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Mensch und Maschine

Anlässlich des gerade zu Ende gegangenen Wettkampfs zwischen dem Schachweltmeister Wladimir Kramnik und dem PC-Schachprogramm Fritz, den Kramnik mit 2:4 verloren hat, wurde wieder einmal die sogenannte „künstliche Intelligenz” beschworen. Der Glaube, Schachspiel hätte irgend etwas mit Intelligenz zu tun, hält sich immer noch hartnäckig. Im Falle des Computerschachs seit den 50er Jahren, als Alan Turing den nach ihm benannten Turing-Test auf (künstliche) Intelligenz definierte und selbst ein Schachprogramm kreierte (allerdings mangels Hardware nur auf Papier). Dabei hat Schach weder bei Menschen noch bei Maschinen etwas mit Intelligenz zu tun, jedenfalls nicht, wenn man Intelligenz als die Fähigkeit zum Lösen neuartiger Aufgaben definiert.

Man hat Schachgroßmeister in Computertomographen gesteckt und ihnen dort beim Schachspielen zugesehen. Aktiv waren nicht die Gehirnregionen für das logische Denken, sondern die für das Erinnern von Bildern. Die plausibelste Hypothese ist, dass sie eine Vielzahl von sogenannten Chunks gespeichert haben, d.h. charakteristische Stellungsmerkmale, Beziehungen zwischen den Figuren auf dem Brett. Man vermutet die Existenz von etwa 50.000 solcher Chunks, was in etwa der Anzahl der Wörter in einer Sprache entsprechen würde.

Wenn ein Großmeister also auf eine Stellung schaut, dann liest er quasi einen Satz in einer ihm gut bekannten Sprache ab. Das Finden des nächsten Zuges wäre dann, um in diesem Bild zu bleiben, der Konjugation oder Deklination eines Satzes äquivalent. Großmeister berechnen den nächsten Zug nicht, sie sehen ihn oder lesen ihn vom Brett ab. Ein starker Großmeister kann werden, wer mit dem Lernen dieser Sprache im Alter von vier Jahren beginnt und dann die nächsten 10 bis 20 Jahre fanatisch bei der Sache bleibt. Außer einer zweifellos fürs Schach notwendigen Grundbegabung hat das nicht viel mit Intelligenz zu tun.

Schachprogramme auf der anderen Seite sind genausowenig intelligent. Wenn man sich eine Vorstellung von ihrer Arbeitsweise machen will, dann denke man sich ein Schachprogramm einfach als eine Kombination von Word, Excel und Access. Im diesem Trio bildet Word das Benutzerinterface. Hier werden Züge ein- und ausgegeben und gefällig am Bildschirm dargestellt. Excel stellt den Rechenkern dar, der neue Züge findet, Access dient als Datenbankkomponente.

In der Startphase der Partie werden aus der sogenannten Eröffnungsbibliothek gute Züge herausgesucht. Diese wurden zuvor aus der automatischen Analyse vieler hunderttausend Großmeisterpartien gewonnen. Gegen Partieende, wenn nur noch wenige Figuren auf dem Brett verblieben sind, rechnet das Programm ebenfalls nicht mehr, sondern liest die besten Züge aus einer weiteren Datenbank, derjenigen für Endspiele aus.

Im Mittelspiel berechnet das Programm seine Züge selbst (das macht die „Excel“komponente). Der prinzipielle Berechnungsalgorithmus ist trivial: Für jede erreichbare Stellung wird ein Zahlenwert berechnet. Die eigenen Figuren zählen positiv, die gegnerischen negativ. Verschiedene Stellungsmerkmale ergeben je nach ihre Bedeutung entweder einen Bonus oder einen Malus.

In einer durchschnittlichen Stellung sind etwa 20 Züge möglich, durch algorithmische Tricks wird diese Zahl auf etwa 3 reduziert.. Das Programm probiert sie alle durch, bewertet die entstehenden Stellungen und führt danach jeweils den nächsten Zug für den Gegner durch, es entstehen 9 verschiedene und zu bewertende Stellungen, danach wieder einen eigenen Zug, 27 Stellungen, usw. Nachdem es sich so durch mehrere Millionen (bis Milliarden) verschiedene Stellungen, d.h. durch die Abfolge von 10 bis 20 eigenen und gegnerischen Zügen durchgeackert hat, entscheidet es sich für den Zug, der das Programm einer Stellung mit einer besonders hohen eigenen Punktzahl am besten nähert.

