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Malcom Gladwell: Überflieger

Auf dem Einband meines Exemplars prangt ein Aufkleber „Der Nr.1-Bestseller aus den USA“. Das war aber nicht der Kaufgrund, sondern ich hatte in einer Rezension gelesen, dass es im Buch längere Abschnitte über Christopher Langan geben soll. Ich war wegen seiner CTMU auf ihn aufmerksam geworden und der dazu in offensichtlichem Widerspruch stehenden Tatsache, dass er sein Studium abgebrochen, lange Jahre als Türsteher gearbeitet und auch heute noch keinen wirklichen Zugang zur Scientific Community hat.

Im Auftrag der Nachrichtensendung 20/20 legte ein Neuropsychologe Langan einen herkömmlichen Intelligenztest vor; das Ergebnis war buchstäblich unfassbar und zu hoch für eine genaue Bestimmung. Bei einer anderen Gelegenheit unterzog sich Langan einem Intelligenztest, der speziell für hochintelligente Menschen entwickelt wurde. Er beantwortete alle Fragen bis auf eine.


An der Uni scheiterte Langan; die Gründe, die er selbst angibt, erscheinen äußerst seltsam. Seine Mutter hatte es einmal versäumt, einen Stipendienantrag auszufüllen, ihm selbst gelang es nicht, Seminare auf bessere Termine zu legen, ein Mathematikprofessor hielt ihn für zu dumm für Mathematik. Was sich hier und in dieser Verkürzung äußerst merkwürdig anhört, wird im Buch ausführlicher erläutert und dient dort zur Illustration einer der Hauptthesen des Autors, dass Erfolg im Leben nicht vom IQ, sondern von den sozialen Verhältnissen, von einer genügend langen Beschäftigung mit dem eigenen Thema und von einer gehörigen Portion Glück abhängt.

Als unmittelbare Vergleichsperson zu Langan nennt Malcom Gladwell den Physiker Robert Oppenheimer, der seinerzeit das Manhattanprojekt geleitet hat und so zum „Vater der Atombombe“ wurde. Ich wusste nicht, dass Oppenheimer als junger Wissenschaftler versucht hat, seinen Doktorvater, den späteren Physiknobelpreisträger Patrick Blackett, zu vergiften. Im Unterschied zu Langan entstammte Oppenheimer einer Familie der Mittelschicht, so hatte er in den entscheidenden Momenten die soziale Kompetenz, die wichtigsten Menschen für sich einzunehmen. Nach dem Mordanschlag kam er nicht ins Gefängnis, sondern in psychiatrische Behandlung; bei den Bewerbungen für das Manhattanprojekt gelang es ihm, General Groves von seinen Fähigkeiten zu überzeugen.

Gladwell ist der Meinung, dass man zum Beispiel für das Gewinnen eines Nobelpreises nicht der Intelligenteste sein muss, es reicht aus, genügend intelligent zu sein. An dieser These ist etwas dran, das belegen zum Beispiel die Untersuchungen von Lewis Terman (auch wenn dieser selbst vom Gegenteil überzeugt war). Terman hatte über Jahrzehnte das Leben einiger extrem Hochbegabter untersucht, und entgegen seinen Grundannahmen waren diese nicht erfolgreicher als andere in ihrer sozialen Schicht und Berufsgruppe. Nobelpreisträger waren keine darunter, im Gegenteil, später bekamen zwei Personen Nobelpreise, die Terman wegen nicht ausreichender Intelligenz aus seinen Gruppen ausgeschlossen hatte.

Wichtiger ist es laut Gladwell, sich ausreichend lange mit „seinem“ Thema zu beschäftigen. Von der 10000-Stundenregel habe ich auch schon an anderer Stelle gelesen: Völlig unabhängig vom Fachgebiet, ob Eishockeyspieler (im Buch: kanadische und tschechische Profis), Musiker (Beispiel im Buch: die Beatles), Softwareentwickler (Bill Gates) oder Anwalt (der in Europa unbekannte Joe Flom), weltweit anerkanntes Expertenniveau erreicht man erst nach rund 10.000 Stunden der Beschäftigung oder des Übens.

Im Buch dient Gladwell u.a. eine Studie über Violinspieler als Beispiel:

Die Angehörigen aller drei Gruppen hatten mehr oder weniger im gleichen Alter begonnen, nämlich mit etwa fünf Jahren. Anfangs hatten alle mit rund zwei oder drei Stunden pro Woche etwa gleich viel geübt. Doch im Alter von acht Jahren ergaben sich die ersten erkennbaren Unterschiede. Die Studenten, die heute zur Gruppe der Besten gehörten, begannen intensiver zu üben als die anderen: im Alter von neun Jahren etwa sechs Stunden, im Alter von zwölf etwa acht, im Alter von 14 rund 16 Stunden pro Woche und so weiter, bis sie im Alter von 20 Jahren mehr als 30 Stunden pro Woche übten mit dem erklärten Ziel, ihr Spiel zu verbessern. Im Alter von 20 Jahren hatten diese Elitemusiker und -musikerinnen insgesamt rund 10.000 Stunden geübt. Im Gegensatz dazu kamen die »guten« Studierenden nur auf etwa 8.000 Stunden Spielpraxis und die künftigen Musiklehrer auf knapp über 4.000.

Offenbar steckt hinter der 10.000-Stundenregel eine anthropologische Konstante, die unabhängig vom Fachgebiet nicht wesentlich kleiner oder größer sein kann. Aber ich habe trotzdem mehrere Einwände: Was ist mit dem Argument, dass zur Begabung auch das brennende Interesse am eigenen Thema gehört, das diese Menschen dazu bringt, sich einer harten Ausbildung zu stellen? Und warum sollte nicht diese größere Begabung die Betreffenden zu schnelleren und größeren Erfolgen führen, die sie wiederum die Motivation gewinnen lässt, noch härter weiterzuarbeiten? Das erklärt nämlich auch die empirisch bestätigte Erkenntnis, dass aus der Gruppe der weniger Erfolgreichen niemand mehr geübt hat als die anderen derselben Gruppe. Damit werden Begabung und Übungszeit beide sich wechselseitig bedingende Ursachen und Folgen des jeweils anderen.

Für die mangelnde Vorhersagekraft des IQ für den beruflichen Erfolg findet man auch leicht eine Erklärung, wenn man sich im Detail ansieht, wie diese Maßzahl gewonnen wird: Es werden (nach Möglichkeit) wissensunabhängige logische Aufgaben gestellt, die in begrenzter (kurzer) Zeit gelöst werden sollen und deren Lösung vorab eindeutig feststeht. Das lässt keinen Raum für Kreativität, trifft aber auf schulisches Lernen stark zu, ganz besonders auf Mathematik. Und folgerichtig korreliert der IQ auch am stärksten mit der Note in diesem Fach. Genau zu diesem Zweck wurde diese Maßzahl seinerzeit auch entwickelt, nämlich um die Schulfähigkeit von Kindern zu beurteilen.

Ein weiterer Einwand gegen Gladwells These eines nur genügend hohen IQ (den er mit 120 annimmt) ist meiner Meinung nach, dass dieser Schwellwert mit Sicherheit fachabhängig ist: Je mehr die Aufgaben in einem Beruf oder einer Beschäftigung denjenigen der Testaufgaben ähneln, desto eher sollte sich doch eine Korrelation mit dieser Maßzahl zeigen. Für Sportler oder Künstler ist es in der Tat egal, aber ich bezweifle, dass das für Fields-Medaillengewinner, Physiknobelpreisträger oder Spitzeninformatiker ebenso gilt (Bill Gates, Steve Ballmer und Paul Allen sind alle drei Meganer). Interessant ist in diesem Zusammenhang die Theorie der multiplen Intelligenzen von Howard Gardner. In der „Zeit“ findet sich ein Interview mit ihm: Der Kopfzerbrecher. Von seinen Fachkollegen hat er für seinen Ansatz viel Kritik eingesteckt. Mir scheint das allerdings mehr ein semantisches Problem zu sein. Wenn er nicht von „mutiplen Intelligenzen“ sondern von „multiplen Begabungen“ gesprochen hätte, dann wäre die Aufregung bedeutend geringer geblieben.

Die zentrale Aussage von Gladwell in seinem Buch ist, dass an den Überfliegern nichts Mysteriöses ist. Analysiert man jeden einzelnen Fall, dann findet man immer wieder dieselben Muster: Eine Umgebung in Elternhaus, Schule, Beruf und Freizeit, die die vorhandenen Talente bestmöglich fördert, eine intensive und harte Arbeit an den eigenen Fähigkeiten und zusätzlich in vielen Fällen der reine Zufall, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Daraus leitet er dann auch seine zentrale Forderung ab: Jedem Menschen die maximalen Chancen einzuräumen, seine Talente zu entwickeln.

Dazu vielleicht noch einmal zurück zu Chris Langan. Die meisten werden keine rechte Vorstellung davon haben, was ein IQ von 200 bedeutet. Hier kann man sich Beispiele überlegen, die auf der originalen Definition des IQ beruhen: Intelligenzalter geteilt durch Lebensalter. Man muss sich einen Zehnjährigen vorstellen, der von seiner Umwelt ständig dazu gezwungen wird, sich in der Welt der Fünfjährigen zu bewegen, in den Kindergarten zu gehen und deren Bilderbücher anzuschauen.

