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Christian Klar

Am 19.12. wurde Christian Klar aus der Haft entlassen, gegenüber dem angekündigten Termin im Januar etwas vorzeitig, noch vor Weihnachten. Christian Klar war Mitglied der RAF und wurde wegen gemeinschaftlich begangenen neunfachen Mordes und vieler weiterer Mordversuche zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Mindesthaftdauer legte ein Gericht mit 26 Jahren fest, diese Zeit war im November abgelaufen, denn die Untersuchungshaft zählt ja mit. Bundespräsident Köhler hatte vor einem Jahr noch ein Gnadengesuch Klars abgelehnt.

Eine Reihe Prominenter hat die Freilassung Klars kritisiert. Verständlich ist das bei Angehörigen von Opfern bzw. (indirekten) Opfern der RAF selbst, wie z.B. Jürgen Vietor, seinerzeit Kopilot der Landshut. Aber auch eine Reihe Konservativer hat sich dementsprechend geäußert, wie Westerwelle, Beckstein und Söder, weil „Klar keine Reue zeige und sich bis heute nicht entschuldigt habe“. Offenbar ist das Verständnis der Funktion von Strafe bei verschiedenen Menschen unterschiedlich. Gerechtigkeit herstellen kann Strafe jedenfalls nicht, denn wirklich gerecht wäre nur das Ungeschehen Machen der Taten, und das können Menschen nicht. Die Hauptfunktion von Strafe sollte es sein, die Wahrscheinlichkeiten gleichartiger Taten in der Zukunft zu verringern und die Allgemeinheit bestmöglich davor zu schützen. Eine Strafe wirkt so gleichermaßen auf den Täter und potenzielle Nachahmer.

Es ist eine wichtige Errungenschaft der modernen Gesellschaft, dass Urteile nicht von Angehörigen von Opfern gesprochen werden, sondern von dritten Personen, denn Strafe soll eben heute nicht mehr Rache sein – Rache stellt keine Gerechtigkeit her. Und Reue als Bedingung zu fordern, ist ethisch problematisch. Systemisch ist das Einsperren eines Menschen, solange, bis er Reue zeigt, gleichwertig mit dem Foltern eines Menschen, solange, bis er bestimmte Kenntnisse preisgibt. Da ist kein Unterschied. Es ist eine diktatorische Handlung. Auch praktisch ist das Einfordern von Reue sinnlos und heuchlerisch, denn wahre Reue ist ein innerer Zustand, den man nicht prüfen kann. Die Konservativen fordern also Lippenbekenntnisse von anderen Menschen.

Vor zwei Wochen habe ich mit Bekannten den Film Mogadischu gesehen, der, sich nahe an die Fakten haltend, als Spielfilm die Ereignisse um die Entführung der Landshut nachstellt. Die folgende Szene soll nach Meinung meines Bekannten authentisch sein: Nachdem die Klimaanlage ausgefallen war, litten die Geiseln unsäglichen Durst. Ein Mann trank deshalb seiner Frau die ihr zugeteilte kleine Wasserration weg. (In der Realität trennte sich das Paar nach dem Ende der Geiselnahme.) Wir haben darüber diskutiert, wie sich der Einzelne in Extremsituationen verhält, ob man sich darauf vorbereiten kann, „anständig“ zu bleiben oder sogar ein „Held“ zu werden. Nach Meinung vieler Psychologen (u.a. Zimbardo, berühmt geworden mit seinem Gefängnisversuch und Milgram mit einem ähnlich ethisch problematischen Experiment) geht das nicht.

Zimbardo hat in einem Interview einmal die Meinung geäußert, dass sich in jeder Kleinstadt problemlos die Wachmannschaft für ein Konzentrationslager wie Auschwitz finden lässt. Aus ganz normalen Menschen und nicht aus psychopathischen Monstern. Die Verbrecher des Zweiten Weltkriegs waren vorher brave Bürger und wurden es hinterher problemlos wieder. Meine Bekannte beschäftigen solche Dinge sehr, sie stellt sich häufig die Frage, wie sie sich in solchen Situationen verhalten würde. Ich habe versucht, ihr diese Gedanken auszureden. Meiner Meinung nach kann man sich nicht darauf vorbereiten, und man muss es auch nicht, weil die Wahrscheinlichkeit dafür sehr gering ist. Man verschwendet seine Lebenszeit mit der Angst vor etwas fast Imaginärem.

