Robert Spaemanns Gottesbeweis

14. Dezember 2014 Keine Kommentare

Hohe Luft widmet in der Ausgabe 3/2014 eines ihrer Denkstücke Robert Spaemanns Gottesbeweis. Es liest sich etwas verschwurbelt und findet sich auch an anderen Stellen im Netz, wenn man den Namen dieses Philosophen angibt:

Tatsachen sind hartnäckig. Sie werden nämlich nicht falsch. Was heute wahr ist, das muss auch in Zukunft wahr gewesen sein. Wenn ich heute mit Freunden zusammensitze, dann wird es auch morgen wahr sein, dass ich heute mit Freunden zusammengesessen habe. Die vollendete Zukunft oder futurum exaktum ist also mit dem Präsens verbunden: Wenn ich von etwas sage, dass es ist, dann heißt das nichts anderes, als zu sagen, es sei in Zukunft gewesen.

In diesem Sinne ist Wahrheit ewig, wie schon einige Denker des Mittelalters erkannten. Denn wenn es irgendwann in Zukunft nicht mehr wahr wäre, dass ich heute mit Freunden zusammengesessen habe, dann kann es auch heute nicht wahr sein, dass ich mit Freunden zusammensitze. Das Vergangene existiert weiter in unserer Erinnerung. Was aber, wenn sich niemand mehr erinnert? Wenn es überhaupt keine Menschen mehr gäbe? Die Antwort lautet: Selbst wenn es die Welt nicht mehr gibt, bleibt es immer noch wahr, dass ich heute mit Freunden zusammengesessen habe.

Der Philosoph Robert Spaemann leitet daraus sogar eine Art Gottesbeweis ab. Zur Vergangenheit gehört eine Gegenwart, deren Vergangenheit sie ist. Gegenwart ist aber immer nur als bewusste Gegenwart zu verstehen – also als Gegenwart, die von jemandem erlebt wird. Wenn es aber keine bewusste Gegenwart mehr gibt, weil überhaupt nichts mehr existiert, dann ist auch die Vergangenheit ausgelöscht. Dann wäre es also tatsächlich nicht mehr wahr, dass ich heute mit Freunden zusammengesessen habe. Und dann wäre es auch nicht wahr, dass ich heute mit Freunden zusammensitze. Und das können wir gar nicht denken, sagt Spaemann: »Wenn die gegenwärtige Wirklichkeit einmal nicht mehr gewesen sein wird, dann ist sie nicht wirklich.« Folglich muss es ein Bewusstsein geben, in dem alles, was geschieht, aufgehoben ist. Dieses Bewusstsein könnten wir Gott nennen.

Interessant fand ich bei der Suche nach “Robert Spaemanns Gottesbeweis”, dass da an ziemlich prominenter Stelle eine Rezension in Begleitschreiben angezeigt wurde. Daraus ein schönes Zitat:

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Staat und Religion

8. Dezember 2014 6 Kommentare

Hier bzw. hier hat Metepsilonema einen Text veröffentlicht, der eine Replik auf Niko Alms Gedanken zum Islamgesetz darstellt. Niko Alm kannte ich bisher nur als denjenigen, der sich für seinen Führerschein mit einem Nudelsieb auf dem Kopf hat fotografieren lassen. Leider haben es die Pastafari in Österreich nicht geschafft, sich auch als Religionsgemeinschaft registrieren zu lassen.

Erst durch Metepsilonema habe ich jetzt erfahren, dass Alm ein durchaus ernsthafter Politiker ist, für den die Auseinandersetzung zum Verhältnis zwischen Staat und Kirche ein wichtiges Anliegen ist. Metepsilonema verlinkt in seinem Beitrag zwei Artikel von Alm, in denen er sich mit dem Islamgesetz in Österreich auseinandersetzt:

Aus meiner Sicht stellt Niko Alm in seinem Blog genau die richtigen Fragen:

  • Wozu brauchen einzelne Religionsgesellschaften überhaupt eigene Gesetze?
  • Warum gibt es nicht ein Gesetz für alle?