Eine Frage bleibt im Buch für mich unbeantwortet: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Erfolg und persönlichem Glück(lichsein)? Ich habe den Eindruck, Malcom Gladwell geht davon aus. Aber der erfolgreiche Oppenheimer war sicherlich eine lange Zeit seines Lebens genauso wenig glücklich wie Langan es heute wahrscheinlich ist. Und auch Chris Wayans Bericht Prodigies‘ Oddities spricht diesbezüglich Bände.

Kommentare
bl 02/16/2009 10:09:35 AM

Falls das mit den 10000 Arbeitsstunden stimmt, habe ich hier etwas, was diesen Prozess unheimlich beschleunigt (naja, nur für den, der es wahr-nehmen kann):

Einen reinen Gedanken 17 Sekunden lang zu halten, entspricht einer Arbeitsleistung von 2000 Stunden. Einen reinen Gedanken 34 Sekundenn zu halten, entspricht einer Arbeitsleistung von 20.000 Stunden. Einen reinen Gedanken 51 Sekunden zu halten, entspricht einer Arbeitsleistung von 200.000 Stunden und einen reinen Gedanken 68 Sekunden zu halten, entspricht einer Arbeitsleistung von 2.000.000 Stunden.

Das sagt Abraham über die Kraft der makellosen Fokussierung oder Vision. Der Punkt ist, den Gedanken – die Vision oder Fokussierung – rein zu halten, d.h., es dürfen keine kontraproduktiven Überzeugungen dagegen stehen – kein einziger Widerstand. Das ist die Schwierigkeit bei diesem Tun, denn sie setzt Selbsterkenntnis voraus, zu wissen, wovon man überzeugt ist, was man glaubt und die Fähigkeit, kontraproduktive Überzeugungen zu neutralisieren.

So wird man genial! -)

(abraham-hicks.com)

Köppnick 02/16/2009 10:54:02 AM

Ich bin ein großer Freund der Falsifikation und des Beweises. Abraham Hicks könnte dazu Folgendes tun:

  • Er stellt sich auf eine Konzertbühne, hält 30 Sekunden lang seinen reinen Gedanken und spielt dann die geschätzt 50 Stücke, aus denen das Repertoire eines großen Konzertgeigers besteht.
  • Oder, alternativ: Nach 30 Sekunden eines reinen Gedankens verfasst er einen physikalischen Artikel, wonach ihn das Nobelpreiskommittee ganz spontan und begeistert für den nächsten Nobelpreis vorschlägt.

… Ein bischen muss man auch bei alternativen Sichtweisen darauf achten, dass sie mit der von allen Menschen beobachteten Realität übereinstimmen.

Talakallea Thymon 02/16/2009 09:18:46 PM

und wenn es dann doch nicht klappt mit den 50 repertoirestücken oder dem nobelpreisartikel — dann ist der gedanke eben nicht rein genug gewesen.

bl 02/17/2009 11:37:25 AM

Probieren geht über studieren!

Probier doch einfach mal aus, einen Gedanken oder ein Bild auch nur 17 sek. lang glasklar zu halten…

Und ja, die Gedanken und Vorstellungen des Menschen sind so verworren, dass es einige „Zeit“ braucht, bis sich etwas bewegt. Das ist natürlich für Wesen wie Abraham kein Problem. Und ich glaube, dass Dir sein „physikalischer Artikel“ nicht gefallen würde – wenn er einen verfassen würde. Möglicherweise müsstest Du all Dein so gesichertes „physikalisches“ Wissen über Bord werfen… -))

Ups!

Köppnick 02/17/2009 01:36:32 PM

Ich glaube, du hast eine falsche Vorstellung davon, was Physik ist. Physik ist die Beschreibung von Beobachtungsergebnissen und Experimenten, sodass *andere* diese Experimente nachvollziehen können. Alles andere ist keine Physik. Gleiches gilt für die Chemie, die Biologie und zum Beispiel die Neurophysiologie, also für alle Naturwissenschaften. Deshalb ist Abraham kein Naturwissenschaftler, ihm fehlen schlicht dafür das Wissen und die Methodik.

Wenn zusätzlich der subjektive Standpunkt des Einzelnen eine Rolle spielt, dann kommt man mit der Psychologie und der Medizin noch ein Stück weiter, Stichwort: Placebo. Alles, was darüber hinausgeht, ist und bleibt persönlicher (religiöser) Glaube. Kann man haben, muss man aber nicht.

Das ist kein Urteil über Abrahams sonstige menschliche Fähigkeiten, sondern nur über seinen möglichen Beitrag zu den exakten Wissenschaften.

steppenhund 02/19/2009 01:41:11 PM

Die Geschichte mit den 10.000 h kommt mir systemisch durchaus vertraut vor.
Es gibt eine statisch gefundene Tatsache, dass die Gesamtsumme der Fehler in einem Programm nicht von der Komplexität sondern von der Anzahl der Code-zeilen abhängt.
Ich weiß, dass sich das verrückt anhört, doch einerseits sind die statistischen Quellen mittlerweile hinreichend belegt (IBM-Studien), andererseits liege ich mit meinen Fehlermodellen in der Regel in einem Genauigkeitsbereich von +/- 20%. Manchmal will es mir scheinen, dass es sich wie Voodoo-Zauber anhören muss, denn in der Gesamtzahl der Fehler sind auch diejenigen enthalten, die bereits in der Analyse/Design-Phase enthalten sind. Zu diesem Zeitpunkt muss ja noch gar nicht feststehen, in welcher Sprache das Programm dann geschrieben wird. (Das hat für mich so etwas wie eine quantentheoretische Unschärfe an sich:)
In das Modell gehen noch so viele andere Parameter ein, dass es schwer zu glauben ist, dass wirkliche Aussagen getroffen werden können. Tatsächlich ist die Aussage aber eine Motivation, die Sprache zu verwenden, welche den höchsten Meta-Grad hat: also C>Assembler, Java>C, bestimmte proprietäre Sprachen aus dem ERP-Bereich>Java und auch Smalltalk.
Eine der wesentlichen Vorgangsweisen besteht darin, dass man einen Ansatz trifft und den nach 10-20% der geleisteten Test- und Fehlerfindearbeit hinsichtlich der Parameter verfeinert.
Die zwei besten Vorhersagen hatte ich bisher bei einem Euroeinführungsprojekt: zu Beginn des Projekts: 6000-12000 Fehler, nach drei Monaten Festlegung auf 6000 Fehler, nach Ablauf des Projekts, insgesamt neun Monate waren 6023 unique Fehler gemeldet und die meisten gefixed.
In einem anderen Projekt, Portierung plus neue Funktionalitäten wurde ich nach der Fehleranzahl im ersten Jahr gefragt. Ich gab die theoretisch errechnete Zahl von 221 an, (ohne eine Rundung auf 200 vorzunehmen) und nach einem Jahr waren 209 code-bedingte Beanstandungen verzeichnet.
Ich stimme dir daher sehr gerne su, wenn Du die 10000 für eine anthropologische Konstante hältst.
Beim Musizieren gibt es vermutlich auch eine Zahl, wie oft man eine schwierige Stelle durchspielen muss. Da ich nicht konzertieren muss, gebe ich meistens mit vermutlich ungefähr 120 bis 150 mal zufrieden. Das dauert dann beim Üben auch schon einige Stunden:)

Köppnick 02/19/2009 09:22:25 PM

Irgendwann habe ich mal eine Abschätzung (von Microsoft) gelesen, dass zu Beginn in jeder 7. Zeile ein Fehler steckt. Pro Fehlerbeseitigungsdurchlauf werden etwa 30% der Fehler beseitigt. Bei WindowsNT schätzte man aufgrund von 2-3 Millionen Zeilen und 20-30 Iterationen eine verbliebene Fehlerzahl von etwa 2000. Die meisten der Fehler werden nie auftreten, weil die Kombination der Bedingungen zu exotisch ist. Das ist auch der Grund, warum sich viele Abstürze niemals aufklären lassen.

Eine der Hauptaufgaben von Softwaredesign dürfte in der Zukunft darin bestehen, die Systeme fehlertolerant zu gestalten, denn die Codegrößen gehen ja immer mehr in die Höhe. Und irgendwann sind wir mal bei Milliarden bis Billionen Codezeilen. (Es ist ja nicht so, dass automatisch geschriebener Code fehlerfrei werden wird.)

