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Christof Koch: Bewusstsein, ein neurobiologisches Rätsel.

„Bewusstsein, ein neurobiologisches Rätsel“ ist ein Buch, in dem Christof Koch seine gemeinsam mit Francis Crick entwickelte Theorie der neuronalen Korrelate des Bewusstseins einem breiteren Publikum vorstellt. Ein populärwissenschaftliches Buch ist es nicht, dazu ist die Vielzahl der Ideen zu groß und sind die an den Leser gestellten Anforderungen zu hoch. Jedenfalls empfand ich das beim Lesen so. Deshalb sehe ich mich auch zu einer Rezension, die den Inhalt des Buchs in wenigen Sätzen zusammenfasst, außerstande. Im Folgenden also eine lose Aneinanderreihung von Zitaten, die für mich wichtige und/oder neue Ideen enthalten und einige wenige erklärende oder kritische Kommentare.

Zur NCC-Theorie

NCC: Im Buch nicht übersetzte englische Abkürzung für „Neuronale Korrelate des Bewusstseins“.

S. 12: Ich nehme an, dass die physische Grundlage des Bewusstseins eine emergente Eigenschaft ist, die aus spezifischen Wechselbeziehungen zwischen Neuronen und ihren Elementen resultiert. Obwohl Bewusstsein mit den Gesetzen der Physik vollständig vereinbar ist, können wir aus diesen Gesetzen Bewusstsein weder ableiten noch verstehen.

S. 95: Das gesamte Gehirn ist hinreichend für Bewusstsein – es bestimmt tagaus, tagein bewusstes Empfinden. Das gesamte Gehirn mit den NCC (neuronale Korrelate des Bewusstseins) gleichzusetzen, ist jedoch nicht hilfreich, weil wahrscheinlich weniger Hirnmaterie ausreicht. Ich interessiere mich für den kleinsten Satz Neuronen, der für ein bestimmtes Perzept notwendig ist.


Wichtiger Hinweis aus dem oben bereits verlinkten Wikipediaartikel: Man kann nur hinreichende NCC finden, nicht aber notwendige, weil man niemals sicher wissen kann, ob nicht noch weniger Neuronen auchausreichen würden.

Grade von Bewusstsein

S. 16: (Def. von Antonio Damasio) Beim Kernbewusstsein geht es um das Hier und Jetzt, während das erweiterte Bewusstsein einen Sinn für das Selbst – den auf sich selbst Bezug nehmenden Aspekt, der für viele Menschen der Inbegriff des Bewusstseins ist – und für die Vergangenheit sowie die erwartete Zukunft erfordert.

S. 101: Antonio Damasio hat die These aufgestellt, dass erweitertes Bewusstsein – jene Aspekte des Bewusstseins, sie das Gefühl erzeugen, im Inneren des Gehirns gebe es einen Besitzer und Beobachter – notwendigerweise in eine Matrix von Informationen aus dem Körper eingebettet sein muss, den es bewohnt. Nach Damasios Ansicht hört erweitertes Bewusstsein ohne die propriorezeptiven, viszeralen und anderen körperlichen Empfindungen, die das Gehirn ständig über den Zustand seines Körpers informieren, einfach auf. Gleiches gilt für Emotionen. Er argumentiert, dass ein Selbstgefühl Gemütsempfindungen erfordert; lässt man sie außer Acht, wird die Erforschung des Bewusstseins hohl und leer.

Im Buch Konzentration auf dieses Kernbewusstsein am Beispiel der visuellen Wahrnehmung. Wichtig ist auch der Gedanke, dass ein Selbst nicht notwendig für Bewusstsein ist.

