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Visionen vs. Alternativlosigkeit

In „Hohe Luft“ 4/2014 gibt es einen Artikel mit dem Titel „Visionen“, der mir besonders in drei Passagen gefallen hat. In der Einleitung wird Helmut Schmidt kritisiert. (Ich verstehe sowieso nicht, wieso er in Teilen der deutschen Öffentlichkeit so geschätzt wird. Nach dem Ausscheiden aus allen Ämtern für jeden ersichtliche Wahrheiten offen auszusprechen, erfordert weder besonderen Mut noch Fähigkeiten zur Durchsetzung des von einem als richtig Erachteten.) Helmut Schmidt hat einmal gesagt, „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Das ist ziemlich dumm, denn wenn man die heutige Bedeutung des Begriffs „Vision“ zugrundelegt, dann besagt dieser Satz, dass man keine eigenen Ideen haben sollte, sondern immer nur auf die von anderen hervorgerufenen Geschehnisse reagieren muss.

Im Mittelteil des Artikels wird dann über Robert Musils bekanntestes Werk Der Mann ohne Eigenschaften berichtet. Es ist inzwischen frei zugänglich und zum Beispiel über das Projekt Gutenberg hier zu lesen. Im Roman wird zwischen einem „Wirklichkeitssinn“ und einem „Möglichkeitssinn“ philosophiert. Tatsächlich gelangt man, wenn man diese Begriffe in eine Suchmaschine eingibt, in Kapitel 5 (oder 4?) dieses Buches – „Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muß es auch Möglichkeitssinn geben“:

Wenn man gut durch geöffnete Türen kommen will, muß man die Tatsache achten, daß sie einen festen Rahmen haben: dieser Grundsatz, nach dem der alte Professor immer gelebt hatte, ist einfach eine Forderung des Wirklichkeitssinns. Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, daß er seine Daseinsberechtigung hat, dann muß es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann.

Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muß geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müßte geschehn; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist. Man sieht, daß die Folgen solcher schöpferischen Anlage bemerkenswert sein können, und bedauerlicherweise lassen sie nicht selten das, was die Menschen bewundern, falsch erscheinen und das, was sie verbieten, als erlaubt oder wohl auch beides als gleichgültig. Solche Möglichkeitsmenschen leben, wie man sagt, in einem feineren Gespinst, in einem Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven; Kindern, die diesen Hang haben, treibt man ihn nachdrücklich aus und nennt solche Menschen vor ihnen Phantasten, Träumer, Schwächlinge und Besserwisser oder Krittler.

Wenn man sie loben will, nennt man diese Narren auch Idealisten, aber offenbar ist mit alledem nur ihre schwache Spielart erfaßt, welche die Wirklichkeit nicht begreifen kann oder ihr wehleidig ausweicht, wo also das Fehlen des Wirklichkeitssinns wirklich einen Mangel bedeutet. Das Mögliche umfaßt jedoch nicht nur die Träume nervenschwacher Personen, sondern auch die noch nicht erwachten Absichten Gottes. Ein mögliches Erlebnis oder eine mögliche Wahrheit sind nicht gleich wirklichem Erlebnis und wirklicher Wahrheit weniger dem Werte des Wirklichseins, sondern sie haben, wenigstens nach Ansicht ihrer Anhänger, etwas sehr Göttliches in sich, ein Feuer, einen Flug, einen Bauwillen und bewußten Utopismus, der die Wirklichkeit nicht scheut, wohl aber als Aufgabe und Erfindung behandelt.

Nachdem im Artikel diverse Visionäre der Geschichte gewürdigt worden sind, z.B. Francis Bacon, Nikola Tesla, Karl Marx oder Albert Einstein, kehrt man am Ende zur Politik zurück. Die folgende Überlegung werde ich sicherlich so schnell nicht vergessen:

Seit sich abzeichnete, dass Marx und Engels mit ihren Vorhersagen falsch lagen, regiert in der Politik der Wirklichkeitssinn. Es folgten ihnen keine neuen Ideen, die die Bezeichnung Vision verdienen würden. »There is no alternative« – mit diesem Slogan setzte vor drei Jahrzehnten die britische Premierministerin Margaret Thatcher ihre neoliberalen Reformen durch. Abgekürzt als TINA hat dieser visionsfeindliche Slogan bis heute viele einflüssreiche Anhänger. Auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zählt zu ihnen. Sie ist, was Visionen betrifft, ganz auf der Linie ihres Vorgängers Helmut Schmidt. Merkel deutschte TINA zum Adjektiv »alternativlos« ein, um ihr politisches Handeln zu begründen: Ich tue das, weil es eh nicht anders geht. Plötzlich waren viele Dinge alternativlos: Milliarden Euro in die Rettung von Banken zu pumpen, den Sozialstaat zu stutzen, das Bildungswesen zu ökonomisieren, beim Krieg in Afghanistan mitzumachen.

Das ist natürlich falsch. In allen Fällen gab es Alternativen. Wäre die Situation tatsächlich alternativlos gewesen, dann hätte Merkel keine Entscheidung treffen und rechtfertigen müssen. Die Frage ist, ob man die Alternativen sehen möchte. Wer sich damit zufriedengibt, den Status quo zu erhalten, braucht vor allem Wirklichkeitssinn. Wer aber gestalten will, wer Geschichte machen will, in der Politik oder anderswo, der braucht Visionen.

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