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Alexander Unzicker: Vom Urknall zum Durchknall

Als ich von Alexander Unzickers Buch „Vom Urknall zum Durchknall“ über eine Rundmail in einem Diskussionsforum erfuhr, habe ich zuerst einmal nachgeforscht, wer der Autor ist. Es gibt im Netz zu viele „Widerlegungen“ der Physik, als dass es sich lohnt, jeder einzelnen von ihnen nachzugehen. Aber Unzicker ist ein promovierter Physiklehrer, sein Buch ist im Springerverlag erschienen, und nachdem auch in „Spektrum der Wissenschaften“ eine Rezension erschienen war, gab es für mich wenig Grund es nicht zu bestellen und zu lesen.

Im Buch werden nacheinander die verschiedenen Gebiete der modernen Physik vorgestellt, analysiert und kritisiert. Kosmologie, Teilchenphysik und Stringtheorie sind dabei die wesentlichsten. Ein bisschen Vorwissen sollte man jedoch schon haben, wenn man das Buch lesen und Gewinn daraus ziehen möchte.

Kosmologie
Die Urknalltheorie gilt derzeit als die wahrscheinlichste Erklärung der Entstehung unseres Universums. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde beobachtet, dass sich die Abstände zwischen den Galaxien ständig vergrößern, und zwar umso schneller, je weiter die beobachteten Objekte von uns entfernt sind. Extrapoliert man diesen Vorgang in die Vergangenheit, dann gelangt man zu der Schlussfolgerung, dass unser Universum früher sehr viel kleiner (und damit auch sehr viel heißer) als heute gewesen sein muss.

Rätsel geben dabei heute vor allem drei Beobachtungsergebnisse auf:

  1. Die Sterne einer Galaxie bewegen sich sehr viel schneller um das jeweilige Zentrum der Galaxie, als sie es nach der Schätzung der Massen in den Galaxien und dem Gravitationsgesetz dürften.
  2. Der Zusammenhang zwischen den Abständen und den Fluchtgeschwindigkeiten der von uns beobachteten Galaxien ist nicht linear. Aus diesen Beobachtungen kann man die Hypothese ableiten, dass sich die Expansionsrate des Universums fortwährend beschleunigt.
  3. Die kosmische Hintergrundstrahlung ist äußerst konstant, unabhängig in welche Richtung des Himmels man schaut.

Um diese drei Beobachtungsergebnisse in das kosmologische Standardmodell der Urknalltheorie einzubauen, das im Wesentlichen auf der Relativitätstheorie und der Physik der Kernprozesse in Sternen beruht, musste es um einige zusätzliche Annahmen erweitert werden:

  • Mit dem Konzept der „dunklen Materie“ soll die ungewöhnlich hohe Geschwindigkeit der Sterne um die galaktischen Kerne erklärt werden. Diese Form der Materie ist „dunkel“, weil sie sich nur über ihre Gravitationswirkung bemerkbar macht, aber nicht wie die normale (baryonische) Masse über elektromagnetische Wechselwirkungen (Licht und andere Strahlung).
  • Zur Erklärung der beschleunigten Expansion des Universums wurde die „dunkle Energie“ konzeptuell ins Spiel gebracht. Diese dunkle Energie soll abstoßend wirken und die Expansion des Alls beschleunigen. Da Energie und Masse über E=mc^2 miteinander gekoppelt sind und eine positive Masse gravitativ anziehend wirkt, müsste diese Energieform negativ sein.
  • Die Hintergrundstrahlung besteht aus den Photonen, die zum Zeitpunkt des Durchsichtigwerdens des Universums freigesetzt wurden. Dieser Zeitpunkt lag erst etwa 380.000 Jahre nach dem vermuteten Zeitpunkt des Urknalls. Vorher waren die Dichte und die Temperaturen im Universum zu hoch, als dass sich Photonen frei bewegen konnten. Die außerordentliche Gleichförmigkeit der Hintergrundstrahlung aus allen Beobachtungsrichtungen nötigt zu dem Schluss, dass kurz nach dem Urknall Teile des Universums miteinander in Wechselwirkung gestanden haben, die heute dafür zu weit voneinander entfernt sind. Nur mit Hilfe dieser Wechselwirkung hätten unvermeidliche zufällige Temperaturunterschiede ausgeglichen werden können. Hätten stärkere Temperaturunterschiede bestanden, dann wären heute die Wellenlängen der beobachteten Photonen sehr viel unterschiedlicher. Um diese Gleichförmigkeit zu erklären, wird im Standardmodell kurz nach dem Urknall eine Phase angenommen, in der sich das Universum mit Überlichtgeschwindigkeit ausgedehnt haben muss. Diese Theorie wird Inflationstheorie genannt.

