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Nahtoderfahrungen

Auf der Diskussionsseite zum Wikipediaartikel Nahtoderfahrungen geht es hoch her. Keiner möchte gern sterben, wenn es danach nichts mehr gibt, auch aus diesem Grund ernten Religionen und diverse esoterische Strömungen so einen großen Zuspruch. Wissenschaftlich kann man das Problem schwer knacken, verbieten sich doch aus naheliegenden Gründen lange Versuchsreihen mit vielen Probanden. So bleibt nur die nachträgliche Befragung von wenigen Betroffenen. Im Spiegel Nr. 30/2013 vom 22.7.2013 findet man ein Interview mit Sam Parnia, der in New Yorck als Notfallmediziner arbeitet und auch Leiter einer großangelegten Studie zu diesem Thema ist (siehe im Text selbst):

Parnia: In den 50 Jahren seit Einführung der Herz-Lungen-Wiederbelebung sind Millionen Menschen über die Schwelle des Todes getreten und wieder zurückgekehrt. Und viele von ihnen berichten in unglaublichen Geschichten über ihre Erlebnisse. Ich selbst habe mehr als 500 Menschen mit Nahtoderlebnissen interviewt.

SPIEGEL: Was genau erzählen Ihnen die Betroffenen?

Parnia: Viele berichten von Ruhe und Frieden. Manche sehen ein helles Licht, andere spüren die Gegenwart eines warmherzigen, liebenden, mitfühlenden Wesens. Viele sagen, sie hätten ihr ganzes Leben an sich vorüberziehen sehen, von der Kindheit angefangen. Andere berichten von Wiedersehen mit verstorbenen Familienmitgliedern. Manche haben ein Out-of-Body-Erlebnis. Sie schildern, dass sie unter der Zimmerdecke schwebend das Geschehen auf der Intensivstation beobachteten. Tatsächlich haben einige zutreffend über Unterhaltungen berichtet, die im Behandlungsraum stattgefunden haben. Eine der faszinierendsten Geschichten hat ein niederländischer Mediziner 2001 im Fachblatt „The Lancet“ beschrieben. Ein wiederbelebter Patient fragte seinen Krankenpfleger nach seinem Gebiss. Er erinnerte sich, dass dieser es während seiner Reanimation in eine Schublade gelegt hatte.

SPIEGEL: Für keine dieser Beschreibungen gibt es einen wissenschaftlichen Beweis. Glauben Sie den Menschen etwa ihre Erzählungen?

Parnia: Die Betroffenen werten ihre Erfahrungen als höchst real. Warum sollten wir sie dann als Hirngespinst abtun? Und diese Nahtoderlebnisse kommen in allen Kulturen vor, in allen Ländern, bei religiösen Menschen und Atheisten – selbst bei Kleinkindern. Es wäre falsch, sie einfach für erfunden zu halten.

SPIEGEL: Und welche Erklärung haben Sie anzubieten?

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Parnia: Für mich sieht es danach aus, dass das Bewusstsein im frühen Tod nicht schlagartig ausgelöscht wird. Obwohl es zu diesem Zeitpunkt keine messbare Hirnaktivität mehr gibt. Das ist ein medizinisches Paradoxon. Außerdem scheint es so zu sein, dass der Tod für die meisten eine angenehme Erfahrung darstellt. Wir müssen ihn offenbar nicht fürchten.

SPIEGEL: Vielleicht sind all das ja doch Hirngespinste – oder Begleiterscheinungen etwa vom Sauerstoffmangel, wie einige Hirnforscher vermuten?

Parnia: Ich habe das geprüft und halte es nicht für stichhaltig. Seit einigen Jahren leite ich die AWARE-Studie, eine der größten, die je zum Thema Nahtoderlebnis gemacht worden sind. In 16 Krankenhäusern in den USA, Großbritannien und Österreich haben wir Bilder auf Regalen angebracht, die knapp unter der Decke hängen. Wir möchten damit ergründen, ob Leute, die behaupten, dass sie in der Wiederbelebungsphase außerhalb ihres Körpers an der Decke schwebten, wirklich wahrnehmen können, was passiert. Im November werden wir unsere ersten Daten veröffentlichen. Darauf können Sie gespannt sein. Aber noch verrate ich keine Details.

SPIEGEL: Sie sind ein anerkannter Mediziner. Aber nun klingen Sie wie ein Esoteriker.

Parnia: Ich bin neutral. Ich bin Forscher. Für viele Leute ist der Tod Domäne der Religion oder allenfalls der Philosophie, als Naturwissenschaftler soll man sich damit nicht beschäftigen. Ich halte das für unsinnig. Ich erlebe den Tod jeden Tag – und an dem, was wir zu erforschen versuchen, sehe ich nichts Übersinnliches. Dennoch werde ich heftig kritisiert – von allen Seiten: Esoteriker glauben, dass ich in ihrem Gebiet wildere. Religiöse Menschen werfen mir Blasphemie vor. Manche Wissenschaftler halten mich für einen Überläufer. Und dann gibt es auch jene Verrückte, die mich darum bitten, sie zu töten, damit ich sie im Namen der Forschung wieder zurückholen kann.

