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Benjamin Libet: Mind Time

Im Jahr 2004 ist Mind Time in englisch erschienen, ein Jahr später in deutsch. Autor ist der 1916 geborene Benjamin Libet. Literaturzitate im Buch von 2003 beweisen, dass dieses Buch tatsächlich von dem damals bereits 88jährigen Libet geschrieben wurde. Es stellt eine Zusammenfassung der Lebensleistung seines Verfassers dar.

Experimente

Libet ist emeritierter Professor für Physiologie. Er hat als Erster die folgenden beiden aufsehenerregenden Experimente durchgeführt:

Experiment A
Eine Versuchsperson wurde gebeten, spontan eine Bewegung zu machen (zum Beispiel das Handgelenk zu drehen oder einen Finger zu beugen). Dann sollte sie den Zeitpunkt angeben, zu dem sie den Entschluss dazu gefasst hat. Gleichzeitig wurden ihre Gehirnströme registriert.

Die Auswertung ergab, dass die Gehirnströme bereits vor dem Zeitpunkt begannen, den die Person als den Zeitpunkt ihrer Entscheidung angeben hat.

Experiment B
Es wurde ein Sinnesreiz erzeugt und die Versuchsperson danach gefragt, ob sie den Reiz bemerkt hat. Die verwendeten Reize konnten dabei sehr unterschiedlich sein, gearbeitet wurde mit Berührungen, Elektroden, Bilder und anderem.

Dabei wurde festgestellt, dass ein Reiz mindestens 500 Millisekunden angeboten werden muss, um durch das Bewusstsein der Versuchspersonen wahrgenommen zu werden. das Bewusstsein datierte den Beginn des Reizes aber korrekt auf die Startzeit zurück.

Es konnte weiterhin beobachtet werden, dass bei kürzeren Signalen eine unbewusste Wahrnehmung erfolgt sein musste, weil nachfolgende Handlungen der Personen nur dadurch erklärbar waren, dass sie (natürlich unbewusste) Kenntnis von dem Signal hatten.

Freier Willen, Bewusstsein, Unbewusstes

Experiment A hat eine umfassende und bis zum heutigen Zeitpunkt nicht abgeschlossene Diskussion zum Begriff des Freien Willens hervorgerufen. Das Konzept des Freien Willens ist deshalb so wichtig, weil wir uns selbst als frei handelnde Individuen empfinden und auch unsere Gesellschaft und Rechtssprechung auf dieser Annahme beruht.

Scheinbar wird das Konzept des Freien Willens durch das Experiment widerlegt, denn das Unterbewusstsein der Versuchspersonen fasste zuerst den Entschluss zum Handeln, das Bewusstsein erfuhr erst danach davon. An anderer Stelle (und im Buch auch durch Libet) wurde deshalb so argumentiert, dass das Unterbewusstsein die Handlung zwar einleitet, aber das Bewusstsein rechtzeitig vor der Ausführung diese noch abbrechen könnte.

Meiner Meinung nach unterliegen die so Diskutierenden aber einem Fehlschluss, in dem sie den begrifflichen Unterschied zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten zu einem ontologischen machen. Dabei zeigt doch gerade die Auswertung von Experiment B und viele weitere Beispiele im Buch, dass es eine exakte Trennung gar nicht gibt. Es wurde bei Versuchen mit verschiedenen Zeitdauern der Sinnesreize davon berichtet, dass mit steigender Zeitdauer des Signals die Sicherheit in der bewussten Wahrnehmung zunahm (also eine quantitative Reihe von Nicht- über nicht sichere bis sichere Wahrnehmung).

Vergleichbare Beispiele im Buch:

  • Ein Autofahrer bremst 150 ms nach dem Erkennen eines spielenden Kindes auf der Fahrbahn und berichtet später, „er“ hätte gebremst, obwohl sein Bewusstsein doch frühestens 500 ms nach der Wahrnehmung etwas von dem Kind wissen konnte.
  • Ein Sportler startet 100 ms nach dem Startschuss, also etwa 400 ms vor dem Zeitpunkt, zu dem er den Schuss bewusst wahrnehmen konnte.

