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Letztbegründungen

Vor ein paar Tagen habe ich in den Scilogs einen neuen Blogbeitrag von Josef Honerkamp gelesen: Warum gibt es eigentlich irgendetwas und nicht einfach nichts? Die gebräuchlichere Formulierung dieser Frage lautet „Warum gibt es nicht nichts?“, sie ist bereits uralt. Honerkamp führt sie in einem (vermutlich fiktiven) Gespräch mit einem Bekannten ein:

Da war sie wieder – die Frage, die schon Leibniz dem Sinne nach gestellt hat und die bei manchen als eine Grundfrage der Philosophie gilt. Sie hat Myriaden von nachdenklichen Schülerinnen und Schülern, mich eingeschlossen, im Pubertätsalter bewegt. Als Buchtitel wird mit ihr sogar schon für die Beschäftigung mit der Philosophie geworben (Precht, Richard David: Warum gibt es alles und nicht nichts?: Ein Ausflug in die Philosophie, Goldmann Verlag, 2011).

„Wenn ich Ihnen den Grund dafür nennen könnte“, sagte ich, „könnten Sie mir dann erklären, warum dieser Grund gegeben ist?“ Er stutzte: „Ja, letztlich auch wegen dieser kosmischen Intelligenz“. „Und wieso gibt es die – und nicht etwa gar nichts?“

Diese Frage überraschte ihn. Aber ihm dämmerte, dass man bei solchen Fragen immer in einen infiniten Regress kommt, und viele diesen gerne abbrechen, indem sie einen ewigen „Urgrund des Seins“, ein „höheres Wesen, das wir verehren“ oder einen persönlichen Gott einführen, der zudem noch die eigenen Geschicke lenkt. In seinem Buch war es nun die kosmische Intelligenz, für einen Theologen wohl eine etwas verschämte Formulierung.

Tatsächlich ist Honerkamp damit mit seiner Frage, warum es nicht nichts gibt, ohne große Umwege bei einer ganz anderen gelandet, der nach einer Letztbegründung. Wir sind eine Art Kausalitätsmaschinen, wir suchen in jeder Situation, in der etwas geschieht, nach einer Ursache. Das hat sich evolutionär bewährt, denn wenn es neben einem Urmenschen im Gebüsch geraschelt hat, war es für ihn überlebensnotwendig herauszufinden, ob sich da ein Löwe näherte oder ein Kaninchen zu verschwinden versuchte. Hat man die Ursache eines Vorgangs gefunden, die ja ebenfalls ein Vorgang ist, stellt sich die Frage nach deren Verursachung, usw. Bricht diese Kette der Verursachungen irgendwann ab, wäre das die erste Ursache bzw. die letzte Begründung. Nur was wäre dann dessen Ursache? Die Frage nach einer Letztbegründung ist unter anderem so wichtig, weil man zum Beispiel auch in ethischen Fragen nach Gründen für moralisch richtiges (oder falsches) Verhalten sucht.

Wie schon geschrieben, die Suche nach einer Letztbegründung ist uralt. Die ersten Antworten stammen aus der Religion, Gott ist dort die erste Ursache. Honerkamp verweist in seinem Artikel auf einen früheren Text von sich selbst: Die Natur der Physik und der kritische Rationalismus. Dort hat er Hans Albert und dessen Analyse zitiert:

Stellt sich jemand die Aufgabe, für alles eine Begründung zu verlangen, so gerät er nach Hans Albert in eine von drei Situationen: In den infiniten Regress, in die Kapitulation vor der Aufgabe durch Zuflucht zu einem „Dogma“, welcher Art auch immer, oder drittens in einen Zirkelschluss.

Vom infiniten Regress hat jeder einen Eindruck bekommen, der sich schon mal mit einem aufgeweckten Kind unterhalten hat. Bei jeder Antwort auf eine Frage des Kindes wird nachgehakt: „Und warum ist das so?“, und der bald entnervte Erwachsene wird irgendwann die zweite der oben erwähnten Möglichkeiten wählen, den Abbruch des Versuchs einer Begründung mit Hilfe einer Antwort wie z.B. „Das ist halt so“ oder „Ja, das hat der liebe Gott so gemacht“ . Der Zirkelschluss schließlich besteht darin, dass man in der Begründung schon voraussetzt, was man eigentlich begründen will – ein Denkfehler, der uns oft unbewusst unterläuft und vor dem auch die klarsten Denker nicht immer gefeit sind.