Dieses Verfahren ist erstens vollkommen anders als die menschliche Herangehensweise und zweitens ebenfalls nicht besonders „intelligent”. Die einzig wirklich intelligenten Akteure in diesem Prozess sind die Programmierer, denn diese müssen für eine Unzahl verschiedener theoretischer (informatischer) und praktischer (technischer) Probleme konkrete und kreative Lösungen finden. Die eigene Spielstärke der Schachprogrammierer liegt jedoch typischerweise nur in einem Bereich zwischen 1600 und 2000 Elo (=Spielstärkeklassifizierungssystem im Schach), was in Deutschland für die Teilnahme am Spielbetrieb in der Kreis- oder Bezirksliga ausreichen würde. Aber ihre Produkte schlagen die technisch „zu Fuß” gehende Weltelite. Es ist die Kombination aus Mensch und Maschine, die erfolgreich ist.

Nachdem so klar geworden ist, dass auch das frühere Paradepferd der KI-Forschung, Computerschach, zu einem vollkommen anderen Ergebnis geführt hat als früher gedacht, stellt sich die prinzipielle Frage, wofür wollen wir überhaupt intelligente Maschinen? Ist es nicht viel besser, uns Hilfsmittel für die Gebiete zu schaffen, die uns zu langweilig sind, die ermüdendes und monotones aber gleichzeitig übergenaues Arbeiten erfordern oder die in gefährlicher Umgebung zu verrichten sind? Wenn wir auf diesem Weg irgendwann en passant über intelligentes Verhalten der Blechtrottel stolpern, auch gut, aber für unser eigenes Fortkommen als Spezies ist das nicht unbedingt das primäre Ziel.

Angeregt zu diesem Beitrag wurde ich durch diesen Artikel.

Kommentare

Gregor Keuschnig 12/07/2006 09:34:09 AM

Es ist mir schon klar, dass Schach mit Intelligenz nur bedingt etwas zu tun hat. Den Begriff „Künstliche Intelligenz“ sehe ich – als blutiger Laie – dann auch nicht in dem, was Du als Intelligenz definierst. Als Jugendlicher bekam ich einen Schachcomputer, der irgendwann einfach einen blödsinnigen Mittelspielzug machte; den konnte ich auf mittlerer Stufe noch besiegen. Irgendwann habe ich mir dann einen „Mephisto“ gekauft. Gegen den kann ich nur bei sehr kleiner Gewinnstufe noch gewinnen…

Mich würde interessieren, wie „Deep Fritz“ beim sogenannten 960-Schach abschneiden würde. Wenn Du recht hast, dann müsste er dort gegen einen guten 960-Spieler auf verlorenem Posten stehen – es sei denn, er hat unendlich viel Bedenkzeit zur Verfügung.

steppenhund 12/07/2006 09:59:32 AM

auf verlorenen Posten. Mitnichten. Die Anfangsstellung ist anders und die Rochade. Die veränderte Anfangsstellung bedeutet nur, dass es keine Eröffnungsbibliotheken gibt. D.h. er muss bereits ab Zug 1 rechnen. Die Rochade ist eine Sonderregel, die erst einmal implementiert werden muss.
Oder man unterbricht die Partie, setzt die Steine manuell um und spielt weiter.
Aber die reine kalkulative Rechenstärke schlägt voll zu. Mit genau der Rechenzeit, die man ihm sonst auch gibt.

Köppnick 12/07/2006 04:58:04 PM

Er steht dort nicht auf verlorenem Posten. Das Zurückgreifen auf eine Eröffnungsbibliothek spart aber Zeit, sodass er in den späteren Zügen länger nachdenken kann. Außerdem sind die Schachalgorithmen determiniert. Das heißt, das Programm spielt in derselben Stellung, wenn es denselben inneren Speicherzustand hat und genau dieselbe Anzahl Stellungen durchrechnet, beim zweiten Mal denselben Zug. Man könnte also immer und immer wieder dieselbe Partie spielen. So aber wählt das Programm zufällig aus einer größeren Anzahl verschiedener Züge aus, was für den Gegner schwerer vorherzusehen ist.