SPIEGEL: Sagen Ihnen Ihre Kollegen nicht: Bilder unter der Decke anzubringen für Schwebende – das ist schon etwas irre? Parnia: Kritik und Unverständnis begleiten jede neue Forschung. Die Gentherapie wurde auch einmal als Science-Fiction abgetan. Als die Stringtheorie aufkam, war sie ein Karrierekiller für jeden Teilchenphysiker. Und lange lachten alle über die Quantentheorie, Einstein eingeschlossen. Vielleicht führt unsere Forschung ja zu einem neuen Verständnis des Bewusst-seins. Noch kann niemand erklären, wie es funktioniert und wie es auf die Hirnzellen einwirkt.

Ich bin kein Forscher wie Parnia, aber doch chronisch neugierig und an einer logisch sauberen Argumentation interessiert. Esoteriker und Gläubige sind im Vorteil, weil ihnen die ungeklärten Fälle als Beweis für eine Fortexistenz nach dem Tod ausreichen, während Wissenschaftler prinzipiell eine außerwissenschaftliche Erklärung nicht ausschließen können, weil dazu alle Fälle wissenschaftlich aufgeklärt werden müssten (auch die noch in der Zukunft liegenden Nahtoderfahrungen), was ja logisch unmöglich ist.

Parnia hat ein Buch geschrieben: „Der Tod muss nicht das Ende sein: Was wir wirklich über Sterben, Nahtoderlebnis und die Rückkehr ins Leben wissen.“ Aus den bisher vorliegenden Rezensionen kann ich nicht entscheiden, ob sich das Lesen lohnt. Was aber das im Spiegel abgedruckte Interview und sein Buch sicher bewirken werden, ist ein weiterer Rückgang der Bereitschaft zur Organspende. Wenn weder Herzstillstand noch die Nulllinie im EEG eindeutig den Todeszeitpunkt festlegen, sondern man unter Umständen noch Stunden danach ins Leben zurück geholt werden kann, was dann?

Ich hatte noch kein Nahtoderlebnis, nur über eine Vollnarkose kann ich berichten. Ich hing am Tropf und die Schwester sagte, ich solle an etwas Schönes denken. Während ich noch überlegte, an was ich denken will, bemerkte ich, wie die Anzeigen an einem Gerät, das etwa einen Meter von mir entfernt stand, zu flimmern begannen. Die nächste Erinnerung war ein: „Herr XYZ, aufwachen!“ Mein Gehirn war also beim Einschlafen nicht mal mehr in der Lage gewesen, meinen sicher letzten Gedanken zu speichern: „Holla, interessant, ich schlafe jetzt ein!“ Ich war sofort voll wieder da, wackelte mit den Zehen, memorierte Personen, Orte und Geburtsdaten, alles okay. Vom dazwischen liegenden Zeitabschnitt weiß ich nichts, da war nur vollkommene Schwärze.

Das im Text angesprochene Experiment mit den Bildern, die so unter der Decke angebracht worden sind, dass man sie nicht sehen kann, außer man ist „out of body“, klingt interessant. Im November soll die Veröffentlichung von Ergebnissen erfolgen. Mal sehen, ob man in den Medien etwas darüber hören wird.

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  1. 15. Dezember 2013, 13:09 | #1

    In Geo Wissen 51 „Vom guten Umgang mit dem Tod“ (Redaktionsschluss 17.4.2013) findet man in einem Artikel Näheres über Parnias Studie. Aus dem dortigen Text wird auch klar, warum nicht mit schnellen, eindeutigen Ergebnissen zu rechnen ist:

    Keine biologische Theorie könne Nahtod-Phänomene erklären, behauptet Parnia. In der Tat haben Menschen Nahtod-Erlebnisse mit und ohne Medikamente, mit und ohne Sauerstoffmangel. Und auch unter Vollnarkose, wenn ihr Gehirn betäubt ist, also gar nicht zu Trugvorstellungen fähig. Was aber könnte dann dahinterstecken?

    Um das herauszufinden, hat Parnia vor vier Jahren in 25 Krankenhäusern in den USA, Großbritannien und Österreich rund 1000 Regalbretter installiert, auf denen sich unterschiedliche Abbildungen befinden.

    Die Regale wurden in Behandlungszimmern so hoch an den Wänden angebracht, dass man nicht sehen kann, welche Motive die Bilder zeigen. Es gibt nur eine Position, von der sich das erkennen lässt: Man müsste unter der Decke schweben. Oder eben das Bewusstsein eines Menschen müsste dort schweben, das sich auf irgendeine Weise vom Körper gelöst hat und später in ihn zurückkehrt. Solche „außerkörperlichen Erfahrungen“ spielen eine besondere Rolle in Nahtod-Studien.

    Parnia hat die Regalbretter in Notaufnahmen und Kardiologie-Abteilungen installieren lassen: jenen Orten also, an denen überdurchschnittlich vielen Patienten das Herz stoppt. Dennoch wird Zeit vergehen, bis Ergebnisse vorliegen.

    In den ersten vier Jahren der Studie erlitten 2060 Menschen in den beteiligten Krankenhäusern einen Herzstillstand. Rund 330 wurden erfolgreich wiederbelebt; ein gutes Dutzend berichtete von einem Nahtod-Erlebnis. Doch nur zwei Patienten machten dabei eine außerkörperliche Erfahrung. Beide fanden unglücklicherweise in Räumen ohne Regalbilder statt.

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