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Sinn, Sein und Sollen

Unlängst bin ich auf das Problem mit Letztbegründungen gestoßen. Es begegnet einem häufig in der Auseinandersetzung von Gläubigen und Atheisten. Zwei Hauptdiskussionspunkte sind dort:

  • Wenn Gott die Welt gemacht hat, wer hat dann Gott gemacht? …
  • Warum hat Gott den Menschen gemacht? Weil er ihn liebt. Warum liebt Gott den Menschen?…

Allgemein geht man davon aus, dass es keine Letztbegründung geben kann, bei jeder Ursache kann man wieder fragen, was deren Ursache ist. Entweder man verzweifelt an einem infiniten Regress oder man erhält einen logischen Zirkel, d.h. man landet (manchmal unbemerkt) wieder bei einem Argument, das man bereits verwendet hat. Das Kuriose ist jetzt, dass die Aussage, dass es keine Letztbegründung gibt, selbst eine Letztbegründung darstellt, wenn man sie für wahr hält.

Ich habe darüber nachgedacht, wie man diesen Widerspruch auflösen kann, und ich denke, dass ich für mich eine akzeptable Lösung gefunden habe. Letztbegründungen sind nicht möglich für sinnliche Tatsachen, d.h. alles, was an (vermeintlichen) Wahrheiten durch Beobachtung aus der realen Welt extrahiert werden kann. Für logische Tatsachen sieht das etwas anders aus. Das ist der Unterschied zwischen den empirischen Naturwissenschaften und den Strukturwissenschaften, wie der Mathematik.

Dass es keine Letztbegründung geben kann, ergibt sich aus der Logik: Wenn man zu jeder Ursache wieder nach der Ursache fragt, muss die sich ergebende Folge

  • entweder unendlich sein, wenn sie nicht wieder zu sich selbst zurückkehrt,
  • oder zirkulär, wenn sie es tut,

es gibt keinen dritten Fall. Die moderne Physik kennt aber die Möglichkeit, dass ein Vorgang rein zufällig und damit unverursacht ist. Abgesehen davon, dass ich vermute, dass hier noch nicht das letzte Wort gesprochen ist, kann die Beobachtung eines zufälligen Vorgangs sicherlich keine Widerlegung der Aussage „Es gibt keine Letztbegründung“ sein.

Da es logisch keine Letztbegründung geben kann, muss alles, was behauptet, eine letztgültige Ursache zu sein, ein Dogma darstellen. Das muss nicht negativ konnotiert sein, denn die Begründung, die man als wahr annimmt, kann durch Beobachtungen und Erfahrungen hinreichend gut belegt sein, sodass es in einem bestimmten Zusammenhang nicht notwendig sein muss, auch hierfür weiter nach den Ursachen zu forschen. In diesem Sinn stellt die Annahme der Physik, dass quantenmechanischen Vorgängen der Zufall zugrundeliegt, ein Dogma dar, gut beobachtet und verifiziert, aber zumindest derzeit unhintergehbar.

Auf das Problem mit den Letztbegründungen bin ich erneut durch einen Artikel in Nr. 5/2014 von Hohe Luft gestoßen, Seite 29ff. „Ist alles für die Katz?“ Dort liest man:

Welche Bedeutung, welchen Sinn hat das Leben? Vermutlich gar keinen. Denn wenn es den Sinn des Lebens gäbe, müsste dieser ein letzter, endgültiger und vor allem unhinterfragbarer Sinn sein. Der Sinn des Lebens müsste uns vollkommen einleuchten, wir müssten ihn glasklar vor Augen haben. Er müsste uns mit einem „Bämm, so ist es!“ anspringen; er müsste das unerschütterliche Fundament von allem darstellen.

Wenn aber einer sagt: „X ist der Sinn des Lebens!“, dann kommt sofort ein zweiter und fragt zurecht: „Aha, und was bitte ist der Sinn von X?“

Die Schlussfolgerung des Autors Patrick Spät daraus ist: Wir sind frei in unseren Entscheidungen und können uns selbst aussuchen, was wir für sinnvoll halten. Die Kehrseite allerdings ist, dass wir es nicht nur können, sondern wir müssen es sogar. Und jeder fragt sich manchmal: Wozu das Ganze, wo ist da der Sinn? Gegen den naheliegenden Nihilismus argumentiert Spät so:

Bloß weil die Welt ohne Grund ist, muss sie nicht zum moralischen Abgrund werden. Das zeigt sich schon beim Elementarsten: Menschen haben Hunger – und wollen Essen. Menschen haben ein Schutzbedürfnis – und wollen Kleidung und ein Dach über dem Kopf. Menschen haben Lust – und wollen Sex.

