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Frank Schirrmacher: Minimum

Ich gebe zu, ich habe dieses Buch voreingenommen begonnen zu lesen. Immerhin ist Frank Schirrmacher Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen, die wegen ihrer politischen Ausrichtung nicht gerade zu meiner bevorzugten Lektüre gehört. Dann fand ich das Buch doch recht gut geschrieben, besonders der abschließende Teil mit der Rolle der Frau in der Zukunft gefiel. Im Abstand von einigen Wochen kamen meine Zweifel zurück. Den Ausschlag, doch noch meinen Senf zu diesem Buch abzugeben, lieferte der Telepolisartikel Die Familie ist tot, es lebe die Familie.

Frank Schirrmacher singt im Buch das Hohelied der Familie, und er macht den Wert der Familie vor allem mit seinem Beispiel vom Überleben einer kleinen Gruppe von Siedlern am Donnerpass 1846 deutlich. Bei anderen Rezensionen seines Buches beschränkt man sich meistens auf dieses eine Beispiel, für mich zählen zum Kernbestand noch zwei weitere:

  • Er beschreibt die Ereignisse in einem Hotelkomplex auf der Isle of Man im Jahr 1973, als dort ein großer Brand viele Todesopfer gefordert hat.
  • Er schildert die schwierige Situation in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg, als viele Männer nicht mehr aus dem Krieg zurückgekehrt sind, das Land wiederaufgebaut und die vielen Vertriebenen integriert werden mussten.


Die Gruppe am Donnerpass wurde von frühem Schnee überrascht und musste ohne fremde Hilfe den Winter überleben, es starben sehr viele. Der ganze Treck setzte sich aus Familien, kleineren Gruppen und einzelnen Männern zusammen. Als man später die Verluste analysierte, stellte sich heraus, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit kaum von Alter oder Geschlecht abhing, sondern viel stärker von der Gruppen- oder Familienzugehörigkeit. Je größer eine Siedlerfamilie war, desto höher war die Wahrscheinlichkeit jedes ihrer Mitglieder zu überleben, auch für Alte und Kranke. Am höchsten war die Sterblichkeit unter den allein reisenden Männern.

Dieses Beispiel steht ganz am Anfang und nimmt gewissermaßen die zentrale Botschaft des gesamten Buches vorweg: Blut ist dicker als Wasser, wenn es hart auf hart kommt, kann man sich nur auf seine Verwandten verlassen, weil diese einen ohne Vorbedingungen und Gegenleistungen unterstützen werden, wenn es notwendig wird.

Eigentlich sollte das nicht überraschen, wenn man sich bestimmte Beobachtungsergebnisse der Biologie und der Anthropologie in Erinnerung ruft. Im größten Teil unserer Vergangenheit haben Menschen in kleinen Clans zusammengelebt, deren Mitglieder miteinander versippt und verschwägert waren. Die anderen Primaten leben heute noch so. Zum Überleben waren und sind diese Gruppen darauf angewiesen, dass jeder jedem hilft.

Bereits das zweite Beispiel, der Brand in dem Hotelkomplex, belegt die These von der höheren Überlebenswahrscheinlichkeit der Familien gegenüber Freundesgruppen oder Singles nicht mehr. Man kann dort stattdessen, in Bezug auf das vorige Ergebnis, zwei vollkommen neue Erkenntnisse gewinnen:

  • Während Familien versucht haben, sich gegenseitig zu helfen und zu retten, zählten Freundschaften bei der einsetzenden Panik nicht mehr. Jeder hat für sich allein versucht zu entkommen. Die Überlebenswahrscheinlichkeit von Familien war aber nicht höher als die der anderen Gruppen oder Einzelpersonen, weil viele Familienmitglieder beim Versuch, ihre Angehörigen zu retten, selbst umgekommen sind.
  • Familien und Einzelpersonen haben unterschiedliche Fluchtwege benutzt. Während Familien vor allem durch die normalen Ein- und Ausgängen entkommen wollten, haben Einzelpersonen auch die Ausgänge benutzt, die normalerweise verschlossen und nur als Fluchtwege vorgesehen waren. Das unterschiedliche Verhalten ist verständlich, denn die Familien mussten sich zu einer gemeinsamen Flucht zunächst einmal finden, und da liegt ein Treff an Orten nahe, die man zuvor schon gemeinsam benutzt hat. Einzelpersonen hingegen haben einfach den nächstliegenden gekennzeichneten Fluchtweg benutzt.