Und er listet auch einige der religiösen Praktiken auf, die anderen Menschen äußerst befremdlich erscheinen:

  • Beschneidung
  • Speisevorschriften
  • Feiertage

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Was ist Wissen?

2. Dezember 2014 Keine Kommentare

In Hohe Luft 3/2014 findet man einen Essay mit dem Titel “Lob der Unschärfe”, in dem der Frage nachgegangen wird, was Wissen ist. Einer der Aufhänger in dem Artikel ist Sokrates, der zu seiner Zeit vom Orakel von Delphi als der weiseste aller Menschen bezeichnet wurde, seinen Mitmenschen durch sein beständiges Fragen auf die Nerven fiel, von sich selbst aber sagte: “Ich weiß, dass ich nichts weiß.” Im Artikel heißt es u.a.:

Dafür müssen wir uns den Hintergrund des sokratischen Bonmots ins Gedächtnis rufen. In Platons »Apologie des Sokrates« lässt dieser seine Athener Ankläger wissen, dass sein Freund Chairephon einst das delphische Orakel befragt habe, wer der weiseste aller Menschen sei. »Sokrates« habe die Pythia geantwortet. Das aber wollte der solcherart Gepriesene nicht glauben und schickte sich deshalb an, dem Gott – das heißt Apollon, dem das Orakel gehörte – das Gegenteil zu beweisen, indem er seine als »Wissende« in Ruf und Ansehen stehenden Mitbürger aufsuchte, um im Vergleich zu ihnen seine eigene Unwissenheit zu erweisen.

Der Versuch misslang, denn die vermeintlich Wissenden konnten der Dialogkunst des Sokrates nicht standhalten. Das weckte nicht nur deren dauerhaften Unmut, es wirft auch die Frage auf, welcherart eigentlich das Wissen ist, das diese Menschen für sich in Anspruch nahmen und das unter den Fragen des Sokrates zusammenbrach?


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Dieses Verständnis von Wissen gilt im Großen und Ganzen bis heute: Wissen bedeutet Kenntnis von Sachverhalten, idealerweise verifiziert durch wissenschaftliche Forschung, statistische Erhebungen oder andere formalisierte Verfahren, die von einer weltweit operierenden »Scientific Community« als Standard anerkannt sind und reproduziert werden können. Solches Wissen kann in Lehrbüchern und Lexika versprachlicht und bei Bedarf auf konkrete Situationen hin operationalisiert oder nachgemessen werden. Wer sich dessen zu bedienen weiß, darf sich mit Fug und Recht Experte nennen – und auf die Einladung zu einer Talkshow hoffen.

Nicht hoffen kann er allerdings darauf, einer sokratischen Prüfung standzuhalten. Denn die Fähigkeit, in Aussagen vermittelbares, propositionales, theoretisches Wissen abrufen zu können, machte in den Augen des Atheners noch keinen Wissenden aus. Selbst dann nicht, wenn der vermeintlich Wissende das von ihm Gewusste begründen oder von Axiomen ausgehend herleiten kann. Ja nicht einmal dann, wenn er selbst es nach den geltenden Regeln der Wissenschaftsgemeinde erarbeitet hat. Nein, in Sokrates’ Augen bleibt der Anspruch auf Wissen uneingelöst, solange ihm eine entscheidende Qualität fehlt, die sich der einfachen Versprachlichung entzieht: die Qualität des Verstehens.

Doch was ist damit gemeint? Bleiben wir bei Sokrates. Durch seine Dialogkunst nämlich wird deutlich, was dem bloßen Expertenwissen fehlt: Es ist die Fähigkeit, das theoretisch Gewusste und in »begründeten wahren Meinungen« Aussagbare auf eine gute Weise in der persönlichen oder auch sozialen Lebenswelt anzuwenden. Sokrates führt den Experten vor Augen, dass sie bei aller Expertise nicht zu sagen wissen, worin der Sinn des von ihnen Gewussten besteht. Sie verstehen nicht, was das Gut-Sein des von ihnen Gewussten ausmacht; warum das von ihnen Gewusste überhaupt wissenswert ist.

