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Wirtschafts“wissenschaften“

„Studier etwas Praktisches!“, hatte meine Mutter gesagt. Es ging aufs Abitur zu und ich hatte nicht die geringste Ahnung, was ich danach machen sollte. In Sport und Kunst war ich schlecht und hatte nur eine Zwei. Und in Geografie hatte mich die Lehrerin auf dem Kieker, seit ich in einer Klassenarbeit die Hypothese aufgestellt hatte, dass Erdöl ein flüssiges Gestein sei. Aber ansonsten gaben die Noten keine weiteren Anhaltspunkte. Vielleicht hätte ich Mathematik studiert, wenn wir nicht in der elften Klasse eine Exkursion in ein Rechenzentrum gemacht hätten. Dort saßen Mathematiker in abgedunkelten Räumen vor schwarzen Bildschirmen, auf denen lange grüne Zahlenkolonnen vorbeisausten und die Sorgenfalten zwischen ihren Augen verstärkten.

Mich für Atomphysik zu bewerben, getraute ich mich nicht, zu wenige Studienplätze. Und das Interesse an „normaler“ Physik hatte mir mein Lehrer ausgetrieben, der seinen Doktortitel in Pädagogik wahrscheinlich durch die besondere Meisterschaft in den Disziplinen Schülerquälung und Demotivation erworben hatte. Auch Medizin reizte mich wenig, ich fürchtete mich davor, dass der endlose Zug der Moribunden, die mir Gevatter Tod nicht mehr von der eigens für sie herbeigeschafften Schippe springen konnten, mir in meine Träume folgen könnten. Einzig Frauenarzt zu werden, konnte ich mir vorstellen, interessierte es mich doch brennend, wie diese ebenfalls zweibeinige und höchstwahrscheinlich sogar intelligente Lebensform es schaffte, denselben Planeten wie ich und zugleich ein vollkommen anderes Universum zu besiedeln.

Nur kurz hatte ich an Philosophie überlegt, aber alle Bilder mit Philosophen von Plato bis Marx zeigten alte bärtige Männer. Damals habe ich mich allerhöchstens jeden zweiten Tag rasiert. Erst viel später ging mir auf, dass auch die Philosophen ihre Heldentaten etwa um das dreißigste Lebensjahr vollbringen und mit einer in möglichst unverständlicher Sprache verfassten Schwafelei promovieren, um danach auf dem allfälligen Lehrstuhl die folgenden Jahrzehnte damit zu verbringen, sich mit ihre Kollegen zu streiten und auf ihre Pensionierung zu warten.

Jura interessierte mich nicht. Ich konnte es nicht begreifen, wieso denkende Menschen überhaupt zu so verschiedenen Ansichten gelangen konnten, dass sie Dritte bitten mussten, für sie zu entscheiden, und dafür auch noch Geld ausgaben. Diese menschliche Perversion ist mir bis heute rätselhaft geblieben. „Studier etwas Praktisches!“, hatte meine Mutter gesagt. So bewarb ich mich für Informationstechnik. Etwa um diese Zeit hatte ich mein erstes aus Transistoren bestehendes Gerät zerlegt und benötigte jetzt dringend Informationen für seinen erneuten Zusammenbau. Meine Karriere als Conan, der Zerstörer, hatte ich bereits im zweiten Lebensjahr begonnen, als mich meine Mutter im Schlafzimmer am Boden erwischte, umgeben von den Zahnrädern des elterlichen Weckers. Aber die gute Zeit der Uhrmacher neigte sich bei meinem Abitur bereits dem Ende, was sonst eine wunderbare Alternative hätte sein können.

