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Elektronische vs. gedruckte Bücher

In den letzten Tagen habe ich zwei Artikel gelesen, in denen das Leseverhalten in eBooks mit dem gedruckter Bücher verglichen wird. Der eine der beiden war „Lesen unter Beobachtung“ in „Bild der Wissenschaft“ 8/2014, der zweite „Die Vorzüge des Blätterns“ in „Gehirn und Geist“ 7/2014.

In dem ersten Artikel „Lesen unter Beobachtung“ wird am Anfang festgestellt, dass die verschiedenen Studien, die beide Leseformen miteinander vergleichen, zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Neu für mich:

Einen verblüffenden Effekt fanden Forscher um Monique Janneck von der Fachhochschule Lübeck: Sie entdeckten, dass Menschen zwar auf einigen elektronischen Geräten effizienter als auf Papier lesen, diesen Vorzug aber nicht erkennen. Nach einer Woche Schmökern mit Büchern, E-Readern oder Tablet-Computern erklärte die Mehrheit der Testpersonen, am liebsten gedruckte Bücher zu lesen und Inhalte daraus auch schneller aufzunehmen. Doch damit lagen sie falsch: „Unabhängig vom persönlichen Lesetempo lasen alle Testpersonen auf dem E-Reader am schnellsten“, stellten die Forscher fest. Das gedruckte Buch bildete das Schlusslicht.

Ob das Textverständnis auch dasselbe gewesen ist? Dann werden ein paar neue Entwicklungen aufgelistet, mit denen das Lesen elektronischer Bücher aufgewertet werden soll: Einstellbare Schriftgrößen sind schon Standard. Aber Eyetracker, die an Stellen, an denen der Leser stockt, Informationen einblenden, gibt es bis jetzt nur in der Forschung. Oder Programme, die in wissenschaftlichen Texten Stellen ausblenden, wenn sie erkennen, dass der Leser diese Informationen schon kennt.

Trotzdem setzt sich das elektronische Lesen nur sehr schwer durch. Auch von Studenten ist bekannt, dass sie sich zwar zu Beginn am Bildschirm informieren, für das ausgiebige Selbststudium aber die gedruckten Bücher verwenden. Man kann mehrere gleichzeitig aufgeschlagen auf seinem Schreibtisch liegen haben, kann anhand von Lesezeichen bestimmte Stellen schnell finden, vor- und zurückblättern, usw.

In dem zweiten Artikel, „Die Vorzüge des Blätterns“, wird dann erklärt, warum gedruckte Bücher immer noch bevorzugt werden:

Um das zu beantworten, muss man zunächst wissen, wie das Gehirn Sprache ganz allgemein interpretiert. Wir betrachten Lesen oft als etwas Abstraktes. Tatsächlich werden Texte in unserem Kopf jedoch wie tastbare Objekte unserer physischen Welt behandelt. Wir kommen demgemäß auch nicht mit speziell für das Lesen eingerichteten neuronalen Schaltkreisen zur We1t, wie die Hirnforscherin Maryanne Wolf von der Bostoner Tufts University erklärt.

Schließlich wurde die Schrift erst relativ spät im Verlauf unserer Evolutionsgeschichte erfunden, ungefähr im 4. Jahrtausend v. Chr. Beim Lesen improvisiert unser Gehirn daher, indem es unterschiedliche Areale miteinander verbindet, die eigentlich für Fähigkeiten wie gesprochene Sprache, Motorik oder Sehen verantwortlich sind.

Einige dieser Hirnregionen, in denen der Prozess des Lesens abläuft, sind für die Objekterkennung zuständig. Sie ermöglichen es uns beispielsweise, einen Apfel augenblicklich von einer Orange zu unterscheiden, beide aber dennoch als Obst zu klassifizieren. Und so, wie wir lernen, dass bestimmte Merkmale wie eine runde Form, ein dünner Stängel und eine glatte Schale einen Apfel charakterisieren, so lernen wir auch, jeden Buchstaben anhand seiner spezifischen Anordnung von geraden Linien, Bögen und leeren Flächen zu erkennen.

Verschiedene Studien haben so auch festgestellt, dass Menschen sich bei dem Versuch, eine bestimmte Information in einem Buch wiederzufinden, oft an die Position im Text erinnern, an der sie aufgetaucht ist. Genauso wie wir uns auf einem Wandertrip merken, dass wir an einem roten Gebäude vorbeigegangen sind, erinnern wir uns also auch bei der Lektüre von »Harry Potter« daran, an welcher Stelle Professor Dumbledore stirbt – etwa am Ende des sechsten Bandes unten auf der linken Buchseite.

Im Gegensatz zu Bildschirmtexten besitzen gedruckte Bücher in der Regel eine augenfällige Topografie. Denn ein geöffnetes Buch bietet zwei klar definierte Bereiche: die rechte und die linke Seite und als weitere Orientierungspunkte noch die acht Ecken der beiden Seiten. Wir können sogar das Gewicht der bereits gelesenen Seiten und der noch zu lesenden in unseren Händen spüren. Damit wissen wir immer ungefähr, wo wir uns gerade befinden. All das trägt dazu bei, dass wir in gedruckten Texten nicht nur leichter navigieren können, sondern auch eine bessere Karte von der Textlandschaft in unserem Kopf erzeugen.

Digitales Lesen stört Umfragen zufolge sogar das Leseerlebnis – und zwar indem es uns erschwert, durch den Text zu stöbern und den Lesevorgang selbst zu steuern. Manche Leser berichten zum Beispiel, dass sie gerne zurückblättern, um einen Satz noch einmal zu lesen. Oder dass sie die noch vor ihnen liegenden Seiten schon einmal überfliegen, um zu entscheiden, ob sich die weitere Lektüre lohnt. Wenn wir lesen, nehmen wir den Text auch gerne »in Besitz«: Wir unterstreichen wichtige Passagen, machen am Textrand Notizen oder versehen die Seiten mit Eselsohren.

Ich kann das für mich bestätigen. Auf der Arbeit schreibt man seine Texte selbstverständlich am Bildschirm, aber bevor man sie seinen Kollegen übergibt, druckt man sie aus und liest auf dem Papier Korrektur. Wenn man ein Buch verschenken will, dann wählt man das gedruckte Exemplar, auch wenn der Betreffende einen eBook-Reader besitzt. Und was mein privates Leseverhalten betrifft: Belletristik lese ich mittlerweise elektronisch, aber Sachbücher kaufe ich gedruckt und stelle sie mir nach dem Lesen in den Schrank – mit einer Menge Klebezettelchen als Lesezeichen, die meistens für immer im Buch verbleiben – als sichtbarer Beleg, dass ich dieses Buch gelesen habe.

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