Spätestens das dritte Beispiel, Deutschland nach dem 2. Weltkrieg, machte (zumindest mir) deutlich, dass sich Schirrmacher auf dem Holzweg befindet. Mit welcher Berechtigung vergleicht er die Situation in Deutschland 2006 mit der von 1945 oder mit einem Hotelbrand oder mit einer Katastrophe im Jahr 1846? Ist nicht Deutschland eines der reichsten Länder der Welt, in dem es noch jedes Jahr einen Zuwachs an Produkten gegeben hat? Leben nicht trotz der sich immer stärker auftuenden Schere zwischen Arm und Reich auch die „geburtenverweigernden Mittelschichten“ unter besseren materiellen Bedingungen als ihre Vorfahren?

Offensichtlich ist es nicht der absolute Grad an Reichtum (oder Armut), der den Kinderwunsch begrenzt, sondern das von der Gesellschaft insgesamt vermittelte Empfinden, im eigenen Leben etwas zu verpassen, wenn man sich Kinder „aufbürdet“. Man kann offensichtlich nicht alles gleichzeitig haben: Erfolg im Beruf, Spaß im Privatleben und gleichzeitig viele Kinder. Deshalb werden wohl beide Ansätze scheitern:

  • Der Weg des Appells an die heile Familie (stockkonservativ wie es sich zum Beispiel im Ehegattensplitting äußert oder neokonservativ wie hier bei Schirrmacher).
  • Der Weg einer verstärkten Umverteilung von kinderlosen zu kinderreichen Familien, die staatliche Alimentierung auf unterschiedlichste Weise.

Dass der erste Weg nicht funktionieren wird, ist sofort ersichtlich, weil die heile Familie der früheren Zeiten ja nicht grundlos zerfallen ist, Geschichte wiederholt sich nicht. Aber der zweite auch nicht, weil er am Rest der Gesellschaft nichts ändert, Kinder implizit zu Kosten-Nutzen-Faktoren macht und die materiellen und „Selbstverwirklichungs-“ Nachteile niemals hundertprozentig beseitigen kann.

Es ist die Marktwirtschaft selbst, die das „Kinderproblem“ nicht lösen kann. Wer die gesamte Gesellschaft ökonomisch organisiert, also elementare Lebensbestandteile und -probleme wie Krankheit, Rente, Bildung in Produkte zergliedert und Angebot und Nachfrage unterwirft, der bekommt von den in dieser Wirtschaft lebenden Menschen, den „Marktteilnehmern“, den Spiegel vorgehalten: Die Produktion von Menschen (=Kindern) „rechnet sich nicht“, die Gesellschaft betrachtet als Erfolg des Einzelnen zuerst seinen individuellen ökonomischen.

Es gibt meiner Meinung nach nur zwei Lösungen:

  • Entweder man versucht es marktwirtschaftlich: Man kauft Menschen dort ein, wo sie billiger als bei uns produziert werden können. Dieser Weg führt in die Sackgasse. Wem nicht schon beim Lesen des vorvorigen Satzes eine Gänsehaut den Rücken heruntergelaufen ist, der wird aber doch einsehen, dass die so importierten Menschen, um „wirtschaftskompatibel“ gemacht (oder euphemistisch „integriert“) zu werden, sehr schnell unsere Wertvorstellungen übernehmen (müssen).
  • Oder man gibt Marktwirtschaft auf allen den Gebieten auf, die unmittelbar menschliches Leben betreffen, d.h., wie oben bereits erwähnt für Krankheit, Rente, Bildung und Kinder. Allerdings vermute ich, dass damit der Marktwirtschaft als Ganzes der Boden entzogen wird, weil eine ausbeutungsfreie Zone für die meisten Menschen attraktiver sein wird als die andere, marktwirtschaftliche, mit ihrem Arbeitszwang.

