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John R. Searle: Freiheit und Neurobiologie

Das Buch von Searle ist auf verschiedenerlei Weise angenehm: Es ist bemerkenswert kurz, nur 90 Seiten. Und es ist für ein philosophisches Werk in sehr verständlicher Sprache geschrieben. Man findet in ihm zwei Aufsätze von Searle: „Willensfreiheit als Problem in der Neurobiologie” sowie „Sprache und Macht”.

Auf den ersten Artikel über die Willensfreiheit will ich hier nicht näher eingehen, obwohl auch er sehr interessante Ideen enthält. Zum Beispiel glaubt Searle, dass das Leib-Seele-Problem gelöst ist. Seiner Meinung nach entstand es erst dadurch, dass man begrifflich „Bewusstsein” als eine eigenständige Entität von der Materie getrennt hatte. Wenn aber Bewusstsein immer an Materie gekoppelt ist, eines Körpers und seiner Lebensvorgänge bedarf, dann verschwindet das Problem. Nicht im Sinne eines Epiphänomens, nicht im Sinne der Identitätstheorie. Aber es kann einfach als eine höhere systemische Funktion von Lebewesen, die die Evolution für diese entwickelt hat, weil es ihnen Überlebensvorteile verschafft, betrachtet werden. Der Begriff der Willensfreiheit, der in der Überschrift seines Artikels vorkommt, fällt in dieselbe Denkkategorie. Willensfreiheit ist keine Illusion, sondern Wirklichkeit. Die Neurobiologie ist aufgefordert, die entsprechenden neuronalen Korrelate dieser Aspekte unserer Wirklichkeit zu finden.

Der zweite Abschnitt war für mich noch interessanter, weil er viele mir vollkommen neue Gedanken enthalten und weil er mir einen Denkanstoß dazu gegeben hat, wieso einige Menschen der Meinung sind, das Bewusstsein würde ihre Welt erschaffen und nicht umgekehrt das Bewusstsein ein evolutionäres Produkt unserer Phylogenese sein. Zu Beginn nimmt er eine Zweimalzweiteilung der Wirklichkeit vor. Diese Unterteilung hatte ich in einem Kommentar bereits beschrieben, sodass ich sie mir hier erspare.

Häufig wird gesagt, Menschen wären soziale Lebewesen, aber das sind Ameisen, Bienen und viele andere Tiere auch. Was uns von ihnen unterscheidet, ist, dass wir politische Lebewesen sind, ein Gedanke, den man bereits bei Aristoteles findet. Searle untersucht, was das Zusätzliche des Politischen gegenüber dem Sozialen ist. Die Intentionalität (Zielgerichtetheit des Handelns) ist es nicht, weil auch Tiere einzeln oder in der Gruppe Ziele verfolgen können. Er sieht zwei Elemente, die Zuschreibung von Funktionen und die Erfindung und Einhaltung von „konstitutionellen” Regeln. Beides am besten anhand eines längeren Zitats zu erklären:

[Menschen] haben die Fähigkeit, Gegenständen eine Funktion zuzuschreiben, die im Gegensatz zu Stöcken, Hebeln, Kisten und Salzwasser [alles aus vorherigen Beispielen] ihre Funktion nicht auf der Grundlage ihrer physischen Struktur erfüllen können, sondern vielmehr auf der Grundlage einer bestimmten kollektiven Anerkennung relativ zu einem bestimmten Status dieser Gegenstände. Dieser Status wird von einer Funktion begleitet, die nur durch die kollektive Anerkennung des Status dieses Gegenstandes durch die Gemeinschaft möglich ist und durch die Tatsache, dass dieser Status Träger der Funktion ist. Das einfachste und augenfälligste Beispiel dieses Phänomens ist wohl das Geld. Diese Papierstücke, welche die Geldscheine sind, erfüllen nicht aufgrund ihrer physischen Struktur ihre Funktion, sondern weil wir eine Reihe von Einstellungen ihnen gegenüber einnehmen.

Im zweiten Teil seines Artikels geht Searle dann weiter ins Detail, insbesondere erläutert er die entscheidende Bedeutung der menschlichen Sprache für diese Konstruktion und die Zuschreibung von Funktionen. Aber auch ohne darauf näher einzugehen, ist bereits hier klar, dass diese ontologisch subjektiven Zuschreibungen die politischen von den sozialen Lebewesen trennen, sie machen den entscheidenden Unterschied zwischen unserer Wirklichkeit und der der (anderen) Tiere aus. Searle schreibt:

Nahezu die gesamte politische Wirklichkeit ist beobachterabhängig. Eine Wahl, ein Parlament, ein Premierminister oder etwa eine Revolution sind nur dann, was sie eben sind, wenn die Leute ihnen gegenüber bestimmte Einstellungen haben. Und folglich enthalten alle diese Phänomene einen Anteil an ontologischer Subjektivität. Die subjektiven Einstellungen der betroffenen Menschen sind wesentliche Bestandteile von beobachterabhängigen Phänomenen. Dennoch impliziert die ontologische Subjektivität als solche noch keine epistemische Subjektivität. Es kann einen Bereich geben, wie beispielsweise die Politik oder die Wirtschaft, innerhalb dessen die Dinge ontologisch subjektiv sind, über die man jedoch immer epistemisch objektive Aussagen machen kann. (Zu den Begriffen, spät, aber hoffentlich nicht zu spät: Epistemologie = Erkenntnistheorie, Ontologie = Die Lehre vom Sein.)

Als Beispiel führt er den Präsidenten der Vereinigten Staaten an. Das Amt ist beobachterabhängig, weil es ohne Menschen keinen Präsidenten gäbe. Zugleich ist es aber epistemisch eine objektive Tatsache, dass Bush derzeit Präsident ist.

Hier liegt vielleicht ein Grund für den Bewusstseinsirrtum: Wir können Präsidenten erschaffen, ontologische Subjektivität, aber nicht die Welt, die ontologisch objektiv auch ohne uns existieren würde. Der Präsident ist objektiv vorhanden, aber eben nur epistemisch objektiv. Und Epistemologie gibt es nicht ohne „Beobachter”. Hat man Neglecte (Warnehmungsfehler), Halluzinationen, Erweckungs- oder traumatische Erlebnisse, die man nicht erklären kann, und erkennt gleichzeitig den fundamentalen Unterschied zwischen der gesellschaftlichen und der natürlichen Umwelt nicht, dann kann man zu einer sehr ungewöhnlichen Weltsicht kommen. Vielleicht ist es das.

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