Alexander Unzicker kritisiert alle drei Erweiterungen der Urknalltheorie. Das zwingendste Argument gegen die dunkle Materie und die dunkle Energie kommt dabei von der Wissenschaftstheorie Karl Poppers. Dieser hatte gefordert, dass jede Theorie Beobachtungen oder Experimente vorschlagen muss, die zur möglichen Falsifikation dieser Theorie dienen könnten. Dunkle Materie und dunkle Energie erklären aber jeweils lediglich eine einzige bereits gemachte Beobachtung. Welches Experiment oder welche Beobachtung wären eine Widerlegung der Richtigkeit dieser Postulate? Nach Unzickers Meinung gibt es solchen Vorhersagen heute nicht. Zudem liegen Abschätzungen zur Größe der Energie des Vakuums, die als eine der Kandidaten für die dunkle Energie gilt, um mehr als einhundert Größenordnungen von dem benötigten Wert entfernt.

Eine gängige Schätzung für die Inflationsphase geht von ihrem Beginn 10^-36 s bis zu ihrem Ende 10^-33 s nach dem Urknall aus. Die heute zu uns kommenden Photonen der kosmischen Hintergrundstrahlung stammen aber sicher beweisbar erst aus einer Zeit 380.000 Jahre nach dem Urknall. Dazwischen liegen rund 50 Zehnerpotenzen. Eine berechtigte Frage Unzickers: Ist es zulässig, physikalische Beobachtungen (=Gesetze) über eine derart große Spanne zu extrapolieren? Dazu ein Vergleich: Der Durchmesser eines Atoms liegt in der Größenordnung von 10^-10 m, der der Erde in der Größenordnung 10^7 m. Hier beträgt der Unterschied nur 17 Zehnerpotenzen und dabei ist jedem klar, dass bei der Untersuchung der Erde (z.B. der Gravitation) gewonnene Erkenntnisse für das Atom keine Rolle spielen.

Ähnlich argumentiert Unzicker auch im Fall von dunkler Energie und dunkler Materie. Unsere Erkenntnisse über die Gravitation (Galilei, Newton, Einstein) verdanken wir Experimenten auf der Erde und in Erdnähe und Beobachtungen im Sonnensystem. Woher nehmen wir die Gewissheit, dass diese Gesetzmäßigkeiten auch in kosmologischen Skalen richtig sind?

Interessant fand ich einen weiteren Gedanken Unzickers in diesem Zusammenhang: Spätestens seit Einstein ist common sense, dass es keine ausgezeichneten Punkte und kein gegenüber anderen ausgezeichnetes Koordinatensystem im Universum gibt. Alle sind nur relativ zueinander gültig. Die kosmische Hintergrundstrahlung führt aber genau ein solches Koordinatensystem wieder ein. Misst ein Beobachter eine Rotverschiebung der Hintergrundstrahlung in der einen Richtung und eine Blauverschiebung in der anderen, dann bedeutet das, dass sich dieser Beobachter “absolut“ gegenüber dem Universum bewegt. Genau das wurde für das Sonnensystem gemessen (etwa 370 km/s) und ähnliche Messungen liegen auch dem dunklen Fluss zugrunde. Man könnte hier scharfsinnig argumentieren: „Damit kehrt der Äther in die Physik zurück.“