Die Menschen, die für das Tuning der Eröffnungsbibliotheken zuständig sind, sind die einzigen guten Schachspieler im Programmiererteam. Bei Fritz macht diesen Job Alexander Kure.

Wenn die Rechner aber noch stärker spielen, wird es irgendwann sinnlos sein, sich auf Großmeisterpartien zu verlassen. Bei Hydra ist es heute schon so. Das ist ein Parallelrechner, also quasi sehr viele PCs, die sich die Berechnung der einzelnen Stellungen untereinander aufteilen. Hydra hat schon gegen Michael Adams, ebenfalle einen Top-Ten-Spieler mit 5,5:0,5 gewonnen, da war das 2:4 von Kramnik gegen das PC-Programm noch gnädig. Das Programm ist dann so gut, dass die Zugvorschläge von Großmeistern zu schlecht sind bzw. nicht mehr so gut auf die Spielweise des Rechners passen.

Etwa im Jahr 2030 werden normale Rechner gegen den menschlichen Weltmeister einen theoretischen Score von 999:1 haben. Wenn sich solange überhaupt noch einer für die Weiterentwicklung ihrer Spielstärke engagiert.

Gregor Keuschnig 12/07/2006 06:47:52 PM

Naja, die Formulierung „auf verlorenem Posten“ war dann falsch. Aber ich dachte, wenn die Eröffnungsbibliothek praktisch nutzlos ist (also beim 960-Spiel) und die Bedenkzeit begrenzt, dann müsste der Mensch wieder eine bessere Chance haben.

Deinen letzten Satz verstehe ich nicht: Wenn sich solange überhauot noch einer für die Weiterentwicklung ihrer Spielstärke = der Spielstärke der menschlichen Weltmeister oder der Rechner interessiert.

Wenn Deine Vorhersage stimmt, wären Schachpartien auf Weltmeisterniveau überflüssig. Man lässt dann besser Rechner gegeneinander spielen. Interessant wäre, ob das Schachspiel dadurch neue Impulse bekäme.

Köppnick 12/07/2006 09:41:24 PM

Ihre jetzige Attraktion beziehen die Computerprogramme aus ihrer ungefähren Gleichstärke zum Menschen. Im Allgemeinen ist es so, dass sehr viel Stärkere Schwächeren ihre Züge nicht erklären können, weil die Erklärung für diese unbegreiflich ist. Denn wenn sie die Erklärungen verstehen könnten, würden sie ja auch besser spielen.

Wenn also die Programme 999 von 1000 Partien gegen den Weltmeister gewinnen, wird man ihre Pläne nicht mehr verstehen. Und es wird sich auch kein Sponsor für solche Wettkämpfe finden. Wenn aber kein Geld fließt, dann gibt es keine Weiterentwicklung mehr. So war das gemeint.

In den Endspieldatenbanken finden sich bereits jetzt Gewinnvarianten mit 266 Zügen, wenn nur noch 5 Figuren auf dem Brett sind (König+2Läufer gegen König und Springer). Die dahinter stehenden Pläne verstehen auch Großmeister nicht mehr, sie finden keine Muster darin. Derzeit wird an den 6-Steinern gerechnet, wir werden wahrscheinlich auch noch die 7- und 8-Steiner erleben. Da wird es vielleicht Varianten mit 1000 Zügen bis zum Sieg geben. Das ist kein Menschenschach mehr.

Gregor Keuschnig 12/08/2006 08:01:56 AM

Schöner Satz: Das ist kein Menschenschach mehr.
Ist es altmodisch oder gar rückschrittlich, dies zu bedauern (wie ich es bedauere)? Wer wird die Partie „Rechner XYZ“ gegen „Rechner ABC“ nachspielen und würdigen wollen?

Köppnick 12/09/2006 03:30:58 PM

Das war von mir sehr profan gemeint: Derzeit ist es so, dass man bei der Analyse eigener Partien von Computerhilfe sehr profitieren kann und auch bei dem aktuellen Wettkampf Kramnik gegen Fritz haben beide Seiten betont, dass die Züge von der jeweils anderen Seite auch vorhergesehen wurden. Wenn aber Rechner in der Zukunft gegeneinander spielen werden, dann wird es Zugfolgen geben, die kein Mensch mehr verstehen wird, weil ihre (Rechen)Tiefe alles Menschenmögliche übersteigen wird. In den Endspieldatenbanken, ich erwähnte es bereits, ist es heute schon so. Kein Mensch würde „Matt in 266 Zügen“ ankündigen, Programme können das bereits.