Hans Albert sieht keine Alternativen zu diesen drei Situationen und da er sie alle für unakzeptabel hält, bezeichnet er diese Situation insgesamt als ein Trilemma.

Damit lehnt der von Albert und anderen vertretene kritische Rationalismus die Möglichkeit einer Letztbegründung ab. Die heutigen Naturwissenschaften gehen genauso vor: Aus Beobachtungen und Messungen werden zusammen mit einigen Prämissen Theorien abgeleitet und mit ihnen weiter gearbeitet. Die Prämissen können aber nicht innerhalb der Beobachtungen und Messungen (und damit der Theorien) bewiesen werden, sie bleiben hypothetisch. Der Unterschied zwischen dieser Art des Abbruchs der Beweiskette und der bei Gott in den Religionen besteht darin, dass in den Naturwissenschaften die Prämissen immer auf dem Prüfstand bleiben. Passen sie nicht mehr zum aktuellen Erkenntnisstand, werden sie mitsamt den Theorien verworfen.

Honerkamp ist (emeritierter) Professor für Theoretische Physik, darum führt ihn die Begründungskette der Frage „Warum ist nicht nichts“ (unter anderem) zur Urknalltheorie:

Ich habe schon in meinem ersten Blogartikel „Was ist eigentlich der Urknall“ ausgeführt, dass das, was man den Urknall nennt, nur einen sehr frühen Zustand des Universums darstellt und dass das zugrunde liegende kosmologische Modell eine weitere Extrapolation zu noch früheren Zeitpunkten nicht erlaubt. Denn dabei streben physikalischen Größen wie Temperatur und Dichte gegen unendlich, ein sicheres Zeichen, dass spätestens hier die Gültigkeitsgrenzen der Theorie überschritten werden. Es fehlt also eine Theorie für das Schicksal des Universums vor diesem Urknall, eine Erweiterung der Einsteinschen Gravitationstheorie, die dann aber für Zustände nach dem Urknall wieder mit dieser übereinstimmen muss.

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Für jeden Physiker ist klar, dass das eine Quantentheorie sein muss, eine Quantengravitationstheorie, und darin würden sich die charakteristischen und merkwürdigen Eigenschaften von Quanten mit denen der Raumzeit der Allgemeinen Relativitätstheorie verbinden. Physikalische Größen, die die Eigenschaften von Raum und Zeit bestimmen, würden so auch Unbestimmtheitsrelationen unterliegen, und Vorstellung vieler Physiker, dass es ein ewiges quantenhaftes Ur-Universum gibt, dass aufgrund der Unbestimmtheit seiner physikalischen Eigenschaften auch Universen von unserer Art hervorbringen kann, ist nicht so abwegig, wie man von außen zunächst vermutet.

Schaut man sich den Wikipediaartikel zu Letztbegründung an, dann stößt man auf ein interessantes Folgeproblem der Lösung von Hans Albert:

Gegner der Letztbegründung scheinen mit folgendem logischen Problem konfrontiert: Ihre These „Es gibt keine Letztbegründung“ scheint nicht auf sich selbst anwendbar zu sein. Denn was begründet sie? Der Befürworter der Letztbegründung würde sagen, entweder es sind zwingende letzte Gründe, im direkten Widerspruch zur These – oder es sind schwächere Gründe, in Reibung mit dem apodiktischen Charakter der These. Jedoch würde der Kritische Rationalist antworten, dass es überhaupt keine Gründe sind (Erkenntnisskeptizismus), und dass erkenntnistheoretische Argumente immer nur negative Auswirkungen haben, niemals positive, also erkenntniszerstörend sind, nicht erkenntnisbegründend (Negativismus). Dass es keine Letztbegründung gibt, sei lediglich zutreffend (Absolutismus), auch wenn sich diese Annahme möglicherweise eines Tages als Irrtum herausstellen könnte. Das gleiche gelte auch für die Logik selbst.