Bewusstsein bei Tieren

S. 15: Gegenwärtig wissen wir nicht, inwieweit bewusste Wahrnehmung allen Tieren gemein ist. Wahrscheinlich ist Bewusstsein in gewissem Maße mit der Komplexität eines Organismus korreliert. Tintenfische, Bienen, Taufliegen und sogar Rundwürmer sind alle zu recht komplexen Verhalten fähig. Vielleicht besitzen auch sie ein gewisses Maß an Bewusstsein,vielleicht können auch sie Lust und Schmerz empfinden und sehen.

S. 352: Viele Forscher glauben, dass Bewusstsein Sprache und eine Repräsentation des Selbst als Basis für Introspektion (Selbstbeobachtung) erfordert. Während es keinen Zweifel darüber gibt, dass Menschen rekursiv über sich selbst nachdenken können, ist dies doch nur die jüngste Ausschmückung eines grundlegenderen biologischen Phänomens, das sich vor langer Zeit entwickelt hat.

Bewusstsein kann mit recht elementaren Gefühlen einhergehen. Sie sehen Purpurrot oder haben Schmerzen. Warum sollen diese Empfindungen Sprache erfordern oder eine hoch entwickelte Vorstellung von einem Selbst? … Angesichts der engen evolutiven Verwandtscahft unter Säugern und der strukturellen Ähnlichkeit ihrer Gehirne nehme ich an, dass Tieraffen, Hnde und Katzen sich bewusst sein können, was sie sehen, hören und riechen.

Im Weiteren dann Ideen für Experimente, um Bewusstsein von Mäusen zu beweisen oder zu widerlegen.

Verhältnis zwischen Aufmerksamkeit und Bewusstsein

S. 168: Man ist sich gewöhnlich der Dinge bewusst, auf die man sich konzentriert. Eine ehrwürdige Tradition in der Psychologie setzt sogar das Sich-bewusst-Sein eines Objektes oder Ereignisses damit gleich, ihm Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist jedoch wichtig, diese beiden Begriffe nicht zu verschmelzen. Aufmerksamkeit und Bewusstsein sind getrennte Prozesse, und ihre Beziehung könnte komplizierter sein als gemeinhin angenommen.

S. 176: Unterschied zwischen Bottom-up- (saliente) und Top-down-Aufmerksamkeit: Die aufmerksamkeitslenkende Präsenz eines Objekts hängt nicht von irgendeiner Aufgabe oder Verhaltensweise ab; sie verändert sich nicht von einer Aktion zur nächsten. Wen ein Reiz salient genug ist, sticht er wegen dieser Bottom-up-Form der Aufmerksamkeit [immer] hervor…

S. 177 … Aus dieser auf Salienz basierenden Bottom-up-Form mit der bereits diskutierten fokussierten Top-down-Selektion resultiert ein Zweikomponenten-Schema der Aufmerksamkeit.

S. 182 Da die auf Salienz basierende Form der Aufmerksamkeit stets aktiv ist, ruft sie neuronale Aktivität hervor, die ein flüchtiges Maß an visuellem Bewusstsein auslösen könnte. Der Psychologe Ronald Rensink nennt derart metastabile Neuronenkoalitionen Proto-Objekte. Ohne weitere aufmerksamkeitsbedingte Unterstützung lösen sich diese Strukturen rasch auf. Infolgedessen hat eine wache Person immer visuelle Erlebnisse. Das lässt sich nur abstellen, indem man die Augen schließt.

Solche visuellen Erlebnisse, gekoppelt mit Gist-Wahrnehmung, haben eine begrenzte Informationskapazität – wie man an change blindness sieht -, doch sie sind mächtig genug, das hoch geschätzte Gefühl von Realität zu vermitteln,die Vorstellung, dass man alles um sich herum sieht.