———

Wie häufig man ein Stück „üben“ muss, bis es „sitzt“ interessiert mich sehr, weil ich da keine Vergleichswerte habe, 150mal? Wenn man also ein Stück (zusammen mit 3 anderen) an einem Tag 10mal wiederholt, ist man nach 2 Wochen einigermaßen firm? Für einzelne Passagen (bei mir reichen da schon 3 Noten, die durch ein Legato verbunden sind) brauche ich manchmal geschätzt 1000 Wiederholungen, bis ich im Stück fehlerfrei drüberweg spielen kann. Also jeden Tag 50mal nur die drei Noten, dann 10mal das ganze Stück.

steppenhund 02/19/2009 10:14:17 PM

Ich habe von einer Fehleranzahl von 65000 bei WindowsNT gehört. Diese Zahl passt mit deinen Angaben gemäß meinem Fehlermodell vollkommen.
2000 verbleibende Fehler bedeuten eine Restfehlergüte von 3.3%. Das ist nach Capers T. Jones „best in world class“. (Weniger als 3% bekommt man nur mit extrem hohem, kommerziell nicht vertretbarem Testaufwand.)
In Bezug auf die LOC bedeutet das einen Wert von 26 Fehlern auf 1000 LOC (annahme 2,5*10^6 LOCs)
Das ist ein Wert für gute Programmierung und einen guten Softwareentwicklungsprozess.
(18-30 Fehler/1000 LOC)
50-70 Fehler/1000 LOC ist durchaus möglich bei ungeübten Programmierern oder solchen, die sich in einer neuen Umgebung zurechtfinden müssen.)
(6-18 Fehler sind in einer Umgebung möglich, wenn die Programmierer gleichzeitig die gesamte Business Domain Übersicht haben und außerdem extrem gut sind.)

Das mit den drei Noten war eine Übungsmethode von Svatoslav Richter, glaube ich einmal gehört zu haben.

Also das „Sitzen“ eines Stückes hängt sehr stark von der Affinität des Spielers mit dem Stück zusammen, möchte ich meinen.
Neben dem rein technischen Aspekt spielt der musikalische eine große Rolle. Wie weit beherrscht man das Stück im Kopf. Könnte man die Noten aufschreiben, wenn man es müsste. Häufig macht man die Fehler auch an einer Stelle, die gar nicht so schwer ist, weil man von ein paar Takten vorher geistig so überstrapaziert ist.
Bei dem Brahms, den ich gerade übe, fallen mir einige Stellen leicht, die anderen sicher schwer fallen, dafür plage ich mich manchmal an 12 Takten ab, die durchaus mechanisch zu üben sind. Das Problem ist bei den Takten, dass die Hand übergreifen muss. Und ich bin noch nicht schnell genug, aus der Situation gerade zu wissen, wo der nächste Ton sitzt. Im Kopf weiß ich es, aber im Körper noch nicht. Man sagt ja, dass man beim Klavierspiel mit dem Rückenmark denkt…
Und jetzt gehe ich üben. Vielleicht klappt es ja heute:)

Talakallea Thymon 02/19/2009 09:37:08 PM

Ich glaube, das ist eine zu mechanische sichtweise. das hängt sicher von der art der schwierigkeit ab (nicht allein vom grad) und von der individuellen veranlagung (auf der querflöte etwa fallen dem einen die einen und dem anderen die anderen griffkombinationen schwerer). und schließlich dürfte es mit bloßem wiederholen der schwierigen passage auch nicht getan sein. das problem, ein musikinstrument zu lernen, ist sicher nicht (nur) algorithmisch zu lösen, nicht einmal in den rein technischen bereichen.

Gregor Keuschnig 02/19/2009 09:43:40 PM

Erinnert ein bisschen an Richard Sennetts emphatischem Plädoyer für das Üben, für die im allgemeinen so geschmähte Routine in seinem Buch „Handwerk“. Übung ist für ihn nicht sture, mechanische Wiederholung, sondern essentiell zum Erlernen einer Fertigkeit. Sennett kommt nachher zur Quintessenz, dass jeder ein guter „Handwerker“ sein kann, was ihn dazu veranlasst zu behaupten, dass Menschen mit einem IQ von 85 „durchaus mit denselben Problemen fertig werden wie die Masse der Intelligenteren“.

Talakallea Thymon 02/19/2009 09:49:07 PM

… das wiederum erinnert mich an den wahrscheinlich gar nicht so paradoxen spruch: „dumm kann man ruhig sein, man muß sich nur zu helfen wissen.“

und wer weiß denn schon, was für einen IQ er oder sie hat? womöglich laufen selbst an den hochschulen weit mehr leute mit IQ 85 herum als gemeinhin angenommen. und die fallen gar nicht auf.

wie mißt man eigentlich die intelligenz eines idiot savant?

steppenhund 02/19/2009 11:19:32 PM

Ist alles nur eine Frage der Zeit, die zugestanden wird:)

Köppnick 02/20/2009 05:21:37 PM

Das klassische Alltagsbeispiel des notwendigen Übens ist das Autofahren. Das bekommt (fast) jeder hin, wenn er es immer und immer wieder tut, irgendwann läuft es automatisiert und unbewusst von allein. Aber der Ansatz, Talent durch Übungszeit zu ersetzen, hat seine Grenzen. Das gilt für den Sport genauso wie für den Intellekt. Spätestens, wenn die geschätzte Übungszeit die eigene Lebenszeit überschreitet, wird eine theoretische Grenze überschritten, praktisch schon viel eher.

Was Hochschulen und IQ 85 betrifft: Es gibt ja Länder, bei denen mehr als 50% eines Jahrgangs studieren. Da müssen schon wegen der Definition des IQ einige mit Werten kleiner 100 dabei sein und wegen der Streuung auch ein paar im angenommenen Bereich. Leicht werden sie es aber nicht haben, weil es ja an der Hochschule weniger auf handwerkliche Fähigkeiten ankommt, mehr auf schnelles Verstehen.

Die Messmethode des IQ ist recht eindeutig, und man erhält bei Erwachsenen auch reproduzierbare Werte. Da das in der Psychologie wohl nicht so häufig ist, erklärt das sicher zu einem Teil die Beliebtheit dieser Maßzahl. In den beiden Extrembereichen, also <55 und >145 kann man eigentlich nicht mehr so richtig von „Messen“ sprechen, weil man die Tests nicht ausreichend kalibrieren kann. Deshalb sind die Werte für die „Idiot Savants“ genauso wie die für die „Genies“ grobe Schätzungen, die eigentlich auch wenig bis gar keine Aussagekraft haben. (Wobei ich den hohen Werten eine größere Genauigkeit als den niedrigen zuspreche, da hier die Probanden erstens das Konzept verstehen und zweitens ein Interesse an der Mitarbeit und den Ergebnissen haben.)

Vor einiger Zeit habe ich mal von einer Untersuchung der Professoren einer englischen Eliteuni gelesen, wo bei denen ein Durchschnittswert von 125 gemessen wurde. Für mich damals ein überraschend niedriger Wert (4 Millionen Deutsche würden besser abschneiden), aber es deckt sich mit den Behauptungen von Malcom Gladwell. Andere Persönlichkeitseigenschaften spielen eine ebenso große Rolle.

Für mich eine wichtige Frage, warum die Besseren nicht mehr aus ihren Fähigkeiten machen können, dazu sagt Gladwell ja nichts. Meine Hypothese: In einer normalen Schulklasse nützt einem ein besonders hoher IQ nichts, man ist dann noch mehr unterfordert. Andererseits ist das Überspringen von Klassen (wenn es überhaupt erkannt wird) auch problematisch, denn man könnte vielleicht dem Unterrichtsstoff und seiner Vermittlung folgen, aber man bleibt körperlich ja derselbe Kleine und verliert den sowieso schon schwierigen Kontakt zu den Altersgenossen. Die besonders Begabten machen alles mit links und lernen so das zielstrebige Arbeiten nicht, eine Fähigkeit, die ihnen später fehlt, wenn es auch für sie schwieriger wird.

Gregor Keuschnig 02/21/2009 00:12:32 PM

Fast jeder.

Metepsilonema 02/24/2009 00:33:25 AM

Für mich eine wichtige Frage, warum die Besseren nicht mehr aus ihren Fähigkeiten machen können, dazu sagt Gladwell ja nichts.

D.h. Konzepte wie emotionale Intelligenz werden nicht thematisiert? Das könnte durchaus eine Erklärung sein.

Köppnick 02/24/2009 08:03:47 AM

Doch. Er sieht ja den Unterschied zwischen Langan und Oppenheimer gerade in ihren unterschiedlichen sozialen Fähigkeiten. (Mir gefallen an „emotionale Intelligenz“ beide Begriffe nicht, also weder „emotional“ noch „Intelligenz“, dazu weiter unten mehr.)

Oppenheimer stammt aus einer Mittelschichtfamilie. Gladwell schildert an einigen Beispielen, wie Mittelschichtkinder aufwachsen. Es ist üblich, dass die Eltern mit ihren Kindern diskutieren, sie zu verschiedenen Aktivitäten ermutigen und begleiten, sich mit den Lehrern ihrer Kinder streiten und auch nichts dagegen haben, wenn die Kinder selbst deren Autorität hinterfragen. Langan hatte diese Unterstützung nicht, ihm fehlten später deshalb die Rollenvorbilder.

Zum Begriff der emotionalen Intelligenz: Soziale Fähigkeiten bestehen aus mehr als dem Leben und Erleben von Emotionen. Es gibt hier mit Sicherheit eine genetische Komponente (unterschiedlich hohe Empathiefähigkeiten), aber ein Großteil muss im Umgang mit anderen Menschen und nur dadurch erlernt werden. Darum gefällt mir „emotional“ nicht.

„Intelligenz“ wiederum ist eine Voraussetzung für den Erwerb von abstraktem Wissen. Man tut sich keinen Gefallen, wenn man die ziemlich strikte Definition (Intelligenz ist das, was der Intelligenztest misst) aufweicht, denn damit wurde tatsächlich eine Größe gefunden, die im Verlauf des Lebens ziemlich konstant bleibt, ziemlich erstaunlich in Anbetracht der Tatsache, dass man sie nicht unmittelbar sehen kann, so wie Körpergröße oder Augenfarbe.

