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Sprache und Denken II

In Ergänzung zum ersten Artikel Sprache und Denken hier noch Zitate aus und Kommentare zu zwei weiteren Artikeln, die zudem an die Rezension eines Buchs anknüpfen, in dem es um den möglichen Einfluss der Muttersprache auf das Denken ging (Guy Deutscher: Im Spiegel der Sprache). Der erste der beiden Artikel ist „Gedacht wie gesprochen“ aus „Gehirn & Geist 7-8/2011“. Außer einigen Beispielen, die ich bereits in Guy Deutschers Buch gelesen hatte, enthielt er einige neue, z.B.:

»Wenn ich die Tasse jetzt berühre und sie hinunterfällt, würde ein englischsprachiger Beobachter sagen: Sie hat die Tasse umgeschmissen. Selbst es wenn nur ein Versehen war!« Im Japanischen, erklärt die junge Forscherin von der Stanford University weiter, zähle dagegen die Absicht. Wenn jemand mutwillig eine Tasse umwerfe, komme eine andere Verbform zum Einsatz, als wenn es sich um einen Unfall gehandelt habe. »Die Tasse ist von selbst umgefallen«, würde es dann sinngemäß heißen.

Linguisten verzeichnen dies als weitere Besonderheit mancher der etwa 7000 Sprachen der Welt. Doch Boroditsky ist Kognitionswissenschaftlerin und interessiert sich dafür, was solche Unterschiede über den Geist aussagen. »Sprachliche Merkmale beeinflussen, wie sich Menschen an vergangene Ereignisse erinnern«, erklärt die Forscherin.

Was hier auffällt, ist, dass man eigentlich gar nicht sagen kann, es wäre die Sprache, die diesen Unterschied bewirkt. Genauso könnte man behaupten, es wäre die Kultur, in der die Sprecher zu Hause sind. Das eröffnet dann den Raum für die Fragen nach dem Zusammenhang zwischen Sprache und Kultur bzw. Kultur und Denken. Genau um diesen Punkt ging es im Weiteren in dem Artikel:

Sprache beeinflusst also offenbar, wie wir etwas wahrnehmen und wie gut wir uns daran erinnern. Oder provokanter formuliert: Amerikaner unterstellen anderen Menschen eher eine Absicht als Spanier oder Japaner. Denn englische Muttersprachler neigen genau wie deutsche dazu, Geschehnisse mit einem verantwortlichen Akteur zu beschreiben. »Sprecher des Japanischen und Spanischen«, so Boroditsky, »setzen dagegen einen anderen Schwerpunkt.«

Allerdings könnten auch kulturelle Unterschiede hinter den Gedächtnislücken der Spanier und Japaner stecken. Vielleicht sind sie von ihren Eltern eher dazu erzogen worden, vorsichtig mit Schuldzuweisungen umzugehen? Doch wie ein Experiment von Fausey und Boroditsky aus dem Jahr 2010 belegt, lässt sich der Einfluss der Sprache auf das Denken auch innerhalb einer Kultur nachweisen.

Die Forscher hatten ausschließlich Amerikanern einen Text vorgelegt, in dem der legendäre Auftritt der Popstars Janet Jackson und Justin Timberlake in der Halbzeitpause des Superbowl (dem Endspiel um die US-Football-Meisterschaft) 2004 beschrieben wurde. Zu Beginn ihres Duetts hatte Timberlake seine Hand auf Jacksons Top gelegt und einen Teil des Kostüms heruntergerissen, was eine Brust der Sängerin entblößt hatte. Trug Timberlake nun die Schuld an dem Missgeschick oder nicht? Die Probanden bekamen eine von zwei Versionen des Vorfalls zu lesen, die sich nur in wenigen Details unterschieden. In der einen Variante hieß es beispielsweise, »er öffnete einen Druckknopf und riss die Corsage entzwei«, in der anderen dagegen »ein Druckknopf öffnete sich und die Korsage riss entzwei«. Wer den ersten Text zu lesen bekommen hatte, verurteilte Timberlake anschließend zu einer deutlich höheren (fiktiven) Geldstrafe als die Leser der passiven Beschreibung. Das war selbst dann der Fall, wenn beide Gruppen vorher dasselbe Video des Auftritts zu sehen bekommen hatten!

Dieser psychologische Effekt erinnert an das sogenannte Priming: Man kann die Reaktionen von Menschen in Experimenten dadurch beeinflussen, dass man für sie bewusst nicht wahrnehmbare zusätzliche Signale einstreut, die dann nachweislich ihr Verhalten ändern. Das spricht wegen seiner gut passenden Analogie sehr dafür, dass auch die Muttersprache beeinflussend sein muss, denn sie ist uns ja immer (bewusst bzw. unbewusst) präsent. Das bemerkenswerteste Ergebnis eines Experiments für diese Zusammenhänge stand in einem separaten Text-Kästchen, leider wurde darauf im Artikel selbst nicht näher eingegangen:

Die eigene Muttersprache beeinflusst unser Denken. Wie ist das aber bei Menschen, die bilingual aufwuchsen? Sie zeigen offenbar eine etwas andere Weltsicht, je nachdem welche Sprache sie gerade sprechen!

Shai Danziger von der Ben-Gurion University im israelischen Beerscheba und Kollegen untersuchten im Jahr 2010 arabischstämmige Israelis. In einem Test erfassten die Forscher, ob ihre Probanden implizite Vorurteile gegenüber jüdischen Namen wie Avi oder arabischen wie Samir hegten. Das hing davon ab, in welcher Sprache die Tests durchgeführt wurden: Auf Hebräisch fielen negative Einstellungen gegenüber jüdischen Namen deutlich geringer aus – im Arabischen dagegen schnitten arabische Namen durchschnittlich etwas besser ab.

