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Facebook ist nicht das Internet

Die Idee zu diesen Thema stammt nicht von mir, sondern aus diesem Artikel. Ich wusste nicht, was eine „Blogparade“ ist und wollte mich eigentlich auch nicht daran beteiligen, aber da das Thema nun doch ein paar Tage in mir rumort, hier also wie gewünscht ein paar Zeilen zum Thema.

Vor vielleicht zwei oder drei Jahren habe ich mich bei Facebook angemeldet. Irgend etwas, das mich interessiert hat, war in Facebook verfügbar, und da man an die Informationen anderweitig nicht heran kam, besorgte ich mir also einen Account unter meinem Realnamen. So gewaltig war der Informationsgewinn nicht und ich hätte das Ganze auch sehr schnell wieder vergessen, aber ein oder zwei Tage später kam eine Freundschaftsanfrage. Woher der Betreffende erfahren hatte, dass ich mich angemeldet habe, weiß ich nicht. Wir hatten uns Jahre zuvor in einem Diskussionsforum kennengelernt. Ich klickte den Annehmen-Button (oder so etwas Ähnliches). In den nächsten Tagen purzelten eine Reihe von weiteren derartigen Anfragen herein, alle von Exmitgliedern dieses Forums.

Dadurch inspiriert, machte ich mich selbst auf die Suche nach alten Bekannten und wurde auch fündig. Ich war ziemlich euphorisch, wie das alles funktioniert. Doch ein paar Tage später beantwortete eine junge Frau meine Freundschaftsanfrage mit einer Gegenfrage: „Warum willst du eigentlich mit mir befreundet sein?“ Ich anwortete ihr mit „Wegen der alten Zeiten und dem tollen Forenerlebnis“ oder etwas ähnlich Gestammeltem. Es war mir peinlich. Warum wollte ich eigentlich Freundschaftsanfragen empfangen und senden, was sollte das alles?

Zur selben Zeit erschien in der „ct“ ein Artikel zum Datenschutzgebahren von Facebook und wie man sich wieder dauerhaft abmelden kann. Diese Option war ziemlich versteckt. Ich meldete mich ab und loggte mich aus. Jetzt hieß es ein paar Wochen warten, denn wenn man sich in dieser Zeit einloggte, wurde der Account automatisch wieder aktiviert. Erst viel später unternahm ich einen neuen Versuch, und siehe da, mein Account war tatsächlich gelöscht.

In meinem unmittelbaren Umfeld von Verwandten, Freunden und Bekannten gibt es nur einen Einzigen, der einen Facebookaccount besitzt. Er hat eines Tages verblüfft bemerkt, dass er den Aufenthaltsort seiner Frau via Facebook verfolgen kann, denn deren Android-Smartphone trägt ihren Aufenthaltsort bei Facebook ein. Auch das ist eine ganze Weile her, keine Ahnung, ob sie das selbst so eingestellt hatte oder ob das das Defaultverhalten ist.

In den letzten Jahren wurden häufiger Beschwerden über das Datenschutzverhalten von Facebook laut. Denkt man einmal gründlich darüber nach, erscheint das reichlich naiv. Ein Facebookaccount ist kostenlos, trotzdem ist das Unternehmen Facebook an der Börse sehr viel wert, Mark Zuckerberg ist mehrfacher Milliardär. Worin sonst, wenn nicht in den Daten, die die Benutzer bei Facebook freiwillig von sich preisgeben, sollte der Wert dieses Unternehmens bestehen?

Facebook befindet sich dabei in guter Gesellschaft, jeder, der eine Kreditkarte hat, im Geschäft Kundenkarten benutzt, der mit Google sucht oder bei Amazon einkauft, hinterlässt Datenspuren. Wie das funktioniert, lässt sich am Beispiel von Google und Amazon in fünf Minuten auch dem Unbedarftesten zeigen:

  1. Man schaue sich bei Amazon ein paar Produkte an.
  2. Danach besuche man eine beliebige Seite, die mit Google Ads arbeitet. In den eingeblendeten Werbeblöcken tauchen die Produkte auf, die man soeben bei Amazon angesehen hat.

In „Zeit Wissen 1/2013“ findet man den Artikel „Die dummen Diener“, in denen einige der Algorithmen vorgestellt werden, mit denen die großen Webseiten arbeiten. Zum Beispiel analysiert ein Programm bei Facebook das Benutzerverhalten und filtert aufgrund dieser Angaben die Anzeigen auf der Startseite des Betreffenden. Das trägt sicher zum Wohlfühlen dort bei. Google verfährt ähnlich. Eine identische Suchanfrage führt bei verschiedenen Benutzern zu verschiedenen Antworten. Dabei muss sich der Benutzer nicht einmal explizit bei Google angemeldet haben, Google erkennt den Benutzer trotz wechselnder IP-Adressen bei verschiedenen Besuchen im Netz trotzdem mit einiger Sicherheit wieder. Jeder bekommt eine auf ihn und seine Vorurteile zugeschnittene Version des weltweiten Netzes präsentiert und soll sich dort wohl fühlen.

Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um zu erkennen, dass der Kampf um den Datenschutz verloren ist. Dass die großen (US)Konzerne mit diesen Daten gutes Geld verdienen können, ist nur ein Nebeneffekt. Man lese sich den Artikel So gründlich werden wir in Zukunft ausspioniert in der linker Theorien gewiss unverdächtigen „Die Welt“ durch.

Ich sehe es trotzdem ganz entspannt: Wenn jemand im realen Leben gute Freunde hat und mit denen bei Abwesenheit Kontakte über Facebook pflegt, warum nicht? Er oder sie sollte sich nur immer darüber im Klaren sein, dass auch ein kostenloses Angebot nicht für umsonst zu haben ist, man bezahlt dafür immer einen Preis.

Doch in meinem persönlichen Umfeld im realen Leben benutzt niemand Facebook, man hat andere Interessen, die die Zeit ausfüllen: Beruf, Kinder, eigenes Haus, Hobbys, Reisen. Deshalb kann ich mir derzeit die ambivalenten Gedanken und Gefühle ersparen, die bei mir eine Facebooknutzung zwangsläufig auslösen würde – ich komme gut ohne Facebook (oder dessen Alternativen) aus.

KategorienAlltag, Gesellschaft, Ökonomie, Politik Tags:
  1. 4. März 2013, 14:49 | #1

    Hallo Köppnick,
    der Pingback kam anscheinend nicht an oder wird nicht angezeigt. Deshalb hier der Link zur Auswertung. Danke fürs Mitmachen!