Bedauern muss man das nicht, Menschen können auch sehr gut damit umgehen, nicht so schnell laufen zu können, wie Autos fahren. Schachspielen Mensch gegen Mensch bleibt interessant, weil beide Seiten „auf Augenhöhe“ operieren, der Mensch ist des Menschen Maßstab.

Gregor Keuschnig 12/10/2006 05:47:05 PM

Der Vergleich mit dem Auto hinkt, da ein Auto fährt und nicht auf Beinen läuft. Demnach ist es ein anderer Zustand zu fahren – niemand kommt auf Idee, ein Auto laufend einholen zu wollen (ausser vielleicht ein paar Bekloppte).

Wenn der Mensch aber die Züge des Rechners aufgrund der grossen Rechentiefe nicht mehr nachvollziehen kann, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Rechner werden abgeschafft (was unwahrscheinlich ist, da sie mindestens als „Trainer“ genutzt werden) oder es beginnt das grosse Betrügen wie in anderen Sportarten das Doping. Die Versuchung ist einfach zu gross.

Köppnick 12/10/2006 07:47:56 PM

Das große Betrügen hat schon begonnen und es arbeitet sich mit gewachsener Spielstärke der Computer von den schlechten zu den guten Spielern durch:

Im Fall von Kramnik ist der Vorwurf wahrscheinlich falsch, aber allein die Tatsache, dass es für möglich gehalten und nicht sofort als absurd zurückgewiesen wird, zeigt die Einschätzung der Großmeister.

steppenhund 12/07/2006 10:41:17 AM

„Dabei hat Schach weder bei Menschen noch bei Maschinen etwas mit Intelligenz zu tun, jedenfalls nicht, wenn man Intelligenz als die Fähigkeit zum Lösen neuartiger Aufgaben definiert.“

Wenn ich diese Definition heranziehe, sind 99% der Menschen n i c h t intelligent. Wer intelligent ist, sind kleine Kinder, die durchaus instande sind, Aufgabenlösungen zu erfinden, für die sie in der Regel bestraft werden. Beispiel. Etwas Unerreichbares steht auf dem Tisch. Das Kind zieht am Tischtuch, bis alles zu Boden fällt und es das begehrte Teil erreichen kann. Großes Gezeter der Erwachsenen für eine wirklich intelligente Handlung.
Später gibt es nur mehr eine ganz, ganz kleine Schar von Menschen, die wirklich neue Probleme lösen kann. Manchmal ist es auch nur eine Frage des Wollens. Ich stelle fest, dass sogar schon die Studenten manchmal zu faul sind, sich mit der Lösung eines Problems überhaupt auseinander zu setzen.
Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang der Turing Test, der nicht mehr allgemein als Test für künstliche Intelligenz anerkannt wird.

Man muss sich hüten, Intelligenz nur dann begrifflich zuzulassen, wenn sie auf die gleiche Weise wie beim Menschen zustande kommt. Das ist eine ebensolche Hybris, wie sie zB dann entsteht, wenn man den Menschen, die Erde, die Sonne als den Mittelpunkt der Welt betrachtet. Wir haben schon eine ganze Reihe dieser Exklusivansprüche verloren.
Ein Antiblockiersystem beim Auto reagiert „quasi intelligent“. Es kann nur eine Funktion ausführen. Diese macht es aber genauso wie der Mensch. Nur sind auch hier nur ein Bruchteil der Menschen imstande die Überlegung zum optimalen Bremsen selbst durchzuführen. Es wurde einfach gelehrt. Heute lehrt man, fest drauf, weil davon ausgegangen wird, dass der Wagen ein ABS hat.
Das trifft schon ein bisschen die Vorstellung des letzten Absatzes.
Ist es nicht viel besser, uns Hilfsmittel für die Gebiete zu schaffen, die uns zu langweilig sind, die ermüdendes und monotones aber gleichzeitig übergenaues Arbeiten erfordern oder die in gefährlicher Umgebung zu verrichten sind?

