Home > Gehirn & Geist, Philosophie > Philosophische Zombies

Philosophische Zombies

Der Artikel in „Hohe Luft“ 4/2103 „Das Leben der Zombies“ hat ein für mich bereits bekanntes Thema wieder aktuell werden lassen. In dem Text liest man:

Man könnte sich eine Welt vorstellen, die exakt identisch ist mit unserer Welt. Mit einem einzigen Unterschied: In dieser Welt laufen unsere Zombie-Doppelgänger herum, die genauso aussehen und das Gleiche tun wie wir. Nun stellen Sie sich vor, dass Sie gerade mit Freunden ein gutes Glas Wein trinken. Der Wein schmeckt Ihnen, Sie fühlen sich beschwingt und vielleicht ein wenig angeheitert. Aber was geht in diesem Moment in Ihrem Zombie-Doppelgänger vor? Auch er sitzt mit seinen Zombie-Freunden zusammen und nippt am Wein. Ihr Zombie-Doppelgänger ist also nicht nur physisch identisch mit Ihnen, er verarbeitet auch die gleichen Informationen, er ist also »funktional identisch« mit Ihnen – und er macht sogar die gleichen Wahrnehmungen wie Sie. Doch er hat keinerlei bewusste Erfahrung.

anzeigen...

Eine solche Zombie-Welt ist offenbar logisch möglich. Aber wenn das stimmt, so behauptet der australische Philosoph David Chalmers, dann beruht Bewusstsein offenbar nicht nur auf physischen Tatsachen. Sein Argument ist simpel: In unserer eigenen Welt gibt es bewusste Erfahrungen, in der Zombie-Welt nicht. Offenbar ist die Existenz von Bewusstsein also eine weitere Tatsache über unsere Welt, die zu den physischen Tatsachen hinzukommt. Wenn das stimmt, kann die materialistische Auffassung, wonach Bewusstsein nur auf körperlichen Tatsachen beruht, nicht richtig sein. Und wenn ein Zombie ohne jegliche bewusste Erfahrung genauso »funktioniert« wie ein Mensch, dann erklären »funktionalistische« Beschreibungen offenbar nicht, was Bewusstsein ausmacht. Das Argument läuft offenbar auf einen Dualismus hinaus, wie eine spiegelbildliche Variante von Rene Descartes‘ Argument, wonach der Geist ohne den Körper existieren kann – woraus folgt, dass der Geist nicht mit dem Körper identisch sein kann.

In dieser verkürzten Form wird nicht verständlich, warum David Chalmers Ansichten von den Philosophen, die sich mit der Philosophie des Geistes beschäftigen, so ernst genommen werden. Etwas besser versteht man es bereits nach dem Lesen des entsprechenden Abschnitts im Zombie-Artikel der Wikipedia:

Das Motiv des Zombies hat Philosophen immer wieder beschäftigt. So dient es z. B. als Metapher für ein hypothetisches Wesen, das einem Menschen von außen physisch, funktional und somit auch biologisch zwar gleiche, allerdings von innen her kein phänomenales Bewusstsein besitze. Ein solcher philosophischer Zombie verhält sich einem normalen Menschen entsprechend, verfügt dabei jedoch über keinerlei qualitative Bewusstseinszustände wie Schmerzen. Sein Verhalten ist allein physikalisch-funktional bestimmt.

anzeigen...

Im gedanklichen Rahmen einer Philosophie des Geistes wird die Vorstellbarkeit derartiger Wesen als Problem für materialistische bzw. physikalistische Ansätze begriffen und diskutiert. Insbesondere David Chalmers argumentiert, dass der Materialismus auf die Annahme festgelegt ist, die Existenz von Bewusstsein ergebe sich bereits aus der physikalisch-funktionalen Beschreibung. Die Vorstellbarkeit von Zombie-Szenarien zeige jedoch, dass selbst eine vollständige physikalisch-funktionale Beschreibung nicht die Existenz von Bewusstsein impliziere.

Das Grundproblem mit meinen eigenen Worten: Die (empirischen) Naturwissenschaften haben in der letzten Zeit eine Vielzahl von Fakten gesammelt, wie Leben funktioniert und welche chemischen und elektrischen Vorgänge mit Bewusstseinsvorgängen einhergehen. Warum man aber gleichzeitig etwas erlebt (einen inneren Film, innere Mono- bzw. Dialoge), das kann damit nicht erklärt werden. So wissen wir nur von einer einzigen Person wirklich sicher, dass sie über ein Bewusstsein verfügt – man selbst. Das ist der Unterschied zwischen der Dritte-Person-Perspektive aller Naturwissenschaften und der Erste-Person-Perspektive, die einem nur selbst zugänglich ist.

Auf der Wikipedia-Seite über David Chalmers werden die verschiedenen philosphischen Ansichten vorgestellt, die man gegenüber dem Zombieproblem bzw. dem Verhältnis der Wissenschaften zum Bewusstsein einnehmen kann, dort findet man verschiedene materialistische, dualistische und monistische Theorien. Chalmers behauptet, alle widerlegen zu können. Das Problem der Erklärung des phänomenalen Erlebens via Bewusstsein ist für ihn deshalb das harte Problem der Philosophie des Geistes.

Natürlich – wie sollte es unter Philosophen auch anders sein – stimmen ihm die meisten seiner Kollegen nicht zu. Der interessanteste Artikel, den ich dazu gefunden habe, stammt von dem emeritierten Philosophieprofessor Wolfgang Lenzen: Zombies, Zimbos und das »schwierige Problem« des Bewußtseins.

