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Handbuch gegen Argumentationsfehler

Gestern habe ich mich aus aktuellem Anlaß an einen uralten Link erinnert: Das „Handbuch gegen logische Argumentationsfehler“, eine Übersetzung aus dem Englischen durch den Flötenfuchs. Den originalen Link gibt es nicht mehr, eine Kopie findet man hier. Leider hat der Flötenfuchs in einem sehr zeitigen Stadium aufgegeben. (Ich meinen eigenen Versuch vor etwa 2 Jahren allerdings auch.) Im englischsprachigen Teil des Netzes wird man aber mit dem Googeln nach logical fallacies sehr schnell fündig.

Die „logical fallacies“ bieten eine systematische Methode, die Argumentationen seines Gegenübers zu analysieren. Die Grundmethode soll schon auf die Aristoteles zurückzuführen sein, aber auch heute noch wird versucht, wiederkehrende Muster in der Kommunikation zu finden, neue Argumentationsfehlertypen zu formulieren oder neue Beispiele bereits bekannter Fehler aufzuspüren.

Im Englischen spricht man immer von „logical fallacies“, was meist mit „logische Argumentationsfehler“ übersetzt wird. Aber nicht alle der aufgeführten Fehler sind wirklich logischer Art; der wichtigste, der Angriff auf die Person, ist meiner Meinung nach nicht als logischer Fehler zu klassifizieren. Zum Beispiel hat der hier im Abschnitt Attacking the Person (argumentum ad hominem) zu findende Argumentationsfehler nichts mit Logik zu tun:

Angriff auf die Person
(argumentum ad hominem)

Die Person, die ein Argument vorbringt, wird anstelle des Arguments selbst angegriffen. Das kann verschiedene Formen annehmen, zum Beispiel können der Charakter der Person, ihre Nationalität oder Religion angegriffen werden. Oder es wird herausgestellt, dass die Person von einem positiven Ausgang persönlich profitieren würde. Oder die Person wird wegen ihrer Mitgliedschaft in einer Organsiation oder Firma angegriffen.

Hat man einen Fehler dieser Art gefunden, fällt die Widerlegung leicht: Es genügt der Hinweis, dass der Charakter einer Person oder ihre Lebensumstände nichts über die Wahrheit oder Falschheit ihrer Behauptung aussagen.

Meiner Meinung nach ist die konsequente Bekämpfung dieses Argumentationsfehlers in jeder Diskussion das wichtigste überhaupt, noch vor einer jeglichen inhaltlichen Auseinandersetzung. Der Grund ist sehr einfach: Niemand kann inhaltlich argumentieren, während seine Person angegriffen wird. Analysiert man das Komunikationsverhalten in der Politik oder im Internet, dann kann man sehr leicht erkennen, wie fatal sich eine Kommunikationskultur auswirkt, die nicht ununterbrochen den Respekt der Diskussionspartner voreinander durchsetzt. Man kann ein beliebiges Diskussionsforum oder einen Blog aufsuchen und sich dort eine Diskussion ansehen. Sobald der erste Troll auftaucht, ist jede inhaltliche Diskussion beendet.

Im eigenen Blog kann man das Trollaufkommen durch das konsequente Löschen sinnloser Kommentare in Grenzen halten, in fremden Blogs ist man auf die Kooperation der Besitzer angewiesen. Ist man mit der dort verfolgten Stategie nicht einverstanden, besteht der einzige Ausweg darin, den betreffenden Blog nie wieder zu betreten, was außerordentliche Selbstdisziplin erfordert. (Wurde dort schon wieder über mich gelästert?)

Streng themenbezogene Diskussionsforen sind weniger trollgefährdet, weil durch den Fokus auf das alle interessierende Thema, die meist notwendige Anmeldung und eine i.a. rigorose Moderation Konflikte weniger häufig sind. Foren mit einem breiten Themenspektrum und Laissez-faire Politik in Bezug auf störende Benutzer sind extrem gefährdet. Bei Slashdot zum Beispiel wurde im Zuge des Wachstums mehrfach die Strategie gewechselt, vom händischen Löschen bösartiger Kommentare, dem Einsetzen von Moderatoren (zeitweise sollen es bis zu tausend Nutzer gewesen sein) bis zum automatischen Bewerten von Kommentaren.