In beiden Fällen liegt offensichtlich eingeübtes Verhalten vor, das zunächst (zum Beispiel während der Fahrschule) bewusst abläuft, und später zu schnellerem unbewussten Verhalten transformiert wird – auch um das Bewusstsein für wirklich neuartige Dinge freizuhalten. Selbst Experiment A kann in diesem Sinne interpretiert werden. In einem größeren Zusammenhang hat die Versuchsperson ja gerade nicht spontan gehandelt, sondern sie erhielt zu Beginn des Versuchs den bewussten Auftrag, spontan zu handeln, der vom Bewusstsein an das Unterbewusstsein übergeben wurde.

Aus den 500 Millisekunden, die ein Vorgang im Gehirn benötigt, um bewusst zu werden, leitet Libet die Idee eines „diskontinuierlichen Bewusstseinsstromes“ ab, und spekuliert darüber, dass sich unser kontinuierliches Bewusstsein vielleicht durch die Überlappung vieler, sich aneinander reihender Gedanken ergibt. Meine Idee an dieser Stelle besteht darin, dass wir uns gar nicht sicher sein können, tatsächlich über ein kontinuierliches Bewusstsein zu verfügen, da wir uns ja im Nachhinein sowieso nur an die bewussten Momente erinnern können. Vielleicht tritt man nicht nur im Schlaf über eine längere Zeit, sondern auch tagsüber über kürzere oder längere Perioden völlig weg und ist nur prinzipbedingt nicht in der Lage, dieses zu bemerken?

Mentales Feld

Libet diskutiert ausführlich die verschiedenen Ansätze, das Phänomen des subjektiven individuellen Empfindens auf der Basis objektiver neuronaler Prozesse zu erklären. Seiner Meinung nach ist Bewusstsein ein emergenter Prozess, der nicht auf ein Gebiet des Gehirns lokalisierbar ist. Da eine wissenschaftliche Theorie falsifizierbar sein soll (sonst ist sie keine), schlägt er „die Theorie des bewussten mentalen Feldes (BMF)“ vor. Dieses Feld soll keiner Kategorie physikalischer Felder angehören, sondern eine „phänomenologisch unabhängige Kategorie“ sein.

Die Schwierigkeit dieses Ansatzes besteht darin, dass dieses Feld nur durch subjektive Erfahrung der betreffenden Person feststellbar ist und anderen nur durch Berichte dieser Person zugänglich gemacht werden kann. Als Falsifikationsexperiment schlägt er vor, chirurgisch einen kleinen Bereich des Gehirns für die Reizweiterleitung elektrisch und chemisch so vom Rest zu trennen, dass er am Leben bleibt (d.h. erhaltene Blutversorgung). Das wäre im Rahmen sowieso vorgenommener Gehirnoperationen und mit Einverständnis der Patienten denkbar. Dann sollen die so isolierten Gebiete gereizt werden und die Probanden auf Sinnesempfindungen befragt werden.

Meiner Meinung nach führt das zu nichts. Zwei Gründe:

  • Auch wenn das BMF kein physikalisches Feld darstellt, findet jegliche Wechselwirkung im Körper doch mittels ebensolcher physikalischer Felder statt. Sowohl chemische als auch elektrische Vorgänge werden über elektromagnetische Kräfte vermittelt. Trennt man einen Teil des Gehirns von elektrischer und chemischer Weiterleitung der Signale, dann sind diese Wechselwirkungen untereinander im intakten Bereich um ein Vielfaches größer als in dem abgeklemmten.
  • Das hypothetische Feld emergiert nur auf einer intakten Struktur, es sind nicht nur die Neuronen selbst, sondern auch alle ihre wechselseitigen Verknüpfungen notwendig. Diese Strukturen werden aber durch die Abtrennung zerstört.

Libet selbst diskutiert ausführlich, ob sein postuliertes Feld einen Dualismus (im philosophischen Sinne) impliziert. Er verneint es, weist aber daraufhin, dass seiner Meinung nach auch das Verneinen der Existenz eines „Gespenstes in der Maschine“ keine wissenschaftliche Position ist, da man dessen Nichtexistenz ebenfalls nicht beweisen kann! Allerdings würde ich seinen Standpunkt doch als einen dualistischen bezeichnen, siehe zum Beispiel das folgende Zitat:

Gleichgültig ob die BMF-Theorie richtig ist oder nicht, die Erkenntnis von neuronalen Strukturen und Funktionen kann nie an sich bewusstes Erleben erklären oder beschreiben. Wie schon gesagt, kann die Untersuchung des Gehirns einem zeigen, was die Nervenzellen tun etc., aber darin ist nichts, was auf ein subjektives Erleben hindeuten würde. Außerdem ist es möglich, dass einige geistige Phänomene gar keine direkte neuronale Grundlage haben (siehe Kapitel 3), und es ist ebenfalls möglich, dass der bewusste Wille nicht immer den Naturgesetzen der physischen Welt gehorcht (siehe Kapitel 4).

