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Thomas Metzinger: Das letzte Rätsel der Philosophie: Was ist das Bewusstsein?

Thomas Metzinger: Das letzte Rätsel der Philosophie: Was ist das Bewusstsein?

Den Link zu einem interessanten dreiteiligen Vortrag von Thomas Metzinger beim SWR habe ich von einem Bekannten erhalten: Das letzte Rätsel der Philosophie. Ob die Bezeichnung „Das letzte Rätsel“ gerechtfertigt ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Man kann auf der verlinkten Seiten die drei Vorträge als Audiostream anhören, man kann auch die Manuskripte selbst herunterladen:

Teil 1

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Teil 2

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Teil 3

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Meiner Meinung nach ist es recht schwierig, dem Vortrag zu folgen, wenn man ihn sich nur anhören kann, deshalb finde ich die Möglichkeit, die Texte herunterzuladen und langsam und mehrfach lesen zu können, außerordentlich gut, auch wenn Metzinger eine bemerkenswert klare Form des Ausdrucks hat. Sein Buch „Der Ego-Tunnel“ ist 2009 erschienen, einige Gedanken findet man in ähnlicher Form bereits in diesem Vortrag beim SWR.

In vielen Diskussionen in den letzten Jahren wurde die Frage aufgeworfen, wozu man bei allen Fortschritten in den Naturwissenschaften die Philosophie überhaupt noch braucht. Metzinger, der die Nähe zu Neurowissenschaftlern sucht, gibt vielleicht dazu eine gute Antwort:

…lassen Sie mich eine Geschichte aus meinem eigenen Leben erzählen. In meiner Zeit an der University of California in San Diego bin ich manchmal mit Francis Crick, dem Entdecker der DNA, der von 1916 bis 2004 lebte, zum Mittagessen gegangen. Francis Crick war ein herrlicher alter Mann, so wie ich sie liebe, rüde und blitzgescheit, und er hat immer zu mir gesagt: „Wir haben das Problem des Lebens geknackt, und wir werden jetzt das Problem des Bewusstseins erledigen in den nächsten 20 Jahren. Ihr Philosophen habt 2500 Jahre Zeit gehabt. Wenn Ihr einfach einen Beitrag leisten wollt, dann wäre es das Beste, Ihr haltet einfach die Klappe!“

Das zeigt sehr viel über die Beziehung von Hirnforschung und Philosophie des Geistes, es ist aber für uns Philosophen auch immer ganz einfach, solchen Leuten zu begegnen. Ich musste Francis immer nur fragen: „Was genau ist es denn, was Du erklären möchtest? Was ist Dein Explanandum? Kannst Du sagen, wann Du eine genaue Theorie des Bewusstseins hättest, was gilt?“ Durch solche Fragen kann man Neurowissenschaftler dann wieder sehr böse machen und sehr verunsichern, weil das genau das Problem ihrer Disziplin ist: Sie können nicht genau sagen, was es eigentlich ist, das sie erklären wollen.

Dazu muss man vielleicht wissen, dass Francis Crick in seinen letzten Lebensjahren sehr eng mit Christof Koch zusammen an der Erforschung der neuronalen Korrelate des Bewusstseins gearbeitet hat.

Wenn man so will, ist die weltanschauliche Hauptströmung der Naturwissenschaften derzeit der Physikalismus. Vereinfacht gesprochen ist die Hauptaussage des Physikalismus bzw. des Materialismus, dass im Prinzip alle Erscheinungen der Welt erklärbar sind, wenn man alles über die Atome bzw. die Elementarteilchen weiß, bzw. die Physik die grundlegende Naturwissenschaft ist. Metzinger zitiert ein berühmtes Gedankenexperiment des australischen Philosophen Frank Jackson:

Mary ist die beste Visual-Neuro-Scientistin, die beste Forscherin, die das Farbensehen des Menschen erforscht hat. Sie weiß alles über die neuronalen Grundlagen, sie weiß alles über die physikalischen Eigenschaften des Universums, die relevant sind dafür, dass Menschen bewusste Farberlebnisse haben können. Das ist die erste Prämisse des Gedankenexperiments. Die Hirnforschung ist an ihr historisches Ende gekommen. Man weiß alles, was es über die Grundlagen des Farbbewusstseins von Menschen zu wissen gibt. Die zweite Prämisse dieses Gedankenexperiments ist, Mary hat selbst noch nie ein Farberlebnis gehabt. Wegen einer schweren Allergie musste sie ihr ganzes Leben in einem Bunker unter der Erde verbringen, der war leider nur schwarz und weiß, es gab keine Farben, sie musste ihr ganzes Studium über einen schwarz-weißen Monitor absolvieren, über Internet, und auch ihre Versuchspersonen kannte sie nur über diesen schwarz-weißen Monitor.

Jetzt kommt die philosophische Frage: Wenn Mary ihr achromatisches Gefängnis zum ersten Mal verlässt und sie sieht einen roten Apfel oder die Bläue des Himmels, erfährt sie dann etwas Neues über die Welt?

