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Zu welchem Zeitpunkt soll eine Frau das Recht verlieren, die Entscheidung über eine Abtreibung zu treffen?

Die Ansichten zu dieser Frage waren in der Geschichte der Menschheit und sind auch heute noch in vielen Ländern der Erde sehr unterschiedlich. Auf der einen Seite ist es zum Teil bei Naturvölkern heute noch so, dass sowohl mehrjährige Kinder als auch alte Menschen getötet oder ausgesetzt werden, um das Überleben des Stammes zu gewährleisten. Auf der anderen Seite ist es bei streng orthodoxen Gläubigen so, dass sie bereits die befruchtete Eizelle als menschliches Leben ansehen, das von Gott gestiftet wurde und vom Menschen nicht genommen werden darf. Diese Extreme sind Beispiele dafür, dass aus dem Sein kein Sollen folgt – das Humesche Gesetz der Ethik. Jede Gesellschaft kann ihre eigenen Argumente suchen, Gesetze erlassen und Regeln bestimmen.

Was die Abtreibung betrifft, ist es so, dass daran nicht nur die Frau und der Embryo beteiligt sind, sondern sehr viele andere Menschen. Es gibt einen potenziellen Vater und andere Verwandte, den Abbruch muss ein Arzt vornehmen, usw. Kein Mensch hat zu allen Zeiten und bei allen Gelegenheiten die Möglichkeit, vollständig über sein Leben oder das eines anderen zu entscheiden. Wir leben in Gruppen oder in Gesellschaften mit wechselseitigen Abhängigkeiten.

In der Philosophie gibt es das Haufenparadoxon: Ein Sandkorn ist ein Sandkorn. Legt man ein zweites dazu, sind es zwei, usw. Auf der anderen Seite gibt es einen Sandhaufen. Nimmt man ein Sandkorn weg, bleibt es ein Sandhaufen. Irgendwo zwischen einer Anzahl Sandkörner und einem Sandhaufen muss eine Grenze sein, wo das eine endet und das andere beginnt, aber diese Grenze ist unscharf.

Das kann man nahezu eins zu eins auf den Embryo übertragen: Niemand (außer den Orthodoxen) hat ein Problem damit, einen kleinen Zellhaufen „wegzumachen“. Aber ein Neugeborenes zu töten, weil die Frau es nicht haben will, gilt zumindest in unserem Kulturkreis als unethisch.

Wo also liegt unsere (Schmerz)Grenze? Irgendwo zwischen der achten und der zwölften Schwangerschaftswoche ist das Nervensystem des Embryos voll ausgebildet. Treibt man es dann noch ab, leidet es Schmerzen. Vielleicht ist das also das naturwissenschaftliche Argument, das hinter der Dreimonatsregel steht.

Die derzeitige gesetzliche Regelung in Deutschland ist ein Kompromiss: Abtreibung ist auch bis zum dritten Monat eine Straftat, weil es ein potenziell menschliches Leben beendet. Aber die Frau geht straffrei aus. Abtreibungen aus triftigen Gründen (Vergewaltigung oder schwere Missbildungen des Embryos) sind auch darüber hinaus möglich. Standesrechtlich ist es für die Ärzte eine Gewissensentscheidung. Ein Arzt muss keine Abtreibung vornehmen, wenn er das nicht möchte.

Meiner Meinung nach sollte man diese Gesetzeslage genau so belassen, wie sie jetzt ist. Es ist ein Kompromiss zwischen unterschiedlichen Auffassungen über menschliches Leben. Und nach dieser heutigen Gesetzeslage hat die Frau zu keinem Zeitpunkt das Recht, allein zu entscheiden.

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