In einem weiteren Artikel in derselben „Gehirn & Geist“-Ausgabe wurde ein Interview mit Angela D. Friderici wiedergegeben, die in Leipzig am Max-Planck-Institut für Kongitions- und Neurowissenschaften arbeitet. Sie untersucht vor allem die Zusamenhänge zwischen Sprache und Sprachentwicklung und den zugehörigen neuronalen Strukturen. In diesem Text finden sich weitere Belege für Zusammenhänge zwischen Muttersprache und Denken, obwohl Friderici selbst diesem Konzept etwas skeptisch gegenübersteht.

In den letzten fahren fanden Psychologen vermehrt Belege dafür, dass die Muttersprache auch unser Denken prägt. Wie sehen Sie das als Hirnforscherin?
Ich bin da skeptisch. Wenn eine Sprache feinere begriffliche Differenzierung für ein Konzept hat und beispielsweise mehrere Blautöne unterscheidet, dann hat das sicher einen Einfluss darauf, wie ich meine Gedanken geistig formuliere. Viel wichtiger als die Frage, ob man ein Wort für etwas hat, ist doch: Kann ich das Konzept verstehen, das dahinter steht? Dass Sprachen verschiedene Konzepte in Worte fassen, beeinflusst sicherlich unsere Denkmuster. Das heißt aber nicht, dass man fremde Konzepte nicht verstehen könnte.

Das behaupten Neuwhorfianer eigentlich auch gar nicht (im Gegensatz zur ursprünglichen Sapir-Whorf-Hypthese). Gezeigt hat man vielmehr, dass sich beim Fehlen bestimmter sprachlicher Elemente die Reaktionszeiten in speziellen Tests verlängern. Die Konzepte können also durchaus entwickelt werden, der Aufwand, den die Betreffenden dafür treiben müssen, ist aber größer, weil ihnen die bereits fertigen neuronalen Strukturen der anderen fehlen.

Abschließend ging es in dem Artikel darum, wie Sprache im Gehirn verankert ist. Hier gibt es dann auch eine Querverbindung zu dem ersten Artikel Sprache und Denken, und zwar von der anderen Seite her, der Hirnanatomie:

Unterscheiden sich verschiedene Muttersprachler in ihrer Hirnanatomie?
Studien deuten darauf hin, dass Menschen, die eine piktografische Schrift erlernt haben, andere Faserverbindungen verstärkt nutzen als Europäer oder Amerikaner. Umgekehrt sind etwa bei Kindern mit Legasthenie bestimmte Nervenbahnen unterentwickelt. Doch wir müssen noch viel forschen, um zu verstehen, welche Bedeutung die Verbindungswege im Gehirn für die Sprachverarbeitung haben. Zumindest beginnen wir zu begreifen, dass es nicht einzelne Areale sind, die uns diese Fähigkeit ermöglichen – die Funktion liegt im Netzwerk!

Wofür sind die Sprachareale außerdem zuständig?
Darüber wird derzeit viel diskutiert. Das Broca-Areal ist offenbar auch daran beteiligt, Bewegungen zu planen. Mein Eindruck ist, dass diese Region generell etwas mit Sequenzierung zu tun hat – also damit, Abfolgen herzustellen. Das pSTG dagegen ist immer aktiv, wenn es darum geht, Informationen aus verschiedenen Quellen zu integrieren.

Gibt es noch weitere wichtige Bestandteile des Sprachnetzwerks?
Vor Kurzem haben wir herausgefunden, dass auch der Thalamus eine Rolle spielt. Das ist eine Hirnstruktur, die unterhalb der Großhirnrinde liegt – wo man normalerweise keine komplexen geistigen Leistungen vermutet.

Sind noch weitere Strukturen unterhalb der Großhirnrinde an der Sprachverarbeitung beteiligt?
Ja, etwa die Basalganglien. Sie generieren neuronale Rhythmen. Meine Kollegin Sonja Kotz hat bei Studien mit Parkinsonpatienten festgestellt, dass die Betroffenen Sprache besser verstehen, wenn sie in einem eindringlichen Rhythmus vorgetragen wird: da-dam-da-dam-da-dam. Die Parkinsonkrankheit zeichnet sich hauptsächlich durch Schäden an den Basalganglien aus. Wenn diese Strukturen defekt sind, können die Betroffenen den Rhythmus der natürlichen Sprache offenbar nicht mehr richtig erkennen -es sei denn, er wird von außen vorgegeben.

Man kann das Gesagte in wenigen Sätzen zusammenfassen: Zum Verständnis und zur Produktion von Sprache werden viel mehr Hirnregionen benutzt, als nur die bisher als „Sprachareale“ bekannten Bereiche. Umgekehrt werden die Sprachareale auch für andere Aufgaben mit genutzt. Die Untersuchungen der Hirnstrukturen, die am Sprachverstehen und der -produktion beteiligt sind, erklären auch die unterschiedlichen Ergebnisse psychologischer Experimente bezüglich der Zusammenhänge zwischen Sprache und Denken: Einerseits schwingen die sprachlichen „Schaltkreise“ immer mit, wenn im Gehirn etwas los ist, andererseits benutzen man für Sprache auch Bereiche des Gehirns, die beim ersten Augenschein weder etwas mit Sprache noch mit höheren geistigen Funktionen zu tun haben.

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