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Für viele von uns scheint es eindeutig, dass sie etwas weiß, was man nur so wissen kann, nämlich zum Beispiel worauf sich andere Menschen mit ihren phänomenologischen Farbprädikaten bezogen haben, wenn sie per Email über ihre Blau-Erlebnisse oder ihre Rot-Erlebnisse gesprochen haben. Die sprachlichen Ausdrücke bekommen eine neue Bedeutung für sie und sie selbst hat neue Bewusstseinszustände durchlaufen. Wenn das aber so ist, dann weiß sie etwas, was man nur aus der subjektiven Innenperspektive wissen kann, denn ex hypothesi hatte sie ja schon alles objektive Wissen, was man über das menschliche Farbensehen besitzen kann. Wenn das richtig ist, dann ist der Materialismus falsch und das naturwissenschaftliche Weltbild besitzt aus erkenntnistheoretischen Gründen ein grundsätzliches Loch, weil es nämlich phänomenale Informationen gibt, subjektives Wissen.

Hier noch einmal das Argument: Mary weiß vor dem Verlassen ihres achromatischen Gefängnisses alles, was es physikalisch und neurowissenschaftlich über das bewusste Farberleben von Menschen zu wissen gibt. Beim ersten Anblick eines farbigen Gegenstandes erwirbt Mary neues Wissen. Dieses Wissen ist Tatsachenwissen. Ergo kannte Mary vor ihrem ersten bewussten Farberlebnis nicht alle Tatsachen, die man diesbezüglich kennen kann. Es gibt deshalb nicht-physikalische Tatsachen – zum Beispiel über das bewusste Farbsehen von Menschen – die man nur durch phänomenales Wissen erfassen kann. Also ist der Physikalismus falsch.

Dieses Gedankenexperiment ist schon über dreißig Jahre alt und es gibt darüber sogar eine eigene deutschsprachige Wikipediaseite Mary (Gedankenexperiment). Bemerkenswert daran ist, dass dreißig Jahre naturwissenschaftliche Forschung an dem in dem Experiment angesprochenen Grundproblem nichts geändert haben: Jeder von uns erlebt in seinem Inneren die Welt, und dieses Erleben ist den Naturwissenschaften von außen nicht zugänglich. Das wurde mit dem Begriff der „neuronalen Korrelate“ weiter oben bereits angesprochen: Die Wissenschaft kann erforschen, welche physischen Prozesse bei einem bestimmten geistigen Vorgang ablaufen: Gehirnströme, Bewegungen, Gesprochenes. Aber wie sich das in diesem Moment anfühlt, die Qualia, sind nur dem Beobachteten selbst zugänglich.

Nebenbei bemerkt, ich denke nicht, dass das Mary-Gedankenexperiment den Physikalismus widerlegt. Für mich sieht es so aus, dass die Formulierung des Gedankenexperiments sein Ergebnis bereits vorwegnimmt: „Mary weiß alles, was man objektiv wissen kann. … Und dann lernt sie Neues hinzu.“ Hier steckt die unausgesprochene Annahme darin, dass es prinzipiell und für alle Zeiten nicht möglich ist, naturwissenschaftlich an die Qualia heranzukommen – und das kann man nicht wissen. Ich halte den Physikalismus zwar ebenfalls für falsch, aber aus ganz anderen Gründen. 😉

An einer anderen Stelle hat Metzinger mich nicht inhaltlich, sondern sprachlich überrascht:

Der Deutsche Christof Koch war einer der engsten Mitarbeiter von Francis Crick. Mit Christof habe ich mehrfach das folgende Gespräch gehabt: „Christof, glaubst Du, dass Nervenzellen, Neuronen, notwendig für Bewusstsein sind?“ Dann sagt Christof: „Ja, ja, es gibt ein neuronales Korrelat von Bewusstsein, und wir werden’s hier in Kalifornien am Caltech finden.“ Ich frage: „Glaubst Du eigentlich, es wird einmal künstliches Bewusstsein geben, Maschinenbewusstsein?“ Christof meint: „Ja, ja, es wird künstliche Roboter geben, und wir werden sie hier bauen in Kalifornien am Caltech.“ Dann sage ich: „Wenn das stimmt, Christof, dann sind Neuronen nicht notwendig für Bewusstsein.“

In meinem bisherigen Sprachverständnis war, wenn eine Voraussetzung hinreichend für ein Ergebnis ist, sie auch notwendig. Aber wenn sie notwendig ist, dann nicht unbedingt hinreichend. Das ist der Fall, wenn für ein Ergebnis mehrere Voraussetzungen erfüllt sein müssen. Hier ist die Logik genau umgekehrt: Wenn es mehrere Voraussetzungen geben kann, die zum selben Ergebnis führen, dann ist eine hinreichende Voraussetzung nicht unbedingt notwendig. Im Fall des Bewusstseins ist dieser Fall gegeben: Es kann zum Beispiel Außerirdische geben, die zwar ein Bewusstsein haben, die aber nicht annähernd über etwas Ähnliches wie unsere Neuronen verfügen. Oder es könnte in der Zukunft Maschinen mit Bewusstsein geben…

Viele der Gedanken, die Metzinger im weiteren Verlauf der drei Vorträge äußert, findet man auch an anderen Stellen im Netz. Ich verlinke deshalb zum Abschluss der Einfachheit halber auf einen Text, den ich 2009 über ihn geschrieben habe: Thomas Metzinger: Postbiotisches Bewusstsein. Enjoy.

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