger, abhängig vom Kalendertag und dem Breitengrad. Man setzt den ermittelten Winkel in eine Gleichung ein bzw. sieht in einer Tabelle nach und liest dort den gesuchten Breitengrad ab. Das Problem der genauen Bestimmung des Längengrads war zu Beginn des 18. Jahrhunderts aber noch ungelöst. 1714 stellte das englische Parlament demjenigen eine Prämie von 20.000 Pfund in Aussicht, der eine für die Schifffahrt brauchbare Bestimmungsmethode der Länge entwickelt, siehe den Wikipediaartikel über das Längenproblem.

Zu Beginn reist Harrison nach London, um der “Längengradkommission” vorzuschlagen, mit einer von ihm gebauten Uhr zu arbeiten. Die Grundidee der Methode ist einfach: Man nimmt auf das Schiff eine Uhr mit, die die Zeit eines Ortes mit bekannter geografischer Länge anzeigt. Auf hoher See bestimmt man den Zeitpunkt des Zenits der Sonne. Aus der Zeitdifferenz zu der von der Uhr angezeigten Zeit und 12 Uhr kann man den Längengrad berechnen. Das Problem Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts war, dass es keine transportablen Uhren gab, deren Anzeige während der gesamten Reise und unter den auf einem Schiff herrschenden Bedingungen – Schiffsbewegung, Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen – genügend genau blieb.


Die H1 von Harrison

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Chile: Mylodon, Clovis und Mapuche

7. Mai 2015 Keine Kommentare

Auf der Rückfahrt von Patagonien haben wir an der Mylodon-Höhle Halt gemacht, in der man Ende des 19. Jahrhunderts die Überreste eines Mylodons gefunden hat. Diese Riesenfaultiere waren zu ihren Lebzeiten Pflanzenfresser und sind schon seit fast 10.000 Jahre ausgestorben. Am Höhleneingang hat man ein lebensgroßes Modell aufgestellt, es ist etwa vier Meter hoch. Leider wurden alle Fundstücke aus der Höhle ins Britische Museum nach London geschafft.

Inzwischen wurden in der Höhle selbst bzw. in ihrer Nähe weitere archäologische Funde gemacht, unter anderem von Menschen, die etwa in derselben Epoche wie das Mylodon gelebt haben. Heute nährt diese Koinzidenz zwischen der Besiedlung durch den Menschen und dem Aussterben vieler großer Tiere Spekulationen, dass unsere Vorfahren diese Tiere ausgerottet haben könnten. Aber es gibt andere und mindestens genauso plausible Hypothesen. Die Menschen, die zu dieser Zeit Amerika neu besiedelten, kamen über die Beringstraße. Diese Verbindung zwischen Asien und Amerika lag immer während einer Eiszeit im Trocknen, weil viel Wasser der Ozeane in den Gletschern gebunden und dadurch der Meeresspiegel tiefer als heute war. Etwa als das Mylodon und viele andere Tiere ausstarben, endete die vorerst letzte Eiszeit. Es ist meiner Meinung nach viel wahrscheinlicher, dass einige Tierarten dem Klimawechsel nicht gewachsen waren, als dass sie in den Mägen der wenigen Menschen dieser Zeit landeten.

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Menschen und Maschinen

2. Mai 2015 1 Kommentar

Den Zeitgeist lass’ getrost geschehen
und die Erkenntnis in Dir reifen:
Du brauchst nicht mit der Zeit zu gehen
es ist nur klug, sie zu begreifen.

(Liedtext von Schillers “Zeitgeist”)

Ein sehr guter Freund hat seinen Geburtstag im Ausland gefeiert. Ich habe ihm eine SMS geschickt, um ihm wenigstens so zu gratulieren. Eine Antwort habe ich nicht erwartet, denn er steht Handys ganz allgemein recht reserviert gegenüber. Am Tag seiner vermuteten Rückkehr rief ich in seiner Firma an. Das Telefon läutete, aber er nahm nicht ab. Auch Abends zu Hause meldete sich niemand. Auch am zweiten Tag nicht. Ich probierte es bei seiner Frau im Büro, dto. Erst Tage später stellte sich heraus, dass die beiden einfach länger im Urlaub waren, als ich es gedacht hatte. Aber da hatte ich mir schon Sorgen gemacht.