Ich kann nicht behaupten, dass die KI notwendig ist für das Fortkommen der eigenen Spezies, siehe

Wenn wir auf diesem Weg irgendwann en passant über intelligentes Verhalten der Blechtrottel stolpern, auch gut, aber für unser eigenes Fortkommen als Spezies ist das nicht unbedingt das primäre Ziel.

Doch alle anderen Methoden versagen bisher. Wir finden selbst keine Wege um Kriege auf sinnvolle Weise zu vermeiden, wir sind nicht instande einen Nahrungsausgleich durchzuführen. Wir sind nicht instande, politisches Handeln im Sinne einer Allgemeinheit genau dieser Allgemeinheit schmackhaft zu machen. Und es ist nicht abzusehen, dass unsere normale Entwicklung, welche durch Grundintellekt und Ausbildung verbessernd wirken kann, wirkliche Fortschritte macht.
Als Kulturpessimist würde ich mich eher an den Gegenbeweis machen.
KI hat schon ein Ziel, uns zu zeigen, wie wir selbst besser unser Denken verstehen können.

Ich stimme der oben geäußerten Feststellung zu, dass Schach nichts primär mit Intelligenz zu tun hat. Bildmustererkennung passt schon. Nur ist Bildmustererkennung selbst ein hochkomplexes Gebiet, welches mit Maschinen gar nicht so leicht zu bewältigen ist. Man benötigt tatsächlich sehr viel „intelligentes“ Programm, um uch nur einfache Aufgaben zu lösen.
Aber sei es so.
Ich weiß ja auch nicht, wie ich selbst denke. Bei komplexen Problemen überlege ich über die Prämissen, schaufle sie hin und her und vergesse sie am besten. Das Unterbewusstsein rechnet dann und plötzlich ist die Lösung da, die nur mehr „intellektuell“ verifiziert werden muss. Zweimal habe ich während meiner Schulzeit auch Probleme im Traum gelöst. Schwierige. Bei Nummer eins war bei einem Problem der 12. Klasse ein Lehrinhalt der 7. Klasse notwendig. Das Unterbewusstsein hat ihn aufgespürt. Selber hätte ich nicht danach aktiv suchen können.
Also ich weiß nicht, wie mein Unterbewusstsein rechnet. Offen gestanden, könnte ich ja anzweifeln, intelligent zu sein. Ich verlasse mich auf eine Maschine innerhalb von mir, die ich nicht beeinflussen kann.
Im Prinzip ist das genau dasselbe was ich im Computer beim Programmieren mache. Ich gebe Lösungsregeln an und lasse den Computer damit eine ganze Lösungsmengenwelt aufspannen.
Dass der Computer weit mehr Lösungsraum hat, als ich beim Programmieren festzulegen scheine, macht auch das Testen von Computerprogrammen so schwierig.
Es gibt aber auch die Computerprogramme, die im Falle von zB Prolog mit einer Inferenzmaschine arbeiten. Das würde dem Modell des Unterbewusstseins entsprechen. Ich kann ja nicht sagen, ob mein Unterbewusstsein „alle“ Möglichkeiten durchspielt oder nur sinnvolle.

Ein starker Großmeister kann werden, wer mit dem Lernen dieser Sprache im Alter von vier Jahren beginnt und dann die nächsten 10 bis 20 Jahre fanatisch bei der Sache bleibt. Außer einer zweifellos fürs Schach notwendigen Grundbegabung hat das nicht viel mit Intelligenz zu tun.
Diese Aussage halte ich mit Verlaub gesagt für einen Holler. Sie trifft zwar in der großen Mehrzahl zu, ist aber nicht bewiesen, kann auch gar nicht bewiesen werden.
Ich kenne jedenfalls internationale Grossmeister, die erst min zehn begonnen haben zu spielen.