Man kann sich nicht darauf vorbereiten, weil man sich die Umstände nicht real genug vorstellen kann. Ich bin aber selbst nicht ganz konsequent, denn ich habe ihr z.B. gesagt, dass ich im Fall angedrohter Folter, mein Standardbeispiel ist da das Eintreiben von Nadeln unter die Fingernägel, versuchen würde Selbstmord zu verüben. Denn was sind die Alternativen? Entweder man widersteht der Folter, dann muss man unsägliche Schmerzen erleiden und wird letztendlich wegen Nutzlosigkeit für die Folterknechte doch getötet. Oder man sagt sofort alles, dann muss man den Rest des Lebens mit seiner Schuld leben. Oder eben man begeht sofort Selbstmord. Also die Alternativen sind: Physische Schmerzen, psychische Qualen oder das Nichts. Die rational beste Lösung ist für mich eindeutig: Ich wähle das Nichts.

Und man muss sich nicht auf solche Situationen vorbereiten, denn die Wahrscheinlichkeit ist, wie schon gesagt, nahezu null. Was man aber unbedingt tun muss, ist unsere Gesellschaft in einem Zustand zu erhalten, der den Einzelnen nicht in solche Situationen bringt. Das erfordert von jedem Einzelnen nur ein Mindestmaß an Courage im Alltag. Es bleibt bei diesem leicht erfüllbaren Mindestmaß, wenn sich wirklich alle oder viele daran beteiligen.

Die Lebensgeschichte Christian Klars ist auch unter diesem Blickwinkel interessant. Klars Mutter war Gymnasiallehrerin in Karlsbad, sein Vater Vizepräsident des Oberschulamtes Karlsruhe. Er hat Philosophie studiert. Während des Studiums verweigerte er den Wehrdienst mit der Begründung, er habe eine „zutiefst lebensbejahende Haltung“, wodurch ihn nichts veranlassen könne, „einen Menschen zu verletzen oder zu töten“. Zur RAF ist er gestoßen, weil er mehr oder weniger zufällig in einer WG zusammengelebt hat mit Leuten wie z.B. Volkerts. Auch das wieder ein Beleg für die These, dass Verbrechen nicht von Monstern ausgeführt werden, sondern dass ganz normale Menschen durch die Umstände, in sie weitgehend zufällig gedrängt werden, zu dem werden, was sie sind. Zur Aufarbeitung der Geschichte der RAF gehört deshalb vor allem, sich die politischen Zustände der Bundesrepublik und der Welt anzusehen, unter denen sich eine kleine Gruppe immer weiter radikalisiert hat, bis zum vielfachen Mord – und bis zu einer Einschränkung demokratischer Rechte, die heutigen Plänen ähneln. (So wie der Staat seinerzeit gelernt hat, auf Geiselnahmen und politische Morde nicht mit Konzessionen zu reagieren, so hat der Terrorismus ebenfalls dazugelernt: Flugzeuge und Menschen werden nicht mehr entführt, sondern gleich in die Luft gesprengt. Mit ein bisschen Logik könnte man als Gesetzgeber erkennen, dass die geplanten Maßnahmen gegen diese Art des Terrorismus keinen Schutz bieten.)

Es gibt nur ganz wenige Situationen, in denen man bewusst Entscheidungen trifft, und es nicht klar, ob das tatsächlich die entscheidenden Stellen im Leben sind oder nur einfach diejenigen, an die man sich im Nachhinein erinnert. Natürlich relativiert das die begangenen Verbrechen nicht und es mindert auch nicht die Notwendigkeit einer Bestrafung der Täter und Ächtung der Taten. Aber eine moralische Entrüstung ala „wie konnte er nur so etwas Schreckliches tun, also ich wäre dazu nicht imstande“ ruft bei mir einen heftigen Abscheu vor den sich so Äußernden hervor. Keiner kann sich gewiss sein, in Extremsituationen ein „guter“ Mensch zu sein, auch wenn das jeder oder zumindest die meisten von sich glauben mögen.