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Religionsfreiheit!

30. November 2014 Keine Kommentare

Als Nachtrag zum letzten Artikel Die Katholische Kirche entlässt einen Chefarzt…:

Link für Ahnungslose: FSM = Fliegendes Spaghettimonster.

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Die Katholische Kirche entlässt einen Chefarzt…

28. November 2014 Keine Kommentare

…weil dieser wieder geheiratet hat. Die Geschichte ist schnell erzählt, sie ist ja auch durch alle Medien gegangen. In einem Düsseldorfer Krankenhaus, das unter der Leitung der Katholischen Kirche firmiert, ist ein Chefarzt entlassen worden. Der Arzt war im Jahr 2000 eingestellt worden, hat sich im Jahr 2005 von seiner Frau getrennt, sich im Jahr 2007 scheiden lassen und im Jahr 2008 seine neue Freundin geheiratet. Im Jahr 2009 wurde ihm gekündigt und er hat dagegen geklagt. 2011 wurde der Fall vor dem Bundesarbeitsgericht verhandelt und der Arzt bekam Recht. Der Spiegel schrieb damals:

Wer dort [bei der Kirche] anheuert, muss sich manche Einschränkungen gefallen lassen – auch im privaten Bereich. Das hat das Bundesarbeitsgericht jetzt bestätigt: Als Arbeitgeber genießen die Kirchen Sonderrechte. Ihre Angestellten sind zur Loyalität verpflichtet und müssen religiöse Glaubenssätze beachten. So kann auch die zweite Ehe eines Mitarbeiters zur Kündigung führen, stellte der Zweite Senat des Gerichts am Donnerstag in Erfurt klar.

Trotzdem bekam ein katholischer Arzt eines Düsseldorfer Krankenhaus auch in höchster Instanz recht, wie schon in den Verfahren zuvor. Die katholische Kirche als Klinikbetreiber hatte den Chefarzt entlassen, weil er nach seiner Scheidung ein zweites Mal standesamtlich geheiratet hatte. Aus Sicht seines Arbeitgebers verstieß er damit gegen die katholische Sitten- und Glaubenslehre.

Allerdings war der Fall verzwickt: Der Arzt und seine Ehefrau hatten sich 2005 getrennt. Danach lebte der Mediziner zwei Jahre lang mit seiner neuen Partnerin zusammen und heiratete sie 2008, ein halbes Jahr nach der Scheidung. Als die Klinik von der Eheschließung erfuhr, kündigte sie dem Chefarzt 2009. Dagegen klagte er und verlangte seine Weiterbeschäftigung.

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Schon in der Vorinstanz konnte sich der 49-jährige Arzt durchsetzen: Das Landesarbeitsgericht Düsseldorf gab seiner Klage im vergangenen Jahr statt, daraufhin rief die Klinik per Revision das Bundesarbeitsgericht an. Auch wenn dies in den Ohren mancher altertümlich klinge, habe der Arzt aus katholischer Sicht gesündigt, sagte Klinik-Anwalt Burkard Göpfert. Die Lösung einer einmal geschlossenen Ehe sei nicht vorgesehen, der Mann habe “genau gewusst, dass er damit gegen seinen Arbeitsvertrag verstößt”.

Die Erfurter Richter sahen es anders. Sie mussten abwägen und werteten die Wiederheirat grundsätzlich als schweren Loyalitätsverstoß, der mit Kündigung geahndet werden könne. Damit blieben sie ihrer bisherigen Rechtsprechung treu. Zugleich machten sie aber deutlich, dass die Gerichte die Interessen zwischen den Grundrechten der Kirchen und den Freiheitsrechten der Arbeitnehmer sorgfältig abwägen müssen.

