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Das quadratische Universum

Das Spiel war schon ziemlich fortgeschritten, als sich die ersten Schachfiguren ihrer selbst bewusst wurden. Später konnte sich dann keiner mehr erinnern, welcher Figur als erster der Ausbruch aus ihrer Unmündigkeit gelungen war. Wahrscheinlich einer der Springer, die schon immer für ihre unkonventionelle Denkweise gerühmt wurden. Später beteiligten sich auch König, Dame, Läufer und Türme an der Diskussion, nur die Bauern blieben noch lange in ihrer dumpfen Trägheit gefangen.

Recht bald fanden die Figuren heraus, dass sie sich auf einem 8×8 Felder großen Brett befanden, auch die Regeln ihrer Bewegung erkannten sie durch genaue Beobachtung schnell. Sie stellten Theorien über ihr Woher und Wohin auf. Mit der Zeit konnten sie immer besser die nächsten Züge in ihrer Welt vorhersagen, sie erschienen ihnen immer mehr logisch und immer weniger zufällig. Mit diesem Wissen gelang es ihnen auch, mehr über den Beginn des Spiels lange vor ihrer Bewusstwerdung herauszufinden. Wahrscheinlich hatte ihre Existenz in einem Zustand größter Ordnung begonnen, als sie alle noch eng beieinander und streng ausgerichtet gewesen waren. Wie sie auch herausfanden, waren zum jetzigen Zeitpunkt die ersten Figuren bereits wieder vom Brett verschwunden. Und besonders bei einigen Bauern hatte man beobachtet, dass unmittelbar nach ihrem Verschwinden am Brettrand andere Figuren am selben Ort auftauchten, die nur wenig oder keine Erinnerungen an ihrer vorherige Existenz als Bauern mitbrachten, sie erschienen wie von einem anderen Brett herbeigezaubert.

Die Springer, die sich bereits zu Beginn durch besonders originelle Gedanken ausgezeichnet hatten, entwickelten als erste eine in sich geschlossene Theorie ihres kleinen quadratischen Brettes. Ihnen schien es offensichtlich, dass es durchaus auch andere Bretter hätte geben können, auf denen sich die Figuren nach ganz anderen Regeln fortbewegen konnten. Auch über andere Brettgrößen dachten sie nach, wahrscheinlich wären auch 6×6 oder 10×10 Felder große Bretter möglich.

Und wohin verschwanden all die Figuren, die nach heftigen Kämpfen mit den Feinden von der gegnerischen Farbe ihr Leben ließen? Einige besonders kühne Denker hatten die Idee, dass die Grenzen des Brettes nicht die Grenzen der Welt bedeuten würden. Wie wäre es zum Beispiel, wenn es außerhalb des Brettes noch höher entwickelte Wesen als die Schachfiguren geben sollte, die den Figuren ihren weit überlegenen Willen aufzwingen würden? Und was würde am Ende des Spiels geschehen, wenn nur wenige oder gar keine Figuren auf dem Brett verblieben sein würden?

„Das ist doch alles Unsinn“, wandte einer der Läufer ein. „Das führt doch zu einem logischen Paradoxon, wenn man annimmt, dass unser Brett vielleicht Bestandteil eines noch größeren Brettes ist, das von uns überlegenen Wesen gesteuert wird. Wer hätte dann dieses größere Brett geschaffen, wer würde dort die Regeln festlegen?“ Diesen Einwand jedoch ließen die Springer nicht gelten. „Wir können nichts über die Regeln dieser uns überlegenen Wesen aussagen, weil sie über Fähigkeiten verfügen würden, die uns wie Magie erscheinen und die wir nicht verstehen könnten. So wäre es zum Beispiel möglich, dass diese uns überlegenen Wesen parallel zueinander mehrere Spiele betreiben, auch auf anderen Brettern, mit ganz anderen Figuren und Regeln, oder dass sie untereinander Figuren austauschen oder dass sie nach Beendigung eines Spieles sofort ein neues Spiel beginnen usw. Wir können es nicht wissen. Uns bleibt nur, unser Spiel nach den uns bekannten Regeln weiter zu spielen. Wir kennen nichts anderes und wir können nicht anders. C’est la vie.“

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  1. 10. September 2011, 21:21 | #1