Home > Gehirn & Geist, Rezensionen > Edelman: Das Licht des Geistes

Edelman: Das Licht des Geistes

Gerald Edelman hat dieses Buch im Jahr 2004 veröffentlicht. Er ist Gründer und Direktor des Neurosciences Institute in San Diego. 1972 erhielt er gemeinsam mit Rodney R. Porter den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für seine Entdeckungen im Bereich der chemischen Struktur von Antikörpern. Er versucht in seinem Buch die Frage zu beantworten, welche Merkmale von Körper und Gehirn für das Auftreten von Bewusstsein notwendig und hinreichend sind. Seiner Meinung nach gibt es keine wissenschaftlichen Hinweise für einen außerhalb des Körpers existierenden Geist, was natürlich impliziert, dass das Selbst mit dem Tod des Menschen ebenfalls „stirbt“.

Stufen des Bewusstseins
Er unterscheidet zwischen verschiedenen Stufen des Bewusstseins. Als primäres Bewusstsein bezeichnet er, dass ein Individuum in der Gegenwart mentale Bilder von Dingen in der Welt aufbaut. Dieses primäre Bewusstsein ist nicht mit einem sozial definierten Selbst verknüpft, das sich eine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft machen kann. Demgegenüber ist ein Bewusstsein höherer Ordnung dadurch charakterisiert, dass sich das Individuum darüber klar ist, dass es über Bewusstsein verfügt.

Diese Unterscheidung hilft bei der Klärung der Frage, ob Tiere über ein Bewusstsein verfügen oder nicht, indem es die zuvor qualitative Frage zu einer quantitativen macht. Viele Tiere können über ein primäres Bewusstsein verfügen, aber erst höhere Primaten entwickeln Anfänge eines höheren Bewusstseins, indem sie Ereignisse der Vergangenheit bewusst replizieren und Intentionen für die Zukunft entwickeln können. Dazu muss man semantische Fähigkeiten bei ihnen annehmen. Die den Menschen vorbehaltene höchste Ausprägung setzt sprachliche Fähigkeiten voraus, d.h. die Möglichkeit von Operationen mit symbolischen Repräsentationen.

Aufbau des Gehirns
Der erste Teil des Buchs ist dem Aufbau des Gehirns, der Funktionsweise der einzelnen Teile und den bereits bekannten Vorgängen der Zusammenarbeit zwischen ihnen gewidmet. Das ist insofern von großer Bedeutung, als die Behauptung, dass Bewusstsein ein natürlicher Prozess der Gehirntätigkeit ist, empirisch gestützt werden muss, wenn es nicht bloße Glaubenstatsache bleiben soll. Es hat allerdings wenig Sinn, hier diese Details wiedergeben zu wollen, da man (oder besser ich) sie sich sowieso nicht merken kann.

Theorie der neuronalen Gruppenselektion
Die von ihm entwickelte Theorie nennt sich „Theorie der neuronalen Gruppenselektion“ (TNGS). Hauptidee ist dabei, dass genetisch bestimmte Hirnstrukturen vorgegeben sind (Entwicklungsselektion), die zu Lebzeiten des Individuums über gewonnene Erfahrungen (Erfahrungsselektion) verfeinert werden.

Reentry
Ein wesentlicher Begriff ist dabei der des Reentry. Damit meint er, dass es wechselseitige Kopplungen zwischen verschiedenen Hirnarealen gibt. Wenn zum Beispiel die Areale für visuelle und akustische Reize miteinander verbunden sind, dann kann beim immer wiederkehrenden gemeinsamen Auftreten von Signalen ein Begriff eines Sachverhalts oder Dings gebildet werden, der beide zusammen unfasst. Beispiel: Silhouette eines Hundes (optisch) und Bellen (akustisch). Durch die Reentranz kann man sich beim Sehen eines Hundes daran erinnern, wie er bellt, andererseits reicht ein gehörtes Bellen, um sich das Aussehen eines Hundes vorzustellen.

Dieses Reentry ist nicht auf die Bereiche des Gehirns beschränkt, die sich mit Sinnesreizen befassen, sondern betrifft alle Areale. Der größte Teil des Gehirns beschäftigt sich mit der Verarbeitung von Signalen, die von anderen Teilen des Gehirns selbst stammen.

Karte, Degeneration
Ein weiterer, häufig von ihm genutzter Begriff ist der der „Karte“, englisch „map“. Ich finde diese Übersetzung etwas unglücklich, besser wäre m.E. „Abbildung“. Jedenfalls wird damit die Tatsache beschrieben, dass das gemeinsame Auftreten verschiedener Sachverhalte zu neuen Begriffen (Gedanken, Ideen) führt. Ein weiterer Begriff, der meines Erachtens etwas unglücklich gewählt bzw. übersetzt wurde, ist „Degeneration“. Edelman schreibt:

Eine der Folgerungen ist, dass das Gehirn deshalb so flexibel reagieren kann, weil seine Reaktionen »degeneriert« sind. Degeneriertheit bedeutet, dass strukturell unterschiedliche Bestandteile eines Systems in der Lage sind, dieselbe Funktion zu erfüllen oder denselben Output zu erzeugen.