Vor allem drei Faktoren gaben den Ausschlag zugunsten des Chefarztes: Zum einen habe das Düsseldorfer Krankenhaus anderen, nicht-katholischen Ärzten mit gleichlautenden Verträgen in ähnlichen Fällen nicht gekündigt – also mit zweierlei Maß gemessen. Zum anderen sei der Klinikleitung lange vor der Kündigung bekannt gewesen, dass der Mann in einer nicht-ehelichen Lebensgemeinschaft lebte, was nach kirchlichen Maßstäben bereits einen schweren Sittenverstoß darstelle. Und schließlich stelle das Grundgesetz den Wunsch nach einer bürgerlichen Ehe unter besonderen Schutz, die Wiederheirat des Arztes gehöre zu dem “innersten Bezirk seines Privatlebens” (Aktenzeichen (2 AZR 543/10).

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Blödkäppchen und der Wolf

14. November 2014 Keine Kommentare

Es war einmal vor langer Zeit an einem schönen, sonnigen Tag, als der Jäger mit seiner Frau in den Wald fuhr. Ihren Wagen ließen sie hinter der Kurve auf dem Weg stehen, dann gingen die beiden zu Fuß weiter, um Beeren zu sammeln. Kurze Zeit später kam Blödkäppchen mit ihrer Freundin angebraust. Blödkäppchen war recht zügig unterwegs, vielleicht wollte sie ihrer Großmutter frisches Obst bringen, vielleicht aber war sie auch einfach zu einer Party unterwegs. Weil sie eigentlich zu schnell fuhr und es erst spät sah, wäre sie fast in das Auto des Jägers hineingekracht. Sie bremste und wartete ein Weilchen auf den Jäger, dann wurde sie ungeduldig – “Wieso muss ich denn hier stehen?” – und setzte zum Vorbeifahren an. Weil sie sich nicht besonders geschickt anstellte, rammte sie das auf dem Weg stehende Auto. Benommen stiegen Blödkäppchen und ihre Freundin aus. Durch den Lärm alarmiert, eilten auch der Jäger und seine Frau herbei.

Blödkäppchen entschuldigte sich wortreich beim Jäger und seiner Frau. Der Jäger tröstete sie: “Fräulein Blödkäppchen, das ist doch nicht so schlimm, als Fahranfänger hatte ich vor vielen Jahren auch mal einen Unfall. Doch hier und heute ist niemand zu Schaden gekommen. Wir lassen die beiden Wagen reparieren und alles wird wieder gut.” Blödkäppchen war sehr erleichtert, sie setzte sich wieder ans Steuer, fuhr etwas zurück, lenkte jetzt etwas geschickter und düste davon. Hinter ihr blieb nur eine große Staubwolke über dem Weg stehen. Der Jäger und seine Frau blickten den beiden Mädchen nach, die Frau des Jägers zweifelte: “Besonders viel scheint Blödkäppchen ja nicht aus ihrem Fehler gelernt zu haben.”
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Yves Bossart: Ohne Heute gäbe es morgen kein Gestern

11. November 2014 Keine Kommentare

Das Buch war ein Spontankauf, weil mir im Buchladen der Titel auf dem Einband auffiel, ein origineller Aphorismus. Yves Bossart ist ein Philosoph, der in seinen Seminaren mit Gedankenexperimenten arbeitet, ähnlich wie es Sokrates mit seinen Fragen an seine Mitmenschen getan hat. Einige davon kannte ich schon, viele waren mir neu. Vielleicht als Einstieg die Gedanken, die er zum Thema Letztbegründung äußert, etwas, das mich schon ein paarmal beschäftigt hat:

Aristoteles meint nun, dass dieses Lebensglück das letzte und eigentliche Ziel des Menschen sei. Gewisse Dinge wollen wir nur, um mit ihnen etwas anderes zu erreichen. Sie sind nur Mittel zum Zweck, wie etwa Geld, Macht und Besitz. Das Glück aber erstreben wir nicht, um damit etwas anderes zu erreichen. Es ist Selbstzweck. Spielen wir das an einem Beispiel durch: Angenommen, Sie wollen sich die Haare schneiden lassen. Wozu? Damit Sie gut aussehen. Und warum wollen Sie gut aussehen? Damit andere Sie attraktiv finden. Und warum wollen Sie attraktiv sein? Damit Sie mit anderen ins Gespräch kommen. Und warum möchten Sie das? Damit Sie einen Partner kennenlernen. Aber wozu das? Um geliebt zu werden. Und wozu möchten Sie geliebt werden? Weil Sie das glücklich macht. Und wozu wollen Sie glücklich sein? Hmm. Schwer zu sagen. Die Frage, wozu wir glücklich sein wollen, macht keinen Sinn. Daran zeigt sich: Ein gelungenes Leben ist nie Mittel zum Zweck, sondern der Endzweck allen Tuns.