Teilchenphysik
Das Standardmodell der Teilchenphysik basiert auf dem Konzept der Quarks, aus denen sich die uns bekannten Elementarteilchen zusammensetzen. Dazu Unzicker selbst:

Fasst man also das Standardmodell der Teilchenphysik zusammen, so kommt man auf sechs Quarks (u, d, c, s, t, b) in jeweils drei verschiedenen „Farben“ mit den jeweiligen Antiteilchen, also auf die stattliche Anzahl von 36 verschiedenen schweren Teilchen (Hadronen). Dazu gesellen sich sechs leichte Teilchen (Leptonen) nebst Antipartnern, nicht zu vergessen die erwähnten W- und Z-Teilchen sowie die bunt gekleideten Gluonen (z.B. rot-antigrün).

Quarks treten nie einzeln auf. Niemand weiß, warum, obwohl man einen schönen Namen, confinement, dafür gefunden hat. Ist es sinnvoll, Objekte Teilchen zu nennen, die nicht zu Teilen werden können?

Die Entdeckung des Top-Quarks wurde als Komplettierung des Standardmodells gefeiert, man verlor jedoch kein Wort über die sehr merkwürdige Folge von Massen der Quarks u, d, s, c, b, t: 0.3, 0.3, 0.5, 1.5, 4.5 und 175 Gigaelektronenvolt. Warum tanzt das Top-Quark aus der Reihe, indem es zwanzig mal so schwer ist wie alle anderen zusammen? Warum hat ein Teilchen eine kurze Zerfallszeit und ein anderes eine lange? Die Beschreibung durch Symmetriegruppen, die dem Standardmodell zu Grunde liegt, beschränkt sich auf die Aussage, ob bestimmte Teilchen existieren oder nicht, letztlich eine Erbsenzählerei. Die messbaren physikalischen Eigenschaften der Teilchen werden dagegen nicht erklärt, ja noch nicht einmal der Versuch dazu unternommen.

Die Anzahl der freien Parameter im Standardmodell der Teilchenphysik – fast zwanzig, mit den Massen sogar wesentlich mehr – hat also eine beunruhigende Größenordnung erreicht. Den Löwenanteil dieser Komplizierung verschuldet das Quarkmodell, auch wenn es eine Vereinfachung herbeiführte. Diese war aber erst möglich, nachdem man zahlreiche Daten angehäuft hatte, die man nicht verstand. Ist so exzessives Sammeln von Daten in der Wissenschaft also überhaupt nützlich? Die eigentlichen Fortschritte wurden immer dann erzielt, wenn das Verständnis nicht allzu weit hinter den Beobachtungen zurückblieb. Offensichtlich birgt dagegen zu viel unverstandene Information die Gefahr, wohlfeile Beschreibungen als Theorie misszuverstehen.

Hier spricht Unzicker eine Reihe interessanter Punkte an:

  • Das Konzept der Invarianten und Symmetrien und Symmetriebrüche wurde zuerst mit Erfolg in der klassischen Physik angewendet. Aus der Invarianz physikalischer Gesetzmäßigkeiten gegenüber der Zeit folgt der Energieerhaltungssatz, aus der Invarianz gegenüber Verschiebungen der Impulserhaltungssatz und aus der Invarianz gegenüber Verdrehungen der Erhaltungssatz für den Drehimpuls.
  • Im Konzept der Quarks verbirgt sich die Beobachtung, dass bestimmte Teilcheneigenschaften immer gemeinsam zu neuen Teilchen rekombiniert werden. Das finde ich noch nicht kritikwürdig, sondern entspricht halt den Beobachtungen und Experimenten.
  • Aber tatsächlich sind einige der Eigenschaften der Quarks, vor allem ihre Massen, unverstanden.

