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Feature positive effect

In Rolf Dobellis Buch „Die Kunst des klugen Handelns“ gibt es ein Kapitel über den „Feature positive effect“. Das einführende Beispiel bilden zwei Zahlenreihen. Die erste mit den Zahlen 724, 947, 421, 843, 394, 411, 054 und 646. Die zweite mit 349, 851, 274, 905, 772, 032, 854 und 113. Auf die Gemeinsamkeit der Zahlen der ersten Reihe – alle enthalten die Ziffer 4 – kommt man leichter als auf die Gemeinsamkeit der Zahlen der zweiten – alle enthalten die Ziffer 6 nicht. Dobellis Schlussfolgerung: Absenz ist viel schwieriger zu erkennen als Präsenz.

Dobelli führt dann in seinem Text eine Reihe praktischer Beispiele an, um den Effekt zu verdeutlichen. Zwei davon:

Angenommen, Sie sind Hersteller eines zweifelhaften Produkts, zum Beispiel einer Salatsoße mit übermäßigem Cholesteringehalt. Was tun Sie? Auf der Verpackung führen Sie 20 verschiedene Vitamine auf, die in der Soße enthalten sind, und verschweigen den Cholesterinwert. Die Absenz wird den Konsumenten nicht auffallen. Und die positiven – präsenten – Eigenschaften stellen sicher, dass sie sich in Sicherheit fühlen.

Im Wissenschaftsbetrieb stoßen wir ständig auf den Feature-Positive Effect. Die Bestätigung von Hypothesen führt zu Publikationen, und die werden in herausragenden Fällen mit Nobelpreisen gefeiert. Die Falsifikation einer Hypothese hingegen bekommen Sie kaum in einer wissenschaftlichen Zeitschrift publiziert, und meines Wissens gab es noch nie einen Nobelpreis dafür. Dabei ist die Falsifikation einer Hypothese ein wissenschaftlich genauso wertvolles Resultat wie eine Bestätigung. Wegen des Effekts sind wir auch viel anfälliger für positive Empfehlungen (tun Sie X) als für negative (lassen Sie Y) – egal, wie sinnlos oder sinnvoll sie sind.

Ich fand Dobellis Erläuterung deshalb so interessant, weil mir in letzter Zeit ein ähnlicher Effekt aufgefallen ist. Angenommen, in einer bestimmten Situation hat man die Wahl zwischen zwei Alternativen. Beide haben unterschiedliche Vorteile. Man muss sich für eine entscheiden, die andere wird nie Realität. Einige Zeit später hat man sich an den neuen Zustand und die Vorteile gewöhnt, spätestens jetzt fallen einem die Nachteile auf. Häufig denkt man dann: „Ach hätte ich mich damals doch für das andere entschieden, das hatte die und die Vorteile.“ Die Nachteile hingegen des nicht Realisierten fallen nicht so sehr ins Gewicht – weil sie ja niemals wirklich geworden sind.

Die besten Beispiele für diesen Effekt findet man in der Politik. Derzeit wird Westeuropa von Flüchtlingen überrannt, die aus Syrien, Irak, Afghanistan und auch aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens kommen. Allen diesen Staaten ist gemein, dass sich die USA und die Nato in den letzten Jahren bis Jahrzehnten massiv eingemischt haben. Die naheliegende Reaktion: Das ist alles eine direkte Folge der falschen Politik des Westens und vor allem der USA.

Aber Vorsicht: Das ist genau die Sichtweise des von mir geschilderten Effekts: Wir sehen die Nachteile der seinerzeit getroffenen Entscheidungen, wir sehen aber nicht die Nachteile, die die Alternativen gehabt hätten, für die wir uns nicht entschieden haben. Wie würden Syrien, Irak, Afghanistan und Jugoslawien heute aussehen, wenn sich fremde Staaten dort nicht eingemischt hätten?

Ein weiterer Bias in der Betrachtung besteht darin, dass man von anderen getroffene Entscheidungen kritischer sieht als eigene. Wir neigen dazu, vor allem den USA die Hauptschuld zu geben. Aber die USA handeln genauso so, wie wir es auch getan hätten – wenn wir es könnten – und sie handeln überwiegend im eigenen Interesse. Man sieht das jetzt sehr schön am deutschen Verhalten gegenüber Griechenland: Die den Griechen vor allem von Deutschland aufgezwungene Politik ist vielleicht gut für Deutschland, aber wahrscheinlich nicht für Griechenland. Wir handeln so, weil wir es können und weil wir glauben, es wäre so das Beste für uns. Was noch auffällt, ist, dass man dem eigenen Handeln ein moralisches Mäntelchen umhängt: „Aber man muss doch seine Schulden zurückzahlen!“

Und bezüglich der USA muss man sich die Frage stellen, warum sie es können. Sie verfügen über weit größere Kapazitäten, anderen ihren Willen aufzuzwingen. Zu diesen Möglichkeiten können sie nur gekommen sein, weil sie in der Vergangenheit vieles besser als andere gemacht haben, sonst würden sie nicht dort stehen, wo sie heute sind.

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