Häufig bin ich in der letzten Zeit mit der Meinung konfrontiert worden, Philosophie wäre in der heutigen Zeit überflüssig geworden, die Naturwissenschaften würden nach und nach alle Rätsel lüften. Ich glaube, bereits das Eingangsbeispiel mit den Letztbegründungen beweist das Gegenteil. Ein weiteres Beispiel ist das Phänomen der Zeit. Damit beschäftigen sich Menschen bereits seit dem Beginn des systematischen Denkens. Die Physik des 20. Jahrhunderts hat nun in Form der Realitivitätstheorie viel über die Zeit herausgefunden, aber was sie nun wirklich ist, das wohl eher nicht. Weil sich auch der Titel des Buchs davon ableitet, jetzt ein seehr langes Zitat aus dem Buch:

Können Sie sich eine Welt vorstellen, in der es keine Zeit gibt? Wenn Sie meinen, das sei ein Kinderspiel, dann haben Sie mit Sicherheit etwas falsch gemacht: Sie sollten sich eine Welt vorstellen, in der keine Zeit vergeht, nicht eine Welt, in der alles stillsteht und es keine Veränderung gibt! Eine Welt im Stillstand wäre nämlich immer noch eine Welt in der Zeit. Denn damit etwas stillstehen kann, braucht es Zeit. Jeder Stillstand hat eine Dauer und ist daher ohne Zeit nicht möglich. Also noch einmal: Wie sähe eine zeitlose Welt aus – eine Welt, in der es weder Veränderung noch Stillstand gibt?

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Der deutsche Philosoph Immanuel Kant hat festgestellt, dass es gewisse Dinge gibt, die wir nicht wegdenken können. Die Zeit gehört dazu. Aber auch die Farben: Stellen Sie sich ein Objekt vor, das keine Farbe hat – also weder rot, grün, schwarz, weiß usw. ist. Unmöglich. Auch die räumliche Ausdehnung ist etwas, von dem wir nicht abstrahieren können. Oder können Sie sich ein Objekt vorstellen, das keine Ausdehnung hat? Für Dinge und Eigenschaften gilt dasselbe: Können Sie sich ein Ding denken, das keine Eigenschaften hat? Oder eine Eigenschaft, die nicht die Eigenschaft irgendeines Dinges ist, sondern losgelöst existiert? Was auf die Zeit, den Raum, auf Farben, Dinge und Eigenschaffen zutrifft, gilt auch für kausale Ereignisse: Versuchen Sie sich ein Ereignis vorzustellen, das nicht durch ein anderes Ereignis verursacht worden ist. Eine Fensterscheibe etwa, die einfach so zerbricht, ohne dass ein Stein sie zerschlagen oder sich eine innere Spannung aufgebaut hätte. Einfach so, aus dem Nichts. Unvorstellbar.

Unsere Vorstellungskraft und unser Verstand haben Regeln und Grenzen. Es ist, als ob wir eine blaue Brille tragen würden, durch die alles blau aussieht. Eine Brille, die wir niemals ablegen können. Diese Brille des Verstandes formt alles, was wir denken. Nach Kant ordnet sie alles nach einer zeitlichen und räumlichen Struktur, einem Nacheinander und Nebeneinander. Zudem formt sie die Eindrücke und Vorstellungen zu Dingen mit Eigenschaften und zu Ereignissen mit Ursachen. Unser Denken verleiht der Welt, die wir kennen, ihre Grundstruktur. Und zu dieser Grundstruktur gehört nach Kant die Zeit. Sie sei eine »Anschauungsform«, also gleichsam eine Brille unserer Anschauung, die wir nicht ablegen können. Darum ist es uns nicht möglich, eine Welt ohne Zeit zu denken. Manchmal wünschen wir uns, die Zeit würde stillstehen. Aber eigentlich meinen wir damit nicht die Zeit, sondern die Bewegung und Veränderung. Wir sagen: »Für einen kurzen Augenblick stand die Zeit still.« Aber wie kann die Zeit für einen kurzen Augenblick stillstehen? Es ist schlicht widersprüchlich zu behaupten, die Zeit stand für eine Sekunde still. Denn eine Sekunde kann nur vergehen, wenn die Zeit läuft, nicht wenn sie stillsteht.