An diesem prinzipiellen Unverständnis werden nach Unzickers Meinung auch die Experimente am LHC zur Entdeckung des Higgs-Bosons nichts ändern. Er schreibt unter anderem:

Nur zur Klarstellung sei daran erinnert, dass auch eine Entdeckung des Higgs-Teilchens das Problem der Massen nicht löst – anstatt nicht erklärter Zahlen für die Massen hätte man dann eben nicht erklärte „Kopplungskonstanten“ der einzelnen Teilchen mit dem Higgs-Feld.

Die theoretische Schwäche des Higgs-Bosons ist vor allem, dass dessen Energie (also seine eigene Masse) nicht genau vorhergesagt wird. Wenn man es am LHC nicht findet, könnte man immer noch behaupten, dass die in diesem Beschleuniger erzeugbaren Energien noch nicht ausgereicht haben. Auch hier kann man wieder mit Popper fragen: Bei welcher Energie gilt das Konzept des Higgs-Bosons widerlegt, wenn es bis dann noch nicht gefunden wurde?

Stringtheorie
Aber Unzickers Kritik an der Kosmologie und der Teilchenphysik ist noch harmlos im Vergleich zu seinem Urteil über die Stringtheorie. Die Stringtheorie ist ein Versuch, Kosmologie und Realitivitätstheorie mit Quanten- und Teilchenphysik zu einer „Theory of everything“ zu vereinigen. Inzwischen wird daran etwa seit 40 Jahren gearbeitet. Auch dazu ein längeres Zitat aus dem Buch:

Kann das alles Quatsch sein, wovon die Gescheitesten überzeugt sind? Ja. Nicht die Fähigkeit, schwierige Rechnungen schnell zu erledigen gibt darüber Auskunft, sondern Soziologie und Geschichte. Waren etwa die Theologen des Mittelalters keine Elite? Waren es nicht die Klügsten der Epoche, die jahrhundertelang für den Stillstand der Naturwissenschaften sorgten? Verhängnisvoll war damals, dass die hellsten Köpfe gar keine andere Wahl hatten, als ihren Verstand an Problemen der mittelalterlichen Theologie zu schärfen. In der gleichen Situation befinden sich heute theoretische Physiker. Nicht-Stringtheoretiker in den führenden Positionen findet man heute etwa so viele wie Atheisten in einer Bischofskonferenz.

Leider sind die Parallelen hier nicht zu Ende: Die wundersamen Geschichten in populären String-Büchern heben sich nur durch ihre Entstehungszeit von Schöpfungsmythen ab. Wie bei Gottheiten hängt die Faszination für Strings wenig mit der Sache selbst zusammen, sondern ist vornehmlich eine Reflexion der Träume und Hoffnungen – hier wird der Mensch heute von den Stringtheorien bedient wie von den Weltreligionen. Wann kommt die neue Theorie, das Glück? Ob es sich um das neue Raumschiff der Mathematik handelt, ob um eine neue Epoche, die unser Geist noch nicht erfassen kann: Nennen wir es getrost das Jenseits, dort, wo die Versprechungen eingelöst werden. Und auf Erden? Diejenigen, die in Fachzirkeln mit ihresgleichen sich in die immer gleiche Materie vertiefen – nennen wir sie Mönche – rechnen unter größter Anstrengung mit den abstrusesten Konstruktionen. Eine intellektuelle Selbstgeißelung, die von den Beteiligten zweifellos als Bewusstseinserweiterung wahrgenommen wird. Das Fehlen des Gens der Selbstironie, wie es Horgan bei Witten diagnostizierte, ist übrigens auch ein gemeinsames Merkmal mit den Religionen. Oder, wie Max Frisch es ausdrückte: „Gesetzt den Fall, Sie glauben an einen Gott, haben Sie Anzeichen dafür, dass er Humor hat?“ Stringtheoretiker konnten nicht über den Vorschlag lachen, sich in der glaubensfreundlichen Bush-Ära alsfaith-based initiative zu bewerben. Es ist ja auch kein Witz: Stringtheorie ist längst Religion.

