Home > Gehirn & Geist, Ökonomie, Politik, Psychologie, Sprache > Sprache und Denken III

Sprache und Denken III

Ein Hinweis in einem Forum lässt mich auf eines meiner Lieblingsthemen zurückkommen, das ich zuletzt hier diskutiert hatte, den Zusammenhang zwischen Sprache und Denken. In der FAZ(.net) findet sich ein Artikel, in dem ein Zusammenhang zwischen dem Sparverhalten der Deutschen und Griechen auf der einen und Besonderheiten der Grammatiken des Deutschen und des Griechischen auf der anderen Seite hergestellt wird: Warum die Griechen mit Deutsch weniger Schulden hätten.

Bereits der Teaser ist ziemlich reißerisch:

Rehabilitation für die viel gescholtenen Griechen. Laut einer Yale-Studie lässt sich ihre Schuldenmentalität mit der gesprochenen Sprache erklären. Mit Deutsch als Landessprache wäre das anders.

Und im Artikel wird diese These dann so erklärt:

Unterscheidung zwischen Gegenwart und Zukunft
Der Ausgangsgedanke, auf der die Studie basiert, ist dabei sehr einfach. Und zwar ist die Grundlage die Tatsache, dass Sprachen grundsätzlich in zwei Gruppen eingeteilt werden können. Die eine Gruppe unterscheidet dabei deutlich zwischen Gegenwart und Zukunft, während bei der anderen Gruppe der Übergang fließender ist. So kann im Deutschen auch gesagt werden, „Morgen scheint die Sonne“, im Englischen wird dagegen in der Regel klar zwischen der Gegenwart („die Sonne scheint jetzt“) und der Zukunft („Morgen wird die Sonne scheinen“) unterschieden.

Wer sprachlich weniger trennt, spart mehr
Angesichts dieser Unterschiede fragte sich Chen, ob die letztgenannte Sprachgruppe mit einer klaren Trennung zwischen Heute und Morgen unter wirtschaftlichen Aspekten nicht auch den kurzfristigen Ertrag höher gewichten als den langfristigen Ertrag. „Das war in höchstem Maße der Fall. Sprachmuster können die Denkmuster und die Handlungsmuster beeinflussen“, so Chen.

Chen ist deshalb davon überzeugt, dass Menschen mit einem mehr fließenden Gebrauch von Gegenwart und Zukunft mehr Sparen, weniger Rauchen, sportlich aktiver sind und sich allgemein aktiver auf die Zukunft vorbereiten. Wer umgekehrt agiere und etwa weniger spare, kommuniziere und denke dagegen vermutlich mit einer klaren sprachlichen Differenzierung zwischen Gegenwart und Zukunft.


Ob man komplexe wissenschaftliche Hypothesen so einfach auf ökonomische Phänomene herunterbrechen kann, bezweifle ich. Wenn ich mir einen Godwin-Punkt verdienen (oder der FAZ oder Chen einen verleihen) wollte, könnte ich darauf hinweisen, dass direkt nach der Empfehlung an die Griechen, doch lieber in Deutsch zu kommunizieren, der Vorschlag stünde, Griechenland Deutschland einzuverleiben. Und die Briten gehören wegen ihrer mäßigen Grammatik – die ihnen ein schlechtes Sparverhalten geradezu aufnötigt 😉 – nach dieser Studie eigentlich auch bei uns eingemeindet.

Der von mir ansonsten sehr geschätzte Gunter Dueck hat in dem Artikel Der Oberschicht-Code eine Variante der Sapir-Whorf-Hypothese in die Diskussion gebracht, die Bernstein-Hypothese:

Die Angehörigen der sozialen Mittel- und Oberschicht einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft verwenden eine Variante der gemeinsamen Einheitssprache, die sich sehr von der Variante der sozialen Unterschicht (Arbeiterklasse) unterscheidet. Die Mittel- und Oberschicht bedienen sich eines elaborierten (formal language), die Unterschicht eines restringierten Codes (public language). Da beide Codes als unterschiedlich leistungsfähig angesehen werden, wird auch ein Unterschied beider Gesellschaftsschichten hinsichtlich ihrer Wahrnehmung und ihres Denkens unterstellt.

Doch Dueck schließt sich ihr nicht an, sondern bezweifelt ihre Wirksamkeit für seinen Anwendungsfall sogar, denn Personalchefs würden neue Mitarbeiter nicht nach deren Schichtzugehörigkeit einstellen, sondern nach ihren Fähigkeiten. Für Positionen, die auf dem klassischen Weg über Personalchefs besetzt werden, trifft das sicherlich zu, trotzdem werden deshalb die Schlussfolgerungen anderer Wissenschaftler nicht falsch, die eine mangelnde Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystems beklagen, und weiterhin, dass echte Toppositionen in Deutschland in einem kleinen elitären Zirkel ausgeküngelt werden. Derzeit bezieht Dueck in den Kommentaren auch ordentlich Prügel, u.a. wird auf einen Artikel des Begabungsforscher Michael Hartmann verlinkt: Eliten in Deutschland.