Es gilt aber als relativ gesichert, dass die Veranlagungen für viele Fähigkeiten (genetisch bedingt) miteinander korreliert sind. Menschen mit höherer Intelligenz sind auch besser in der Lage, andere Menschen zu „dekodieren“ (sie sind „empathischer“). Beide Aspekte der Persönlichkeit müssen aber trainiert werden: Intelligenz muss zum Wissenserwerb genutzt werden, soziale Fähigkeiten erworben.

Vor diesem Hintergrund, der engen Korrelation der Anlagen, leuchtet es zunächst nicht ein, warum unter sonst gleichen Lebensumständen intelligentere Menschen nicht erfolgreicher sein sollen. Warum also IQ120 „ausreichend“ sein soll für das Erzielen von Spitzenleistungen. Aber dazu hatte ich ja im Artikel bereits Vermutungen geäußert – es ist sicher fachspezifisch und für einige Beispiele von Gladwell ist seine These schlicht falsch. Bill Gates ist nachgewiesenermaßen ein hochintelligenter Mensch und das ist ein Essential seines Erfolgs.

Meine These ist eine andere: Gladwells Kriterium ist Erfolg, der an Äußerlichkeiten gemessen wird. Wenn das Kriterium aber Glück ist, dann könnte zum Beispiel ein größerer Erfolg als nicht besonders erstrebenswert betrachtet werden, weil es nicht glücklicher macht. Zu dieser These passt auch die Beobachtung über die sogenannten Aufsteiger: Diese stammen aus Verhältnissen, wo es einem so schlecht ging, dass es noch eine Korrelation zwischen Erfolg und Glück gibt, es lohnt sich also zu kämpfen bzw. dieses Kämpfertum wird in der Jugend erlernt. Wenn man in bereits gesicherten Verhältnissen lebt, verschieben sich die Prioritäten.

Das Deprimierende an Gladwells Buch ist, und er thematisiert und problematisiert das auch, dass die soziale Herkunft eine größere Rolle als Intelligenz für den Lebenserfolg darstellt. Von Chancengleichheit für alle Menschen keine Spur.

Gregor Keuschnig 02/24/2009 08:20:07 AM

Von Chancengleichheit für alle Menschen keine Spur.
Wobei wir wieder bei der Definition von Chancengleichheit wären.

Kann nicht gerade die Ungleichheit Motor sein? Wie sieht es denn mit der Chancengleichheit hinsichtlich der Intelligenz aus? Selbst wenn sie keine dominierende Rolle spielen sollte (was ich auch glaube) – warum soll eine Ungleichheit bzgl. der Intelligenz (womit ich nicht unbedingt den dubiosen IQ-Wert meine) per se „ausgeglichen“ werden?

Beispiel: Wenn wir beide miteinander Schach spielen, beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass ich gewinne maximal 0,5%. Aufgrund der Tatsache, dass Du Turnierspieler bist, bin ich alleine schon im Nachteil. Im Wissen darum spiele ich nun entweder per se nicht mit Dir Schach (was ein Nachteil für mich wäre, weil ich nichts lernen kann) oder ich bitte Dich, mir einen oder zwei Bauern oder gar eine Leichtfigur vorzugeben. Das wiederum bietet keinen Anreiz für Dich. Spielen wir jedoch mit gleichen Bedingungen gegeneinander werde ich bis zu einem gewissen Punkt von Dir und Deiner Strategie lernen können. Irgendwann ist dieser Punkt vermutlich erschöpft (dann kommt so etwas wie Talent, später dann Intelligenz zum Zuge). Du hast jedoch letztlich im Spiel mit mir nur Nachteile: Dein Sieg wird quasi erwartet (Du kannst Dich nur blamieren) – und Du lernst nichts daraus, gegen mich zu spielen.

Köppnick 02/24/2009 00:34:05 PM

Wobei wir wieder bei der Definition von Chancengleichheit wären.

Wenn zwei Menschen unterschiedliche intellektuelle Voraussetzungen haben, daraufhin unterschiedlich viel leisten, wird man den dadurch entstehenden Unterschied im Lebensniveau (der Leistenden) vermutlich als gerecht empfinden und akzeptieren – unter der Voraussetzung, dass soziale Härtefälle abgemildert werden. Wenn aber Kinder gleicher intellektueller Begabung unterschiedliche Möglichkeiten haben, Leistungsfähigkeit überhaupt erst einmal zu entwickeln, vor jeder eigenen Leistung, besteht keine Chancengleichheit. Eine vollkommene Gleichheit aller Kinder wird man nicht erreichen können, aber man sollte es als Ziel wenigstens nicht aus den Augen verlieren.

Natürlich hätte keiner von uns etwas davon, wenn wir einfach eine Partie gegeneinander spielen. Aber ich könnte dir bei jedem Zug etwas erklären und dich bei groben Fehlern auch mal einen Zug zurücknehmen lassen. Da ziehe ich meinen persönlichen Gewinn nicht aus der Partie, sondern aus der Pflege unserer sozialen Beziehung.

Auf die Gesellschaft bezogen: Ich übernehme Verantwortung und gebe ihr etwas zurück, denn meine Leistungen sind nur zu einem Teil das Resultat meiner eigenen Arbeit, sondern es ist purer Zufall dabei und es ist auch dem Umfeld geschuldet, das die Gesellschaft für meine Entwicklung geboten hat.

bl 02/25/2009 07:29:46 AM

Etwas, was in den Kommentaren nicht berücksichtigt wurde, ist die Fähigkeit, sich etwas noch nicht Vorhandenes vorzustellen, also die Fähigkeit zur Imagination – sich ein Bild zu machen oder mit anderen Worten: Visionen, Träume, Fantasie…

Man kann natürlich üben – Sport, Musik oder was auch immer, aber wenn die Vision fehlt, wird man es bestenfalls nur bis zum Mittelmaß schaffen. Und die treibende Kraft für eine Vision sind die Emotionen – die Leidenschaft, die Hingabe an das Gewünschte. Ohne das kann der IQ noch so hoch sein, nichts wird sich bewegen.

Talent oder Genie sind gewissermaßen Grade der Leidenschaft und der visionären Fähigkeit. Oder wie Goethe sehr treffend schrieb:

In dem Moment, in dem man sich einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch.

Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung; und der sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Bewegungen und materielle Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte.

Was immer Du auch kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie.
Beginne JETZT.

Gregor Keuschnig 02/25/2009 08:39:36 AM

@Köppnick
Wenn aber Kinder gleicher intellektueller Begabung unterschiedliche Möglichkeiten haben
Zu fragen wäre, woher diese unterscheidlichen Möglichkeiten kommen. Sind sie immanent im System (bspw. Bildungssystem) angelegt oder entstehen sie aufgrund sozialer Prägungen. Wenn jemand aus einem Elternhaus kommt, in dem Bücher dezidiert als „Unfug“ verteufelt werden, bedarf es Anderer (denen dann eine Kompetenz zugestanden werden muss), dies evtl. zu ändern.

In Deutschland verfolgte man seit den 70er Jahren den Gedanken, dass möglichst viele Schulabgänger nach dem Abitur studieren sollten. Vorher geht es um die Abiturientenquote. Statt jedoch in indivueller Förderung (Ganztagsschulen; kleine Klassen) Schüler zu fördern, wurden Schulreformen beschlossen, die das allgemeine Niveau so nach unten korrigierten, dass nun mehr Schüler Abitur (und Studium) ableisten können. Statt eine Allgemeinbildung zu begründen, auf der später ein Spezialistentum aufgebaut werden kann, wurde die Spezialisierung sehr früh vorgenommen. Die Folge war die Entwertung des Abiturs, vor allem jedoch der Mitteleren Reife (Realschule), die natürlich auch nach unten gezogen wurden. Die Hauptschule gilt seit Jahrzehnten nur noch als Sammelbecken problemvoller Schüler. Schon zu meiner Schulzeit galt eine Versetzung zur Hauptschulöe als „Höchststrafe“. (Da dies immer noch so angenommen wird (und sich verfestigt hat), fordern Firmen inzwischen für Lehrstellen fast ausnahmslos Abiturienten).

Die grösste Katastrophe geschah, als man suggerierte, der Bildung einen neuen Stellenwert zu geben und daraufhin scharenweise für das Lehramt studiert wurde. Als diese dann fertig waren, musste wieder einmal „gespart“ werden (Bildung ist ja – der grösste Fehler unseres politischen Systems – Ländersache!) und die halbwegs fertigen Lehrer „durften“ Taxifahrer, Verwaltungsbeamte oder Kneipenwirte werden.

Das Bildungsdilemma, in dem sich die Bundesrepublik befindet, fusst nicht auf mangelnde Chancengleichheit. Bildung galt in der Post-68er-Zeit als elitär. Daran hat sich im wesentlichen nichts geändert (wenn Städte und Gemeinden ihre Kinder in verschimmelten und baufälligen Schulgebäuden lernen lassen, zeigt das den Stellenwert von sowas wie Schule deutlich an). Die gängigen Erklärungsmuster, wonach die Gesellschaft Bildungschancen benachteilige, halte ich in dieser Absolutheit für Unsinn. Damit soll Verantwortung auf die Allgemeinheit delegiert werden. Die Bildungserfolge bspw. von vietnamesischen Einwandererkindern zeigen, dass das Vorbild aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld des Kindes eine sehr grosse Rolle spielt.