In den achtziger Jahren bin ich oft wochenlang im Gebirge gewandert. Am längsten vor über zwanzig Jahren, als ich sieben Wochen in Ecuador unterwegs war. Von dort habe ich eine einzige Postkarte nach Hause geschickt. Niemand daheim wusste, wann ich in diesen Wochen wo genau war. Ein Schlüsselerlebnis hatte ich, als in zwei aufeinanderfolgenden Jahren die Eltern eines Bekannten starben, während er im Urlaub war. Seine Verwandten wussten nicht, wie sie ihn erreichen konnten, wir telefonierten ihm hinterher. Seitdem melde ich mich im Urlaub täglich oder wenigstens bei jedem Ortswechsel zu Hause und gebe auch an, wie ich zu erreichen bin.

Auch die Anschaffung meines ersten Handys geht auf so ein einschneidendes Ereignis zurück. Ich war mit dem Mountainbike unterwegs und hatte mitten im Wald einen Platten. Werkzeug hatte ich natürlich keins mit. Volle drei Stunden habe ich das Bike nach Hause schieben müssen. Mit einem Handy hätte ich einfach einen Bekannten mit dem Auto an eine gut erreichbare Stelle gelotst und das Problem wäre erledigt gewesen.

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Chile: Grey-Gletscher

28. April 2015 Keine Kommentare

Die folgende Karte ist auch ein Nachtrag zum vorigen Tag, einer Ganztageswanderung durch den Nationalpark “Torres del Paine” zum Aussichtspunkt “Mirador las Torres” (auf der Karte mit “2” gekennzeichnet). Vor dieser Wanderung hatten wir in der Hosteria las Torres übernachtet (auf der Karte: “1”). Dort hatte man recht saftige Preise mit 70 Euro für ein Bett in einem Sechsbettzimmer und 30 Euro für ein Abendbrot, dessen kulinarischer Höhepunkt aus einem halben Pfirsisch aus der Dose bestand. Die Betreiber können diese Mondpreise fordern, weil sie in diesem Teil des Nationalparks keine Konkurrenz haben, ihnen gehören in der Nachbarschaft alle Hotels, Hosterias und Zeltplätze.

Unser Unterkunft für die nächsten zwei Übernachtungen war komfortabler und preiswerter (auf der Karte mit “3” gekennzeichnet), siehe unten. Auf der weiten Fläche um den Rio Serrano gibt es einige Hotels und kleinere Ferienunterkünfte. Von hier startete unser Ausflug zum Grey-Gletscher (auf der Karte die Nummer “4”).

Den Gletscher erreicht man am besten mit dem Schiff. Unsere Reiseleiterin hatte sich für einen Termin am frühen Morgen bemüht, da ist das Wasser ruhiger, es weht weniger Wind und die Sicht ist besser. Aber es ist zu Sonnenaufgang und in der Nähe des Gletschers noch eiskalt.

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Paradoxa

24. April 2015 2 Kommentare

Florian Freistetter hat in seinem Blog Astrodicitum Simplex in den ersten drei Aprilwochen eine Reihe von Beiträgen über verschiedene Paradoxa veröffentlich. Viele von ihnen kannte ich schon, aber seine Texte waren für mich Anlass, über einige neu nachzudenken. Interessant war für mich zum Beispiel das Paradoxon der unerwarteten Hinrichtung. So steht es zumindest in der Wikipedia. Es tut dem Paradoxon aber keinen Abbruch, wenn man es auf ein harmloseres Beispiel überträgt:

Eine Lehrerin kündigt ihrer Klasse an, dass in der folgenden Woche eine Klassenarbeit kommen wird. Sie sagt den Schülern, dass die Arbeit überraschend an einem beliebigen Tag der Woche geschrieben werden wird.

Die Schüler überlegen sich, dass die Arbeit wohl kaum am Freitag stattfinden kann. Denn dann wüssten sie ja am Freitagmorgen definitiv Bescheid, dass sie an diesem Tag stattfindet und es wäre keine Überraschung mehr. Genau mit der gleichen Logik können sie aber dann den Donnerstag ausschließen, denn wenn die Arbeit am Freitag nicht unerwartet stattfinden kann, wäre der Donnerstag der letzte mögliche Tag usw. Sie kommen deshalb zu dem Schluss, dass in der folgenden Woche überhaupt keine Arbeit geschrieben werden kann.