In dem einen Fall wird der Zusammenhang zwischen Sprache und Denken also bejaht und ökonomisches Verhalten darauf zurückgeführt, im zweiten Fall wird er eher verneint. Die Kognitionswissenschaften selbst sind noch lange nicht so weit und man ist sich dort noch uneins. Zum aktuellen Stand findet man einen längeren Artikel der Proponentin Lera Boroditsky in Spektrum der Wissenschaften 4/2012. Online ist dieser Artikel auch (für kurze Zeit) frei verfügbar: Wie die Sprache das Denken formt. (Warum die Artikel nach einiger Zeit im Abonnentenbereich verschwinden, erschließt sich mir nicht, wenn sie a) bis dahin frei im Netz standen und man b) die Zeitschriften in allen besseren Bibliotheken lesen kann.) Boroditsky bringt u.a. das folgende Beispiel:

Angenommen, ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich Anton Tschechows Drama „Onkel Wanja“ auf einer Bühne in der 42. Straße New Yorks gesehen habe. Auf Mian, das in Papua-Neuguinea gesprochen wird, würde das Verb aussagen, ob das Stück soeben, gestern oder vor langer Zeit gespielt wurde. Das Indonesische dagegen gibt damit nicht einmal preis, ob die Aufführung bereits stattfand oder noch bevorsteht. Auf Russisch enthüllt das Verb mein Geschlecht. Wenn ich Mandarin verwende, muss ich wissen, ob Onkel Wanja ein Bruder der Mutter oder des Vaters ist und ob er blutsverwandt oder angeheiratet ist, denn für jeden dieser Fälle gibt es einen speziellen Ausdruck.

Tatsächlich besagt die chinesische Übersetzung eindeutig, dass Wanja ein Bruder der Mutter ist. Und mit Pirahã, einer in Amazonien beheimateten Sprache, könnte ich „42. Straße“ gar nicht ausdrücken, weil es darin keine exakten Zahlwörter gibt, sondern nur Bezeichnungen für „wenige“ und „viele“. Sprachen unterscheiden sich auf unzählige Arten voneinander, aber das muss nicht automatisch heißen, dass die Sprecher auch unterschiedlich denken. Lange war unklar, ob der Gebrauch von Mian, Russisch, Indonesisch, Mandarin oder Pirahã wirklich zu jeweils eigenen Wahrnehmungen, Erinnerungen und Überlegungen führt. Doch zahlreiche Forschungen – unter anderem in meinem Labor – haben inzwischen gezeigt, dass die Sprache sogar die grundlegenden Dimensionen menschlicher Erfahrung prägt: Raum, Zeit, Kausalität und die Beziehung zu anderen.

Lera Boroditsky zeigt in ihrem Artikel einige weitere interessante Beobachtungen und Untersuchungen, ich bin geneigt, ihrer These vom Einfluss der Sprache auf unser Denken zuzustimmen. Nur welche Schlussfolgerungen sollte man dann aus den beiden ersten Beispielen ziehen, dem unterschiedlichen Sparverhalten in Abhängigkeit von der Grammatik der jeweiligen Mutterprache und den vielleicht unterschiedlichen Subsprachen von Ober- und Unterschicht? Sicherlich nicht, dass den Griechen das Erlernen der deutschen Sprache nutzt, und auch nicht, dass dem Siegeszug des Englischen Einhalt geboten werden muss, weil es dem Sparverhalten seiner Sprecher schadet, sondern vielleicht, dass es Verbesserungsbedarf an unserem ökonomischen System gibt. Und auch Dueck kommt am Ende seines Artikels zu vernünftigen Aussagen, nämlich dass Veränderungen in unserem Bildungssystem die Chancen der besser Geförderten in der Gesellschaft verbessern. Nur widerlegt das die These von der Existenz eines Oberschichten-Codes trotzdem nicht.

  1. 27. März 2012, 14:45 | #1

    Die Verwendung differenzierender Sprache (Lesen, Schreiben) hat mit Sicherheit eine Rückkoppelung auf unsere bewussten Denkleistungen im Sinne einer Schärfung: Sie werden genauer, subtiler, leisten mehr. Das ist nichts anderes als ein Lernprozess. Jemand der ein Musikinstrument seit Kindestagen spielt, hört mit Sicherheit differenzierter als jemand der das nicht tut (und diese Fähigkeit hat selbstverständlich mit veränderten Verarbeitungsprozessen in unserem Gehirn zu tun).

