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Charlotte Kerner: Kopflos

„Kopflos“ ist ein Roman, in dem es um die Verpflanzung eines Kopfes auf einen anderen Körper geht. Mit Affen gab es das schon realiter, mit einem, oder, genauer, mit zwei Menschen, noch nicht.

Lassen Sie uns also kurz über diesen Begriff Hirntod sprechen, der oft missverstanden wird und deshalb vielen Menschen Angst bereitet. Dass der Tod vom Gehirn ausgehen kann, blieb jahrtausendelang unsichtbar, weil diese Todesursache nur eines der drei Vorzimmer ist, durch die der Gesamttod zum Menschen vordringen kann: Die zwei anderen sind der Herztod, der den Herzschlag stoppt. Oder der Lungentod, wenn dieses Organ das Atmen aufgibt.

Nimmt der Tod im Gehirn seinen Anfang – vom Hirntod sprach man zum ersten Mal im 18. Jahrhundert – blockt ein erhöhter Druck innerhalb eines Schädels, etwa ausgelöst durch eine Kopfverletzung oder eine Blutung, den Blutfluss zum Kopf ab, dann erlöschen nach kurzer Zeit alle Funktionen im Groß- und Kleinhirn und dem Hirnstamm. Die vom Gehirn gesteuerte Atmung setzt aus, und der Mensch stirbt seinen ganzen Tod wie seit Menschengedenken.

Zwei Tode kann die moderne Intensivmedizin überwinden: Sie bringt ein Herz wieder zum Schlagen und kann so einen Menschen retten. Sie bringt eine Lunge wieder zum Arbeiten, und jemand überlebt. Manchmal jedoch wird ein Körper wiederbelebt und künstlich beatmet, aber das Gehirn geht trotzdem verloren: Seine Zellen reagieren besonders schnell und sensibel, wenn die Sauerstoffversorgung unterbrochen ist. Nach wenigen Minuten stirbt es einsam und abgekoppelt vom Restkörper, dissoziiert eben. Und zurück bleibt ein sogenannter Hirntoter, dessen natürliches Sterben nur durch die maschinelle Beatmung aufgehalten wird.

Der dissoziierte Hirntod, den das zwanzigste Jahrhundert gebar, war nie eine rein naturwissenschaftliche Definition, sondern bis heute auch eine gesellschaftliche Übereinkunft, eine soziokulturelle Definition, der man sicherlich folgen kann, aber nicht muss.


Die Romanhandlung spielt in der Zukunft, die „technischen“ Probleme der Gewebeabstoßung und des Hineinwachsens neuer Neuronen in den jeweils anderen Teil der „Chimäre“ sind gelöst. Der Operierte kann also nach der Operation in ein normales Leben zurückkehren.

Obwohl es heute noch nicht so weit ist, werden die mit einer solchen Transplantation verbundenen ethischen und sonstigen Probleme bereits diskutiert: Wer ist die Person, die nach der Transplantation weiterlebt, die, der der Kopf, oder die, der der Körper gehört hat? Die heutigen Neurowissenschaften suggerieren die Herrschaft des Kopfes über den Körper, aber im Körper werden auch Hormone gebildet, die im Gehirn wirken, es gibt ein selbsttätig handelndes Immunsystem, es gibt Reflexe, die nicht über das Gehirn vermittelt werden. Und es ist auch bekannt, dass viele Lernvorgänge nur funktionieren, weil es einen Körper gibt. Letztlich ist das Gehirn kein Selbstzweck, sondern dient dem alleinigen Ziel des Erhalts der gesamten Person einschließlich ihres Körpers.

Soweit ich das beurteilen kann, sind alle im Roman genutzten „technischen“ Fakten korrekt. Die Danksagung am Ende des Buches an verschiedene Wissenschaftler deutet ebenfalls darauf hin. Die Fiktion beginnt also gewissermaßen erst nach dieser Transplantation, die es bis heute noch nicht gegeben hat. Es gibt aber bereits heute Berichte, dass Menschen, die zum Beispiel transplantierte Hände erhalten haben, sich eine Amputation dieser neuen Körperteile wünschen.