Edward Witten, der Gott-Vater der Stringtheoretiker schätzt, dass es etwa 10^1500 Versionen der Stringtheorie gibt. Man vergleiche das mit den geschätzt etwa 10^80 Elementarteilchen im von unserem Standpunkt aus sichtbaren Teil des Universums. Wenn eine Theorie derartig viele Varianten und damit Parameter besitzt, dann ist sie natürlich immer wahr, weil die Zahl der freien Parameter dann immer größer als die Zahl der mit ihr zu beschreibenden Tatsachen ist.

Das ist der erste Punkt, an dem die Stringtheorie krankt. Der zweite ist, dass sie keine heute prüf- und falsifizierbaren Vorschläge für Beobachtungen und Experimente macht. Aus der Tatsache, dass sie logisch in sich konsistent ist, folgt nämlich nichts. Mathematische Konsistenz ist ausreichend in der Mathematik, aber nicht in der Physik. Physikalische Theorien beweisen sich anhand einer richtigen Beschreibung von Naturphänomenen. Wenn man so die Stringtheorie zu einer nicht-physikalischen Theorie degradiert hat, dann ist folgerichtig auch allen aus ihr bis heute gezogenen Schlussfolgerungen die Grundlage entzogen: Branes, Multiversen, etc.

Zum Abschluss ein letztes Zitat Unzickers aus einem der letzten Kapitel:

Passt dann nach einiger Zeit wieder etwas nicht, reagieren die Theoretiker auf unverstandene Beobachtungen so: Verstehen sie nicht “was“, gibt es ein neues Teilchen, verstehen sie nicht “wann“, hat es kurz nach dem Urknall stattgefunden, verstehen sie nicht “wo“, dann war es in den Zusatzdimensionen. Verstehen sie nicht “wie“, postuliert man eine neue Wechselwirkung, und verstehen sie nicht “wieviel“, einen freien Parameter dazu. Verstehen sie nicht “warum“, erklärt es eine Symmetriebrechung, verstehen sie gar nichts mehr, phantasieren sie von Strings, und interessiert sie das Verstehen an sich nicht mehr, berufen sie sich auf das anthropische Prinzip.

Ich bin zu wenig Physiker, um für alle Argumente Unzickers ihre Plausiblität einschätzen zu können, bei einigen halte ich seine Einwände für falsch (z.B. bei der dunklen Energie aus formal logischen Gründen), bei anderen stimme ich ihm zu (z.B. bei seiner Kritik der Stringtheorie).

Kommentare

Phorkyas 11/23/2010 07:18:59 PM

Wie sagte Kuhn das noch so schoen, die Wissenschaftler seien meist noch dogmatischer als die Theologen. Daran musste ich gerade denken, als ich auf die Einlassungen von Herrn Unzicker reagieren wollte, weil ich mir dann schon sehr konservativ, mainstreammaessig vorkomme. (Zu Schulzeiten hatte ich noch ein Buch, in dem ebenfalls promovierte Physiker behaupteten die Spezielle Relativitaetstheorie sei Quatsch – – es war fuer mich auch eine Motivation Physik zu studieren, um zu verstehen, dass das Buch Quatsch ist.)