Die Vergangenheit ist die Zukunft der Gegenwart, wie es so schön heißt. Zeit verrinnt, weil Zukünftiges gegenwärtig und Gegenwärtiges zu Vergangenem wird. Die Zeit besteht also aus Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Nun ergibt sich allerdings ein Problem: Die Zukunft existiert noch nicht, die Vergangenheit existiert nicht mehr und die Gegenwart ist eine ausdehnungslose Grenze zwischen Zukunft und Vergangenheit. Es gibt also weder das Zukünftige, noch das Vergangene, noch das Gegenwärtige. Da aber die Zeit aus diesen dreien zusammengesetzt ist, existiert auch die Zeit nicht.

Dieses schnörkellose Argument stammt von dem Philosophen und Kirchenvater Augustinus, den wir bereits kennengelernt haben und der um 400 n. Chr. seine berühmte Schrift »Bekenntnisse« verfasste, ein angebliches Zwiegespräch mit Gott, das einer Mischung aus Autobiografie, Seelenstriptease und philosophischer Abhandlung gleichkommt. Gegen Ende der Schrift kommt Augustinus auf die Zeit zu sprechen und stellt diese berühmte Paradoxie auf.

Die Zeit sei aus drei Teilen zusammengesetzt: Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Keiner dieser Teile sei jedoch wirklich, denn die Zukunft existiere noch nicht, die Vergangenheit sei bereits vorbei und die Gegenwart sei ohne Ausdehnung und entwische uns bei jedem Versuch, sie zu fassen. Also existiere auch die Zeit nicht. Aber ist diese Konsequenz nicht absurd? Wir sehen doch Tag für Tag und Sekunde für Sekunde, wie sich die Dinge um uns herum verändern. Und wir vergleichen zeitliche Prozesse miteinander, etwa wenn wir sagen: »Mit dem Zug fährt man doppelt so lange wie mit dem Auto.« Aber wie können wir, so fragt Augustinus, die Zeit messen, wenn sie nicht existiert? Wie können wir ihre Ausdehnung bestimmen, wenn sie doch keine hat? Überhaupt: wie misst man die Zeit?

Aristoteles meinte, wir messen die Zeit mit Bewegung – und zwar mit einer gleichförmigen Bewegung. Zu Aristoteles’ Zeiten dienten die Umläufe der Gestirne als Zeitmesser. Heute richten wir uns mit sogenannten Atomuhren an den gleichmäßigen Schwingungsprozessen von Elementarteilchen aus. Diese sind noch präziser als die Umläufe der Gestirne. Aber wie wissen wir überhaupt, dass eine Bewegung konstant ist, also weder schneller noch langsamer wird? Wir brauchen dazu eine weitere gleichbleibende Bewegung, die uns als Richtschnur dient. Wir messen also Bewegung mit Bewegung. Was aber wäre, wenn sich alle Prozesse in der Welt gleich stark beschleunigen würden, auch unser Denken? Würden wir etwas bemerken? Wäre das nicht so, wie wenn alle Objekte, die es gibt, sich gleichmäßig vergrößern würden? Würden wir dieses Wachsen überhaupt bemerken?