Der Vergleich mit Word, Excel und Access gefällt mir sehr. Zwar ist Word für die Eingabe etwas hochdimensioniert – Notepad träfe es auch – doch die funktionale Teilung ist zielführend.
Nur gibt es dabei ein Problem in der Beweisführung. Mit Excel kann ich mehr Probleme lösen – auf einem logisch-mathematischen Gebiet – als sie dem Durchschnittsbürger sein ganzes Leben begegnet. Und da braucht Excel noch gar nicht zu wissen, welche Probleme das sein werden.
Im Prinzip kommt hier dem „Programmieren“ nur die Aufgabe zu, um die sich die Menschen immer erfolgreicher drücken: nämlich Textgleichungen. Aus dem kann man sogar ableiten, dass die Menschen im Verlaufe der Zeit dümmer werden.
Ich nahm an einem Eignungstest teil, bei dem unter anderem Textgleichungen zu lösen waren. 10 Stück. Bei der letzten konnte ich die Lösung nicht mehr anklicken, der Computer hatte schon zeitgesteuert weitergeschaltet. Nach ich war vielleicht sauer – über mich.
Nachher bei der Auswertung instruierte uns der Testleiter, dass gerade bei diesen Aufgaben der Solllösungswert für 100% OK Auswertung beim Lösen von 4 Aufgaben bestand. Mit 4 gelösten Aufgaben hatte man 100% erreicht, während !!! vor 5 Jahren der Sollstand bei 8 Aufgaben lag.
Zeitlich war es so vorgegeben, dass man acht Aufgaben hätte lösen müssen, um 100% zu erreichen. Die weiteren Aufgaben waren nur da, um Stress zu erzeugen. Es war durchaus möglich alle 10 Aufgaben zu lösen, aber der Standard der Referenzgruppe, die alle für einen hochwertigen Job als geeignet erschienen, war in den letzten 5 Jahren gefallen.
Das ist ein erschreckendes Phänomen. Aber solche Vorkommnisse fallen mir immer ein, wenn über die Art und Durchführung von Berechnungen zur Abwertung der maschinellen Intelligenz argumentiert wird.
Ich kann nur empfehlen, selbst einmal ein Schachprogramm zu programmieren. Es gibt Bücher, die ein Anleitungsgerüst vorgeben. Es ist heute kein Geheimnis mehr, wie man die Modellierung der Schachstellungen erzeugt.
Dann stellt sich rasch heraus, dass der Computer nicht einfach jede Stellung ansieht, ob sinnvoll oder nicht. Die Kunst besteht in der Bewertungsfunktion von Stellungen und die ist nicht nur vom Material sondern auch von der Position und Entfaltungsmöglichkeit der Figuren abhängig.
Und wenn wir von Bewertungen sprechen, wird der Computer auf einmal hyperintelligent in Vergleich mit uns Menschen, die wir mit „Ausländer-raus“, „Schwarze)Drogendealer“, etc. als vorgefasste Bewertungsmuster in unser Lebensmodell ziehen.

Köppnick 12/07/2006 05:09:02 PM

In der Tat ist Intelligenz ein problematischer Begriff, man muss sicher auch unterscheiden zwischen intelligenten Lösungen und intelligenten Lösern.

Die Handvoll Großmeister, die ich bei kleineren Turnieren getroffen und mit denen ich gesprochen habe, sind von durchschnittlicher allgemeiner Intelligenz. Keinesfalls intelligenter als mittelgute Wissenschaftler.

Bei der Erwähnung des Computertomographen habe ich auch einen wesentlichen Teil unterschlagen. Man hat die Tomogramme der Großmeister nämlich mit denjenigen von starken normalen Spielern (also im 2200-2300er Bereich) verglichen. Bei diesen waren andere Gehirnregionen aktiv, nämlich die für logisches Kombinieren. Das ist der entscheidende Unterschied: Die Großmeister spielen quasi mit ihrer Gehirnhardware, sie sehen die richtigen Züge, während alle anderen mühsam nach ihnen suchen und rechnen müssen. Das dauert länger und ist fehleranfälliger.

Das deckt sich übrigens mit vielen anderen Forschungsergebnissen. Experten auf einem Gebiet sind meistens nicht intelligenter als viele ihrer Kollegen, sie haben nur sehr viel mehrZeit, fanatischer und intensiver auf ihrem Gebiet gearbeitet. Das bedeutet, dass ihr Gehirn auf neuronaler Ebene besser angepasst ist.

steppenhund 12/07/2006 06:40:20 PM

Das könnte ja meine These unterstützen, dass „die angepassten“ Gehirnwindungen die sind, welche das Unterbewusstsein ausmachen.
Ich stehe da mit meiner Meinung nicht allein da. Ich habe einmal mit meinem Chef über Problemlösungskapazitäten gesprochen und er hat für sich selbst genau das gleiche Modell aufgestellt.
Hat er ein schwieriges Problem, setzt er sich ins Kaffeehaus, schreibt sich vielleicht die Prämissen auf ein Blatt Papier, dann liest er Zeitung oder macht sonst was. Nach einer Viertelstunde denkt er wieder an das Problem und es fällt ihm eine Lösung ein:)
Das klingt wie eine kleine Aufschneiderei, aber es ist wirklich nachvollziehbar. Beispiel für Ungläubige: man erinnert sich zB an einen Namen nicht. Er liegt „auf der Zunge“. Etwas weggedacht, und plötzlich stellt sich der Name von allein ein.