Zu diesen Schlussfolgerungen kann Schirrmacher natürlich nicht kommen, als Neokonservativer hält er unsere Wirtschaftsform ja für die beste. An der kinderreicheren Familie als Überlebensfabrik, da muss selbstverständlich noch gearbeitet werden. Aber eine Antwort auf die Frage, warum die Frauen der Zukunft in einer nach demselben Prinzip wie der unsrigen funktionierenden Gesellschaft andere Entscheidungen als heute treffen sollen, die gibt er nicht.

Kommentare

anaximander 07/17/2006 00:53:52 PM

ich habe deinen Kommentar zu Roger de Weck gelesen – ehe du ihn wieder gelöscht hast. Weisst du, ich finde es nicht so doll, wenn Leute vom sicheren Bürostuhl aus meinen den Stab über jemanden – und sei es ein ganzes Volk – brechen zu müssen, nur um ihre Ansichten, die meist auf einer für die Mehrheit gedachten Fernsehberichterstattung beruhen, zu rechtfertigen.
Gratulation übrigens zu dieser Schirrmacher-Besprechung!

Köppnick 07/17/2006 02:53:05 PM

Ich habe ihn gelöscht, weil ich nach dem Schreiben des Kommentars noch dem Link zu dem zitierten Autor gefolgt bin und festgestellt habe, dass ich mich da noch genauer informieren muss, wozu ich jetzt aber keine Zeit habe.

Weisst du, ich finde es nicht so doll, wenn Leute vom sicheren Bürostuhl aus meinen den Stab über jemanden – und sei es ein ganzes Volk – brechen zu müssen, nur um ihre Ansichten, die meist auf einer für die Mehrheit gedachten Fernsehberichterstattung beruhen, zu rechtfertigen.

Um welches Volk geht es dir, um das palästinensische, das libanesische, das syrische, das iranische oder das israelische?

Israel hat genauso wie alle seine Nachbarstaaten ein Recht auf Frieden, darüber besteht sicherlich Konsens.

Ich wiederhole mich ungern, aber ich glaube, ich habe schon einmal geschrieben, dass bis jetzt in allen bewaffneten Auseinandersetzungen, an denen Israel beteiligt war, die Zahl der toten nichtisraelischen Zivilisten um den Faktor 6 bis 10 höher war als die der Israelis. Schon aus diesem Grund halte ich die Militäroperationen Israels für ein untaugliches Mittel seiner Politik.

Ich werde deinen Kommentar in Kürze löschen, weil ich sie als einen Angriff ad hominem betrachte. Du lieferst keine sachlichen Argumente für deine Position, sondern wirfst mir stattdessen Bürostuhlmentalität vor.

anaximander 07/17/2006 10:32:25 PM

Die Rede war von einem Kommentar in der Sonntagszeitung – du bist dem Link gefolgt – mit dem Sesselfurzer war der Autor gemeint.

Gregor Keuschnig 07/17/2006 01:49:23 PM

Ich hatte ja an anderer Stelle auf Parallelen zwischen Schirrmachers Buch (was ich nicht vollständig gelesen habe) und Di Fabios „Kultur der Freiheit“ hingewiesen. Di Fabio scheint nun sehr viel konsequenter und durchdachter eine Neuorientierung der Gesellschaft hin zur „Familie“ und Kindern als ultimative Bestimmung der Familie zu betreiben. Das Buch von Di Fabio ist sehr komplex – auch vermutlich deshalb hat er es nicht in die „Beckmann“-Talk-Show gebracht (man wollte/konnte den Moderator nicht überfordern).

Bei Di Fabio sind – sehr pauschal zusammengefasst (er ist differenzierter) – die 68er schuld. Er rekurriert auf die so geschmähten Sekundärtugenden und stellt den Glauben (! – sehr wichtig), Familie und das Kinderkriegen in den Fokus einer Art neuer gesellschaftlicher Kultur (man könnte auch Revolution sagen). Das, was gemeinhin für Freiheit gehalten wird, kennzeichnet er (teilweise zurecht) als libertäre Auswüchse. Freiheit ist für ihn nur in einem gewissen Kontext, einem Rahmen, denkbar. Letztlich will Di Fabio eindeutig zurück zur Gesellschaft der 50er Jahre, freilich mit den (technischen) Errungenschaften der Gegenwart. Er geisselt dabei ausdrücklich auch den Stil der Unternehmen, die von ihren Angestellten grösstmögliche Flexibilität erwarten und dadurch die Gesellschaft im Kern beschädigen, in dem sie keine Familien-(= Kinder)planung zulassen.