Als Zweitstudienwunsch hatte ich „Theoretische Elektrotechnik“ angegeben, wobei ich fest davon ausging, deshalb für Informationstechnik angenommen zu werden, denn ein so tolles Fach wie TET würde ja sicherlich total überlaufen sein. War es aber offensichtlich nicht, denn als wir uns später zum ersten Mal in der Seminargruppe trafen, konnte jeder von uns ein Papier vorzeigen, in dem ihm erläutert wurde, wieso gerade er zu diesem tollen Fach berufen sei. Wir hatten alle eine Kopie desselben und offenbar seit vielen Jahren benutzten Wisches erhalten.

Heute würde ich wahrscheinlich Theoretische Mathematik studieren, um damit der grässlichen Praxis entfliehen, die mir meine Mutter anheim gelegt hatte, und würde mich in die Reihe derjenigen Ritter der Wissenschaft einreihen, die auf weißen Schimmeln über grüne Wiesen im roten Abendlicht den Wäldern zustreben, in denen Bäume wachsen, die aus Holz bestehen.

In gar keinem Fall hätte ich jedoch Wirtschaftswissenschaften studiert. Seit meiner Schulzeit wurde zwar die sozialistische Ökonomie durch die bürgerliche Volkswirtschaftslehre ersetzt, aber an dem astrologischen Charakter dieser sogenannten Wissenschaft hat sich offenbar wenig geändert. Als Illustration soll ein Spiegelartikel dienen, den ich in der Ausgabe 23/2009 gefunden habe. Da die Namen der beiden Experten nichts zur Sache beitragen, ersetze ich sie im Folgenden einfach durch Experte1 bzw. ~2.

Experte 1: Die Inflation wird in den kommenden Jahren steigen, möglicherweise erheblich, nicht nur im Euro-Raum, sondern weltweit.
Experte 2: Die Tendenz geht klar in Richtung Deflation, also eines Preisverfalls auf breiter Front.

Experte 1: Entscheidend ist, wie stark die Zentralbanken die Geldmenge ausweiten. In den vergangenen Monaten haben sie die Schleusen weiter denn je geöffnet., die Weltfinanzmärkte mit zusätzlichem Geld geflutet.
Experte 2: Sobald der Geldmarkt wieder richtig funktioniert und der Aufschwung kommt, werden die Notenbanken ihre Notprogramme zurückfahren und die Liquidität wieder einsammeln. Das ist eine Sache von einer Woche.

Experte 1: Rückbesinnung auf Altbewährtes. Ein Geld, das nicht mehr beliebig durch Kredit vermehrbar ist, sondern durch Rohstoffe wie Gold, Silber oder Platin gedeckt ist. Der Ökonom Milton Friedman hat das Papiergeldsystem einmal als großes Experiment bezeichnet.
Experte 2: Aber das Experiment läuft doch ganz gut. Deshalb muss man nicht zu einem Goldstandard zurückkehren. Das wäre ein Rückschritt.

Experte 1: Nein, es wäre ein Fortschritt.

Nicht schlecht, man kann es so zusammenfassen: Wir bekommen eine Inflation oder eine Deflation, die Rückkehr zum Goldstandard ist entweder ein Fortschritt oder ein Rückschritt. Bald kommt der Aufschwung und die Inflation kann man innerhalb einer Woche dadurch beenden, dass man alle großen Geldscheine einsammelt. Bloß gut, dass ich nicht Volkswirtschaftslehre studiert habe.

Kommentare
Gregor Keuschnig 06/13/2009 06:26:49 PM

Naja, die Differenzen findest Du in all allen Wissenschaften, die man dann alle mit Anführungszeichen versehen möchte. Einheitsmeinungen sind grundsätzlich selten von Vorteil.

Erinnert mich an jemandem, der mir mal sagte, sein Sohn solle ein seriöser Handwerker werden und nicht so ein Sesselfurzer wie bspw. ich. Erinnerte mich stark an die Zeitung mit den vier Buchstaben.

Der hier hat Philosophie studiert.

Köppnick 06/14/2009 00:40:14 PM

Einheitsmeinungen sind grundsätzlich selten von Vorteil.