Er erklärt den Begriff anhand des genetischen Codes. Es gibt 64 verschiedene Möglichkeiten, mit drei aufeinanderfolgenden Basenpaaren (Tripletts) 20 verschiedene Aminosäuren zu kodieren. Deshalb können einige Aminosäuren mit verschiedenen Tripletts kodiert werden. Meines Erachtens wäre hier der Begriff der „Redundanz“ besser geeignet gewesen, weil Degeneriertheit im Deutschen eine negative Konnotation hat.

Transformation ins phänomenale Erleben
In der ersten Hälfte des Buches verwundert, dass der Autor keinen Bezug zu den Diskussionen der Philosophie des Geistes nimmt. Dazu nimmt Edelman erst ab Kapitel 7, „Die Transformation ins phänomenale Erleben“, Stellung:

Das bedeutet, die neurale Aktivität des reentranten dynamischen Kerngefüges wandelt die Signale aus der Außenwelt und aus dem Gehirn in »Phänomene« oder »phänomenale Erfahrungen« um – darin, wie es sich anfühlt, dieses mit Bewusstsein ausgestattete Wesen zu sein und seine Qualia zu erleben. In dieser Transformation (dem Erleben von Qualia) kommt die Fähigkeit zum Ausdruck, Unterscheidungen höherer Ordnung zu treffen, eine Fähigkeit, die ohne die neurale Aktivität des Kerngefüges nicht möglich wäre. Unsere These ist, dass die Transformation ins phänomenale Erleben [phenomenal transform], das heißt das Gesamt der Unterscheidungen, in der neuralen Aktivität impliziert ist. Die neurale Aktivität ist nicht Ursache der Transformation, sondern die Transformation ist vielmehr eine simultan gegebene Eigenschaft der Aktivität.

Kein Epiphänomenalismus?
Die Implikation phänomenalen Erlebens aus der neuralen Tätigkeit würde ich als Epiphänomenalismus bezeichnen, er selbst lehnt diesen Begriff aber ab. Mit den von ihm eingeführten Abkürzungen C=neurale Aktivitäten, C’=impliziertes phänomenales Erleben:

Dieses Erklärungsmodell führt keineswegs in logische Widersprüche. Es ist auch nicht dualistisch und hat mit der seltsam abgehobenen Vorstellung vom Bewusstsein als einem Epiphänomen, bei der materialistischen Philosophen stets unbehaglich ist, nichts gemein. C-Zustände sind notwendigerweise in C‘-Zuständen impliziert. Das Selbst gewinnt mittels der C-Zustände Einblick in die kausalen Folgen von C‘-Zuständen. Es ist noch nicht abzusehen, ob die neurophysiologischen Aufzeichnungsmethoden in ferner Zukunft so weit fortgeschritten sein werden, dass man mit einer gewissen Treffsicherheit den jeweils nächsten C‘-Zustand (oder auch C-Zustand) vorhersagen kann. Jedenfalls wird man in C‘-Zuständen weitere allgemeine Muster aufdecken, die neurale Korrelate des Bewusstseins sind.

Kausalitätsproblem
Damit stellt sich für ihn das Problem des Bieri-Trilemmas nicht, wie es zum Beispiel hier beschrieben wurde. Das Kausalitätsproblem löst er wie folgt:

Im Alltag sprechen wir über uns selbst und über andere so, als würden unsere C-Zustände kausale Wirkungen ausüben. Dabei braucht uns der jeweilige C‘-Zustand, die eigentliche Ursache unseres Austauschs, nicht zu interessieren. Die Implikationsbeziehung, die C zu einer Eigenschaft von C macht, gibt das Verhältnis von C und kausaler Wirksamkeit zutreffend wie- der. Auch wenn es auf den ersten Blick ein wenig unheimlich erscheinen mag, dass alle unsere Transaktionen, ob als subjektiv Erlebende oder von außen Beobachtende, in neuralen Ereignissen gründen, ergeben sich hieraus keine Widersprüche. In Widersprüche geraten wir nur, wenn wir von gegenteiligen Annahmen ausgehen: nämlich davon, dass C‘-Zustände, wenn sie C nicht implizieren, dennoch zu denselben Resultaten führen könnten; dass C ohne C existieren könne; dass C selbst kausal wirksam sei.

Die Transformation ins phänomenale Erleben ist ein elegantes Medium, um integrierte C‘-Zustände subjektiv zugänglich zu machen. Einen anderen Weg, diese neuralen Ereignisse direkt zu erfahren, gibt es nicht. Auch im Austausch zwischen zwei mit Bewusstsein ausgestatteten Menschen dient die Transformation ins phänomenale Erleben als ein Indikator für kausale Zusammenhänge, ohne selbst kausal wirksam zu sein. Der subjektive Zustand spiegelt die in ständigem Wandel begriffenen Eigenschaften der neuralen Zustände des Kerngefüges wider. Er bildet den Qualia-Raum – das Bewusstsein in seinem ganzen Facettenreichtum.