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Dass man die Behauptung, dass es keine Letztbegründung gibt, in Form des Münchhausen-Trilemmas aus der Logik herleiten könne, stelle keine Begründung dar, denn die Logik sei ebenfalls unbegründet (siehe auch Kernlogik).

Auch kritische Rationalisten beanspruchen also, dass absolute Wahrheit existiert, und dass man für Aussagen auch einen Wahrheitsanspruch erheben kann, nicht aber, dass man begründen könne, dass man in konkreten Fällen Wahres erwägt oder dass der Wahrheitsanspruch erfüllt ist – denn jedes Kriterium dafür müsste die Aussage schon deduktiv enthalten und würde daher das Begründungsproblem ausweiten, nicht reduzieren. Begründungen gibt es nach dieser Position nicht, nur Kritik, und diese mündet nicht bei Evidenzen, sondern bei unproblematischen Thesen – oder, frei nach David Miller, das Vorgehen des Kritischen Rationalismus zieht zwar auch Schlüsse aus unbegründeten Annahmen, aber zumindest nicht, wie die Begründungsbefürworter, aus den Annahmen, die Anfangs zur Debatte standen (oder die diese deduktiv enthalten und daher noch weniger als sie begründet sind). Miller vertritt den Standpunkt, dass es Begründung nicht gibt; dass sie unbrauchbar wäre, wenn es sie geben würde; und dass die Vernunft ohne sie sowieso sehr viel besser auskommt.

Reduziert man das Philosophenkauderwelsch auf eine einfachere Sprache, dann wird hier gesagt, dass die Richtigkeit der Ablehnung einer Letztbegründung selbst nicht bewiesen werden kann. Aber sie hat sich bisher bewährt und könnte bei Bedarf falsifiziert werden – falls es jemals ein Beispiel einer Letztbegründung geben sollte. 😉

Alles Weitere, was man noch an Alternativen in dem Wikipediaartikel finden kann, überzeugt mich nicht. Das letzte gute Argument stammt meiner Meinung nach von Descartes:

Nach Descartes besteht die gesicherte theoretische Basis ausschließlich aus den Erkenntnissen, dass ich denke und bin, da ich nicht vermuten kann, nicht zu sein, ohne zu denken.

Das lässt sich dann auch auf die Eingangsfrage übertragen, „Warum ist nicht nichts?“, denn wenn nichts wäre, dann wäre auch niemand da, der sich diese Frage stellen könnte. Die Frage ist nur ein scheinbares Paradoxon, ein Artefakt unseres Sprachgebrauchs.

KategorienPhilosophie Tags:
  1. Jalella
    19. September 2013, 11:03 | #1

    Mal davon abgesehen, dass niemand fragen könnte, wenn es nichts gäbe: Die Frage, warum es etwas gibt, oder warum es genau das gibt, was es gibt, sind wohl ähnlich der Frage „warum gibt es etwas und nicht nichts“.

  2. 24. April 2015, 01:10 | #2

    Bezüglich des Problems mit der Letztbegründung (der Welt) bin ich auf einen interessanten Zusammenhang gestoßen:

    „Diese berühmte und geheimnisvolle Frage, die schon Martin Heidegger aufgeworfen hat […] das ist sicher die letzte Frage der Kontingenz. Sie ist aber aufgrund der logischen Struktur einer Erklärung gar nicht lösbar – aber nicht, weil da ein letztes Mysterium dahintersteckt. Eine Erklärung kann immer nur etwas mit etwas anderem verknüpfen, aber niemals etwas mit nichts. Also gibt es auf diese Frage keine Antwort.“
    Kanitschneider

    http://www.sapereaudepls.de/2015/04/23/naturgesetz-factabruta/

    Liebe Grüße aus Peru!

  3. 28. April 2015, 20:45 | #3

    @Seelenlachen

    Deinen Beitrag habe ich inzwischen schon zweimal gelesen und werde sicher noch einen Kommentar dazu schreiben. Aktuell fehlt mir dafür nur etwas die Zeit. Viel Spaß und Erfolg in Peru aus dem derzeit etwas zu kalten und regnerischen Deutschland!

  1. 4. Februar 2014, 20:46 | #1
  2. 17. Oktober 2014, 19:51 | #2