Kluge Köpfe

Im Buchladen fiel mein Blick auf „Das Magazin“. In der DDR war es eine begehrte Zeitschrift, die man meist nur durch Zufall und „unter dem Ladentisch“ bekam. Es war eine Art Intellektuellenzeitschrift, die in der Themenwahl und auch in der Gestaltung offenbar einen gewissen Freiraum genoss. Als Jugendlicher war man ziemlich scharf darauf, ein Exemplar zu ergattern, denn irgendwo in jedem Heft war eine nackte Frau abgebildet. Welche Nische „Das Magazin“ heute besetzt, weiß ich nicht. Jedenfalls hatte mich das Hauptthema der Juniausgabe interessiert: „Lauter Schlauberger“ mit den weiteren Artikeln „Mitmachen & Schlapp lachen. IQ-Test“, „Intelligenter Nachwuchs. Hochbegabt – so klappts“, „Intelligenzwunder. Fische sind Geistesriesen“ und „Intelligenter Sex. Bettgeschichten“.

Der einführende Artikel zum Thema „Intelligenz“ heißt „Kluge Köpfe“. Unter anderem wird dort über einige Vereine in Deutschland berichtet, z.B. Mensa und die DGhK (die deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind). Was man über diese Organisationen im Artikel lesen kann, klingt vernünftig. Auch die Kritik am IQ und am Begriff „Intelligenz“ sind berechtigt:

Dabei ist bis heute nicht verlässlich definiert, was Intelligenz nun eigentlich ist. Matthias Moehls Verweis auf die Fähigkeit, hochkomplexe und komplizierte Aufgaben zu lösen, kommt immer wieder vor, aber mit diesem spärlichen Formelansatz hat es sich dann schon. Der Begriff wurde enorm gedehnt. Lag anfangs der Fokus rein im kognitiven Bereich, ist längst auch von sozialer, emotionaler, kreativer, musikalischer, körperlicher Intelligenz die Rede. Nicht nur Spaßvögel agieren angesichts dessen sophistisch mit dem Spruch: »Intelligenz ist, was ein Intelligenztest misst.«

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Davon gibt es allerdings unzählige. Abgesehen von den vielen Varianten, die zum Ausprobieren durchs Internet schwirren und arg verkürzte Formen sind, haben sich Fachkreise von Pädagogen, Medizinern und Wissenschaftlern auf etwa ein Dutzend verständigt. Sie alle prüfen durchaus bestimmte Fähigkeiten wie räumliches Vorstellungsvermögen, Logik, Sprachverständnis, aber setzen dann doch auch jeweils spezielle Schwerpunkte. Da muss man mal mehr, mal weniger Zahlenreihen vervollständigen, gemusterte Flächen zuordnen, Wortpaare bilden, Behauptungen entscheiden, zerlegte Figuren rekonstruieren, Pfeile, die wirrer sind als die Wetterberichtssymbole, sortieren. In manchen dominieren mathematisch-abstrakte Aufgaben, in anderen wird stärker das Sprachvermögen einbezogen. In einige fließt die Verhaltensbeobachtung während der Testsituation mit ein, in andere nicht.

Kritiker verweisen zudem auf die soziale Schieflage. Wer einen bestimmten Typ Aufgaben aus der Schule kennt, der kommt damit besser zurecht. Wer also an Schulen lernt, die Begabtenförderung praktizieren und zum Beispiel Tests ausschnittsweise üben, ist im Vorteil. Und es gibt noch einen guten Grund, dem ganzen Zahlenzauber rund um den IQ zu misstrauen, zumal die persönliche Situation, in der so eine Messung stattfindet, auch alles andere als normierbar ist. Wer unter Druck steht, kann Blockaden haben, wer vorher trainiert und weiß, was auf ihn zukommt, kann sein Ergebnis um zehn bis 15 Punkte verbessern, heißt es. Kein gutes Argument für eine Unanfechtbarkeit.


Das ist alles richtig, und sowohl die Befürworter als auch die Gegner haben mit ihren Argumenten recht. Auf der einen Seite korreliert der IQ im statistischen Durchschnitt mit dem beruflichen Erfolg, auf der anderen Seite lassen sich natürlich viele Beispiele anführen, die nicht zur Statistik passen. Und es lassen sich beliebig viele andere Einflussfaktoren finden, die für den beruflichen Erfolg (und das persönliche Glück und und und) ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Die eine und unumstrittene Definition von „Intelligenz“ wird es nicht geben.

