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Zurück aus der Zukunft

Ich habe mich sehr über einen Artikel in der Gehirn & Geist 7-8/2011 geärgert. In dem Beitrag „Zurück aus der Zukunft“ von Joachim Krueger, Professor für Psychologie, liest man:

Der Psychologe Daryl Bem von der Cornell University in Ithaca (US-Bundesstaat New York) veröffentlichte im renommierten »Journal of Personality and Social Psychology« einen Artikel zur retroaktiven Kausalwirkung. Bem glaubt, in mehreren Experimenten gezeigt zu haben, dass sich spätere Ereignisse auf das Verhalten von Menschen im Hier und Jetzt auswirken: In seinen Laborversuchen mit insgesamt mehr als 1000 Probanden habe die Zukunft die Gegenwart beeinflusst, so der Forscher.

Die Versuchsteilnehmer sahen unter anderem Bilder, die entweder angenehme oder unangenehme Gefühle auslösten (zum Beispiel das Foto eines Babys oder das einer Schlange). Die Probanden sollten eine Taste links von ihnen bei negativen Empfindungen drücken, jene auf der rechten Seite hingegen bei einem positiven Bild. Das geht recht schnell – noch schneller sogar, wenn zuvor immer wieder negative Wörter (etwa »hässlich«) vor dem Schlangenbild und positive (»hübsch«) vor dem Baby erschienen. Das bezeichnen Kognitionsforscherals Priming.

Genialisch drehte Bem den Ablauf des Versuchs einfach um: Er zeigte die Wörter also erst, nachdem die Versuchspersonen bereits per Tastendruck auf die jeweiligen Bilder reagiert hatten. Siehe da: Auch hierbei waren dieTeilnehmer durchschnittlich schneller »am Drücker«, wenn Wort und Bild emotional zusammenpassten, als wenn das nicht der Fall war. Ein passender zukünftiger Ausdruck beschleunigte also die Reaktion; ein unpassender verlangsamte sie.

Skeptiker mutmaßten rasch, dass die Logik des Versuchsaufbaus undicht sei oder dass die statistische Datenanalyse Schwächen aufweise. An Bems Studien gibt es aber auf den ersten Blick methodisch nichts zu beanstanden – nicht umsonst konnte er sie in einer seriösen Fachzeitschrift des wissenschaftlichen Mainstreams platzieren.

Das Problem reicht tiefer, denn die Befunde rütteln am Dogma der statistischen Signifikanz. Selbst wenn sich ein nach allen Regeln der Kunst bewiesener Effekt ergibt – manchmal bleibt einem dennoch nur zu erklären: Das glaube ich nicht! Oder wie der britische Biologe Nick Humphrey sinngemäß sagte:

»Wenn wir einen empirischen Befund beurteilen, müssen wir uns auch fragen, welche parapsychologischen Erklärungen wir uns damit sonst noch einhandeln.« Ich fürchte, wenn Bem Recht hätte und wir die Tür für rückläufige Kausalität in der Psychologie öffnen müssten, verlöre das Konzept der Ursache-Wirkungs-Beziehung seinen Sinn: Jedes Ereignis könnte dann im Prinzip auf jedes andere kausal einwirken, über Zeit und Raum hinweg. Der Versuch, durch jetziges Handeln unser zukünftiges Wohlergehen zu beeinflussen, bereitet schon genug Probleme. Wie kompliziert würde das erst, wenn wir durch aktuelles Tun auch noch unser gestriges Befinden verändern könnten! Zwar meint Bem, dass die retroaktive Kausalwirkung nur unter raffinierten Laborbedingungen funktioniere – doch ich frage mich: Wieso eigentlich?

Es handelt sich um nicht mehr und nicht weniger als einen statistisch signifikanten Effekt; doch das lässt per Definition immerhin eine Irrtumswahrscheinlichkeit von fünf Prozent zu! Rein rechnerisch ist folglich jeder 20. Beleg falsch. Im Fall von Bems parapsychologischen Studien sollten wir getrost von einem solchen – gar nicht so seltenen – Zufallsbefund ausgehen.

Nochmals verkürzt mit eigenen Worten:

Es war bereits vor dem Experiment gut bekannt, dass einem Menschen unbewusst bleibende Wahrnehmungen seine später bewusst getroffenen Entscheidungen beeinflussen. Zum Beispiel indem sehr kurz emotional negativ besetzte Wörter eingeblendet werden, fällt ein späteres Urteil (hier über Bilder) mit größerer (und statistisch signifikanter) Wahrscheinlichkeit (oder wie im Experiment schneller) negativ aus. Zeitlicher Ablauf:

  1. Kurz das Wort zeigen
  2. Lange das Bild zeigen
  3. Entscheidung treffen lassen

Im jetzigen Experiment wurde die Reihenfolge vertauscht:

  1. Lange das Bild zeigen
  2. Entscheidung treffen lassen
  3. Kurz das Wort zeigen

Auch in diesem Fall zeigte sich eine statistische Korrelation zwischen den gezeigten Wörtern und der getroffenen Entscheidung. Wenn das stimmt, weckt es Zweifel an einer Kausalität, die von einer linear und in einer Richtung verlaufenden Zeit ausgeht. Andere Wissenschaftler konnten weder Fehler im Versuchssetting noch in der statistischen Auswertung finden. Und die Reaktion des Psychologieprofessors: Das Experiment wurde zwar x-mal widerholt, aber gehen wir trotzdem von einem Zufallsbefund aus, denn

Der Versuch, durch jetziges Handeln unser zukünftiges Wohlergehen zu beeinflussen, bereitet schon genug Probleme. Wie kompliziert würde das erst, wenn wir durch aktuelles Tun auch noch unser gestriges Befinden verändern könnten!

Weil es zu kompliziert wäre, wenn es wahr ist, kann es nicht so sein. Aha.

  1. 4. September 2011, 22:19 | #1

    Mich überrascht das Ergebnis nicht wirklich. Nur in einem streng linearen Zeitmodell – Prinzip „Eisenbahngleis“ – wirkt es paradox.
    Wobei es ja bei dem Experiment nicht um „echte“ Zukunft, also nicht in der „Gegenwart“ angelegte zeitlich „vor“ uns liegende Ereignisse geht, sondern um solche, die durchaus schon „auf Sicht vorhanden“ sind. (Ich merke gerade, wie ich mit der Grammatik kämpfe.)

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