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Das faulste Faultier

faultier2Kurz nach der Wende haben ein Freund und ich den SPIEGEL abonniert. Mit der Zeit bemerkt man bei den meisten Artikeln gar nicht mehr, dass ihr Schreibstil ziemlich ähnlich ist, sarkastisch, zynisch, ironisch. Manchmal geht einem dieser Stil mächtig auf den Geist, manchmal führt er aber auch zu Beiträgen, die einem außerordentlich gut gefallen. „Vom Glück, am Ast zu hängen“ aus der Ausgabe 8 vom 17.2.2007 ist solch ein Fall. Eigentlich ist der Spiegelartikel bereits eine Zweitverwertung, die erste Zeitung, die auf das vermutlich faulste Faultier aller Zeiten hinwies, war die Berliner Morgenpost mit der Überschrift: „Faultier war zu faul für die Forschung“.

Die Mittagszeit ist keine gute Zeit, um ein Faultier zu besuchen. „Mittags schlafen sie“, sagt John Nyakatura, er schließt die Tür zum Tierhaus auf: „Sehen Sie? Da vorn“, sagt er, „da liegt es.“ Ein braunblondes Fellknäuel, Choloepus didactylus, in einer Höhle aus Sperrholz, die Schnauze im Fell verborgen, ein Arm (vielleicht auch ein Bein, der Laie kann das nicht unterscheiden) reckt sich nach oben, die Krallen schlaff über einen Ast gelegt, nichts bewegt sich.

Im Grunde gibt es überhaupt keinen guten Zeitpunkt, ein Faultier zu treffen, man kann sagen, dass aus Faultiersicht Besucher zu jeder Zeit ungelegen kommen. Faultiere ruhen am Morgen, ebenso am Nachmittag, sie ruhen große Teile der Nacht. Ihre Wachphase liegt in der Dämmerungszeit. Dann wollen sie: ein bisschen fressen, ein bisschen dösen, vielleicht ein bisschen klettern, aber nur vielleicht. Einmal die Woche müssen sie kacken.

Das im Artikel vorgestellte Faultier heißt Mats, mit seiner Hilfe sollte die Fortpflanzung der Faultiere untersucht werden. Dazu wurden ein Männchen (besagter Mats) und ein Weibchen (Lisa) zusammengebracht. Der Abstand zwischen ihnen, kletternd über ein Stange zu überwinden, betrug 2,5 Meter.

Mats mochte vor allem seine Ruhe. Er fraß Reis und gekochte Eier, viel mehr interessierte ihn nicht. „Er muss sich eingewöhnen“, dachte Nyakatura. Schon gar nicht wollte Mats an der Stange klettern, die seinen Käfig mit einem zweiten verband. Dort lebte Lisa, eine junge Faultierdame, auch sie eher zurückhaltend, jedenfalls zu Anfang.

Koalas ruhen noch etwas mehr als Faultiere, aber sie hängen nicht mit dem Kopf nach unten, deshalb wirken sie irgendwie aktiver und besitzen einen besseren Ruf. Faultiere haben kaum Feinde, ab und zu pflückt ein Greifvogel eines aus dem Baum. Aber wer sich nicht bewegt, der wird auch nicht gesehen. Sie sind perfekt angepasst an eine Umgebung, in der man durch Nichtstun am weitesten kommt. Und Mats war das perfekte Faultier.

Lisa kletterte nach ein paar Monaten recht brav an der Stange. Mats nicht. Nichts konnte ihn locken, John Nyakatura kochte ihm Nudeln, er schnitt Gemüse in bissgerechte Häppchen, er schnippelte Obst, besorgte Blattwerk, ließ ihn die Leckereien schnuppern – alles vergebens. Mats kooperierte nicht. 14 Jahre Zoo hatten Mats eines gelehrt: Essen kommt. Man muss dem Futter nicht hinterhersteigen, irgendwann füllen die Menschen ja doch den Napf.

Wie bei vielen Spiegelartikeln, mag man die Geschichte kaum glauben. Auf dem Bild sieht Mats sehr munter aus, er hat die Augen geöffnet, schaut in die Kamera und winkt dem Fotografen mit einer seiner Klauen zu.

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