  • Salienz: Bestimmte Dinge in unserer Wahrnehmung sind „hartverdrahtet“, fallen immer auf und können nicht unterdrückt werden: Zum Beispiel auf einem Blatt Papier ein gezeichnetes Kreuz inmitten vieler Striche. Es ist vollkommen egal, wie viele Striche auf dem Blatt sind, der Blick fällt sofort auf das Kreuz.
  • Gist und change blindness: Bestimmte Änderungen in einer Szene rufen keine Aufmerksamkeit hervor, weil sie die abstrakte Beschreibung der Szene im Bewusstsein nicht verändern. Verblüffendes Beispiel: Eine Person stellt einer zweiten Person eine Frage. Danach wird die befragte Person etwas abgelenkt und der Fragende durch eine dritte Person ausgetauscht. Die befragte Person antwortet jetzt der neuen anstelle der alten, ohne dass ihr der Personentausch aufgefallen wäre: Das Szenenmodell hat sich nicht geändert, jemand hat ihr eine Frage gestellt, sie antwortet ihm.

Bindungsproblem

Zum Beispiel ist für das visuelle system bekannt, dass verschiedene Eigenschaften eines Objekts in unterschiedliche Gebiete des Cortex abgebildet werden. Beispiel: Ein roter Ball fliegt durch das Gesichtsfeld. Es feuern an einer Stelle Neuronen für „rot“, an einer zweiten Stelle andere Neuronen für „Ball“ und an einer dritten wieder andere Neuronen für die Wahrnehmung der Bewegung. Wieso nehmen wir nun ein Objekt mit den Eigenschaften „rot“, „rund“ und „in Bewegung“ wahr?

S. 153: Beschreibung einer Akinetopsie (Unfähigkeit, Bewegung wahrzunehmen). Wenn sich eine zu beobachtende Person durch den Raum bewegt, dann sieht der Akinetopsie-Patient diese andere Person erst an einem Ort und dann an einem anderen, nimmt aber die dazwischen liegende Bewegung nicht wahr, er hat keine Erklärung für den Ortswechsel.

S. 184ff Es gibt verschiedene Bindungstypen:

  1. In gewissem Sinne kann man sagen, dass ein Neuron, das auf eine orientierte Linie antwortet, einen Satz Punkte verbindet. Die Inputs solcher Neuronen sind wahrscheinlich durch Gene und Entwicklungsprozesse bestimmt, die sich aufgrund der Erfahrungen unserer frühen Vorfahren im Laufe der Evolution entwickelt haben.
  2. Andere Bindungsformen, wie sie für das Erkennen vertrauter Objekte nötig sind – beispielsweise für die Buchstaben eines wohlbekannten Alphabets – werden möglicherweise durch wiederholte Erfahrung erworben, das heißt, indem sie überlernt werden. Diese beiden Bindungstypen haben wahrscheinlich eine große, aber begrenzte Kapazität.
  3. Besonders interessiert uns ein dritter Bindungstyp, der weder epigenetisch noch überlernt ist. Er findet besonders bei Objekten Anwendung, deren genaue Merkmalskombination für uns ganz neu sein kann. Die aktiv beteiligten Neuronen sind wahrscheinlich nicht alle stark miteinander verknüpft, zumindest in den meisten Fällen nicht. Diese Bindung muss rasch erfolgen. Ihrem Wesen nach ist sie weitgehend flüchtiger Natur und muss eine fast unbegrenzte potenzielle Kapazität haben. Wenn ein bestimmter Reiz häufig wiederholt wird, könnte dieser dritte flüchtige Bindungstyp schließlich den zweiten, überlernten Bindungstyp aufbauen. Dieser dritte Bindungstyp ist es, so unsere Argumentation, der fokussierte Aufmerksamkeit benötigt. Er erlaubt uns, Unvertrautes oder Vertrautes in noch nie erlebten Kombinationen zu sehen.

S. 185: Die Bindung eines einzelnen Objekts scheint schon schwierig genug, doch das Gehirn sieht sich einer noch größeren Herausforderung gegenüber, wenn es mit zahlreichen Objekten konfrontiert wird.