Auf den Gebieten, zu denen er sich aeussert, kenne ich mich leider nicht so gut aus.
Bei:
Das zwingendste Argument gegen die dunkle Materie und die dunkle Energie kommt dabei von der Wissenschaftstheorie Karl Poppers. Dieser hatte gefordert, dass jede Theorie Beobachtungen oder Experimente vorschlagen muss, die zur möglichen Falsifikation dieser Theorie dienen könnten.
muss ich jedoch einhaken; – z.B. nicht allzulange gab’s dazu in der Spektrum der Wissenschaft noch nen Artikel: http://www.spektrum.de/artikel/979756 – und auch wenn er mich dann doch nicht so begeistert hat, erscheint’s mir nicht zuletzt seit Kuhn plausibel, dass ‚reale‘ Wissenschaft mit Falsifikationismus herzlich wenig zu tun hat.
Das zum einen und zum anderen das Argument:
Woher nehmen wir die Gewissheit, dass diese Gesetzmäßigkeiten auch in kosmologischen Skalen richtig sind?
welches auch von Heitler in seiner Wissenschaftskritik vorgebracht wurde und auf das ich dann im Philosophieseminar die platte Antwort fand: Darum sind es ja auch Naturgesetze, die bringen ihren Allheitsanspruch schon mit. Natuerlich koennte die Elektronenmasse sobald wir die Erdatmosphaere verlassen eine andere sein, aber die einfachste Annahme ist nun einmal, dass sie konstant ist.

Wie gesagt, ich kenne mich auf dem Bereich nicht gut aus, aber ich glaube, da werden viele Szenarien durchgespielt: z.B. modifizierte Newton-Gravitation statt ART, um die Anomalien in den Masseverteilungen von rotierenden Galaxien zu erklaeren, Modelle mit sich aendernden Naturkonstanten, etc. – Das Problem ist natuerlich, dass der Parameterraum moeglicher Theorien unheimlich gross ist. Nach welchen Kritierien soll man das entscheiden? Standardmodell und ART sind unheimlich erfolgreich, da verstehe ich, dass man sich das gerne erhaelt und erstmal ‚flicken‘ moechte. – Es wird auch unheimlich schwierig noch darueberhinaus zu kommen. Mehr als den LHC wird man wohl nicht realisieren koennen und Quantengravitation, davon ist man ja noch zwanzig(?) Groessenordnungen entfernt… bleiben also kosmische Beobachtungen und da muss man dann modellieren..

Gegen die Stringtheorie zu wettern ist fuer mich schon wieder fast ein bisschen altbacken. Weil sie zu keinen testbaren Vorraussagen fuehre bezeichnete schon Peter Woit sie ja als „Not even wrong“ (in Anlehnung an Wolfgang Pauli sagt mir da die Wikipedia) – das fand ich noch erheiternd.

Um mir wirklich einen Eindruck zu verschaffen, muesste ich das Buch vermutlich lesen. Unzicker scheint nicht wirklich einer dieser ‚Cranks‘ zu sein, zu denen ich die obigen Kritiker Georg Galeczki und Peter Marquardt wohl zaehlen muesste (da werden die Argumentationsschemata wirklich religioes: die Kritiker der SRT sind die Verstossenen, zur Sekte gebrandmarkten, was mit der Einsortierung unter ‚Crank‘ ja auch geschieht,.. aber die ‚Gemeinde‘ der Wissenschaft ist umgekehrt nur der boese Mainstream, der die Wahrheit unterdrueckt).. Manche der Argumentationsschemata scheinen schon aehnlich (da wird die Uebermathematisierung der modernen, theoretischen Physik kritisiert, die Stringtheoretiker sind religioese Fanatiker.. aber gleichzeitig ist auch sein Ton schon etwas ueberdreht, polemisch, aetzend – genauso verbohrt?)

zumindest das Urteil der ‚Szientisten‘ steht?
http://www.relativ-kritisch.net/blog/allgemein/alexander-unzicker-seltsame-rezensionen

Köppnick 11/25/2010 08:33:34 PM

Danke für deine Links.