Bewusstsein höherer Ordnung
In den weiteren Kapiteln befasst er sich ausführlich mit den Erweiterungen, die sich ausgehend vom primären Bewusstsein für ein Bewusstsein höherer Ordnung ergeben. Auch diese Teile des Buches sind wieder sehr komplex und detailreich. Einige einfache Kerngedanken:

  • Im Unterschied zu Libet ist er der Meinung, dass ein Bewusstsein höherer Ordnung ohne episodisches Gedächtnis nicht denkbar ist. Vergangenheit und Zukunft sind begriffliche Konstrukte eines Wesens, dass über ein Bewusstsein höherer Ordnung verfügt.
  • Die Entwicklung des Selbst könnte zum Beispiel bereits beim Fötus dadurch beginnen, dass er einen Unterschied bemerkt zwischen Bewegungen, die von ihm selbst ausgelöst werden und anderen, die nicht von ihm ausgehen. In beiden Fällen registrieren seine sensorischen Gehirnregionen eine Lageänderung, aber nur im ersten Fall waren gleichzeitig seine motorischen Gehirnregionen aktiv.
  • Das Bewusstsein versucht unter allen Umständen, eine kontinuierliche Szene zu erhalten. Das erklärt zum Beispiel so merkwürdige Phänomene wie die Nichtwahrnehmung des blinden Flecks im Auge, verschiedene neuropsychologische Syndrome bei Amputierten oder Teilgelähmten. (Erstere empfinden Phantomschmerzen, letztere können in manchen Fällen leugnen, dass gelähmte Körperteile zu ihnen gehören. Für Fremdwörterfans: Anosognosie, Neglect, Somatoparaphrenie). Und das passt auch zu der von mir hier geäußerten Hypothese, dass wir nicht sicher sein können, tatsächlich über ein ununterbrochenes Bewusstsein zu verfügen.

Zusammenfassung
Zum Abschluss ein längeres Zitat:

Viele Unklarheiten, die das Geist-Körper-Problem betreffen, haben ihre Wurzeln in der Sprache. Andere beruhen auf einem Missverständnis der Methoden, die zur Untersuchung des Bewusstseins notwendig sind. Im Gegensatz zur Physik, die Bewusstsein und Wahrnehmung als gegeben voraussetzt und ihre Gegenstände nur aus der Position des externen Betrachters angeht, muss die Wissenschaft vom Bewusstsein der Tatsache Rechnung tragen, dass es eine subjektive Perspektive gibt. Als externer Betrachter oder Beobachter, der das Bewusstsein eines anderen Menschen untersuchen will (siehe Abbildung 14), muss ich davon ausgehen, dass in ihm ähnliche mentale Prozesse ablaufen wie in mir selbst. Außerdem muss ich eine Reihe von experimentellen Verfahren entwickeln, um das, was das Subjekt berichtet, analysieren und in seinen neuralen oder psychischen Prozessen nach Zusammenhängen suchen zu können.

Eine anhand dieser Verfahrensweise entwickelte Bewusstseinstheorie darf den bekannten Gesetzen der Physik, Chemie oder Biologie nicht widersprechen. Vor allem muss sie die Tatsache berücksichtigen, dass die physikalische Welt kausal geschlossen ist und nur materielle Kräfte und Energien kausale Wirkung ausüben können. Das Bewusstsein ist eine Eigenschaft neuraler Prozesse und kann selbst keine kausale Wirkung entfalten. Es ist im Zuge der Evolution komplexer neuraler Netzwerke, die durch eine spezifische Struktur und Dynamik gekennzeichnet sind, als ein Prozess und als eine implizierte Eigenschaft entstanden. Herausbilden konnte es sich nur, weil sich zuvor bestimmte neurale Strukturen entwickelt hatten. Diese Strukturen bringen reentrante Interaktionen hervor. Die Dynamik der reentranten Netzwerke ist die kausale Basis, die die Eigenschaften des Bewusstseins impliziert. Die Netzwerke haben sich in der Evolution durchgesetzt, weil sie Tiere befähigten, Unterscheidungen höherer Ordnung zu treffen, und ihnen im Umgang mit neuartigen Situationen und beim Vorausplanen Überlebensvorteile verschafften.

Ein interessantes Buch, dass den (in meinem Artikel nicht wiedergegebenen) aktuellen Stand der Hirnforschung darstellt und, darauf aufbauend, eine Theorie des Bewusstseins entwickelt.

KategorienGehirn & Geist, Rezensionen Tags:
  1. Bisher keine Kommentare
  1. Bisher keine Trackbacks