Beispiel im Buch: Zwei verschiedene Hunde, verschiedene Position im Blickfeld, verschiedene Größe, Farbe, etc. Wie werden die unterschiedlichen Merkmale aneinander gebunden, sodass wir zwei Hunde mit den jeweils richtig zugeordneten Merkmalen sehen, obwohl ihre Eigenschaften in den jeweiligen Cortexarealen für Farbe, Form, etc. gemischt vorliegen?

Gedächtnisformen

S. 205: Die Unterscheidung zwischen aktivitätsabhängigen und strukturellen Gedächtnisformen ist wichtig für das Bewusstsein, denn die NCC hängen von ersterem, nicht von letzterem ab (aktivitätsabhängiges Kurzzeitgedächtnis, strukturelles Langzeitgedächtnis).

Langzeitgedächtnisse, die wichtige Informationen über Stunden, Tage oder Jahre speichern können, kommen in vielen Formen vor:

  • Nichtassoziative Gedächtnisformen. Am einfachsten sind nichtassoziative Formen des Lernens wie Adaption, Habituation und Sensitivierung.
  • Assoziative Konditionierung. Dazu werden zwei verschiedene Ereignisse miteinander verknüpft (=Pawlow).

S. 210: Prozedurales Lernen: Fertigkeiten und Gewohnheiten. Prozedurales Lernen ist die Basis der Fertigkeiten und Gewohnheiten, die unseren Alltag bestimmen. Einen Schlips binden, Auto fahren, Fahrrad fahren, Tanzen, Schreiben, Tippen und so weiter erfordern intensives Üben. Einmal erlernt, bleiben diese sensomotorischen Fähigkeiten ein Leben lang erhalten und sind weitgehend immun gegen die Zerstörungen, die der Lauf der Zeit unter expliziten Gedächtnisinhalten anrichtet.

S. 211: Deklarative Bewusstseinsinhalte: Der Stoff, aus dem die Vergangenheit ist. Für die meisten Menschen ist Gedächtnis die bewusste Heraufbeschwörung von Fakten und Ereignissen aus ihrer Vergangenheit. Hierbei muss man zwei Kategorien unterscheiden: das episodische und das semantische Gedächtnis.

Das episodische oder autobiographische Gedächtnis verleiht uns eine Vorstellung davon, wer wir sind, wo wir herkommen, was wir letzte Woche im Kino gesehen oder heute morgen gefrühstückt haben. Das semantische Gedächtnis speichert hingegen abstrakte Fakten, Beziehungen, Wortbedeutungen und all die anderen Dinge, die das Fundament ausmachen, auf das Kultur, Wissenschaft und Technik aufbauen.

Beide Bewusstseinsformen sind deklarativ, weil Information bewusst abgerufen wird und man weiß, dass man auf gespeicherte Information zugreift. Daher verwechselt man auch nicht die Erinnerung an ein Ereignis mit dem Ereignis selbst. Die Speicherung der Information geschieht nicht bewusst.

S. 212: Der Hippocampus ist jedoch nicht der ultimative Speicherort für explizite Erinnerungen – das Endlager ist der Neocortex, insbesondere die Temporal- und die präfrontalen Lappen. Der Hippocampus kombiniert die Information, die aus allen sensorischen Modalitäten zu dem zu erinnernden Ereignis einläuft, und konsolidiert diese im Verlauf von mehreren Wochen in den relevanten Cortexarealen.

Die kontinuierliche Präsenz von Bewusstsein angesichts eines fast vollständigen Verlusts des deklarativen Gedächtnisses ist an Patienten empirisch bewiesen worden!