Nur kurz zu Popper. Ich wollte dort eigentlich nicht auf die Falsifikation an sich hinaus, sondern mehr auf die Tatsache, dass im Fall der dunklen Materie eine Beobachtung (erhöhte Gravitation) durch einen neuen Parameter (mehr (unbeabachtbare) Materie) ersetzt wird. Und dadurch wird eben kein Ansatzpunkt für eine Widerlegung oder Bestätigung geboten, denn die einzige Wechselwirkung dieser hypothetischen Teilchen ist die durch Gravitation. Inzwischen zeigen aber wohl genauere Beobachtungen, dass diese Erklärung sowieso nicht stimmen kann, insofern wird sie gerade „falsifiziert“ – mit anderen Beobachtungen von Gravitationswirkungen.

poly 11/27/2010 08:29:26 PM

Viele Kritiken+Beschreibungen von Unzicker machen Sinn, trotzdem scheint mir der Grundtenor zu negativ zu sein.

Der Autor erwartet ein fertiges Bild (Beschreibung) des Kosmos samt seinen Gesetzen. Er unterliegt damit derselben Hybris wie alle Paradigmatiker (Kuhnianer?), die glauben, den Stein der Weisen gefunden zu haben.

Wenn Wissenschafter eines gelernt haben sollen, so ist es die Einsicht, dass alles Wissen hypothetisch ist. Das kann ein Kontinuum sein von Fakten (100% sicher) bis zur Hypothese (epsilon%).
Offenbar ist ein fanatischer Glaube an eine Theorie ein nicht unerheblicher Motivationsfaktor, ein psychologischer Kick.

Messungen sind der zwingende Start jeder Theorie. Messungen sind – nach Kuhn – nur in einem Paradigma möglich. Wie es zum Pardigmenwechsel kommt ist offen. M.E. nur durch eine neue Theorie, dh. einer Kreativität unseres Gehirns. Ob sich eine neue Theorie durchsetzt ist ein sozio-evolutionärer (soziologischer) Prozess.

Dies führt eventuell zu einem bio-evolutionären Prozess, wenn ganze Populationen einem Paradigma (Religion) folgen.

Die heutigen Informationen über das Universum sind durch eine Fülle von neuen Messungen entstanden. Um Ordnung zu schaffen braucht es neue Theorien.

Ist die Urknalltheorie zu halten? Wenn ja, mit welcher Art plausibler oder unplausibler Annahmen? In meinen Augen ist die Inflationsannahme sehr gewagt. Es gibt nur 3-4 Möglichkeiten: Das Weltall expandiert, implodiert (oszilliert), oder bleibt gleich. Messungen dazu sollen die Wahrscheinlichkeit dieser Hypothesen für jeden einzelnen berechenbar machen.

Hier unterscheide ich mich von der 0/1 Welt Poppers. Obwohl in der ‚Logik der Forschung‘ und später Popper einen eigenen Wahrscheinlichkeitsbegriff definiert (propensity), hat er es in der einsetzenden Falsifikations-Euphorie nie berücksichtigt. Schade.

Eine Konsequenz davon ist: Bis heute haben Physiker u.a. Wissenschafter grösste Mühe mit Hypothesenwahrscheinlichkeiten.
Leider.

Dabei sind diese die derzeit einzigen ehrlichen Beschreibungen über unser Wissen in der Welt, dh dass alles Wissen (bzw unsere Sicherheit darüber, des derzeitigen Wissens) transient ist und die Bewertung von Hypothesen und von der (begrenzten) Evaluation von Messungen (und Fakten) abhängt, wobei diese jeweils ebenfalls probabilistisch sein können.

Das ist mein Beitrag zu einer bescheidenen allgemeinen Relativitätstheorie (bzw. einer Bescheidenheitstheorie): alles Wissen ist relativ. Dies war so und wird es auch immer so sein.

Allein die Kreativität ist der Spielball aller Bescheidenheitstheorien.