Köppnick 02/25/2009 07:31:33 PM

Zu fragen wäre, woher diese unterscheidlichen Möglichkeiten kommen. Sind sie immanent im System (bspw. Bildungssystem) angelegt oder entstehen sie aufgrund sozialer Prägungen. Wenn jemand aus einem Elternhaus kommt, in dem Bücher dezidiert als „Unfug“ verteufelt werden, bedarf es Anderer (denen dann eine Kompetenz zugestanden werden muss), dies evtl. zu ändern.

Es gibt immer Korrelationen zwischen verschiedenen Größen. Im betreffenden Fall gilt zum Beispiel: Es gibt weniger Bücher im Elternhaus, die Eltern haben weniger Geld und sie sind vermutlich auch genetisch etwas weniger intelligent. Keines dieser Dinge taugt aber als Begründung, warum die Kinder der Betreffenden schlechtere Möglichkeiten erhalten sollen.

In Deutschland verfolgte man seit den 70er Jahren den Gedanken, dass möglichst viele Schulabgänger nach dem Abitur studieren sollten. Vorher geht es um die Abiturientenquote.

Das ist nicht bloß in Deutschland so. Im Vergleich mit seinen Nachbarländern hinkt Deutschland sogar hinterher. Die Gründe sind auch leicht auszumachen: Der Charakter der Gesellschaft ändert sich in Richtung stärker „kopfbezogener“ Tätigkeiten. Die Folgen sind auch logisch: Das Gesamtbildungsniveau der Bevölkerung steigt, das Bildungsniveau der Abiturienten sinkt.

Aber Deutschland holt nicht das Optimum aus diesem Prozess heraus. Ich glaube gar nicht mal, dass die Schulform entscheidend ist. Für viel problematischer halte ich, dass sich die einzelnen Bildungseinrichtungen gegeneinander abschotten. Von den Schwierigkeiten, die Schule zu wechseln, über die Schwierigkeiten, in ein anderes Bundesland umzuziehen, bis zur Schwierigkeit, als Fachhochschulabsolvent zu promovieren, Kleinstaaterei allenthalben. Man müsste Strukturen ändern.

Aber an dem Vorwurf, dass die Chancengleicheit durch unterschiedliche finanzielle Mittel der Betreffenden nicht gewährleistet ist, halte ich fest. Der letzte Beleg dafür ist der Rückgang der Quote der Arbeiterkinder nach Einführung der Studiengebühren. In dieser Frage bin ich mir mit *allen* meinen Bekannten und Kollegen einig: *Sämtliche* Kinder- und Bildungseinrichtungen von der Kinderkrippe bis zur Universität haben absolut kostenlos zu sein, ohne jedes Wenn und Aber und ohne jede Ausnahme. Das ist mit die wichtigste Aufgabe des Staates, wichtiger jedenfalls als marode Banken zu alimentieren und Leuten einen Teil ihres neuen Autos zu finanzieren.

Gregor Keuschnig 02/27/2009 02:57:39 PM

Es gibt weniger Bücher im Elternhaus, die Eltern haben weniger Geld und sie sind vermutlich auch genetisch etwas weniger intelligent.
Na, das ist aber ein bisschen arg holzschnittartig. Was hat in Zeiten von Bücherflohmärkten das Buch noch direkt mit Geld zu tun? Die Prioritäten sind einfach andere; das Geld wird weniger für Bücher (die als nutzlos empfunden werden) als für andere Konsumartikel ausgelegt (MP3-Player; Videospiele, etc). Das aus der Vorbildfunktion der Eltern „schlechtere Möglichkeiten“ entstehen, kann ein freiheitlicher Staat nicht evrhindern, wenn er das Primat der Elternerziehung weiter gelten lässt.

*Sämtliche* Kinder- und Bildungseinrichtungen von der Kinderkrippe bis zur Universität haben absolut kostenlos zu sein, ohne jedes Wenn und Aber und ohne jede Ausnahme.
Ich bin grundsätzlich gegen apodiktische Aussagen „ohne Wenn und Aber“ (wobei das streng genommen selber eine ist, aber lassen wir das einmal weg).

Es ist – provokativ gesagt – unerheblich, ob Arbeiterkinder studieren oder nicht. Diese Art der „positiven Diskriminierung“ bringt uns nicht weiter. Entscheidend müsste immer die Leistung und das Talent sein und nicht die Herkunft, die durch ideologische Akte plötzlich zum Kriterium wird. Das ist ähnlich wie die in den 80er Jahren in Parteien so heftig diskutierte „Frauenquote“.

Natürlich müssen Bildungseinrichtungen für alle zugänglich sein. Aber kostenlos? (Eine Bibliothek kostet doch auch Geld.) Wichtiger finde ich da zunächst, es wieder zu ermöglichen, dass alle Schulkinder kostenlose Schulbücher erhalten und Angebote für Ganztagsschulen flächendeckend eingerichtet werden.

Studiengebühren per se zu verteufeln – das gibt es fast nur in Deutschland. Wir reden über einen Betrag von in der Regel 500 Euro/Semester, d. h. 83 Euro/Monat! Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Student nicht in der Lage sein sollte, diesen Betrag (unabhängig von seiner „Herkunft“) beizubringen.

Die Crux ist, dass die Studiengebühren, die inzwischen kassiert werden, nicht zweckgebunden eingesetzt werden und sich an den Verhältnissen an den Universitäten in den meisten Fällen nichts verändert hat. Das ist der Skandal: Die Studiengebühren werden zum Stopfen von anderen Haushaltslöchern verwendet.

In der Praxis wird es in einer freien Gesellschaft immer unterschiedliche finanzielle Mittel bei den Bürgern, also auch „Chancenungleichheit“ geben. In Deutschland (und Europa; insbesondere auch in Frankreich) findet man das skandalös, in den USA nimmt man es als Ansporn. Wenn in Deutschland jemand das Gehalt seines Kollegen erfährt, dann ist er sauer, wenn es 10% mehr ist als das, was er selber verdient. In Amerika überlegt man, wie man auch so viel verdienen könnte.

Köppnick 02/27/2009 06:19:18 PM

Es gibt weniger Bücher im Elternhaus, die Eltern haben weniger Geld und sie sind vermutlich auch genetisch etwas weniger intelligent.
Na, das ist aber ein bisschen arg holzschnittartig. Was hat in Zeiten von Bücherflohmärkten das Buch noch direkt mit Geld zu tun?

Ich hatte nicht geschrieben, dass Bücher, Geld und IQ kausal zueinander sind.

Entscheidend müsste immer die Leistung und das Talent sein und nicht die Herkunft, die durch ideologische Akte plötzlich zum Kriterium wird.

Richtig. Und es ist nachgewiesen, dass Kinder aus Intelligenzlerelternhäusern bei gleicher Leistung von den Lehrern häufiger für’s Gymnasium vorgeschlagen werden bzw. die Eltern, weil selbstbewusster, mehr darauf bestehen. Und zu allen anderen Dingen ist hier bereits genug geschrieben worden.

Eine Bibliothek kostet doch auch Geld.

Ist hier nicht so. Sowohl die Stadt- als auch die Unibibliothek sind kostenlos. (Ich bin in beiden eingeschrieben, gehe aber kaum hin.)

Wir reden über einen Betrag von in der Regel 500 Euro/Semester, d. h. 83 Euro/Monat! Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Student nicht in der Lage sein sollte, diesen Betrag (unabhängig von seiner „Herkunft“) beizubringen.

Die Crux ist, dass die Studiengebühren, die inzwischen kassiert werden, nicht zweckgebunden eingesetzt werden und sich an den Verhältnissen an den Universitäten in den meisten Fällen nichts verändert hat. Das ist der Skandal: Die Studiengebühren werden zum Stopfen von anderen Haushaltslöchern verwendet.

Ich hatte früher auch nichts gegen Studiengebühren, mit derselben Überlegung wie du. Aber die Untersuchungen über die Wirkung der Gebühren sind in diesem Punkt eindeutig: Der Prozentsatz der Studenten aus einkommensschwachen Haushalten hat sich seither verringert. Und die Zweckentfremdung der Gebühren (eine Uni bezahlt die Heizkosten damit!) hatten die Kritiker vorausgesagt – sie haben Recht behalten.

Von dem Argument, dass Studienabsolventen später besser verdienen und deshalb das Geld ruhig vorfinanzieren können, halte ich inzwischen nichts mehr. Das Geld kann man sich genauso gut über die Einkommenssteuer holen. Genau wie für alle anderen Kinder- und Bildungseinrichtungen auch. Besser als es den Bankiers hinterher zu werfen.

Was die USA betrifft, bin ich inzwischen sehr vorsichtig geworden. Hier klaffen Wahrnehmung und Realität besonders stark auseinander. Kürzlich hat mich ein Bericht fast umgehauen, in dem geschrieben stand, dass die Quote der Selbstständigen in den USA 7%, in Deutschland aber 11% beträgt. Dabei halten sich die Amerikaner doch für die geborenen Unternehmer und den Deutschen wird ihre Sicherheitsmentalität vorgeworfen – das scheint so holzschnittartig (siehe oben) eben auch nicht zu stimmen.