S. 213: Kurzzeitgedächtnis ist ein Sammelbegriff für die vorübergehende Speicherung von Informationen über einige Dutzend Sekunden. Eine Telefonnnummer nachzuschauen und anschließend zu wählen, wäre ohne einen zeitweiligen Zwischenspeicher zum Halten der Ziffern unmöglich. … unterschiedliche sensorische Modalitäten haben jeweils ihre eigenen temporären Gedächtniskapazitäten, die parallel arbeiten. …
Psychologen haben das relativ vage Konzept vom Kurzzeitgedächtnis durch das Arbeitsgedächtnis ersetzt, das sich aus einer zentralen Exekutive und mehreren untergeordneten Modalitäten zusammensetzt, wie dem räumlich-visuellen Kurzzeitspeicher oder Notizblock für visuelle Information oder der phonologischen Schleife für Sprache.

S. 222: In einem gut funktionierenden Gehirn geht das Arbeitsgedächtnis Hand in Hand mit Bewusstsein. Jeder Organismus mit Arbeitsgedächtnisfähigkeiten verfügt wahrscheinlich über Bewusstsein, was die Präsenz eines Arbeitsgedächtnisses zu einem Lackmus-Test für Bewusstsein bei Tieren, Babies oder Patienten macht, die nicht sprechen können. Der Umkehrschlus ist jedoch möglicherweise nicht zulässig. Ich vermute, dass jemand ohne Arbeitsgedächtnis Bewusstsein haben kann.

Meiner Meinung nach kann das so nicht stimmen:

  • Arbeitsgedächtnis kann man sehr primitiven Maschinen geben, ohne dass diese deshalb über Bewusstsein verfügen.
  • Etwas ohne Arbeitsgedächtnis ist technisch gar nicht möglich, weil jede Informationsverarbeitung eine gewisse Zeitverzögerung beinhaltet, während deren auf den Inhalt des Inputs rückgeschlossen werden kann. Implizit ist „Arbeitsgedächtnis“ also immer vorhanden.

Zombiesysteme (nicht bewusste Wahrnehmung und Verhaltenssteuerung)

Interessante Abschnitte über nicht bewusste (Zombie-) und bewusste Wahrnehmung. Die Zombiesysteme haben viel genauerer und umfangreichere Informationen als die bewussten, weil sie die tastächlichen (motorischen) Handlungen ausführen müssen und nicht nur die konzeptuelle Planung zukünftiger Handlungen..

S. 230: Infolgedessen ist die räumliche Position dessen, was sie bewusst sehen, nicht so präzise wie die Information, die Ihrem nicht bewussten Zombie zugänglich ist, der die nächste Bewegung plant. Vom Standpunkt der Informationsverarbeitung ergibt diese Strategie durchaus Sinn. Die neuronalen Algorithmen, die nötig sind, um die Hand auszustrecken und nach einem Werkzeug zu greifen (Sehen, um zu handeln) operieren in Bezugsrahmen und haben Invarianzen, die sich von den Operationen unterscheiden, welche das Objekt als Hammer identifizieren (Sehen, um wahrzunehmen).

S. 232: Einer der Hauptvorteile von Zombies ist, dass sie dank ihrer hohen Spezialisierung rascher antworten können als das perzeptuelle Mehrzweck-System. Sie greifen nach dem Stift, bevor sie ihn tatsächlich vom Tisch fallen sehen oder Sie ziehen ihre Hand von der Flamme weg, bevor sie die Hitze wirklich spüren. Der letzte Punkt ist wichtig, denn er straft die Vorstellung Lügen, dass Sie Ihre Hand wegziehen, weil Sie bewusst Schmerz empfinden.

S. 246: Nun, da Sie wissen, dass sich in Ihrem Kopf eine Armee nicht bewusster Zombies tummeln, wie hilft dies bei dem Bemühen weiter, die NCC zu verstehen? Erstens kann man die Idee begraben, dass sich nicht bewusste von bewussten Handlungen anhand der Verrechnungskomplexität einer sensomotorischen Aufgabe direkt trennen ließe. Zombies vermitteln nicht-triviale motorische Programme und nicht bloße Reflexe. … Und zweitens: Was ist mit den Bahnen, die den Zombiehandlungenzugrunde liegen? Eine Möglichkeit ist, dass sie von den Netzwerken, welche die NCC generieren, getrennt sind und separat arbeiten. … Eine andere Möglichkeit ist, dass ein- und dasselbe Netzwerk in zwei verschiedenen Modi operiert.