Wir haben bereits gesehen, dass aus Sicht der Physik die Zeit schneller und langsamer laufen kann. Aber ist das wirklich so? Ist es wirklich die Zeit, die schneller und langsamer läuft? Sind es nicht vielmehr die Bewegungen? Tatsache ist, Atomuhren laufen langsamer, wenn sie in Bewegung sind. Aber zeigt das, dass die Zeit dann langsamer vergeht? Oder zeigt es lediglich, dass die Dinge sich langsamer bewegen? Dass also auch die atomaren Schwingungen langsamer sind? Warum soll das Tempo der Zeit identisch sein mit dem Schwingungsrhythmus von Elementarteilchen? Widerspricht das nicht dem, was wir mit »Zeit« meinen? Reden die Physiker also wirklich über die Zeit, wenn sie das Wort »Zeit« verwenden? Alles schwierige Fragen. Und die Zeit ist knapp. Widmen wir uns also wieder der Philosophie. Augustinus hat nämlich noch eine Lösung in der Tasche.

Augustinus rettet die Zeit, indem er sie in unseren Geist verlegt. Zukünftiges, Gegenwärtiges und Vergangenes sei in unserem Denken und unserer Vorstellung präsent. Wir erinnern Vergangenes, erwarten Zukünftiges und erleben Gegenwärtiges. Unser Geist streckt sich zurück in die Vergangenheit und voraus in die Zukunft, indem er Vergangenes und Zukünftiges vergegenwärtigt. Gleichzeitig verleiht er der Gegenwart eine Ausdehnung. Die Erinnerung hält das Jetzt noch ein Weilchen fest, während bereits neue Eindrücke auf uns einprasseln und wir uns ausdenken, was wohl als Nächstes auf uns zukommt.

Augustinus erläutert seine subjektive Theorie der Zeit mit einem musikalischen Beispiel: Wenn wir einer Melodie lauschen, dann hören wir nicht einzelne Töne. Vielmehr haben wir die vergangenen Töne noch im Kopf und nehmen die nachfolgenden bereits vorweg. Vor unserem inneren Ohr haben wir – auf seltsame Weise – die ganze Melodie präsent, von Anfang bis Ende. Die Gegenwart hat also eine Dauer. Allerdings nur innerhalb unseres Geistes. Augustinus vertrat als Erster eine subjektive Zeitauffassung, gemäß der die Zeit immer eine erlebte Zeit ist. Ohne Geist und ohne Seele gäbe es sie nicht. Außerhalb des Geistes gibt es keine Gegenwart, keine Zukunft und keine Vergangenheit.

Genuin philosophische Themen sind im 20. Jahrhundert Sprache und Logik geblieben (Wittgenstein!) und natürlich Ethik. Zu letzterem das folgende Beispiel:
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Helmut Satz: Gottes unsichtbare Würfel

1. November 2014 2 Kommentare

Der Titel des Buchs ist etwas irreführend, denn um Religion geht es in dem Buch von Helmut Satz überhaupt nicht. Der Autor war Jahrzehnte lang Professor für Theoretische Physik und hat in seinem Buch über den aktuellen Stand der Physik und über Erkenntnisgrenzen geschrieben. Ich habe im Buch einige interessante und für mich neue Ideen gefunden. Die erste ist mit der Frage verbunden, wann man sich denn sicher sein kann, wirklich die elementaren Bestandteile der Welt gefunden zu haben:

Der römische Philosoph Lukrez war schon vor über zweitausend Jahren zu dem Schluss gekommen, dass die kleinsten Bestandteile der Materie nicht einzeln existieren könnten, sondern nur als untrennbarer Teil einer größeren Einheit.

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Aber die Untersuchung der Kräfte zwischen Nukleonen hat gezeigt, dass wir wohl doch noch nicht am Ende angelangt sind. Für das Verständnis der dabei auftretenden Wechselwirkung und der verschiedenen Anregungszustände von Nukleonen ist eine weitere Infrastruktur erforderlich: Ein Nukleon besteht aus drei gekoppelten Quarks – so stark aneinandergekoppelt, dass eine unendlich hohe Energie erforderlich wäre, das Nukleon in Quarks zu spalten. Ein einzelnes Quark kann somit nicht existieren.

