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Macht ein Baum auch dann ein Geräusch, wenn niemand zuhört?

In einem Blog, in dem ich sehr gern lese, habe ich heute den Beitrag Sind Zahlen beobachterabhängig? gefunden. Die Autorin fragt dort:

Neulich war das Thema einer geschlossenen Runde wieder einmal etwas origineller; es ging darum ob “Zahlen auch dann existieren, wenn niemand zählt”. Diese Frage mag für den ein oder anderen etwas seltsam klingen, vielleicht ist sie das auch, andererseits ist es schwierig darauf sofort eine konkrete Antwort zu finden. Handelt es sich lediglich um Modelle, die nur für den Menschen in Bezug auf die Ordnung seiner Sinneswahrnehmungen von Nutzen sind, oder abstrakte, allgemeine, ewige Entitäten, die unabhängig von einem Beobachter in einer Art “reinen Welt” existieren, ganz nach dem Bild des Idealismus, vor allem dem der Anhänger des Platonismus?

Unstrittig ist, dass Zahlen für uns Ordnungsrelationen darstellen, also Ordnung in Dinge oder Vorgänge hineinbringen, die abzählbar sind. In Experimenten konnte man auch zeigen, dass es Vorformen solcher Abstraktionen bereits im Tierreich gibt. Wenn eine Affenhorde von einem aus drei Löwen bestehenden Rudel auf einen Baum getrieben wurde und die Affen danach nur zwei Löwen sich entfernen sehen, dann gibt es für sie einen guten Grund, noch ein Weilchen länger auf dem Baum hocken zu bleiben. Affen, die zählen können, haben einen evolutionären Vorteil, nur sie können ihre Gene an ihre Nachkommen weitergeben. Das ist übrigens auch ein gutes Argument, den eigenen Nachwuchs vom Nutzen des Mathematikunterrichts zu überzeugen!

In dem bereits verlinkten Blogartikel wurde die Eingangsfrage noch etwas abstrahiert:

Gibt es “unseren” Geist überhaupt ohne Inhalte und ohne Relationen dieser Inhalte zueinander? Vermutlich gibt es da wieder Dutzende die darüber zigtausende an Seiten geschrieben haben, das ist klar. Aber die Frage für sich selbst, seine eigene Wahrnehmung, sein eigenes Empfinden und sein eigenes “Leben” beantworten zu versuchen ist wohl eine der spannendsten Auseinandersetzungen die man überhaupt innerlich mit sich führen kann.

In einem deutschen Bright-Forum gab es vor einigen Jahren eine ähnliche Diskussion. Damals ging es um die Frage, ob ein Baum beim Umfallen auch dann ein Geräusch macht, wenn niemand zuhört. Ich muss bei mir selbst feststellen, dass meine Antworten auf solche Fragen davon abhängen, in welchem Kontext sie mir begegnen. So, wie jetzt in diesem Artikel, erscheint mir alles sonnenklar. Manchmal wünsche ich mir zwar, dass es irgend etwas gibt, das meine individuelle Existenz überdauert. Aber es ist einfach nicht möglich, die eigene Beobachterposition aufzugeben. Das trifft auf alle Probleme im obigen Blogbeitrag zu. Wir wissen nicht, ob es Zahlen außerhalb unseres Geistes gibt, weil stets, wenn wir darüber nachdenken, das in demselben Geist passiert.

Genauso sieht es mit der Frage aus, ob es einen Geist ohne Inhalte geben kann. Das Wälzen dieses Gedankens füllt den Geist ja bereits mit (Meta)-Inhalt. Vermutlich ist der Wittgensteinsche Standpunkt deshalb der beste: Es sind sprachliche Scheinprobleme und über die Ontik können wir gar nichts sagen. Das bedeutet, als Wesen im Universum im Hier und Jetzt können wir *wissenschaftlich* über eine von uns unabhängige Existenz der Zahlen genausowenig Auskunft geben wie über die Frage, ob ein Baum beim Fallen ein Geräusch macht, wenn keiner zusieht. Es gibt keine Möglichkeit, hier etwas zu messen oder zu falsifizieren.

Das Lustige an solchen Diskussionen ist für mich, wie naiv die beinharten Naturwissenschaftler, die häufig mit Verachtung auf die Philosophen herabschauen, in simple Denkfallen hineintappen. Was zum Beispiel das Verhältnis von Zahlen bzw. Mathematik und der physikalischen Realität betrifft: Völlig ernsthaft wird von Physikern mit mathematischen Methoden über andere Universen fabuliert, zu denen wir keinen physikalischen, d.h. realen, experimentellen, Zugang haben. Der dabei inhärente Widerspruch fällt ihnen nicht auf – zum einen werden Zahlen, d.h. Mathematik zu einem Produkt unseres Nachdenkens, unseres Geistes gemacht, der für diese Naturwissenschaftler *natürlich* untrennbar mit unserer physikalischen Realität verbunden ist – zum anderen wird mit mathematischen Methoden über andere Universen spekuliert, zu denen wir keinen beobachtenden Zugang haben. Beides passt nicht zusammen.

Beide Standpunkte, eine beobachterunabhängige Existenz von Zahlen anzunehmen oder sie zu leugnen, sind metaphysische Standpunkte, mithin eine Art des Glaubens.

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