    Was genau ist mit dem Oberschichten-Codes falsch? Sozialität wird sicher auch sprachlich abgebildet.

    Die Freigabe der Artikel ist eine Möglichkeit partieller Freischaltung (andere Zeitschriften machen es genau umgekehrt: man kann nur auf alte Jahrgänge zugreifen). Vermutlich zahlen Bibliotheken dafür und täten es nicht, wenn die Artikel komplett frei zugänglich wären.

  2. Ananse
    27. März 2012, 20:49 | #2

    @metepsilonema
    Die originale Sapir-Whorf-Hypothese wurde inzwischen verworfen, weil sie die Undenkbarkeit bestimmter Gedanken aufgrund der beschränkten Möglichkeiten einer bestimmten Sprache behauptet. Einfaches Beispiel: Wenn eine Sprache nur drei Farbwörter kennt, dann behauptet S-W, dass die betreffenden Sprecher nur drei Farben sehen. Diese Hypothese ist inzwischen empirisch gut widerlegt. Was aber in vielerlei Experimenten gezeigt werden konnte, ist, dass die Struktur einer Sprache das Denken bestimmter Gedanken erleichtert. In Bezug auf das Farbensehen z.B. bedeutet das, dass Sprecher mit einem umfangreichen Arsenal an Farbwörtern es einfacher haben, Farbunterschiede festzustellen, sie sind schneller – aber sie können trotzdem nicht mehr Farben voneinander unterscheiden.

    Zur Bernstein-Hypothese und den Oberschichten-Codes findet man in der Wikipedia:

    Da beide Codes als unterschiedlich leistungsfähig angesehen werden, wird auch ein Unterschied beider Gesellschaftsschichten hinsichtlich ihrer Wahrnehmung und ihres Denkens unterstellt.

    Bernstein übernimmt für seine These ausdrücklich nicht nur Edward Sapirs und Benjamin Whorfs These von der sprachlichen Relativität, sondern auch den problematischeren zweiten Teil, den sprachlichen oder linguistischen Determinismus: Der elaborierte Code der Mittel- und Oberschicht bewirke besser ausgebildete kognitive Fähigkeiten als die in der Unterschicht. Das führe zu besseren Schulerfolgen der Kinder gehobener Schichten und damit zu besseren beruflichen, sozialen und wirtschaftlichen Chancen.

    Das muss man genau auseinanderklamüsern: Der physiologische Teil unserer Wahrnehmung kann sich gar nicht unterscheiden, denn er ist in unserer Biologie begründet, und die ist für alle Menschen gleich. Und auch das Verhältnis von Ursache und Wirkung muss kritisch betrachtet werden: Sind die Mitglieder der Oberschicht (zu Recht) Angehörige derselben, weil sie über bessere Fähigkeiten (u.a. in der Sprachbeherrschung) verfügen, oder haben sie diese besseren Fähigkeiten, weil sie als Mitglieder dieser Schicht bessere Möglichkeiten hatten, ihre Fähigkeiten zu entwickeln?

  3. 28. März 2012, 11:24 | #3

    @Ananse
    Ich hatte die Hypothese eigentlich gar nicht im Sinn. Ein Bsp: Wenn ich nichts über Philosophie des Geistes und Kognitionsforschung weiß, mir aber dieses Wissen nach und nach aneigne und damit eine bestimmte Form differenzierter Sprache, wird das meinen Denkmöglichkeiten in dieser Richtung förderlich sein (das ist wahrscheinlich das, was Du mit erleichtern beschreibst).

    Soziale Herkunft (aber nicht nur sie) wirkt sich mit Sicherheit auf einen bestimmten Gebrauch von Sprache aus, auf Grund bestimmter „Traditionen“. Das sagt noch nichts über Wahrnehmungs- oder Kongnitionsunterschiede von Schichten aus.

    Die verschiedene Leistungsfähigkeit verschiedener Codes ist auch nicht von der Hand zu weisen, ebenso nicht, dass beide Codes in gebildeteren Schichten auftreten und dass sich die Beschränkung auf einen Code in einer bestimmten Umgebung als defizitär auswirkt. Deine Frage ist richtig gestellt und vermutlich gibt es ein ganzes Bündel weiterer Faktoren (Motivation z.B.). Einen Hinweis könnte eine Statistik über gesellschaftlichen Auf- und Abstieg geben.

    Sehr wichtig zu wissen wäre wie die Schichten definiert wurden.