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Retrospektive

Im April 2003 habe ich angefangen im Netz zu schreiben. In der c’t war ein Artikel über ein neues Diskussionsforum namens „Nensch“ erschienen: Link. Der Artikel selbst ist kostenpflichtig, hier eine Leseprobe. (Wahrscheinlich ist es sogar die gesamte Mitteilung, die damals in der c’t stand.) Ich war neugierig, habe dort vorbeigeschaut und mich nach einigen Tagen als Benutzer angemeldet. Nensch war ziemlich ungewöhnlich, die Authentifizierung erfolgte mit dem eigenen Namen und die Betreiber haben das auch kontrolliert – man musste eine Kopie seines Personalausweises hinschicken. Das kann man sich angesichts der heutigen Diskussion über Datenschutz, Anonymität im Netz und der zahlreichen NSA- und BND-Skandale kaum noch vorstellen.

Im Forum gab es zwei Bereiche zur Veröffentlichung eigener Beiträge. In die „Tagebücher“, konnte jeder schreiben, was und wie er wollte. In den anderen Bereichen durften Artikel erst nach einer Abstimmung durch die anderen Teilnehmern erscheinen. Gefiel diesen der Inhalt oder die Form nicht, wurde er abgelehnt. Artikel mit einer besonders guten Bewertung wurden auf der „Titelseite“ veröffentlicht. Die veröffentlichten Artikel waren zudem verschiedenen Rubriken zugeordnet wie „Kultur“, „Gesellschaft“, „Medien“, „Wissenschaft“, usw. Das zeigt ein weiteres Charakteristikum: Eine gewisse Interdisziplinarität. Auch das hat mich damals fasziniert: Einerseits hat man Texte mit literarischem Anspruch lesen können, andererseits wurde über naturwissenschaftliche oder philosophische Themen diskutiert. Die Texte hier in Kwaku Ananse, die zeitlich zwischen 2003 und Mitte 2006 eingeordnet sind, habe ich alle ursprünglich in „Nensch“ veröffentlicht.

Bei Nensch waren etwa 2000 Personen angemeldet, aber aktiv Artikel, Tagebucheinträge und Kommentare haben wohl nie mehr als 50 Leute geschrieben. Bereits Ende 2003 war ein aktiver Teilnehmerkreis versammelt, der sich bis zum Niedergang dieses Forums kaum noch verändert hat. Man kannte sich, man mochte sich, man fühlte sich manchmal fast wie im eigenen Wohnzimmer. Oder man mochte sich nicht, was bei Nensch wie an vielen anderen Stellen im Netz schnell zu sich immer weiter aufschaukelnden Streits führte. Es reichen ein oder zwei Prozent von Teilnehmern, die grob gegen die Nettikette verstoßen, um ein Forum für die meisten unattraktiv werden zu lassen. Anfang der Nullerjahre wurde eine Reihe von Konzepten ausprobiert, dem Problem der Trolle Herr zu werden. In kleinen Foren konnte man unerwünschte Kommentare als Betreiber vielleicht noch per Hand löschen, in großen Foren ging so etwas nicht mehr. Bei Nensch wurde es mit „Kommentarbewertungen“ versucht. Waren die Bewertungen durch andere Besucher auf Dauer zu schlecht, wurden zuerst die inkriminierten Kommentare, später alle Texte der Betreffenden gelöscht. Heute kann man konstatieren, dass dieser Ansatz nicht gut genug funktioniert hat, Nensch ging ein. In der Schlussphase haben sich nicht bloß die Teilnehmer untereinander zerstritten, sondern es gab auch Differenzen mit den Betreibern.

Nensch gibt es nicht mehr. Wer einmal sehen möchte, wie es aussah, kann das Internetarchiv bemühen, hier ein Snapshot vom 10.06.2004: Link.

Die beiden deutschen Studenten, die seinerzeit Nensch ins Leben gerufen haben, konnten auf eine Software zurückgreifen, die in einem amerikanischen Diskussionsforum bis heute verwendet wird: kuro5hin.org. Sieht man sich allerdings diese Seite jetzt an, dann erkennt man, dass auch diese Plattform im Sterben liegt. Vielleicht liegt es am Konzept, das heute nicht mehr funktioniert, vielleicht liegt es am Design. Kurzzeitig hatte ich am Ende von Nensch die Idee, die guten Seiten von Nensch in ein eigenes Forum zu retten und die schlechten Dinge besser zu machen: Drupal. Es blieb bei diesem einem Versuch. Ganz schnell habe ich meine Illusionen begraben: Ich habe gemerkt, dass ich lieber selbst schreibe, anstelle anderen Leuten als Dienstleister zu dienen, ihre Kritiken auszuhalten und Streits zwischen ihnen zu schlichten. Und der erste, der sich in meinem Forum anmelden wollte, war einer der Trolle von Nensch.

Meine zweite Heimat im Netz wurde ein Account bei dem Bloghoster twoday.net. Den Blog dort gibt es inzwischen auch nicht mehr, aber im Internetarchiv bekommt man davon noch einen flüchtigen Eindruck: Link.

Blogs lösen das Problem der Trollkommentare so, wie es auch bei Nensch hätte funktionieren können: Wer einen Text ins Netz stellt, ist für die Pflege der Liste der Kommentare verantwortlich und kann sie nach eigenem Ermessen löschen. Das Problem der von Menschen geschriebenen Trollkommentare besteht auch heute noch. Inzwischen ist aber eine weitere Quelle für Datenmüll in Form von automatischem SPAM hinzugekommen. Gegen Automatismen helfen heute automatisierte Lösungen. In meinem jetzigen Blog löschen Algorithmen etwa 100 Kommentare am Tag ohne mein Zutun.

Außer diesem Vorteil der klaren Verantwortlichkeit haben Blogs auch Nachteile: Diskussionen sind auf einen kleinen Personenkreis beschränkt. Möchte man mehr Publikum, muss man mehr Aufwand treiben und sich um viele Dinge selbst kümmern. Bei TwoDay kamen Einschränkungen bezüglich des Layouts hinzu. Dort setzt man nach wie vor eine proprietäre Software ein, die sich nur schwer ändern lässt. Deshalb und auch aus anderen Gründen habe ich nach ein paar Jahren erneut gewechselt. Seit August 2011 betreibe ich meinen Blog hier in eigener Regie.

Wenn man nichts aufschreibt, dann hat man Jahre später vielleicht nur ein paar Bilder – vor der Ära der Digitalkameras nur langsam verblassende Papierabzüge – und einige wenige Erinnerungen an sehr einschneidende Erlebnisse. Deshalb stellt die Zeit vor 2003 für mich fast so etwas wie ein Dunkles Zeitalter dar. Seitdem gibt es für mich ein schriftliches Archiv in Form meiner Artikel. Bei „Harry Potter“ bezeichnet Professor Dumbledore seine gesammelten und ausgelagerten Erinnerungen als sein Denkarium, an dem er ausgewählte Vertraute teilhaben lässt. Wenn ich heute ältere Artikel von mir lese, dann erkenne ich einige Gebiete, auf denen ich klarer als früher sehe. Einige Interessen sind erloschen, andere nehmen ihren Platz ein.

Wenn WordPress richtig gezählt hat, ist dieser Artikel der 1000. in meinem Blog. Nicht alle Texte sind hier entstanden, die ältesten sind bereits zweimal mit mir umgezogen, von Nensch nach Twoday, von dort hierher. Wie soll es jetzt weitergehen? Bekanntlich sind Prognosen schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Gute Vorsätze kann man haben, aber wie es wird, weiß man erst, wenn es ist.

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