Metepsilonema 02/28/2009 10:10:02 AM

Dann verstehe ich aber nicht, warum du schreibst, dass Gladwell es nicht thematisiert.

Das wenige, was ich zu dieser Thematik beitragen kann, ist, dass es sicher Menschen mit besser und schlechter ausgeprägter Sozialkompetenz gibt (ganz gleich welchen Fachterminus man wählt) – manchen fällt es leicht mit anderen zu interagieren, und anderen schwer. Das hat zunächst nichts mit Intelligenz zu tun, obwohl man immer wieder hört (aber das ist wohl ein Vorurteil), dass Menschen mit hoher Intelligenz, in sozialer Hinsicht weniger befähigt sind.

Sehr wahrscheinlich tragen zur Sozialkompetenz persönliche Erfahrungen in hohem Maße bei: Wer z.B. sein ganzes Schulleben Außenseiter war, wird sich in sozialer Hinsicht in seinem späteren Leben viel schwerer tun, als andere.

Ich finde es gar nicht so erstaunlich, dass Intelligenz ein Leben lang „gleich“ bleibt, zumindest dann nicht, wenn sie damit zu tun hat, wie unsere Neuronen organisiert und mit einander verknüpft sind, denn das System kann, wenn einmal funktionstüchtig, nicht wieder komplett reorganisiert werden, im Gegenteil, dem sind enge Grenzen gesetzt.

Warum manche intelligente Menschen nicht erfolgreich sind, liegt zum einen vielleicht darin, dass es ihnen an anderen Fähigkeiten mangelt. Selbst wenn man empathisch ist, heißt das noch nicht, dass man ein guter Chef ist, und Mitarbeiter führen und anleiten kann. Außerdem kann es ja durchaus sein, dass manche am Erfolg nicht interessiert waren, oder er auch stark von Zufällen abhängt.

Du schreibst: Gladwells Kriterium ist Erfolg, der an Äußerlichkeiten gemessen wird. Wenn das Kriterium aber Glück ist, dann könnte zum Beispiel ein größerer Erfolg als nicht besonders erstrebenswert betrachtet werden, weil es nicht glücklicher macht. Dann erscheint Dein abschließendes Fazit Das Deprimierende an Gladwells Buch ist, und er thematisiert und problematisiert das auch, dass die soziale Herkunft eine größere Rolle als Intelligenz für den Lebenserfolg darstellt. in einem anderen Licht. Was willst Du? Dass alle Menschen erfolgreich, oder glücklich sind? Letzteres scheint mir in der Tat möglich, zumindest könnte man die Bedingungen dafür gestalten (natürlich liegt es auch an den Menschen selbst). Ersteres geht per se nicht, da Erfolg immer bedeutet, dass jemand aus der Masse hervorsticht (selbstverständlich sollte er aber unabhängig von der sozialen Herkunft möglich sein, aber eben niemals für alle).

Als Ergänzung zu eurer Diskussion: Ich habe vor kurzem mit einem Mädchen in meiner Verwandtschaft gesprochen, ein sehr aufgewecktes Kind (3. Klasse Volksschule), die mir sagte, sie möchte in die Hauptschule gehen, denn da müsse sie weniger lernen. Ihre Berufswünsche: Friseur bzw. Tierärztin (sic!). Es tut einfach weh zu sehen, was hier von Seite der Eltern vermurkst wird.

Köppnick 02/28/2009 02:50:19 PM

Dann verstehe ich aber nicht, warum du schreibst, dass Gladwell es nicht thematisiert.

Ich weiß nicht, worauf du dich hier beziehst.

Das hat zunächst nichts mit Intelligenz zu tun, obwohl man immer wieder hört (aber das ist wohl ein Vorurteil), dass Menschen mit hoher Intelligenz, in sozialer Hinsicht weniger befähigt sind.

Dieses Vorurteil wurde tatsächlich in Studien widerlegt, Menschen mit höherer Intelligenz sind auch im Durchschnitt empathischer und (deshalb) zu einer besseren sozialen Interaktion befähigt. Allerdings muss man hier genau hinsehen, welcher Probandenkreis untersucht wurde. In vielen Studien wird meistens die Grenze bei IQ>130 gezogen. In diese Gruppe fallen 2% der Bevölkerung. Bei Werten von 150 und mehr bewegt man sich bereits im Promillebereich. D.h. eine Studie, die hier nicht weiter differenziert, trifft Aussagen überwiegend für den Bereich um den Median von 136. Hier ist eine vernünftige Kindheit möglich, wenn das Elternhaus zur Mittelschicht gehört und die Eltern sich genügend um die Bedürfnisse ihres Kindes kümmern.

Bei noch höheren Werten wird das schwierig, hier kann die Schule eigentlich zur Entwicklung der Kompetenzen der kleinen Genies nichts mehr beitragen, es hängt alles vom Elternhaus (und vom Zufall) ab. Aus dieser Gruppe stammen die auffälligsten Beispiele, Newton, Einstein, Oppenheimer, Langan oder Wayan. Ein gelungenes Beispiel zeigt Kampf der Superhirne anhand von Seth Lloyd. Wenn ich den Film richtig in Erinnerung habe, sind von seinen 26 nächsten Verwandten 20 UniversitätsprofessorInnen, das schwarze Schaf der Familie ist (vermutlich scherzhaft gemeint) Bertrand Russell. Wenn solche Genies in „normalen“ Umgebungen aufwachsen, müssen sie schwer gestörte Erwachsene werden, weil in der Kindheit niemand ihre Bedürfnisse befriedigen kann.

Was ich mit dem Unterschied zwischen Erfolg und Glück meinte, ist das Folgende: Ich könnte mir vorstellen, dass ein besonders Intelligenter beschließt, sein Leben in Kontemplation zu verbringen, weil er für sich annimmt, dass er so das beste Leben führen kann. Es gibt halt Menschen, die möchten keine schwierigen Probleme lösen und immer kämpfen, ihnen reicht die Beobachterrolle während der Zeit ihrer irdischen Existenz.

bl 02/28/2009 06:19:12 PM

K: Was ich mit dem Unterschied zwischen Erfolg und Glück meinte, ist das Folgende: Ich könnte mir vorstellen, dass ein besonders Intelligenter beschließt, sein Leben in Kontemplation zu verbringen, weil er für sich annimmt, dass er so das beste Leben führen kann. Es gibt halt Menschen, die möchten keine schwierigen Probleme lösen und immer kämpfen, ihnen reicht die Beobachterrolle während der Zeit ihrer irdischen Existenz.

Ja. Es gibt viele verschiedene Arten, glücklich zu sein – sei es in der Kontemplation, im Handwerk, als Unternehmer, als Arbeiter oder wie auch immer. Der Punkt ist doch eher, herauszufinden, WAS man überhaupt will. Das WIE wird sich dann schon ergeben. Und eine Methode, wie man dieses WAS herausfinden kann, sollte schon im Kindergarten praktiziert werden – besser wäre es natürlich, die Eltern könnten es auch schon – und das ist Imagination, Meditation, Visualisierung oder wie immer man es nennen will. Diese inneren Bilder werden sich nämlich manifestieren, so oder so.

Das erklärt auch, warum Kinder aus einem mittellosen Elternhaus es schwerer haben. Das ist keine Frage der Intelligenz, sondern der Überzeugungen (gewöhnlich von Mangel), welche diese Kinder ganz automatisch übernehmen. Aber ganz unabhänging von arm oder reich, gebildet oder ungebildet, muss jeder Mensch irgendwann seinen alten Ballast abwerfen – seine übernommenen Überzeugungen – und solche installieren, die ihm gefallen. Eigentlich. Leider wird dies kaum gemacht, mangels „Bildung“ und so kommt es, dass viele Menschen ein Leben lang ungefähr das gleiche Intelligenzniveau haben.

Um es einmal kurz und einprägsam zusammenzufassen geht es darum

die Macht der Illusion zu nutzen und nicht
die Illusion der Macht!

Metepsilonema 03/03/2009 00:02:45 AM

Ich weiß nicht, worauf du dich hier beziehst. Na, Du schriebst: Für mich eine wichtige Frage, warum die Besseren nicht mehr aus ihren Fähigkeiten machen können, dazu sagt Gladwell ja nichts. Ich fragte nach: D.h. Konzepte wie emotionale Intelligenz werden nicht thematisiert? Das könnte durchaus eine Erklärung sein. Und Deine Antwort lautete: Doch. Er sieht ja den Unterschied zwischen Langan und Oppenheimer gerade in ihren unterschiedlichen sozialen Fähigkeiten.

Was ich mit dem Unterschied zwischen Erfolg und Glück meinte, ist das Folgende: Ich könnte mir vorstellen, dass ein besonders Intelligenter beschließt, sein Leben in Kontemplation zu verbringen, weil er für sich annimmt, dass er so das beste Leben führen kann. Warum muss dafür jemand besonders intelligent sein? Das ist doch eine Frage von persönlicher Präferenz und Willenskraft.

