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Warum kann eine wissenschaftliche Theorie nur widerlegt und nicht bewiesen werden?

Meistens wird die Unmöglichkeit der Verifikation anhand von Beispielen gezeigt. Mein Liebling ist das vom Mann, der zeigen will, dass das Springen von einem Hochhaus völlig ungefährlich ist. Er steigt also auf das Dach eines Hochhauses und springt hinunter. Als er am ersten Stock vorbeisaust, sagt er zufrieden: “Na also. Ich habe bewiesen, dass das Springen von einem Hochhaus völlig ungefährlich ist, denn mir ist bis jetzt nichts passiert.”

Das ist ein weiteres Beispiel zum induktiven Fehlschluss. Mit noch so vielen Einzelfällen, in meinem Beispiel Stockwerken, kann man nicht zeigen, dass es für alle Fälle bzw. Stockwerke auch gilt. Deshalb war Karl Popper der Ansicht, dass nur die Falsifikation einer empirischen Theorie möglich ist. Aber auch Popper hat sich geirrt. Nicht nur die Verifikation, sondern auch die Falsifikation einer empirischen Theorie ist unmöglich. Das ist jedenfalls die Aussage der Duheme-Quine-These. Für eine empirische Theorie ist weder die Falsifikation noch die Verifikation anhand von Beispielen möglich.

Die Ursache ist, dass mit einer Beobachtung oder einem Experiment niemals eine einzige Theorie getestet wird, sondern jede Theorie auf anderen beruht, die mit einem Experiment (implizit) ebenfalls auf dem Prüfstand stehen und jede Theorie so modifiziert werden kann, dass sie danach trotzdem gilt.

Ein Beispiel zu Punkt 1: Wenn wir zum Beispiel feststellen, dass sich das Universum beschleunigt ausdehnt, muss das nicht heißen, dass alle Theorien, die eine konstante Ausdehnung annehmen, falsch sind, sondern es könnten auch Messfehler in unseren Beobachtungen die Ursache sein oder Fehlinterpretationen von Messdaten oder eine beliebige andere Ursache. Wir können das niemals sicher ausschließen.

Ein Beispiel zu Punkt 2: Die Newtonsche Gravitationstheorie wurde nicht falsch, als mit der Allgemeinen Relativitätstheorie eine völlig andere Theorie gefunden wurde, sondern es wurde lediglich ihr Gültigkeitsbereich eingeschränkt. Sie kann weiter angewendet werden, ist also nicht falsifiziert.

Die tiefere Ursache ist, dass die Naturgesetze nicht “da draußen” sind, sondern sie sind lediglich Interpretationen unserer Beobachtungen. Weil die alten Beobachtungen nicht verschwinden, wenn wir neue machen, sind deshalb auch die Interpretationen der alten Beobachtungen weiterhin gültig, wenn sie vernünftig waren.

Ein weiteres Beispiel einer Fehlinterpretation ist das Ockhamsche Rasiermesser. Viele Menschen nehmen an, dass eine Theorie “besser” ist, wenn sie “einfacher” ist. Aber wer sagt uns, dass die Natur sich nach einfachen Gesetzen richtet? Das Ockhamsche Rasiermesser sagt nichts über die Natur aus, sondern über unseren Verstand! Wir sollten einfachere Gesetze bevorzugen, weil wir sie besser verstehen und überprüfen können.

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