Interessant wurde der Artikel dort für mich, wo sich die Autorin Manuela Thieme auf ein Buch von Malcolm Gladwell bezog, „Überflieger“. Ich habe das vor etwas über 4 Jahren gelesen und die Hauptthesen sind mir gut im Gedächtnis geblieben, hier meine damaligen Anmerkungen. Die Schlussfolgerungen, die Thieme aus dem Buch gezogen hat, und ihre Beispiele reizen mich jetzt aber doch zum Widerspruch:

Talent, Intelligenz? Für Gladwell ist das nicht entscheidend. »Ich würde einräumen, dass es so etwas gibt, aber der Einfluss ist gering.« In seinem Buch erzählt er diverse Beispiele. Eins widmet sich Berliner Geigenspielerinnen. Der Bildungsforscher Anders Ericsson hatte sie in drei Gruppen eingeteilt: die potenziellen Stars, die guten Violinisten und die zukünftigen Lehrer. Am Ende war der einzige fundamentale Unterschied die Zeit, die sie ins Üben investiert haben. Die aus der ersten Gruppe brachten es auf über 10000 Stunden, die aus der zweiten Gruppe auf etwa 8000, die dritte Gruppe auf etwa 4000 Stunden. Es gab bei den Besten niemanden, der weniger als 10 ooo Stunden investiert hatte. Und es gab in der dritten Gruppe nicht einen Einzigen, der sich mehr als 10000 Stunden geplagt hat und trotzdem am unteren Leistungsende rangierte.

Was ist hier die Aussage? Dass für den späteren Erfolg allein die Stundenzahl entscheidet? Anhand welcher Kriterien hat der im Zitat erwähnte Bildungsforscher Anders Ericsson denn die Einteilung in die drei Gruppen vorgenommen? Es ist doch genau ihre Begabung, die die Besten dazu veranlasst, so viel Zeit in ihre Vervollkommnung zu stecken und üben zu wollen. Wenn man einen Untalentierten zum Üben zwingt, wird er danach trotzdem nicht zu den Besten seines Fachs zu gehören.

Nach meiner Erinnerung an Gladwells Buch hält er die Erfüllung von drei Kritierien für notwendig, um in irgendeinem Gebiet zu den Besten vorzustoßen:

  1. Man muss über Talent verfügen.
  2. Man muss sehr lange und hart arbeiten.
  3. Man muss Glück haben.

Was den ersten Punkt in der Aufzählung betrifft: Hier hat Gladwell sinngemäß gesagt, dass man nicht der Intelligenteste sein muss, sondern nur genügend intelligent. Wieviel das ist, hängt aber vom Metier des Betreffenden ab. Warum z.B. wird bei einem Klitschko immer der Doktortitel erwähnt? Weil dieser bei den Besten im Boxen offenbar eine Ausnahme ist. Bei einem Physiknobelpreisträger wird so etwas jedenfalls niemand besonders bestaunen.

Häufig wird nicht nur der zweite Aspekt vergessen, sondern auch der dritte. Dieser Beobachtungsbias kommt dadurch zustande, weil man, wenn man die Gründe für Erfolg analysiert, leicht übersieht, dass die Besten an vielen Stellen auch einfach Glück gehabt haben. Das Beispiel dafür aus dem Artikel:

Neben dem Trainingsfaktor macht Gladwell noch weitere Einflüsse geltend, wozu er die Umstände zählt, auf die eine Begabung trifft. Diese Möglichkeiten können durchaus sehr zufällig sein. Gladwell hat Microsoft-Gründer Bill Gates gefragt, wie er eigentlich zum Computerfreak wurde. Als Gates Teenie war, gab’s kaum Rechner, aber sie interessierten ihn, und als er erfuhr, dass im Campus der University of Washington ein Computerterminal zwischen zwei Uhr und sechs Uhr morgens frei ist, war die Sache für ihn klar. Er stand 1.30 Uhr auf, ging zwei Meilen zu Fuß und programmierte in aller Frühe vier Stunden lang. Da war er 16, Als Gates mit 20 seine eigene Software-Firma gründete, hatte er bereits einen enormen Erfahrungsvorsprung gegenüber Gleichaltrigen und möglicherweise Gleichbegabten.

Auch hier kann man wieder bei oberflächlichem Lesen zu der Schlussfolgerung gelangen, Bill Gates hätte vor allem Glück gehabt. Nur kenne ich keinen einzigen Menschen, der mit 16 freiwillig jeden Tag um halb zwei aufstehen würde um zu arbeiten. (Nicht, um seine Zeit mit Computerspielen zu vertillern, davon kenne ich einige Jugendliche.) Bill Gates ist also nicht zufällig zu dem geworden, der er heute ist, sondern er hatte eine extreme Begabung, der sich zusätzlich und zufällig diese Möglichkeiten boten. Was seinen IQ betrifft, im Falle der Computerwissenschaften sicherlich ein sehr gute Maßstab für Talent: Gates ist Mitglied der Mega Society, deren Aufnahmekriterium bei 172 liegt. Einen solchen Wert erreicht einer von einer Million Menschen. Bill Gates hat also nicht bloß Glück gehabt, sondern er besitzt zuallererst eine extreme Begabung auf kognitivem Gebiet.

Genug davon. Ein paar Seiten weiter im Heft findet man ein paar Bildchen unter dem Titel „Der einzig wahre IQ-Test“. Sie wurden von Ingo Hofmeister und Willy Dumaz erstellt, hier der Link auf ihre Homepage: Optische Enttäuschungen, und sind in den fünf Heften zu finden, die sie inzwischen zum Stückpreis von je 3 Euro veröffentlicht haben. Meine Favoriten im Heft:

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