Für mich ist relativ unzweifelhaft, dass die technischen Voraussetzungen für eine solche Transplantation mittelfristig gegeben sein werden. Die ethischen Diskussionen anlässlich der ersten derartigen Operationen werden die heutigen Streitereien in der Stammzellenforschung wahrscheinlich weit in den Schatten stellen. Auf jeden Fall wird dieser Zeitpunkt eher kommen, als die Verheißungen des Transhumanismus, der Upload des menschlichen Verstandes in eine Maschine, wahr geworden sein werden.

„Kopflos“ ist ein Science-Fiction-Roman, der, weil er die notwendige Technik als nahezu selbstverständlich voraussetzt, sich viel mehr mit den durch deren Anwendung neu aufgeworfenen ethischen Fragen beschäftigen kann und dazu eine spannende Geschichte erzählt.

Kommentare
Randolph Carter 04/03/2008 07:32:08 PM

Wie wäre es mit: Der Körper mit seinem autonomen Immunsystem, den Hormonen, die in den Körperdrüsen gebildet werden, den Reflexen gilt dem allgemeinen Erhalt des Gehirns, dem, was eine Person als Persönlichkeit ausmacht?

Die Russen haben schon in den 50er-Jahren mit „Kopftransplantationen“ experimentiert. Legendär ist der Hund mit zwei Köpfen, die sich aber nach wenigen Wochen gegenseitig „totgebissen“ haben.

Köppnick 04/03/2008 07:44:15 PM
Der „russische“ Hund mit den zwei Köpfen wird im Buch auch mehrfach angesprochen. Und die Lösung im Buch, wer wen dominiert, ist salomonisch: Ein Jahr nach der Transplantation gibt es in Scans sichtbare Änderungen im Frontalhirn, was sich auch in einer deutlichen Persönlichkeitsveränderung zeigt. Der Betreffende verlässt seine Frau, ändert seinen Namen und lässt auch den zweiten, den „Kopfspender“, für tot erklären. Die Verbindung aus Körper und Kopf entwickelt sich zu einer völlig neuen Person.

Ich habe auch von Experimenten gelesen, bei denen wechselseitig jeweils eine Gehirnhälfte betäubt wurde (das geht nur für sehr kurze Zeit, bis sich das in eine zu nur einer Hirnhälfte führende Ader eingespritzte Betäubungsmittel verteilt hatte). Das halbe Hirn zeigte ein Bewusstsein mit einem anderen Charakter. Im geschliderten Fall wurde aus einer ruhigen Person eine, die die Untersucher wüst beschimpft hat. Es wird wohl die dominierende linke Gehirnhälfte gewesen sein, denn die rechte kann sich i.a. nicht verbal äußern.

Randolph Carter 04/04/2008 07:38:04 AM

Mit Persönlichkeitsveränderungen können Personen mit betäubten Hirnhälften i.d.R. nicht aufwarten. Nur mit Einschränkungen in kognitiver Leistung und -wie richtig angemerkt- Begrenzung der Sprach- und Sehfähigkeit, was aber an der Arbeitsteilung der Hirnhälften liegt. Und wüste Beschimpfungen bei solchen Untersuchungen wären mir neu. Was es allerdings gibt sind „Uneinigkeiten“ (eine Hand greift nach der weißen Bluse im Schrank, die andere greift nach der grünen…) zwischen links/rechts bei sog. Split-Brain-Patienten. Personen, bei denen der Balken dauerhaft durchtrennt und damit li/re Hirnhälfte nicht mehr in Verbindung stehen. Wird z.B. bei schweren, nicht mehr medikamentös behandelbaren Epilepsien u.ä. durchgeführt. Diese Leute sind aber allgemein im Alltag und auch ansonsten nicht auffälliger als ein Zaunpfahl.

Köppnick 04/08/2008 08:06:38 AM

Ich erinnere mich jetzt wieder, in welchem Buch ich von den betäubten Gehirnhälften gelesen habe: Paul Broks – Ich denke, also bin ich tot. In meiner Rezension steht ein Hinweis auf das Experiment, aber keiner auf die beobachteten Persönlichkeitsveränderungen. In meinen Bücherschränken habe ich das Buch nicht mehr gefunden, wahrscheinlich habe ich es verborgt, verschenkt oder gegen ein anderes getauscht. An die dort geschilderten Persönlichkeitsveränderungen erinnere ich mich aber noch einigermaßen deutlich. Natürlich werden diese Veränderungen nicht die Regel sein, sondern vielleicht mit der Gehirnschädigung im Zusammenhang stehen, wegen der die Untersuchung vorgenommen wurde.

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