Zunächst einmal stellt Lenzen fest, dass Chalmers Zombies „nomologisch“ möglich sind – d.h. sie werden von den uns bekannten Naturgesetzen nicht ausgeschlossen:

  • Es gibt Lebewesen, die nach heutigem Wissensstand über kein Bewusstsein verfügen und damit gut zurecht kommen, z.B. Pflanzen oder Pantoffeltierchen.
  • Es gibt auch in unserem Gehirn viele Prozesse, die unbewusst ablaufen.

Dann folgt ein Abschnitt, der sich mit den evolutionären Vorteilen des Bewusstseins befasst. Aus der Erforschung menschlichen Lernens ist ja bekannt, dass viele ursprünglich bewusste Prozesse mit zunehmender Übung allmählich ins Unbewusste übernommen werden. Sehr interessant daran die Überlegung, dass z.B. Erinnerungen über Gesehenes visuell, Erinnerungen über Gehörtes vom Gedächtnis akustisch präsentiert werden. Das ist sehr plausibel formuliert – nur geht es an Chalmers Argumentation vorbei, denn der hatte ja als Voraussetzung postuliert, dass sich ein Zombie nach außen exakt identisch zu einem normalen Menschen verhält. Er würde auch, wenn man ihm mit einem Hammer auf einen Finger haut, „Au!“ brüllen und „Spinnst du?“ hinterher schicken.

Was weiß ich also sicher? Ich weiß, dass ich selbst über ein Bewusstsein verfüge. Das entspricht in etwa der Auffassung, die bereits Decartes vertreten hat: Ego cogito, ergo sum. „Ich denke, also bin ich.“ Alle weiteren Tatsachen sind dann bereits nicht mehr in einem logischen, sondern nur in einem empirischen Sinn belegt: Da ich aus eigener Anschauung andere Menschen kenne und diese über ähnliche Eigenschaften verfügen, ist es plausibel, auch für diese das Vorhandensein eines eigenen Bewusstseins anzunehmen. In einem logischen Sinn lässt sich das nicht beweisen – nur werfen alternative Ansätze, wie z.B. der metaphysische Solipsismus, ganz andere Probleme auf.

Vom Standpunkt der empirischen Naturwissenschaften stellen Chalmers Zombies sowieso keine ernsthafte Hypothese dar. Als Behauptung formuliert, könnte es heißen: „Es gibt mindestens einen philosophischen Zombie.“ Um das empirisch zu beweisen, müsste man das Gegenteil widerlegen: „Es gibt keinen einzigen philosophischen Zombie.“ Das aber ist eine unwiderlegbare All-Aussage, man müsste dazu alle Menschen untersuchen, alle schon verstorbenen, alle heute lebenden und alle zukünftigen. Nach Chalmers Eingangspostulat ist das aber mit keinem einzigen Menschen möglich – da sich der „normale“ Mensch und der Zombie in keiner einzigen Eigenschaft unterscheiden – einschließlich der Antwort auf die Frage, ob man über ein Bewusstsein verfüge.

Über die Beurteilung des Monismus durch Chalmers liest man auf der Wikipedia-Seite über ihn:

Unter dem Typ-F Monismus fasst Chalmers eine Reihe von Positionen zusammen, denen gemeinsam ist, dass phänomenale oder protophänomenale Eigenschaften als „intrinsische Natur“ der physischen Realität angesehen werden (Neutraler Monismus, Panpsychismus). Er führt diese Position auf eine Erörterung der Physik von Bertrand Russell zurück. In The Analysis of Matter legt Russell dar, dass die Physik zwar Aussagen über die Beziehungen verschiedener Entitäten trifft, jedoch nichts über die inneren Eigenschaften dieser Entitäten aussagt. Der Typ-F Monismus fügt nun einfach der physikalischen Theorie eine Theorie der intrinsischen Natur hinzu, ohne etwa die kausale Geschlossenheit des Physischen oder die Struktur der physikalischen Theorie in Frage zu stellen. In dieser Weise, so Chalmers, bilden „(proto)phänomenale Eigenschaften […] die letzte kategoriale Basis aller physischen Verursachung.“

anzeigen...

Er stellt fest, dass der Typ-F Monismus Gemeinsamkeiten sowohl mit dem Materialismus wie auch mit dem Dualismus hat: „Dem Buchstaben nach ist der Typ-F Monismus materialistisch, während es sich dem Geist nach um eine dualistische Theorie handelt.“ Einer der wichtigsten Einwände gegen den Typ-F Monismus ist das erstmals von William James formulierte Kombinationsproblem: Es ist aktuell völlig unklar, wie aus unzähligen protophänomenalen Bewusstseinseinheiten ein übergeordnetes Bewusstsein wie das eines Menschen entstehen soll. Chalmers stellt fest: „Ich glaube, es handelt sich hier um das mit Abstand größte Problem des Typ-F Monismus. Ob es gelöst werden kann oder nicht, ist gegenwärtig eine offene Frage.“

Das sehe ich ein bisschen anders. Ich denke nicht, dass man sich mit dem Monismus die Probleme einhandelt, die mit einem Dualismus verbunden sind. Es ist einfach so, dass komplexe Systeme über Eigenschaften verfügen können, die bei ihrer Zerlegung in einfachere Komponenten nicht mehr beobachtet werden können. Diese Eigenschaften komplexer Systeme sind emergent und supervenieren über ihrem Substrat.

Chalmers Verdienst besteht darin zu zeigen, dass kein eínziger Ansatz in der Philosophie des Geistes, das Phänomen „Bewusstsein“ zu erklären, ohne grundlegende und logisch unbeweisbare Prämissen auskommt. Und die empirischen Wissenschaften können diese Prämissen ebenfalls nicht aus der Welt schaffen – sie können nur die unplausibelsten ausschließen.

KategorienGehirn & Geist, Philosophie Tags:
  1. Bisher keine Kommentare
  1. Bisher keine Trackbacks