Nach Kochs Meinung ist diese Frage noch offen.

S. 248 in „Ein Turing-Test für Bewusstsein“: Von überragender Bedeutung sind Befunde an gesunden Menschen, D.F. und blindsichtigen Patienten, dass eine Verzögerung von mehr als ein paar Sekunden viele Zmbieverhalten buchstäblich eliminiert.

Damit wird meiner Meinung nach Bewusstsein (unzulässig?) mit Arbeitsgedächtnis zusammengeworfen.

Qualia

S. 263 In der bisherigen Diskussion habe ich vor allem betont, dass jedes Perzept … mit einer ungeheuren Menge von Informationen assoziiert ist – seiner Bedeutung. Diese Assoziationen werden größtenteils nicht genau zu diesem Zeitpunkt im Gehirn explizit gemacht, sondern sie sind dort implizit vorhanden, nämlich in der Penumbra. …
Um mit dieser Information effizient umgehen zu können, muss das Gehirn sie in Symbole umwandeln. das ist, kurz gesagt, der Zweck der Qualia. Qualia symbolisieren ein gewaltiges Sammelsurium stillschweigender und unartikulierter Hintergrunddaten, die für ausreichend lange Zeit präsent sein müssen. Qualia, die Elemente des bewussten Erlebens, versetzen das Gehirn in die Lage, diese Simultaninformationen mühelos zu manipulieren. Das mit dem Anblick der Farbe Purpur assoziierte Gefühl ist ein explizites Symbol für den Ansturm von Assoziationen mit anderen purpurnen Objekten, …

Zum Begriff Penumbra: Lateinisch für Halbschatten. Hier kann man das so verstehen, wie im letzten Absatz erläutert: Wenn es Neuronen gibt, die bei der Farbe „Purpur“ feuern, dann sind diese synaptisch mit vielen anderen Neuronen verknüpft, mit denen sie schon einmal gemeinsam gefeuert haben, also bei allen Perzepten, bei denen Purpur als Farbe eine Rolle gespielt hat. Für sehr starke derartige Verknüpfungen kann man sich bewusst daran erinnern, aber viel mehr ist eben unbewusst präsent.

Im weiteren philosophieren darüber, warum Qualia mit phänomenalem Erleben gekoppelt ist. Vermutlich ist das eine prinzipielle Eigenschaft aller systeme hinreichender Komplexität, so wie positive elektrische Ladung eine Eigenschaft von Protonen ist.

S. 265 Warum sind Qualia privat (also 1. vs. 3. Person-Perspektive)?
Zum ersten ist die Bedeutung jedes Empfindens von der genetischen Ausrüstung eines Individuums ebenso abhängig wie von seinen Erfahrungen und seiner Lebensgeschichte.
Zum zweiten wird jedes subjektive Perzept durch multifokale Aktivität in essenziellen Knoten codiert. … [Zum Übermitteln an eine andere Person wird es umkodiert und durch Sprache übertragen]. Die von den Motoneuronen, welche meine Sprechmuskeln stimulieren, exprimierte explizite Information ist daher verwandt, aber nicht identisch mit der expliziten Information in den essenziellen Knoten.

S. 269 Damit ist jedoch noch nicht erklärt, warum es sich nach etwas anfühlen sollte, ein Bewusstsein zu haben. Eine geläufige Erklärung dafür ist, dass diese Gefühle, Qualia, keinen besonderen Zweck erfüllen, sondern Epiphänomene darstellen. Das erscheint fraglich. Qualia sind zu strukturiert, um ein irrelevantes Abfallprodukt des Gehirns zu sein. Ich tendiere eher zu der Vorstellung, dass Qualia eng mit Bedeutung verknüpft sind.