Das mag stimmen, doch die Ergebnisse der wirtschaftswissenschaftlichen Elite sollen ja als Entscheidungsgrundlage für Politiker dienen. Diese neigen ja ohnehin dazu, die Realität zu ignorieren: „Die wirtschaftliche Situation hat sich verschlechtert, deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, die Steuern zu senken.“ „Die wirtschaftliche Situation hat sich verbessert, deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, die Steuern zu senken.“ Die Wissenschaft sollte es den politischen Dummschwätzern nicht noch einfacher machen.

Von Sloterdijk hätte man es doch gern etwas genauer gewusst, woraus er seine Schlüsse zieht:

Es würde sich an dieser Stelle nicht lohnen, die Irrtümer und Missverständnisse aufzuzählen, die der abenteuerlichen Fehlkonstruktion des Prinzips Eigentum auf der von Rousseau über Marx bis zu Lenin führenden Linie innewohnen.

Das ist nicht bloß inhaltlich bedauerlich, sondern auch schlechtes Deutsch, denn „es würde sich nicht lohnen“ fällt in dieselbe Kategorie wie „ich würde sagen“.

Und das hier

Inzwischen hat man sich längst an Zustände gewöhnt, in denen eine Handvoll Leistungsträger gelassen mehr als die Hälfte des nationalen Einkommensteuerbudgets bestreitet.

Tatsächlich besteht derzeit gut die Hälfte jeder Population moderner Nationen aus Beziehern von Null-Einkommen oder niederen Einkünften, die von Abgaben befreit sind und deren Subsistenz weitgehend von den Leistungen der steueraktiven Hälfte abhängt. Sollten sich Wahrnehmungen dieser Art verbreiten und radikalisieren, könnte es im Lauf des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu Desolidarisierungen großen Stils kommen. Sie wären die Folge davon, dass die nur allzu plausible liberale These von der Ausbeutung der Produktiven durch die Unproduktiven der längst viel weniger plausiblen linken These von der Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital den Rang abläuft.

ist mehr als dämlich, denn es sagt überhaupt nichts darüber, wie es sein kann, dass man den „Leistungsträgern“ so viel abknöpfen kann, ohne dass sie dadurch merklich an Hunger leiden müssten, und wie es sein sein, dass die Gesellschaft sich in einem Zustand befindet, in dem ein großer Teil der Bevölkerung auf diese Weise ruhiggestellt werden muss.

Peter42 06/14/2009 03:26:25 PM

Dieses Argument ist wirklich mehr als dämlich, da schon die Tatsache, dass die Einkommen so unterschiedlich sind das Fatale ist. In einem Land in dem seit 25 Jahren kontinuierlich umverteilt worden ist, passiert dies automatisch. Das ist pure Polemik und desavouiert nur seine Fürsprecher. Das erinnert mich an die mir widerliche plötzliche Apotheose des Geldes Walsers.

Die starke Polarität der Frage nach Inflation oder Deflation halte ich dagegen gar nicht für so unsinnig, ein labiles Gleichgewicht halt, wie es auch in den exakten Wissenschaften alle Nase lang vorkommt.

Köppnick 06/14/2009 03:35:38 PM

In Russland wurde mal ein Flugzeug durch Schweine zum Absturz gebracht. Als der Flug etwas holpriger wurde, sind die Tiere in Panik geraten und immer wilder hin- und hergerannt. Solange bis der Pilot die Schwingungen nicht mehr ausgleichen konnte. Alle Schweine wurden auf eine Seite gepresst und das Flugzeug fiel herunter.

Dieser labile Zustand ist dem Grundprinzip geschuldet. Wenn man auf eine zentrale Steuerungsinstanz verzichtet und die Regelung dem Markt (d.h. der Angst und der Gier jedes Einzelnen überlässt), dann sind Überschwingungen durch selbsterfüllende Prophezeiungen quasi unvermeidlich.