Es gibt einige Ideen, die bei der Auflösung von Paradoxa verwendet werden können:

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Chile: Torres del Paine

19. April 2015 Keine Kommentare

Patagonien ist der südlichste Teil von Südamerika, zwei Länder teilen sich diese Landspitze an der Küste des Antarktischen Ozeans, der Amerika von der Antarktis trennt. Wie das Bild zeigt, erinnert die Landschaft an die Tundra im Norden von Eurasien, wobei es in Patagonien auch einige hohe Bergmassive gibt. Sehr bekannt ist z.B. der Fitz Roy im Nationalpark Los Glaciares in Argentinien. Das chilenische Pendant sind die Torres del Paine, die im gleichnamigen Nationalpark liegen.

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Chile: Die Insel Chiloé

7. April 2015 Keine Kommentare

Chiloé ist mit 9322 km2 die zweitgrößte Insel Chiles, nur Feuerland ist noch größer. (Zum Vergleich: Rügen ist 926 km2 groß.) Es wird vermutet, dass hier die ursprüngliche Heimat der Kartoffel liegt. Verblüfft hat mich auch, dass die Panamericana über die Insel verläuft. Autofahrer müssen so zweimal die Fähre benutzen, wenn sie diese Straße von oder nach Patagonien benutzen wollen.


Kirche in Chacao


Kirche in Castro


Kirche in der Nähe von Caulin (siehe unten)

Chiloé ist berühmt wegen seiner über 150 Holzkirchen, die im Jahr 2000 in das Weltkulturerbe aufgenommen worden sind. Hier noch ein Link zu einer Bildersammlung dieser Kirchen. In Ancud gibt es ein Museum, in dem einige Ausstellungstücke zu diesen Holzkirchen zusammengetragen worden sind.

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Elektronische vs. gedruckte Bücher

3. April 2015 Keine Kommentare

In den letzten Tagen habe ich zwei Artikel gelesen, in denen das Leseverhalten in eBooks mit dem gedruckter Bücher verglichen wird. Der eine der beiden war “Lesen unter Beobachtung” in “Bild der Wissenschaft” 8/2014, der zweite “Die Vorzüge des Blätterns” in “Gehirn und Geist” 7/2014.

In dem ersten Artikel “Lesen unter Beobachtung” wird am Anfang festgestellt, dass die verschiedenen Studien, die beide Leseformen miteinander vergleichen, zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Neu für mich:

Einen verblüffenden Effekt fanden Forscher um Monique Janneck von der Fachhochschule Lübeck: Sie entdeckten, dass Menschen zwar auf einigen elektronischen Geräten effizienter als auf Papier lesen, diesen Vorzug aber nicht erkennen. Nach einer Woche Schmökern mit Büchern, E-Readern oder Tablet-Computern erklärte die Mehrheit der Testpersonen, am liebsten gedruckte Bücher zu lesen und Inhalte daraus auch schneller aufzunehmen. Doch damit lagen sie falsch: “Unabhängig vom persönlichen Lesetempo lasen alle Testpersonen auf dem E-Reader am schnellsten”, stellten die Forscher fest. Das gedruckte Buch bildete das Schlusslicht.

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Menschen und Maschinen

27. März 2015 3 Kommentare

Natürlich haben wir im Kollegen- und Bekanntenkreis über den Flugzeugabsturz in den französischen Bergen diskutiert. Die erste Vermutung über die Absturzursache war technisches Versagen. Die Reaktion meiner Bekannten war: “Es muss doch möglich sein, dass man den Bordcomputer ausschaltet und der Pilot das Flugzeug manuell sicher landet.” Dann wurde gemeldet, dass wahrscheinlich der Co-Pilot den Absturz absichtlich herbeigeführt hat. Jetzt kam die gegenteilige Reaktion: “Warum sollte der Bordcomputer den Piloten die Möglichkeiten zum Eingreifen nicht entziehen dürfen? Der Computer könnte doch dann das Flugzeug sicher nach unten bringen.”

Auf meine Einwände, dass man hier jeweils das genau Entgegengesetzte fordert, wurde geantwortet: “Dann muss man eben vom Boden aus das Flugzeug übernehmen.” Auch das ginge sicherlich, hier fiel mir aber sofort Stuxnet ein, der Computervirus, der vor einiger Zeit automatisch und von außerhalb die Kontrolle über iranische Atomanlagen übernommen hat. Man kann endlos Fälle konstruieren, die von den heutigen Vorschriften und Gepflogenheiten nicht erfasst werden und findet sicher für jeden Einzelfall eine spezielle Lösung – hinterher.
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