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Andreas Eschbach: Eine Billion Dollar

Es war ein interessanter Abend gewesen. M. hatte über den Kältetod des Universums gesprochen. Ich war irritiert, ich kannte nur das Wort ‚Wärmetod‘. Aber es ist tatsächlich egal, welchen der beiden Begriffe Wärme oder Kälte man mit Tod assoziiert, es ist nicht die absolute Temperatur, die Leben verunmöglicht, sondern der nach dem Zweiten Hauptsatz ständig abnehmende Temperaturunterschied im Verhältnis zur absoluten Temperatur. Ich erzählte etwas über Poppers Konzept der abnehmenden Realität und wie wenig wir wissen, dass es alles nur Modelle seien und versprach, das Buch Die fünf Zeitalter des Universums mitzubringen.

Dann sprang die Diskussion zum Artensterben. E. wollte wissen, was den nun genau eine Art sei und ob sich tatsächlich die Zahl der Arten verringern würde und wie das zu bewerten ist. Hier war D., eine Biologin, in ihrem Element. Es gibt mindestens 3 Auffassungen, was eine biologische Art ausmacht. Später habe ich in der Wikipedia nachgelesen, es ist tatsächlich noch komplizierter, als ich schon gewusst hatte. Sofort einleuchtend sind die zwei Definitionen, die sich am äußeren Erscheinungsbild und an den Genen orientieren. Aber auch dafür fallen einem die Ausnahmen ein. Was ist zum Beispiel mit zwei, räumlich oder zeitlich getrennten Populationen der von uns zu derselben Tierart klassifizierten Vertreter. In der einen Generation kreuzen sie noch fruchtbar, in der nächsten nicht mehr. War das jetzt ein Artenübergang?

Man muss sich bewusst machen, dass Arten Konstrukte unseres Geistes sind, realiter leben immer nur Individuen. Geradezu zwangsläufig sprang die Diskussion da zu Watzlawick und unserer Wirklichkeitsauffassung. Irgendwie gelangt man immer dorthin, auch die eingangs erwähnte Physikdiskussion ist ja davon nicht zu trennen.

Später redeten wir dann über die Bücher, die wir in letzter Zeit gelesen hatten und den anderen empfehlen könnten. In Eine Billion Dollar von Andreas Eschenbach erbt ein Pizzabote ebendiese Summe, die eine Anwaltsdynastie über 500 Jahre, beginnend von einer kleineren Summe, im Auftrag eines seiner Vorfahren im Geheimen vermehrt hat, weil sie an die Prophezeiung dieses Vorfahren geglaubt hat und noch immer glaubt. Den ersten Teil des Gesprächs an diesem Abend bekam ich nicht so richtig mit. Ich überschlug, wieviele Jahre es braucht, um eine solche Summe anzuhäufen. Ich kam, beginnend von einem Dollar und bei einem konstanten Zinssatz von 4% auf 640 Jahre. Gar nicht so schlecht, mein Taschenrechner kam später zu Hause auf 704 Jahre oder, umgekehrt, bei 640 Jahren auf einen Zinssatz von 4,4%.

Bei Eschenbach sind es genau 500 Jahre, um von einem Vermögen von umgerechnet 10.000 Dollar (Ende des 15. Jahrhunderts gab es natürlich noch keine US-Dollar, Amerika war von Europa aus gesehen noch nicht einmal entdeckt) auf eine Billion Dollar zu kommen. Eschenbach ist Deutscher, im Nachwort weist er auf die sprachliche Doppeldeutigkeit zwischen dem deutschen Wort und seiner Übersetzung ins britische und ins amerikanische Englisch hin. Gemeint ist tatsächlich die deutsche Billion, also 1000 Milliarden.

Von der Diskussion über das Buch bekam ich wegen meiner im Kopf durchgeführten Überschlagsrechnung nicht allzu viel mit, nur, dass alle logischen Einwände, die in der Diskussion vorgebracht wurden, irgendwie im Buch widerlegt werden. Die Prophezeiung des Ahnen und damit der Auftrag an den Nachfahren besagt, dass er mit der ihm vererbten Billion die Zukunft der Menschheit retten wird. Ich habe mir das Buch besorgt, auch weil ich von Eschenbach noch wusste, dass er der Autor des Buches Das Jesus Video ist, das die meisten über seine Verfilmung (welche Doppeldeutigkeit!) kennen dürften.

Es wäre nicht fair, hier allzu viel über den Inhalt des Buchs zu schreiben, bei Krimis und SciFi macht man eine Menge von der Spannung kaputt, wenn man den roten Faden verrät. Aber bereits beim Buchtitel liegt nahe, was die folgende Textstelle expliziert:

Wie vermehrt sich Geld? Antwort: Überhaupt nicht. Was für eine Idiotie, etwas anderes zu glauben.

Und doch – von frühester Kindheit wurde es einem gepredigt, unablässig wiederholt wie ein frommes Mantra, inbrünstiger als das Vaterunser, man kannte es überhaupt nicht anders: dass Geld sich vermehre auf einem Sparkonto. Die Werbung wiederholte es gebetsmühlenhaft, Eltern, Lehrer, Freunde, alle plapperten es nach: Bring dein Geld auf die Bank, damit es mehr wird. Sogar Paul, der kluge Paul Siegel, der Harvard mit summa cum laude abgeschlossen hatte und intelligent war wie kein anderer, hatte ihn ermahnt: Du musst dein Geld für dich arbeiten lassen.

Aber Geld arbeitet nicht. Nur Menschen arbeiten. Wäre es anders: Was hinderte einen daran, genug Geld zu drucken, um jeden zum Millionär zu machen? Nichts. Nur wäre dann niemand da, der einem die Brötchen für das Millionärsfrühstück backt, niemand, der das Getreide für die Brötchen anbaut und erntet und mahlt, nichts dergleichen. Geld arbeitet nicht. Arbeiten müssen immer Menschen.

Und Geld vermehrt sich nicht. Jeden Dollar, jeden einzelnen Cent, um den dein Konto anwächst, hat irgendjemand erarbeitet. Jemand, der Schulden hat und deshalb von dem Geld, das er verdient, abgeben muss an den, bei dem er diese Schulden hat.

Ausgangspunkt aller Überlegungen im Buch ist der Bericht des Club of Rome von 1972 Die Grenzen des Wachstums. Die Idee, jedes Produkt und jeden Rohstoff nicht an den Kosten seiner derzeitigen Herstellung zu messen sondern an dem Energieaufwand, der zu seiner Wiederherstellung gebraucht wird, ist richtig (wenn auch nicht neu). Aber hier kann man gemäß seinen Erkenntnissen aus dem Zitat auch den letzten Schritt noch gehen: Auch die Energiekosten sind letztlich die Arbeitskosten für ihre Gewinnung (Wiederherstellung). Man kann Energie nicht erzeugen und die Sonne arbeitet kostenlos, sie muss nicht entlohnt werden.

Die Seitennummerierung im Buch erfolgt in Milliarden Dollar. Auf einigen Seiten ist dort zusätzlich angegeben, was wie viel kostet. Der letzte derartige Eintrag findet sich auf der Seite 842.000.000.000$. So hoch waren die globalen Militärausgaben im Jahr 1997. Jetzt haben wir 2008 und das Buch endet nach 887 Seiten. Heute veröffentlicht, hätte Andreas Eschenbach seine Geschichte also vermutlich noch ein bisschen verlängern müssen. Im Abspann auch eine Liste der Bücher, aus denen der Autor sein Wissen gezogen hat: Wirtschaftstheorie, Bücher über Geld, Macht und Philosophie, historische Bücher und Umweltberichte.