Das geht meiner Meinung nach doch deutlich über einen emergentialistischen Standpunkt hinaus.

Künstliche Intelligenz

Seine Aussagen zur künstlichen Intelligenz halte ich für sehr oberflächlich, deshalb aus dem entsprechenden Abschnitt nur ein Zitat, damit sich jeder selbst seine Meinung bilden kann:

Einige Computerenthusiasten, besonders diejenigen, die auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz arbeiten, haben die Überzeugung ausgedrückt, dass Computer ein Bewusstsein haben könnten. Sie haben den Eindruck, dass, wenn ein Computer so komplex wie das menschliche Gehirn ist und sich so verhalten kann, dass sich sein Verhalten von dem einer Person nicht mehr unterscheidet, der Computer dann als funktional äquivalent zu einer menschlichen Person angesehen werden sollte. Bei dem berühmten Turing-Test wäre das der Fall, wenn ein Computer hinter einem Schirm Antworten geben könnte, die sich nicht von denen einer Person hinter dem Schirm unterscheiden (natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass so etwas geschehen wird).

Ich habe darauf hingewiesen, dass selbst wenn die Verhaltensfunktionen eines Computers und einer Person wie beim TuringTest identisch wären, das nicht unbedingt so gedeutet werden kann, dass der Computer deshalb auch wie eine Person Bewusstsein hat. Der Beweis dieser Aussage erfolgt durch ein einfaches logisches Argument. Wir haben es hier mit zwei verschiedenen Systemen zu tun: A (der Computer) und B (die Person). Man weiß, dass A und B in vielerlei Hinsichten verschieden sind, beispielsweise in Bezug auf die Materialien, aus denen sie bestehen. Die beiden verschiedenen Systeme geben identische Antworten auf Fragen (wenn der Turing-Test jemals funktionieren sollte).

Bedeutet das, dass die beiden Systeme auch in anderen Eigenschaften identisch sind, wie beispielsweise im Besitz von Bewusstsein? Die Antwort darauf ist nein, und zwar auf der Grundlage einfacher logischer Regeln. Wenn System A die Eigenschaft X hat und System B die Eigenschaft X hat, folgt nicht, dass beide Systeme Y haben werden (auch wenn eines von ihnen Y hat). Systeme, die in einer Hinsicht ähnlich sind, brauchen in anderen Eigenschaften nicht ähnlich zu sein.

Ein solcher logischer Fehler ist auch in einer verwandten Behauptung enthalten. Es wurde der Vorschlag gemacht, dass wir jede Nervenzelle des Gehirns durch einen Siliziumchip ersetzen könnten, der alle dieselben Funktionen erfüllt. Wenn wir das für das ganze Gehirn tun könnten, hätten wir ein Instrument, das Funktionen erfüllen könnte, die von denen des ursprünglichen Gehirns nicht unterscheidbar sind. Dieser Zombie würde nach Ansicht mancher auch Bewusstsein haben. Aber wiederum handelt es sich um ein anderes System als das ursprüngliche Gehirn, und man kann von ihm nicht behaupten, dass es alle Eigenschaften des normalen Gehirns teilt. Das Gehirn ist strukturell und funktionell verschieden von einem System, das aus Siliziumchips besteht.

Zusammenfassung

Insgesamt halte ich das Buch für sehr lesenswert und anregend. Es ist in einer klaren und verständlichen Sprache abgefasst und bietet auch einen guten Einstieg in die komplexe Materie. Es ist die zusammenfassende Darstellung des Lebenswerks von Benjamin Libet, der mit seinen Experimenten theoretisch-philosophischen Spekulationen über die Natur des menschlichen Bewusstseins praktische Messungen gegenübergestellt hat.

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