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Robert Spaemanns Gottesbeweis

Hohe Luft widmet in der Ausgabe 3/2014 eines ihrer Denkstücke Robert Spaemanns Gottesbeweis. Es liest sich etwas verschwurbelt und findet sich auch an anderen Stellen im Netz, wenn man den Namen dieses Philosophen angibt:

Tatsachen sind hartnäckig. Sie werden nämlich nicht falsch. Was heute wahr ist, das muss auch in Zukunft wahr gewesen sein. Wenn ich heute mit Freunden zusammensitze, dann wird es auch morgen wahr sein, dass ich heute mit Freunden zusammengesessen habe. Die vollendete Zukunft oder futurum exaktum ist also mit dem Präsens verbunden: Wenn ich von etwas sage, dass es ist, dann heißt das nichts anderes, als zu sagen, es sei in Zukunft gewesen.

In diesem Sinne ist Wahrheit ewig, wie schon einige Denker des Mittelalters erkannten. Denn wenn es irgendwann in Zukunft nicht mehr wahr wäre, dass ich heute mit Freunden zusammengesessen habe, dann kann es auch heute nicht wahr sein, dass ich mit Freunden zusammensitze. Das Vergangene existiert weiter in unserer Erinnerung. Was aber, wenn sich niemand mehr erinnert? Wenn es überhaupt keine Menschen mehr gäbe? Die Antwort lautet: Selbst wenn es die Welt nicht mehr gibt, bleibt es immer noch wahr, dass ich heute mit Freunden zusammengesessen habe.

Der Philosoph Robert Spaemann leitet daraus sogar eine Art Gottesbeweis ab. Zur Vergangenheit gehört eine Gegenwart, deren Vergangenheit sie ist. Gegenwart ist aber immer nur als bewusste Gegenwart zu verstehen – also als Gegenwart, die von jemandem erlebt wird. Wenn es aber keine bewusste Gegenwart mehr gibt, weil überhaupt nichts mehr existiert, dann ist auch die Vergangenheit ausgelöscht. Dann wäre es also tatsächlich nicht mehr wahr, dass ich heute mit Freunden zusammengesessen habe. Und dann wäre es auch nicht wahr, dass ich heute mit Freunden zusammensitze. Und das können wir gar nicht denken, sagt Spaemann: »Wenn die gegenwärtige Wirklichkeit einmal nicht mehr gewesen sein wird, dann ist sie nicht wirklich.« Folglich muss es ein Bewusstsein geben, in dem alles, was geschieht, aufgehoben ist. Dieses Bewusstsein könnten wir Gott nennen.

Interessant fand ich bei der Suche nach „Robert Spaemanns Gottesbeweis“, dass da an ziemlich prominenter Stelle eine Rezension in Begleitschreiben angezeigt wurde. Daraus ein schönes Zitat:

Warum »müssen« wir ein Bewusstsein denken, in dem alles aufgehoben ist? Wie ist das gemeint? Eine Art kollektives Erinnerungsdepot mit Gott als Oberbibliothekar? Oder ein kafkaesker Gesetzeshüter, der für das »jüngste Gericht« Beweismittel sammelt?

Aber was ist diese Tatsache dann »wert«, wenn kein anderes Lebewesen mehr Rekurs hierauf nehmen kann? Schon in einhundert Jahren dürfte diese »Wahrheit« (1.) irrelevant und (2.) vergessen sein (im Gegensatz zu anderen »Wahrheiten«, wie beispielsweise historischen Ereignissen). Sie existiert nur solange, so lange sie erinnert wird. Danach bleibt diese Tatsache zwar weiterhin wahr, ist aber nicht mehr präsent. Gott wäre also nur eine Art Präsenzverwalter für ewige Wahrheiten – so banal sie auch sein mögen. Aber was finge ein Gott mit solchen Tatsachen an? Was finge er mit allen Wahrheiten der Welt an, wenn sie nur ihm bekannt wären? Und: Wem nütze eine Bibliothek aller Wahrheiten, wenn er nur alleine auf der Welt wäre?

Dazu nur eine kleine Anmerkung: Gott wäre nicht allein auf der Welt, denn Gott ist nicht von dieser Welt. – Das ist der zentrale Widerspruch, der jegliche Kritik am Glauben unmöglich macht – die Logik ist außer Kraft gesetzt. Wenn Gott innerhalb der Welt wäre, könnte er sie nicht geschaffen haben. Wenn Gott außerhalb der Welt wäre, wie könnten wir ihn dann wahrnehmen?

„Hohe Luft“ belässt es beim eingangs Zitierten und dann seine Leser im Ungewissen. Das hat eine gewisse Methode, denn „Denkstücke“ sollen die Leser zum eigenständigen Denken motivieren. Logisch scheint an Spaemanns Gedankengang nichts auszusetzen zu sein, tatsächlich aber zeigt sich hier Spaemann als reiner Dualist, der die Meinung vertritt, dass „die Welt“ und „Tatsachen“ und „Wahrheiten“ voneinander unabhängig existieren. Das steckt bereits implizit in seinen Voraussetzungen drin, sodass sein Beweis nicht mehr leistet als die aller seiner Vorgänger.

Was wir über die Vergangenheit wissen, das steckt in unseren Erinnerungen, egal ob wir diese in unseren Köpfen finden, ob es schriftliche Dokumente gibt oder archäologische Fundstücke, die wir zur Kenntnis nehmen und die auf diesem Weg zu unseren Erinnerungen werden. Allen diesen Erinnerungen ist gemeinsam, dass sie materiell kodiert sind und diese Materie ständigen Veränderungen unterworfen ist. Je weiter diese Vergangenheit zurückliegt und je weniger „Erinnerungen“ es noch gibt, desto ungenauer werden auch die Ereignisse wiedergegeben, die bei Spaemann „Tatsachen“ sind.

Ähnliches zeigen auch die Erkenntnisse der Quantenphysik. Aufgrund der – unhintergehbaren – Zufälligkeiten der Vorgänge im Kleinsten gehören zu einer Gegenwart viele verschiedene Vergangenheiten, die zu genau demselben Zustand in der Gegenwart geführt haben können. Zwei Menschen können sich verschieden an dasselbe Ereignis erinnern. Wenn es keine dritten, von den beiden unabhängigen „Erinnerungen“ gibt, dann muss man bereits hier mit dieser Aufspaltung der Vergangenheit leben. Wo bleiben dann die „Tatsachen“ und „Wahrheiten“? In der anderen Richtung der Zeit sieht es analog dazu aus: Es sind verschiedenen Zukünfte denkbar, die sich alle aus ein und derselben Gegenwart ergeben können.

Bezogen auf die „Tatsache“, dass es das Treffen mit Freunden gegeben hat: Wenn es niemanden mehr gibt, der sich an das Treffen erinnert und es auch nirgendwo andere Belege mehr dafür gibt, dann ist es auch sinnlos, von der „Tatsache“ zu sprechen, dass es ein solches Treffen jemals gegeben hat.

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