Kommentare
WolfgangGL 12/24/2008 03:58:39 PM

Ihren Text über Christian Klar finde ich interessant! Sie schreiben: … die Strafe soll eben heute keine Rache mehr sein …

Soll, sie soll keine Rache sein. Aber tatsächlich ist es dennoch Rache. Christian Klar ist ein Outlaw, ein Desperado und er ist es geblieben, wie aus dem Brief den die Presse veröffentlicht hat, hervorgeht. Jemand, dem aus Rache etwas angetan wird, neigt doch dazu zurückzuschlagen. Und so wird klar verständlich, meine ich, warum so viele Kriminelle, wenn sie aus dem Gefängnis entlassen werden, wiederum straffällig werden. Sie sind kriminell und bleiben es. Die Rache der Gesellschaft, die Gefängnishaft, hat nicht bewirkt, dass sich der Kriminelle gewandelt hätte. Manche werden durch Haft sicherlich so eingeschüchtert, dass sie nach Entlassung nichts mehr tun, nicht wieder kriminell werden, aber in ihren Herzen hassen sie dennoch die Richter, die Polizei und jene, von denen sie annehmen, dass sie ihnen etwas angetan haben. Sie bleiben in ihrem Innern dennoch Desperados.

Rache, also Gefängnishaft, ist somit ein Mittel, dass nachweislich versagt, wenn es darum gehen soll aus einem Kriminellen ein gutes Mitglied der Gesellschaft zu machen. Eigentlich müßte man sich doch um die Gründe und Ursachen kümmern, die eine Person zu einem Außenstehenden machen.

Zu: … ich wähle das Nichts …

Wenn man dem Gautama Siddharta, dem Buddha glauben schenken will, so könnte sich dieses Nichts überraschender Weise nicht Nichts sein, sondern ein Weg der weiterführen wird.

Köppnick 12/25/2008 00:25:32 PM

Eine Haftstrafe ist der Versuch einer Quadratur des Kreises, wie eigentlich immer, wenn dieselbe Sache auf verschiedene Menschen aus verschiedenen Gründen angewendet wird. Einige verlassen das Gefängnis als bessere Menschen, andere werden noch weiter zm Verbrechen gedrängt, einige sitzen zu Recht, andere unschuldig.

Christian Klars Worte an die Rosa-Luxemeburg-Konferenz waren so wirr, dass mich diejenigen ärgern, die aus diesen Worten irgendetwas über CK schlussfolgern – außer dass er krank ist und schon aus diesem Grund und nach unserem Rechtsverständnis nicht in ein Gefängnis gehört. (Aber natürlich waren es dieselben Personen, die sich auch ein Jahr später gegen seine Entlassung ausgesprochen haben. Nicht seine Worte sind dafür der Grund, sondern ihre Weltanschauung.)

Was das Nichts betrifft: Viele Europäer haben bzgl. der Wiedergeburt völlig falsche Vorstellungen und kennen wahrscheinlich auch die Unterschiede zwischen hinduistischen und buddhistischen Vorstellungen nicht. Ein wiedergeborener Mensch kann sich an vorherige Leben nicht erinnern, nur in seinen Eigenschaften stecken seine Taten vorhergehender Leben drin. Auch der Dalai Lama ist diesbezüglich mehrfach befragt worden und hat sich ziemlich eindeutig geäußert. Auch das ist einer der Gründe, warum er bezüglich seiner eigenen Auffindung und einer möglichen Reinkarnation so antwortet, wie er es tut.

Aber die Europäer sind sowieso in ihrer Affinität gegenüber dem Buddhismus merkwürdig: Sie streben offenbar ein tugendhaftes Leben an, um wiedergeboren zu werden, während es Ziel des asiatischen Buddhisten ist, nicht wiedergeboren zu werden. Ähnliche Verfremdungen und Verdrehungen von Glaubensinhalten findet man in allen Religionen.

Für mich ist das Nichts tatsächlich das Nichts, und nichts anderes.

steppenhund 12/27/2008 08:20:56 PM

In einem russischen Gulag-Buch, das im Samisdat_Verlag erschienen war, habe ich einmal gelesen, dass die einzige Chance bei der Folter die das Festhalten an einem absoluten „Nein“ ist. Ich glaube, der Selbstmord kommt gleich danach.
Keine tolle Vorstellung.

Köppnick 12/27/2008 10:51:53 PM

Letztlich ist es ein Abwägen, ob es noch irgendwelche Hoffnung gibt. Die Situation ist mit einer sehr schweren und schmerzhaften Erkrankung zu vergleichen. Wenn relativ sicher ist, dass am Ende der Schmerzen keine Heilung, sondern der Tod steht, gibt es keinen vernünftigen Grund, diese Schmerzen länger als notwendig zu ertragen. Wie ich in Bezug auf die Folter aber auch schrieb: Man setzt besser seine Courage im Vorfeld ein, um gesellschaftliche Zustände zu verhindern, in denen gefoltert wird.

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