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Noam Chomsky

Bisher kannte ich Noam Chomsky als den „Erfinder“ der Idee einer Universalgrammatik. Sprache bildet bestimmte Aspekte der Realität ab und da die meisten Menschen in einer ähnlichen Umwelt leben, sollte man ähnliche grammatische Strukturen in vielen Sprachen wiederfinden. Nebenbei bemerkt, ist das ja auch eine Voraussetzung dafür, dass man zwischen Sprachen übersetzen kann.

Der Grundgedanke der Universalgrammatik ist, dass Kinder viele Aspekte der Grammatik ihrer Muttersprache nicht erst lernen müssen, weil sie mit ihnen auf die Welt kommen. Über die These, ob neuronale Strukturen zur korrekten Verwendung von Grammatik bereits angeboren sind oder erst erlernt werden müssen, ist viel gestritten worden. Mir erscheint sie plausibel und mit der Evolutionären Erkenntnistheorie gibt es auch eine Erklärung für angeborene Eigenschaften: Der Einzelne hat bereits einige Fähigkeiten bei der Geburt, weil sie seinen Vorfahren einen evolutionären Vorteil geboten haben und diejenigen, die darin zufällig besser waren, größere Überlebenschancen hatten.

Dass aber Chomsky einer der bekanntesten linken Aktivisten und Ethiker ist, habe ich bisher nicht gewusst. In einer ihm gewidmeten Doppelseite im Philosophie-Buch wird vor allem über diese Aspekte berichtet:

Seit 1969, der Veröffentlichung von „Amerika und die neuen Mandarine“, seinem ersten politischen Buch, befasst er sich immer wieder mit dem Missverhältnis von staatlicher Machtausübung und politischer Rhetorik. Redeweise und Argumentation von Politikern, sagt Chomsky, reichen nicht aus, um der Wahrheit der politischen Macht auf den Grund zu kommen. Politiker sprechen, um ihr Handeln zu rechtfertigen, die Sprache der »Tatsachen«. Doch wenn sie ihre Behauptungen nicht beweisen, sind diese nur Illusionen, und die Handlungen, zu denen sie führen, bleiben unbegründet.

Chomskys ethische Untersuchungen beruhen auf dem Prinzip des »Universalismus«. Es ist ein relativ einfaches Prinzip und besagt nichts weiter, als dass wir auf uns selbst die gleichen Maßstäbe anwenden müssen wie auf andere – im Grunde ist dieses Prinzip das Herzstück jedes ethischen Systems, das sich verantworten lässt. Dahinter steht die psychologische Einsicht, dass wir uns gern einer ethischen Sprache bedienen, um das Verhalten anderer zu kritisieren, aber kaum bereit sind, auch unser eigenes Verhalten entsprechend zu beurteilen. Ziehen wir aber ethische oder moralische Maßstäbe in Betracht und sollen diese stichhaltig sein, müssen sie für andere in gleicher Weise gelten wie für uns selbst. Im Feld der Politik heißt das, politisches Handeln strengen Analysen zu unterziehen, anstatt sich durch diese oder jene Rhetorik blenden zu lassen.

Ähnliches habe ich in letzter Zeit häufig gedacht, wenn ich die Berichterstattung über Russland, die Ukraine, über China oder aktuell über Griechenland gelesen habe. Es gibt einen bekannten Kabarettisten, Hagen Rether, der häufig in seinem Programm sagt: „Ich bin ja so froh, dass ich bei den Guten bin.“ Damit bezieht er sich meist auf Aussagen unserer Politiker, die moralisch Recht und die anderen Unrecht zu haben glauben oder es wenigstens behaupten. Dass das meistens so nicht stimmen kann, wird einem klar, wenn man sich überlegt, dass ihre Opponenten genau dasselbe sagen. Allein aus statistischen Gründen ist es äußerst unwahrscheinlich, dass einer (=wir) immer Recht und alle anderen Unrecht haben.

Man sollte in der Politik nicht moralisch argumentieren, wenn man „nur“ eigene Interessen vertritt. Eigene Interessen zu haben ist legitim, aber es macht eine Partei eben nicht besser als die andere, die ihrerseits auch bloß ihre Interessen – häufig andere und konkurrierende – vertritt. Manchmal bemerkt man den Dissens zwischen den Politikerreden und ihrem Handeln recht schnell. War nicht der Protest der deutschen Regierung auffällig leise, als das Bespitzeln der Deutschen durch die USA und die NSA heraus kam? Sie wussten ja, dass sie es genauso machen (nur vielleicht nicht so erfolgreich) und sie waren sich auch klar, dass die Amerikaner daran nicht ein Jota ändern werden – weil sie es sich leisten können. Und auch das Getöse um das Handeln der griechischen Regierung ist vom selben Typ. Dabei versuchen die Griechen nur dasselbe wie wir: Das Maximum für sich herausholen.

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