Buddy 11/30/2010 03:46:46 PM

http://science.orf.at/stories/1669501/

stefan 11/28/2010 07:47:08 PM

Zum größten Pluspunkt zuerst: das Buch ist flott geschrieben, man kann es in einem Zug durchlesen; und zwar auch ohne besondere naturwissenschaftliche Vorbildung. Da es ziemlich scharfe Angriffe enthält, scheint es beinahe jeden zu einer klaren Position zu zwingen (entweder einen Stern oder fünf Sterne). Der Inhalt läßt sich auf folgende Kernthesen zusammenfassen:

– viele gegenwärtige theoretische Veröffentlichungen zur Kosmologie/Elementarteilchenphysik haben keinen Bezug zur physikalischen Wirklichkeit; und

– der Wissenschaftsbetrieb ist von Seilschaften dominiert, die ihre soziale Macht nutzen, um unsinnige Theorien zu etablieren und abweichende Ansichten zu unterdrücken.
Beide Punkte sind sicher nicht ganz falsch. Es stellt sich natürlich jeweils die Frage nach Alternativen: beim ersten Punkt vertritt der Autor einige eigene Ideen (abweichende Gravitation bei sehr kleinen Beschleunigungen, möglicherweise nichtkonstante Lichtgeschwindigkeit), die natürlich genauso als Spekulation abgetan werden könnten wie die von ihm kritisierte Stringtheorie. Einen wirklichen Verbesserungsvorschlag zur Organisation der Wissenschaft sehe ich im ganzen Buch nicht (eine bessere Zugänglichkeit der Rohdaten zu fordern, ist natürlich in Ordnung).

Manche Physiker werden sich beim Lesen sicherlich auch massiv ärgern und das Buch als großmäulige Kritik von jemandem empfinden, der keine eigenen Forschungsleistungen vorzuweisen hat, aber einer größeren Anzahl von Nobelpreisträgern unterstellt, sie hätten ihren Preis zu Unrecht erhalten. Auch das ist nicht ganz falsch, widerlegt aber noch nicht die Kritik.

Hauptschwäche des Buches sind m.E. einige Inkonsistenzen. Der Autor scheut sich nicht, Autoritäten zu kritisieren; aber er beruft sich dabei oft selbst auf Autoritäten, die ihm sympathisch sind. Viele der heftig kritisierten Veröffentlichungen stammen von arXiv.org; es wird nicht klar, ob sie danach je in eine Fachzeitschrift gelangt sind; falls nein, wäre das gerade ein Argument zugunsten der „herrschenden Seilschaften“ und ihrer Tätigkeit beim peer review.

Physikalische Theorien sollen nach der Anzahl der freien Parameter beurteilt werden (!?), aber das Standardmodell, das den Teilchenzoo einigermaßen geordnet hat, scheint auch nicht geheuer zu sein. Physiker sollten mal in Erwägung ziehen, dass die Lichtgeschwindigkeit vielleicht nicht konstant ist – aber dass sie von der Wellenlänge abhängen könnte (quantum loop gravity), wird auch als Unsinn lächerlich gemacht.
Insgesamt ein gut geschriebenes Buch, das in der Tendenz recht hat, aber zu vieles zu pauschal kritisiert – offenbar wollte sich da einer mal richtig Luft machen.

tageszeitung 07/10/2011 10:37:21 PM

… es geht nicht darum, eine in blogs veröffentlichte „kritik“ der stringtheorie zu liefern. überdies gibt es keine „formal logischen gründe“ (dunkle energie), sondern nach kurt gödel nur logische gründe. dessenungeachtet wird von uns hierher verlinkt:

http://tageszeitung.twoday.net/stories/plancklaenge-i-vermutungen/

Köppnick 07/11/2011 10:13:14 PM

Warum sollte es keine „formal logischen Gründe“ geben? Gemeint sind Gründe nach der formalen Logik. In diesem Zusammenhang heißt, dass die Argumente nicht aus physikalischen Gründen abzulehnen sind, sondern aus (formal) logischen – die Ableitungen Unzickers sind falsch. Man frage mich allerdings nicht mehr, was ich seinerzeit damit gemeint habe – ich habe es nämlich schon wieder vergessen, was mich damals gestört hat. 😉

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