Ich habe immer wieder den Eindruck, dass emotionale Berührung durch Texte, Filme, oder Musik förderlich für die Auseinandersetzung mit ihnen ist, also quasi „intelligenzsteigernd“. Weiß Du darüber näheres?

Köppnick 03/03/2009 10:09:39 AM

Die unterschiedlichen sozialen Fähigkeiten, die Oppenheimer und Langan haben, verdanken sie zu einem großen Teil der Zugehörigkeit ihrer Familie zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht. Ich meinte aber Angehörige derselben Schicht mit unterschiedlicher Intelligenz. Aus den Ergebnissen von Terman kann man herauslesen, dass der Lebenserfolg Hochintelligenter von ihrer sozialen Schicht abhängt, und das ist auch eine der Thesen von Gladwell. Aber das beantwortet noch nicht die Frage, warum die extrem Intelligenten der Mittelschicht nicht erfolgreicher sind als die „normal“ überdurchschnittlich Intelligenten. Es muss zu ihrem intellektuellen Bonus zugleich einen Malus geben – und dieser muss negativ korreliert mit ihrer Intelligenz sein. Meine Hypothese hierzu ist, dass die Mehrintelligenz, die nur eine Anlage zum schnelleren Erwerb von Kenntnissen und Fertigkeiten ist, nicht genutzt wird – weil die Umwelt nicht die entsprechenden Angebote machen kann. Die Förderung (und die Welt) ist auf den leicht Überdurchschnittlichen ausgelegt (das erklärt die von Gladwell postulierte 120+ Schwelle), weil die Extremen so selten sind.

Das verdeutlicht auch meine Sichtweisen bzgl. deines zweiten Absatzes. Es könnte sein, dass Intelligenteren andere Dinge wichtiger sind als Erfolg. Sie machen dann beruflich / gesellschaftlich nur das Notwendige, um ein für sie zufriedenstellendes Leben zu führen und widmen sich anderen Interessen. Das ist die positive Sicht. Die negative könnte sein, dass sie aufgrund des leichteren Erwerbs von Fähigkeiten das harte Arbeiten und Kämpfen nicht gelernt haben. Das äußert sich dann in mangelndem Selbstbewusstsein und Selbstzweifeln.

Zu deinem letzten Absatz: Darüber weiß ich nichts, ich kann da auch nur spekulieren. Einen direkten Zusammenhang sehe ich nicht, denn das Lösen logischer Aufgaben unter hohem Zeitdruck hat sicherlich wenig mit den von dir aufgezählten Tätigkeiten gemein. Eine Korrelation wird es aber sicherlich geben, denn a) sind Hochintelligente im Durchschnitt auch empathischer und b) gehören kulturelle Erlebnisse zu einer anregenden Kindheit – diese wiederum wirkt sich förderlich auf die Entwicklung verschiedener menschlicher Fähigkeiten aus.

Metepsilonema 03/03/2009 11:11:08 PM

Meine Hypothese hierzu ist, dass die Mehrintelligenz, die nur eine Anlage zum schnelleren Erwerb von Kenntnissen und Fertigkeiten ist, nicht genutzt wird – weil die Umwelt nicht die entsprechenden Angebote machen kann. Dagegen würde ich einwenden, dass man ab einem bestimmten Alter nicht mehr ausschließlich auf die Umwelt angewiesen ist. Manch macht/sucht sich seine Angebote selbst.

Es könnte sein, dass Intelligenteren andere Dinge wichtiger sind als Erfolg. Sie machen dann beruflich / gesellschaftlich nur das Notwendige, um ein für sie zufriedenstellendes Leben zu führen und widmen sich anderen Interessen. Dann müssten sich buddhistische Mönche durch höheren Durchschnitts-IQ auszeichnen. Ich kann das aber nicht ganz glauben, hier spielen doch viele andere Dinge eine Rolle.

Ich habe irgendwann einmal gehört oder gelesen, dass z.B. sprachlich begabte Menschen bei Intelligenztests generell schlechter abschneiden, als etwa mathematisch begabte. Stimmt das, und falls ja, Ist das ein Problem des Tests?

Köppnick 03/04/2009 05:06:34 PM

Ich habe irgendwann einmal gehört oder gelesen, dass z.B. sprachlich begabte Menschen bei Intelligenztests generell schlechter abschneiden, als etwa mathematisch begabte. Stimmt das, und falls ja, Ist das ein Problem des Tests?

Wie wurde denn sprachliche Begabung gemessen? Im Gespräch mit anderen Menschen nimmst du ja nicht deren Begabung, sondern ihre Leistungsfähigkeit wahr, also außer ihrer Fähigkeit zu denken auch ihr Wissen. Bei den Tests versucht man hingegen, diese Wissenskomponenten (die Kulturabhängigkeit) zu eliminieren. Man will nicht das Gelernte messen, sondern die Lernfähigkeit. Hundertprozentig kann das nicht gelingen, weil das Ergänzen von Zahlenreihen mathematisches Wissen benötigt, das Ergänzen von Sätzen einen verstandenen Mindestwortschatz.

Die Tests wurden ursprünglich zur Beurteilung der Schulfähigkeit entwickelt, können also relativ gut die *möglichen* Schulzensuren vorhersagen. Wenn sich also „sprachlich Begabte“ darüber ärgern, dass sie nur ähnliche gute/schlechte Werte wie weniger Eloquente erreichen, dann sollten sie vielleicht lieber froh darüber sein, dass sie aufgrund ihres sozialen Umfeldes mehr aus ihren intellektuellen Anlagen herausholen konnten.

ostfriese 03/04/2009 06:05:21 PM

@Metepsilonema
Ich stimme Kröppnick zu und möchte noch eine mögliche Erklärung ergänzen.

Meiner Beobachtung nach ist es kein Einzelfall, dass eine (zu) hohe allgemeine Intelligenz aufgrund anders gelagerter Interessen (im Vergleich zur peer group) zu sozialer Isolation in kritischen Phasen der Sprachentwicklung führen kann.

Wenn ein hoch begabtes Kind dann entdeckt, dass seine Fähigkeiten im mathematischen Bereich weit stärker herausragen als im sprachlichen, kann sich sogar eine positive Rückkopplung ergeben: Das Kind konzentriert seine Lernbemühungen noch stärker auf exklusive Felder, in denen keine soziale Interaktion stattfindet.

Am Ende einer solchen Entwicklung kann im Extremfall die scheinbare ‚mathematische Sonderbegabung‘ in großer Diskrepanz zu den verbalen und kommunikativen Fähigkeiten stehen.

Ein ’sprachbegabter Allrounder‘ wird sich dann sehr wundern, wenn der IQ-Test ihn hinter dem vermeintlichen ‚Fachidioten‘ einordnet.

Meines Erachtens sprechen solche Ergebnisse aber keineswegs dafür, dass IQ-Tests ein zu stark ‚mathematikbegabungslastiges‘ Konstrukt messen.

Metepsilonema 03/08/2009 10:06:52 PM

@Köppnick/Ostfriese
Vielleicht war das sprachlich begabt schlecht gewählt, vielleicht sitze ich auch einem Irrtum auf. Jedenfalls habe ich den Eindruck, dass es Menschen gibt, die sehr intelligent (und kreativ) sind, aber nichts mit Mathematik anfangen können (nach eigener Aussage). Setzen wir voraus, dass es eine mathematisch-logische und eine sprachlich-kreative Intelligenzanlage gibt. Inwiefern messe ich korrekt, wenn ich in den Test einen mathematischen Teil integriere? Müsste ich nicht beide Anlagen (so sie tatsächlich in dieser Form existieren) getrennt messen?

Köppnick 03/08/2009 11:23:08 PM

Die Anlagen werden ja auch getrennt gemessen. Wenn z.B. in der Berufsberatung so ein Test durchgeführt wird, dann kann der Teilnehmer hinterher eine Auswertung erhalten, in der seine Stärken und Schwächen getrennt ausgewiesen werden. Zusätzlich wird halt immer ein Mittelwert berechnet.

Von Spearman stammt das theoretische Konstrukt eines g-Faktors. Die Grundhypothese ist, dass es eine allgemeine Fähigkeit des Gehirns gibt, die sich auf sehr vielen Gebieten positiv auswirkt. Letztlich soll der berechnete Gesamtwert dem g-Faktor proportional sein, während bei den einzelnen Aufgaben eines Tests verbale, mathematische, figurale (Würfel drehen) und sonstige Anlagen gemessen werden. Eine theoretische Begründung für den g-Faktor ist, dass für ihn in irgendeiner Weise die Kapazität des Kurzzeitgedächtnis eine Rolle spielt. Wer also einen höheren Wert hat, kann kurzfristig mit einer größeren Anzahl von „Bausteinen“ gleichzeitig jonglieren, das ist für verschiedene Aufgabentypen von Vorteil.

Wenn es Menschen gibt, die auf den verschiedenen Gebieten unterschiedlich gut sind, dann wird natürlich eine andere Aufgabenverteilung und Gewichtung einen anderen Zahlenwert ergeben. Ich weiß nicht, wie die ursprüngliche Aufgabenverteilung festgelegt wurde, vielleicht hat man dabei wegen dem Ziel der Beurteilung der Schulfähigkeit von Kindern eine größtmögliche Korrelation mit dem Schulnotendurchschnitt angestrebt. Heute werden die Tests wahrscheinlich so kalibriert, dass sie erstens die richtige Verteilung ergeben und zweitens mit bestehenden Tests korrelieren.