Analogien mit dem realen Leben (der eigenen Wohnung, einem geschlossenen Club oder dem Straßenverkehr) tragen immer nur bis zu einem gewissen Punkt, die neuen Möglichkeiten des Netzes haben zu neuen Typen von Soziopathen geführt, die grob vereinfacht und wie bereits erwähnt unter dem Oberbegriff Troll zusammengefasst werden. Die Begrenztheit der Analogien besteht u.a. darin, dass der physikalische Aufwand, anderen Leuten zu schaden, für den Störenfried so gering ist. Er muss seine eigene Wohnung nicht verlassen und hat keinen Blick- oder Körperkontakt zu seinen Kontrahenten, was seine Hemmschwelle senkt, und ein Angriff auf die elektronische Arbeit eines anderen gilt nicht immer als justiziable Verletzung von dessen Privatsphäre und persönlicher Integrität.

Kommentare
Gregor Keuschnig 03/12/2008 10:02:13 PM

ist eigentlich alles gesagt.

Du wirst das wohl bestreiten – aber im „aktuellen Fall“, den wir beide miterlebt haben (und der in seinem Ausmass schon ganz heftig war), gibt es nur eine Reaktion, die angemessen gewesen wäre.

Nachtrag: Habe jetzt erst einen anderen Eintrag gelesen. Der Blogbesitzer hat da eindeutig Stellung bezogen…

Köppnick 03/13/2008 07:51:54 AM

Den Blogeintrag habe ich geschrieben, weil ich mich über mich selbst geärgert habe. Ich habe tatsächlich überlegt, ob an dem Überheblichkeitsvorwurf etwas dran ist. Aber für die Diskussion über Galilei, was historisch verbürgt ist und was nicht, ist das vollkommen irrelevant. Jemand, der so argumentiert, kaschiert, dass er inhaltlich entweder nichts beitragen kann oder will.

Ich fand den Paragraphen mit den „ad hominem“-Fällen auch deshalb so interessant, weil er in der Politik so häufig verletzt wird. Man schaue sich den aktuellen Wahlkampf in den USA an. Oder, etwas näher: Wenn jemand von der Atomlobby spricht, reicht bereits die Tatsache, welche Organisation er vertritt, dazu aus, seinen Argumenten nicht mehr zuzuhören. Das ist auch ad hominem. Wir sind selbst also auch nicht immun.

Gregor Keuschnig 03/13/2008 08:56:21 AM

Der Überheblichkeitsvorwurf ist in mehrfacher Hinsicht Unsinn. Erstens handelt es sich um einen Kommentar, zweitens ist nirgendwo gesagt, dass Du Deine Meinung sakrosankt hälst und keinen Widerspruch duldest und drittens gibt es Widerspruchsmöglichkeit in der Sache.

Mir hat man neulich vorgeworfen, meine Dawkins-Besprechung sei „von oben herab“ – und das ohne weitere Ausführung. Auch das ist Unsinn, weil Rezensionen nicht standpunktlos sind, sondern sehr wohl – im Idealfall argumentativ – Stellung beziehen.

Das Grundproblem in Foren/Blogs auf Beiträge/Kommentare besteht entweder in der von Dir beschriebenen ad-hominem Variante (eher selten, vor allem in dieser Dimension) oder in zweizeiligen Nichtssagern. Beides müsste man löschen.

steppenhund 03/13/2008 10:53:53 AM

Im vorliegenden Fall kamen zwei unterschiedliche Effekte zusammen. Anfänglich hatte ich mich amüsiert, weil – zumindest für mich offensichtlich – mehrere Personen aneinander vorbeiredeten. Die vorgebrachten Anwürfe hatten noch etwas Reflexives an sich. Durch bestimmte Reaktionen gab der Betreffende mehr über sich preis als das er das Gegenüber damit ansprach.
Als die typischen argumenta ad hominem kamen, habe ich abgedreht.
Ich wollte aber nicht löschen und habe aus diesem Grund auch den Protokoll-Snapshot gemacht, weil ich mir bei weiteren Ausfälligkeiten Schritte bei twoday vorbehalten hätte.
Ich bin ja an sich ein geduldiger Mensch:)

Über die Diskussionsführung und die argumenta ad hominem habe ich bereits 40 Jahren gehört. In Amerika wird das Diskutieren bereits in der Mittelschule unterrichtet, wie es ja auch Diskutiermeisterschaften gibt. Wenn ich mich richtig erinnere gab es sieben Untergriffigkeiten, die wie im Posting hier mit den entsprechenden Gegenmaßnahmen erläuter wurden.
Ich habe es aber auch erlebt, dass Menschen es gar nicht einsehen wollten, dass es sich hier um ein unzulässiges Argumentationsmittel handelt.

Köppnick 03/13/2008 00:03:22 PM

Ich habe es aber auch erlebt, dass Menschen es gar nicht einsehen wollten, dass es sich hier um ein unzulässiges Argumentationsmittel handelt.