Schirrmacher für sich hat in allen Gesprächen im Fernsehen einer Rückkehr zum „Heimchen am Herd“ ausdrücklich widersprochen. Stattdessen blieb er – auf Anfrage – seltsam unverbindlich und schwadronierte die Standard-Floskel von der „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Das zeigt, das hinter seinen Thesen kein ausgearbeitetes „Programm“ steckt. Alleine hierin trennen ihn und Di Fabio schon Welten: Di Fabio meint es ernst; für Schirrmacher ist es eine muntere Spielerei.

Deine Rezension hinterlässt bei mir nur den Gedanken, dass Schirrmacher eine banale Volksweisheit als Neuigkeit verkauft: „Blut ist dicker als Wasser“. Hierzu liessen sich mit Sicherheit -zig Ausnahmen herausfinden, wenn man nur genug recherchiert. Schirrmacher ist kein wissenschaftlich agierender Thesenschreiber, sondern jemand, der Akzente setzen will; der klassische Meinungsführer. Vermutlich trifft dieser Artikel seine Intentionen recht genau.

Die Welle, die im Frühjahr eine neokonservative Erweckungspolitik in Deutschland einleiten sollte, scheint ein bisschen abgeflacht. Ich glaube allerdings, die Täler werden kürzer und in absehbarer Zeit werden wir restriktivere Politikentwürfe erwarten können. Ich bin gespannt, ob ein verfassungsrichter Di Fabio einer irgendwann zu erwartenden Diskriminierung Kinderloser (in den Sozialversicherungssystemen beispielsweise) zustimmen wird. Meines Erachtens wäre er befangen.

Köppnick 07/17/2006 07:18:44 PM

An deiner Stelle würde ich das Buch trotzdem lesen, weil es gut geschrieben ist und eine weitere Reihe interessanter Ideen und Beobachtungen enthält. Zum Beispiel hat mich seine Anmerkung nachdenklich gemacht, dass Kinder und Jugendliche in ihrem Umfeld beobachten müssen, wie Familien funktionieren und Kinder aufwachsen und erzogen werden. Wächst man in einer zerrütteten oder in einer Ein-Kind-Familie auf und zeigen zusätzlich die Massenmedien keine Beispiele gut laufender Mehrkinderfamilien, dann sinkt auch bei den später erwachsen Gewordenen der eigene Kinderwunsch. Es fehlen die Vorbilder.

Auf unsere Verhältnisse bezogen bedeutet das, dass selbst eine jetzt einsetzende und massive Umorientierung der gesamten Gesellschaft mehrere Generationen benötigen würde, um wieder in Schwung zu kommen.

Mir ist inzwischen noch ein weiterer Punkt eingefallen, in dem Schirrmacher nicht bis zu den eigentlichen Ursachen vorgestoßen ist. Eine Schwangerschaft dauert 9 Monate, und bis ein Mensch selbstständig geworden ist, vergehen 20 Jahre. Diese Zeiten sind an unsere Biologie geknüpft und können kaum beschleunigt werden. Die ganze übrige Gesellschaft beschleunigt aber fortwährend, oder will das zumindest. So erscheint dem Einzelnen der mit Kindern verbundene Aufwand und der notwendige Verzicht auf Anderes immer größer. Auch dieser Beschleunigungszwang ist letztlich durch unsere kapitalistische Wirtschaftsweise bedingt, auch dieser, den Kinderwunsch verhindernde Effekt entgeht deshalb dem Denkhorizont Schirrmachers.

Wer früher nur alle Jubeljahre in Urlaub fahren konnte, wenn überhaupt, der hat beim Kommen von Kindern daran keinen Gedanken verschwendet. Wer sich daran gewöhnt hat, zweimal im Jahr irgendwohin zu jetten, der kalkuliert sofort, dass Dutzende der folgenden Urlaube sich an den Bedürfnissen der Kinder werden orientieren müssen.

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