Ich kann nur für mich sprechen: Ich hätte darauf gewettet, dass ich auf mathematischem und figuralem Gebiet bedeutend besser als auf sprachlichem bin. Zu meiner Verblüffung waren meine Werte praktisch in allen Gebieten gleich gut bzw. schlecht. Das bedeutet erstens, dass meine Selbsteinschätzung falsch war, zweitens, dass eine andere Aufgabengewichtung nichts geändert hätte, und drittens, dass mein Fall die These von dem allgemeinen Faktor nicht widerlegt. Aber meine sprachlichen Fähigkeiten bleiben trotzdem sehr viel schlechter als die in anderen Gebieten – weil mein Wissen dort sehr viel geringer ist und es mich früher auch nicht so interessiert hat.

Wenn du mit einem anderen Menschen kommunizierst, dann nimmst du eine Melange aller seiner Eigenschaften war, nicht, wie gut er im Kopf Würfel drehen kann, Zahlenreihen ergänzt oder unpassende Wörter aus Listen herausfindet. Und Kreativität messen die Tests sowieso nicht. Ich wüsste gar nicht nicht, wie man das standardisieren wollte, das verstieße ja geradezu gegen die Essenz von Kreativität.

Metepsilonema 03/11/2009 10:34:47 PM

Ich dachte, dass die allgemeine Intelligenzthese mittlerweile gefallen wäre. Ist aber anscheinend nicht so.

Der Grund warum die Einschätzung Deiner sprachlichen Fähigkeiten, nicht zu den Testergebnissen passt, könnte sein, dass auch diese Art des Tests eher logisch orientiert ist (unpassende Wörter aus Listen streichen etc.).

Köppnick 03/12/2009 06:21:23 PM

Eine kleine Auswahl von sprachlichen Aufgaben aus verschiedenen Intelligenztests:

  1. Setzen Sie für die Wörter in den Klammern gleichbedeutende Wörter ein: K + (Längenmaß) = (Arbeitsgerät)
  2. Unterstreichen Sie das Wort, dass nicht den Namen eines Komponisten enthält: Sionirs, Satsurs, Revid, Maleso.
  3. Welche der folgenden Aussagen ist ein Fakt und welche eine Meinung: Der Mensch stammt vom Affen ab. Nur die Flut wird vom Mond verursacht. Sanduhren sind mechanische Uhren. Auf dem Konkordiaplatz gibt es keine Autos.
  4. Ist die folgende Aussage richtig: Kein Frondel besteht aus Kerdolin. Kerdolin ist usiklastisch. Also sind Frondeln nicht usiklastisch.
  5. Finden Sie das eine unpassende Wort heraus: Koprolith, Adolar, Citrin, Epidot, Karneol.
  6. Finden Sie das einzige sinnvolle Wort heraus: rekundant, aberrant, suffidisch, subpleustonal, entmaktifiziert.

Diese Liste zeigt unter anderem eins: Es ist praktisch unmöglich, sprachliche Aufgaben zu formulieren, die nicht auf den Wortschatz und die Bildung des Probanden zurückgreifen. Es soll aber nicht Wissen, sondern Intelligenz getestet werden. Ein fairer Test, der sprachliche Aufgaben enthält und nicht die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht und die Bildung des Betreffenden testet, ist sehr schwer zu konstruieren. Ich wiederhole mich jetzt, aber ich glaube dein Fehler besteht darin, dass du gebildetere Menschen für intelligenter hältst. Das gilt aber nur im Vergleich zu anderen Menschen, die im gleichen Milieu aufgewachsen sind und vergleichbare Chancen hatten. Nur dann korrelieren Bildung und Wissen mit Intelligenz.

Die Mathematiknote hat nicht deshalb die höchste Korrelation mit dem IQ, weil die IQ-Tests zu wenige Sprachelemente enthalten, sondern weil die Mathe-Einser auch mit Textaufgaben sehr gut klar kommen – sind können dank ihrer Intelligenz die darin enthaltene Logik herausfinden.

Der 4. Punkt in der obigen Liste zeigt auch den engen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Teilbereichen der Intelligenz. Man muss dort die Relation der Satzbestandteile in logische Relationen umsetzen (sprachliche Intelligenz). Ich male mir die Lösungen immer auf, benutze Bilder der Mengenlehre – visuelle Intelligenz. Wissen muss man in dieser Aufgabe gar nichts, weil es alles Kunstworte sind. Aber man sollte trotzdem Muttersprachler sein, weil man die Grammatik logisch dekodieren muss.

Metepsilonema 04/25/2009 09:39:10 AM

Ich habe Deine Antwort damals offensichtlich übersehen. Ich glaube nicht, dass ich höhere Bildung mit Intelligenz verwechsle:

Teste ich nicht dasselbe (nämlich die Fähigkeit zum logischen Denken), wenn ich frage welche Zahl bzw. welches Wort nicht in die folgenden Reihen passt:

a) 4, 3, 7, 5
b) schwarz, weiß, blau, gut

Aber drückt sich sprachliche Begabung („Intelligenz“) alleine darin aus (Ich gebe zu: Dein Punkt 4 geht schon eher in diese Richtung)?

Köppnick 04/25/2009 10:55:07 AM

Um a) zu beantworten, musst du bereits eine Menge wissen, nicht bloß die Bedeutung und Kodierung von Zahlen, sondern hier das Konzept der Primzahlen, 4 ist keine Primzahl. Um b) zu beantworten, muss man die Bedeutung der Wörter kennen und ihre Kategorisierung, „gut“ ist keine Farbe. Bei Angehörigen derselben sozialen Schicht korrelieren Intelligenz und Bildung sehr stark. Ein intelligenteres Kind kann aus dem Bildungsangebot seines Umfeldes mehr machen. Wenn du sprachliche Intelligenz als Fähigkeit deutest, komplizierte Texte zu verstehen bzw. zu verfassen, dann misst du immer die Bildung des Betreffenden mit, denn Textverständnis ist eine Kulturleistung.

In der DDR gabe es mal den Vorschlag, Intelligenztests durch Lerntests zu ersetzen. Hier wurden den Kindern zweimal in gewissem zeitlichen Abstand ähnliche Aufgaben vorgelegt. Nach dem ersten Durchgang wurde ihnen der Lösungsweg erklärt. Der Unterschied der Punktzahlen zwischen beiden Tests ist eher ein Maß für die Intelligenz, weil er anzeigt, inwieweit das Kind lernfähig ist. Die absolute Punktzahl hingegen misst beides, Intelligenz und Bildung. Die heute üblichen Intelligenztests erheben den Anspruch, eine bildungsunabhängige Komponente zu messen. Bereits deine Beispiele zeigen, dass das prinzipiell gar nicht gehen kann. Auch aus diesem Grund findet man ja die Unterschiede zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen.

Metepsilonema 04/26/2009 09:35:43 AM

Um a) zu beantworten, musst du bereits eine Menge wissen, nicht bloß die Bedeutung und Kodierung von Zahlen, sondern hier das Konzept der Primzahlen, 4 ist keine Primzahl. Um b) zu beantworten, muss man die Bedeutung der Wörter kennen und ihre Kategorisierung, „gut“ ist keine Farbe.

Dem will ich gar nicht widersprechen, aber ich kann mir nicht vorstellen (was aber nichts bedeuten muss), dass etwa das Erlernen von Sprachen (hier gibt es große Unterschiede, wenn ich einmal die Leute betrachte, die ich kenne) nur durch die Fähigkeit besser logisch Denken zu können, erklären lässt? Ich gebe aber zu, dass ich aber keine Gegenthese aufstellen bzw. anführen kann, und insofern steht meine Argumentation auf wackligen Beinen.

Köppnick 04/26/2009 10:19:01 AM

Die plausibelste Erklärung einer übergreifenden Intelligenz geht vom Kurzzeitgedächtnis aus. Wer in der Lage ist, mehr Details gleichzeitig miteinander zu verknüpfen, ist intelligenter. Und diese Fähigkeit nützt ihm in jedem beliebigen Gebiet: Er sieht Zusammenhänge in komplexeren optischen Mustern, er kann komplexere Zahlenreihen ergänzen, er kann längere Sätze verstehen – und selbst produzieren. In Abhängigkeit von der Umwelt, in der ein Kind aufwächst, wird diese allgemeine Fähigkeit jedoch nur in bestimmten Gebieten zum Erwerb von Fertigkeiten und von Wissen genutzt, auf anderen Gebieten hingegen nicht trainiert. Die Tests extrahieren die atomaren Fähigkeiten, welche Moleküle der Einzelne damit produzieren kann, ist Frage seiner Sozialisation.

Wenn du mit einem Menschen kommunizierst, nimmst du zunächst das Endprodukt wahr – seinen Wissensstand und seine Fertigkeiten auf bestimmten Gebieten. Von der Intelligenz des Betreffenden hingegen kannst du erst etwas erfahren, wenn es auf ein Gebiet geht, auf dem er *nicht* besser ist als Du – weil du nur dort die Geschwindigkeit sehen kannst, mit der er Neues aufnimmt.