Die Quarks, für uns heute die fundamentalen Konstituenten der Materie, haben genau das als ihre wesentliche Eigenschaft: Sie sind auf ewig mit anderen Quarks verkoppelt, mit denen sie dann Nukleonen als größere Einheiten bilden. Die Welt, in der die Quarks existieren, unterscheidet sich wesentlich von unserer: Es ist eine Welt ohne Vakuum, ohne leeren Raum, und sie können dieser Welt nie entkommen, wie auch niemand aus dem Inneren eines schwarzen Lochs entkommen kann.

An anderer Stelle im Buch hat Helmut Satz geschrieben, dass bereits bei der Erstellung des Periodensystems der Elemente durch Mendelejew klar war, dass die Atome nicht die kleinsten Bestandteile der Materie sein können – die ganzzahligen Verhältnisse der verschiedenen Elemente bezüglich der Ladungen und der Atommassen deuteten darauf hin, dass in den Atomen kleinere Bestandteile existieren müssen, die die elementaren Massen und Ladungen tragen.

Aber auch die später entdeckten Nukleonen (Protonen und Neutronen) konnten aufgrund ihrer Eigenschaften nicht elementar sein. Satz ist jetzt aber der Meinung, dass die Quarks elementar sind – unter anderem weil sie keine räumliche Ausdehnung haben und weil sie nicht als Einzelteilchen existieren, sondern nur im Verbund.

Ich habe (philosophische) Zweifel an dieser Meinung. Später schreibt er über die “Quarkmaterie”. Mit dieser wird ein Zustand beschrieben, bei dem bei erheblich höheren Temperaturen und Drücken, so wie sie kurz nach dem Urknall geherrscht haben sollen, die Bindungen zwischen den Quarks und ihre Kombination zu den heute vorhandenen Nukleonen noch nicht existiert haben können. In dieser Art Ursuppe haben sich die verschiedenen Quarks frei bewegt. Zu einem noch früheren Zeitpunkt und noch extremeren Bedingungen könnten die Quarks selbst noch nicht, sondern nur ihre Vorläufer existiert haben. Einige Theoretiker haben ja bereits über Preonen spekuliert.

Mir erscheint die Annahme logisch, dass es überhaupt keine elementaren Bausteine geben kann:

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Caspar David Friedrich: Malen

26. Oktober 2014 Keine Kommentare

Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht.
Sieht er also nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht.
Sonst werden seine Bilder den Spanischen Wänden gleichen,
hinter denen man nur Kranke und Tote erwartet.

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Sinn, Sein und Sollen

17. Oktober 2014 Keine Kommentare

Unlängst bin ich auf das Problem mit Letztbegründungen gestoßen. Es begegnet einem häufig in der Auseinandersetzung von Gläubigen und Atheisten. Zwei Hauptdiskussionspunkte sind dort:

  • Wenn Gott die Welt gemacht hat, wer hat dann Gott gemacht? …
  • Warum hat Gott den Menschen gemacht? Weil er ihn liebt. Warum liebt Gott den Menschen?…

Allgemein geht man davon aus, dass es keine Letztbegründung geben kann, bei jeder Ursache kann man wieder fragen, was deren Ursache ist. Entweder man verzweifelt an einem infiniten Regress oder man erhält einen logischen Zirkel, d.h. man landet (manchmal unbemerkt) wieder bei einem Argument, das man bereits verwendet hat. Das Kuriose ist jetzt, dass die Aussage, dass es keine Letztbegründung gibt, selbst eine Letztbegründung darstellt, wenn man sie für wahr hält.

Ich habe darüber nachgedacht, wie man diesen Widerspruch auflösen kann, und ich denke, dass ich für mich eine akzeptable Lösung gefunden habe. Letztbegründungen sind nicht möglich für sinnliche Tatsachen, d.h. alles, was an (vermeintlichen) Wahrheiten durch Beobachtung aus der realen Welt extrahiert werden kann. Für logische Tatsachen sieht das etwas anders aus. Das ist der Unterschied zwischen den empirischen Naturwissenschaften und den Strukturwissenschaften, wie der Mathematik.

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