Ja, hier hat das Netz seine Vorteile, weil man die Kommunikation einseitig beenden kann. Im richtigen Leben, egal ob beruflich oder privat, ist es schwieriger, weil man sich der Auseinandersetzung meist nicht entziehen kann und weil es meistens nicht das einzige Problem bleibt, das nicht lösbar ist. Auch wenn die Betreffenden meist selbst nicht glücklich über sich sind, können sie doch nicht anders, sehen sich im Recht und, ganz wichtig, sind derlei Streitereien gewöhnt, weil sie ja ständig mit mehreren anderen über Kreuz liegen. Das macht sie meist nicht einmal stutzig.

Mir hilft dann das Theoretisieren (hier über die Argumentationsfehler), weil ich dann für mich die Gewissheit erlange, dass ich zumindest nicht allein schuld bin.

PS: Ich habe mir noch vor dir auch (von mir nicht mehr editierbare) Kopien der beiden Threads gemacht. Ich hatte zuvor ein wenig nach Vorgeschichten gegoogelt und von nachträglichen Änderungen von Beiträgen und Kommentaren gelesen. Das ging bis 2005 zurück und erklärte nachträglich auch einige andere Reaktionen.

blackconti 03/13/2008 02:13:02 PM

Der „vorliegende Fall“ ist nicht nur mir zu bekannt und auch meine Einwilligung ins „P..Experiment“ brachte keine Besserung. Wie unvermittelt, ja geradezu bar jeder Logik, ein persönlicher Angriff erfolgen kann, ist im Falle „Köppnick“ bei „Steppenhund“ geradezu exemplarisch zu bewundern. Von einer geradezu erschreckenden Humorresistenz will ich erst gar nicht reden.

Talakallea Thymon 04/29/2008 00:30:54 PM

„Das würdest du doch selbst nicht tun!“
Das echte problem mit dem ad hominem-argument bzw seiner entkräftung tritt aber doch immer dann auf, wenn nicht um wahrheit oder falschheit, sondern um ein gebotensein oder nichtgebotensein gestritten wird. hier ist zwar die tatsache, daß die richtigkeit eines arguments unabhängig ist von der vorbringenden person, unberührt; trotzdem macht es einen schlechten eindruck, argumentativ etwas zu fordern, das man selbst nicht einzulösen bereit ist. also etwa die forderung, man solle doch nur noch kalt duschen, um dem klimawandel vorzubeugen. wer selbst bekanntermaßen ausgiebigt heiß duscht, wird bei einer solchen forderung unglaubwürdig, da mag das, was er sagt, noch so richtig und geboten sein. man wird sich auf diese weise immer einen einwand des wortlauts „das würdest du doch selbst nicht tun!“ (und damit einen ad-hominem-vorwurf) einhandeln; und eben das bringt den anklagenden in eine (psychologisch, wenn auch nicht logisch) schwache position.

Köppnick 04/29/2008 06:40:46 PM

Typische Beispiele findet man vor allem in der Politik oder bei Wirtschaftsführern. Ein Herr Mehdorn zum Beispiel erscheint vollkommen unglaubwürdig in seiner Forderung nach niedrigen Lokführergehältern, nachdem sich das Management der Bahn in den letzten Jahren selbst satte Zuschläge gegönnt hat. Auch Politiker sind hinreichend unglaubwürdig, wenn sie das Engerschnallen des Gürtels verlangen. Aber man muss die Frage nach der Glaubwürdigkeit einer Person trotzdem von einem Urteil darüber trennen, ob deren Aussagen richtig oder falsch sind. Ansonsten hätte man die paradoxe Situation, dass sich die Beurteilung von Sachverhalten dadurch ändert, dass Personen in Gnade oder Ungnade fallen. Bei Sachargumenten ist das nicht so. Die Richtigkeit oder Falschheit ändert sich erst dann, wenn neue andere Argumente gebracht werden, die zu einer Revision zwingen.

Aber natürlich hindert einen niemand daran, genau hinzusehen, was eine Person selbst tut, welchen beruflichen Hintergrund sie hat und für welche Organsiation sie eintritt. Das erleichtert das Finden der Stellen, an denen sich vielleicht die besten Gegenargumente finden lassen. Auch in deinem Duschbeispiel muss man ja nicht ad hominem argumentieren, es genügt der Hinweis, dass man doch bei dem erwiesenen Zusammenhang zwischen der heißen Dusche und dem Klimawandel ab jetzt doch am besten gemeinsam aufs Duschen verzichtet. Das ist dann nicht ad hominem, sondern ad aqua. (Man nagle mich nicht auf korrektes Latein fest.)

Talakallea Thymon 04/29/2008 07:33:49 PM

„ad aquam“, aber ansonsten gebe ich dir recht. man tut sich nur mitunter schwer bei der von dir völlig zu recht geforderten trennung von argument und menschlichem vorbild.

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