Bewusstsein diskret oder kontinuierlich?

S. 278: Diese Befunde brachten Zeki zu dem Schluss, dass die viel gerühmte Einheit des Bewusstseins, von Mystikern ebenso hervorgehoben wie von Philospohen, illusorisch sein könnte – zumindest für diese kurzen Zeitspannen. Wahrnehmung oder eine Veränderung der Wahrnehmung kann asynchron sein; verschiedene Regionen erzeugen vielleicht jeweils ein Mikrobewusstsein für Farbe, Bewegung, Form und dergleichen, und diese zu unterschiedlichen Zeitpunkten. [Wenn es keine neuronalen Schaltungen gibt,die diese zeitlichen Unterschiede messen,] werden ein Objekt und all seine Attribute als gleichzeitig empfunden.

Wie schon Libet herausgefunden hat, braucht Bewusstsein Zeit, dazu:

S. 283: Positiv betrachtet könnte die Integrationsperiode dafür sorgen, dass das NCC auf mehr als bloß dem unmittelbaren Input basiert. Die zusätzliche Verarbeitungszeit könnte dazu dienen, explizite Erinnerungen oder Inhalte aus dem Kurzzeitpuffer aufzurufen und sie in das endgültige Perzept einzufügen.

S. 287: Wahrnehmung könnte ebenso gut in diskreten Verarbeitungsepochen stattfinden, perzeptuellen Momenten, Einzelbildern oder Schnappschüssen. Ihr subjektives Leben könnte eine unaufhörliche Abfolge solcher Einzelbilder sein, nie endend, bis sie in tiefen Schlaf fallen. Innerhalb eines solchen Moments wäre die Wahrnehmung von Helligkeit, Farbe, Tiefe und Bewegung konstant.

S. 290: Wenn die bewusste Wahrnehmung in diskreten Momenten stattfindet, dann kann das Erleben des Verstreichens der Zeit durchaus mit der Rate zusammenhängen, in der die Schnappschüsse auftreten.

Das erklärt subjektive Phänomene wie eine Zeitdehnung bei Unfällen oder Katastrophen sehr schön.

Aber es gibt einen Widerspruch zwischen den Aussagen auf S. 278 und denen auf S. 287. Offensichtlich hängt das Ergebnis, ob man eine kontinuierliche oder eine diskrete Arbeitsweise vorfindet, von der gewählten zeitlichen Auflösung bei der Untersuchung ab. Welche ist nun die richtige? Meiner Meinung nach kann nur gelten: Wenn wir das Bewusstsein als kontinuierlich empfinden, dann IST es auch so. Natürlich können Teilprozesse auch diskontinuierlich ablaufen, aber eine getaktete diskrete Synchronizität im gesamten Gehirn anzunehmen ist unwahrscheinlich, schon weil die verschiedenen Sinne ihre Ergebnisse zu unterschiedlichen Zeiten und nach unterschiedlich vielen Verarbeitungsschritten zur Verfügung stellen.

Mehrere Bewusstseine in einem Körper?

S. 316 Der dramatischste Einzelbefund dieser Untersuchungen ist, dass die Fähigkeit zu sprechen und in einem geringeren Maße auch die Fähigkeit, Sprache zu verstehen, auf eine, die dominante Hemisphäre, beschränkt ist.

Auf S. 319 zitiert er Sperry zu den Untersuchungen an Split-Brain-Patienten: Obwohl sich einige Autoritäten gesträubt haben, der abgetrennten nicht-dominanten Hemisphäre Bewusstsein zuzusprechen, sind wir aufgrund einer großen Zahl und Bandbreite von nonverbalen Tests der Ansicht, dass die nicht-dominante Hemisphäre in der Tat über ein eigenständiges Bewusstsein verfügt, dass sie wahrnimmt,denkt, sich erinnert, Schlüsse zieht, einen eigenen Willen und Emotionen hat, all dies auf einem typisch menschlichen Niveau, und dass beide, die linke und die rechte Hemisphäre, gleichzeitig unterschiedliche, sogar widersprüchliche geistige Erfahrungen, die parallel laufen, bewusst erleben können.