steppenhund 12/07/2006 06:45:59 PM

Die Geschichte mit der Mustererkennung könnte auch erklären, warum Go als so viel schwierigeres Spiel gilt. (Meinung auch von Schachweltmeister Emanuel Lasker)
dort gibt es 19*19 Kreuzungspunkte (=361) und auch wenn es kein Ziehen sondern nur Setzen gibt und alle Steine gleich aussehen, sind die Mustervarianten einfach größer.
Go hat aber auch die „feinere“ Ethik.
Während man beim Schach danach trachten muss, den Gegner zu killen, versucht man beim Go nur zu gewinnen. Sehr gute Go-Spieler werden den Gegner nicht deklassieren sondern ihm nur ein paar Punkte abnehmen, sodass das Gesicht gewahrt bleibt.
So hat das einmal in Japan gegolten. Ob es heute noch bei der starken chinesischen und koreanischen Konkurrenz so gehalten wird, weiß ich nicht.

steppenhund 12/07/2006 06:47:45 PM

kleiner Nachtrag zum Schach:
in der Zeit 49 gibt es ein Schachproblem (Dreizüger, nicht sehr schwierig), indem alle möglichen Formen der Rochade vorkommen, also zwei für weiß, zwei für schwarz. Wenn man das so serviert bekommt, ergibt sich die Lösung quasi sowieso von selbst. Aber Anschauen lohnt sich.

Köppnick 12/07/2006 09:45:12 PM

Klar ist das so. Das „Sehen“ des richtigen Zuges ist ja genau dieser Vorgang. Die komplette Wahrnehmung der Stellung bis zum Auftauchen des „richtigen“ Zuges verläuft bei den Großmeistern unbewusst. Sehr viele berichten, dass sie ihre Entscheidung bereits nach wenigen Sekunden treffen und nur selten nochmals korrigieren. Sie verwenden aber die durchschnittlich 3 Minuten, um die Konsequenzen durchzurechnen – und bereiten damit ihr Unterbewusstsein bereits auf die nächste Stellung vor.

kranich05 12/10/2006 05:11:36 PM

richtig interessant Eure Diskussion, sagt ein blutiger Schachlaie.

Ich hab paar Monate lang lebhaft Schach gespielt. – Damals war ich bei der NVA und habe Vergleichskämpfe der Schachmannschaft unserer Kompanie mit der Mannschaft meiner ehemaligen Schule organisiert. So kam ich an ein paar zusätzlichen Wochenenden nach Hause und zu meiner Liebsten.

Später fand ich nur noch diesen Spruch des Philosophen Georg Klaus überzeugend:
„Für Spiel zuviel Ernst,
für Ernst zuviel Spiel.“

Er war ein Gegner der reinen Glücksspiele, -weil dort nur der Zufall regiert.
Er schätzte Schach nicht, – weil dort die mechanische Determiniertheit regiert.
Er liebte Skat, weil sich dort, wie im Leben, Zufälle und Notwendigkeiten mischen.

steppenhund 12/10/2006 05:36:36 PM

Das ist einmal ein vernünftiger Grund, Schach zu spielen. Das Schach als Möglichkeit, öfters zur Liebsten zu kommen, legimitiert es vollkommen.
In der Regel ist es genau umgekehrt, das Schach behindert soziale Kontakte mit Ausnahme der zu anderen Schachspielern.

Köppnick 12/10/2006 06:50:05 PM

Keine Ahnung, ob das bei den anderen Kneipen“sport“arten auch so ist, als da sind: Dart, Kegeln und Billard. Jedenfalls wird in Spiellokalen Bier getrunken, aber es darf nicht (mehr) geraucht werden. Und das allerbeste: Handyklingeln während eines Spiels bedeutet sofortigen Partieverlust. Wäre das nur an anderen Stellen auch so.

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