Zum (subjektiven) Sinn des Lebens gehört dazu, dass wir es anderen Menschen ihrerseits ermöglichen, ihren Sinn des Lebens zu finden und auszuleben. Wir übernehmen Verantwortung für die Freiheit des anderen, wenn wir ihm den Raum dafür schaffen, seinerseits den Sinn des Lebens zu suchen und für sich zu finden. Dazu müssen allerdings die Grundbedürfnisse des anderen erfüllt sein: Wer hungert und friert, fragt nicht nach dem Sinn des Lebens – er fragt zuallererst nach Nahrung und Kleidung.

In derselben Ausgabe von „Hohe Luft“ findet man einen anderen Artikel von Ulrich C. Schmeisser, „Erst die Zigarette, dann die Moral“, der sich mit dem naturalistischen Fehlschluss beschäftigt. Im Artikel wird das so erläutert:

Die berühmte „Sein-Sollen-Dichotomie“ geht zurück auf den schottischen Philosophen David Hume (1711-1776), sie ist auch bekannt als „Hume’sches Gesetz“. Dahinter steckt die Auffassung, das Tatsachenaussagen im Unterschied zu Wertaussagen wahr oder falsch sein können. Tatsachen kann man entdecken, Werte nicht. Das wirft natürlich das Problem auf, wie Wertaussagen dann überhaupt gerechtfertigt werden können.

Das Eingangsbeispiel im Artikel macht das noch deutlicher:

Rauchen ist schädlich, so viel steht fest. Es kann zu lebensbedrohenden Krankheiten führen, es ist teuer und belästigt andere Menschen. Alles weitgehend unbestrittene Tatsachen. Aber folgt daraus bereits, dass man nicht rauchen soll? Was für Ärzte auf der Hand liegt, würden viele Philosophen verneinen. Aus einer Tatsachenaussage („Rauchen macht krank“) kann man nicht auf eine Wertaussage („Man soll nicht rauchen“) schließen. Mit anderen Worten: Aus einem „Sein“ folgt kein „Sollen“.

Da ich kurz zuvor den ersten Artikel über die objektive Sinnlosigkeit des Lebens gelesen hatte, fiel mir der Zusammenhang sofort auf: Wenn wir keine Tatsache auf eine letzte und unumstößliche Ursache bzw. Begründung zurückführen können, dann liefert uns die reine Existenz einer Tatsache auch keine objektive Begründung für eine notwendige Handlung.

In beiden Artikeln kommt man praktisch auf dieselbe Lösung. Über Hume wird geschrieben:

Diese Erklärung liegt laut Hume nicht in den Tatsachen selbst, sondern darin, dass die Tasachen bestimmte emotionale Reaktionen in uns auslösen, im Falle des Rauchens etwa die Angst vor Krankheiten.

Ähnlich wurde ja in dem ersten Artikel auch argumentiert: Hunger, Schutzbedürfnisse, Lustgefühle geben dem Leben einen Sinn und dem Handeln einen Grund. Diese Handlungsbegründungen bleiben aber subjektiv, wieder am Beispiel des Rauchens:

Jedoch könnte jemand die Gesundheitsrisiken des Rauchens einfach nicht für wichtig erachten, vielleicht weil er gar nicht lange leben will. Nehmen wir außerdem an, dass ihm das Rauchen auch noch ein paar Vorteile bringt, etwa weil es seine Konzentration fördert. warum sollte er dann aufs Rauchen verzichten?

Philosophisch scheint mir auch ein wichtiger Aspekt der Diskussion zu sein, dass man sein Handeln nur begründen muss, wenn man eine Wahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten hat. Hier gibt es den Bezug zur Willensfreiheit.

Und es ist eine spannende Frage, ob die Grenzen zwischen Sein und Sollen wirklich so eindeutig sind, im zweiten Artikel wird auch das thematisiert. Mit Gefühlen und Emotionen wurde ein wichtiger Gedanke bereits angesprochen: In ihnen stecken die evolutionären Erfahrungen unserer Vorfahren – wer sie ignoriert hat, hat nicht überlebt und konnte sich nicht fortpflanzen. Wenn also für den Einzelnen etwas subjektiv erscheint, gewinnt es Objektivität, wenn man es unter einem evolutionären Blickwinkel und für die gesamte Spezies betrachtet. Letztendlich handeln die meisten Menschen unter ähnlichen Umständen ziemlich gleich. Das Sein der Spezies bestimmt das Sollen des Individuums, die Evolutionäre Erkenntnistheorie lässt grüßen.

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