Das unterstützt seine NCC-Theorie, zu der jweils nur ein kleiner Teil neuronaler Verschaltungen zum Bewusstsein beiträgt, nicht aber, wie in holistischen Theorien, das gesamte Gehirn.

Verhältnis des Bewusstseins zur Umwelt und zur nicht bewussten Verarbeitung

S. 254: Den Teilen des Gehirns, die unter verschiedenen Aktionsplänen wählen, wird – für eine ausreichende Zeitdauer – eine einzelne, kompakte Repräsentation der Außenwelt angeboten. Darum geht es bei der bewussten Wahrnehmung. Da nur ein paar Gesichtspunkte in dieser weise präsentiert werden, lässt sich die Information rasch verarbeiten. … Da aber das erste Auftreten bewusster Lebewesen wahrscheinlich Jahrmillionen vor dem Erscheinen moderner Menschen erfolgte, können diese übergeordneten Aspekte [Sprache, Kunst, Wissenschaft …] des Bewusstseins nicht entscheidend dafür gewesen sein, dass die Evolution bewusste Phänotypen Zombiesystemen vorzog.

Alle Tiere mit Tausenden von visuellen, taktilen, auditorischen und olfaktorischen Rezeptoren sehen sich demselben Ansturm von sensorischen Informationen gegenüber und würden von einem zusammenfassenden Abstrakt profitieren, das ihnen erlaubt, die nächsten Schritte zu planen.

S. 325: Der gesunde Menschenverstand spricht dafür, dass Bewusstsein und Gedanken untrennbar sind und eine Introspektion den Inhalt des Geistes enthüllt. Jakendorf begründet ausführlich, dass beide Überzeugungen unzutreffend sind. Denken, die Manipulation von Konzepten, sensorischen Datenoder abstrakten Mustern, ist weitgehend unbewusst. Was im Hinblick auf Gedanken bewusst ist, sind Bilder, Töne, Silent Speech und in geringerem Maße körperliche Empfindungen, … Weder der denkprozess noch sein Inhalt ist dem Bewusstsein zugänglich. Man ist sich seiner inneren Welt nicht direkt bewusst, wenn man auch die hartnäckige Illusion hat, dass dem so ist!

Ein Beispiel macht dies vielleicht klarer. Eien zweisprachige Person kann einen Gedanken in beiden Sprachen ausdrücken, doch der Gedanke, der den Worten zugrunde liegt, bleibt verborgen. Er manifestiert sich im Bewusstsein nur durch suggestive visuelle Vorstellung oder unausgesprochene Sprache, oder aber durch Offenlegung.

S. 327: Die These vom nicht-bewussten Homunculus wirft ein neues Licht auf gewisse andere offene Fragen, wie die Frage von Kreativität, Problemlösung und Einsicht. [Problemlösungen im Schlaf oder ein paar Tagen Beschäftigung mit etwas anderem.]

S. 331: Das Bild, das sich aus all dem herauskristallisiert, ist recht elegant in seiner Symmetrie. Man kann die äußere Welt niemals direkt erkennen. Stattdessen ist man sich der Ergebnisse einiger Berechnungen bewusst, die das eigene Nervensystem an einer oder mehreren Repräsentationen der Welt durchführt. In ähnlicher Weise kann man seine innersten Gedanken nicht kennen. Vielmehr sit man sich lediglich der sensorischen Repräsentationen bewusst, die mit diesen mentalen Aktivitäten einhergehen.

Das passt sehr schön zu der irgendwann einmal diskutierten Körperflugzeuganalogie mit dem Blick von außen auf den Piloten.

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