Peter42 06/14/2009 03:50:20 PM

Dann setzt du aber voraus, dass Sollgröße und Regelglied wohldefiniert sind. Die momentane Lage ist dafür aber wohl etwas zu dynamisch. D.h. die Kugel muss erstmal ins Rollen kommen, bevor der Regler zugeschaltet werden kann.

Gregor Keuschnig 06/14/2009 04:37:22 PM

Ach Köppnick, Deine Sprachkritik („ist schlechtes Deutsch“) ist doch genau so dünn wie dieses dann doch ein bisschen arg holzschnittsartige Gejammer von den divergierenden Meinungen der Wissenschaften, die dann noch in Anführungszeichen gesetzt werden (der Westdeutsche kennt das) und es scheinbar den Politikern so leicht machen. Das sind – mit Verlaub – nur noch Parolen.

Sloterdijks These vom Semi-Sozialismus ist nicht neu – sie ist nicht einmal besonders originell. Es geht ja gar nicht darum, dass die Leute Hungers leiden (wo steht das?), sondern dass ihnen rd. 50% abgezogen werden, die dann für soziale Zwecke vom Staat verwendet werden. In seinem letzten Buch hatte er das ähnlich geäussert und noch von einer Art „Ehre“ gesprochen, die man im Zweifel den leuten einreden sollte, damit sie weiterhin ihre Steuern und Abgaben bezahlen. Jetzt beklagt er das als eine Umverteilung, die irgendwann gar keinen Sinn macht, weil sie den Leistungsgedanken, auf dem dieses System irgendwie aufgebaut ist, mittelfristig konterkartiert. Das ist populär aber deswegen nicht unbedingt falsch.

Das wir keinen reinen Kapitalismus haben, ist ebenso wenig eine Neuheit – übrigens glücklicherweise. Wohin aber eine Lenkungswirtschaft führt sieht man regelmässig mit den Agrarsubventionen der EU, die den Markt regulieren sollen, stattdessen jedoch nur Unfug anrichten.

Die Entsolidarisierungen, die Sloterdijk anspricht, werden m. E. viel stärker im Kontext Jung vs. Alt aufbrechen. Wenn die bisherigen Rentenversicherungszahler nämlich einmal bemerkt haben, dass ihre Renten (im Gegensatz zu den aktuellen Bezügen) allenfalls Hartz-IV-Niveau erreicht haben. Da dies aktuell niemand merkt, lebt der sogenannte Sozialstaat von der Schimäre einer Zukunft, die so gar nicht existieren wird. Wenn ich als jemand, der vielleicht 38-40 Jahre in die Rentenversicherung eingezahlt hat irgendwann eine „Garantierente“ bekomme, die auf einem etwas besseren Sozialhilfeniveau liegt, dann frage ich mich, warum ich überhaupt diesen Schwachsinn heute überhaupt mitmache.

Und am Ende kommt doch Sloterdijk sogar in den Hafen des bedingungslosen Grundeinkommens:

Sie führte zur Abschaffung der Zwangssteuern und zu deren Umwandlung in Geschenke an die Allgemeinheit – ohne dass der öffentliche Bereich deswegen verarmen müsste. Diese thymotische Umwälzung hätte zu zeigen, dass in dem ewigen Widerstreit zwischen Gier und Stolz zuweilen auch der Letztere die Oberhand gewinnen kann.

Leider ist hier sein Aufsatz schon zu Ende. Stringenz ist seine Sache nicht; er ist ein aphoristischer Denker. Aber wenigstens fällt ihm manchmal noch was ein.

blackconti 06/16/2009 01:34:38 PM

@Gregor
Danke für den Link. Bisher hielt ich Sloterdijk für einen recht angenehmen. Intelligenten Zeitgenossen. Nach der Lektüre dieses Artikels kommen mir erhebliche Zweifel.
In einem muss man Sloterdijk natürlich zustimmen: Hinter jedem großen Vermögen verbirgt sich ein krimineller Akt, sei’s die gewaltsame, erste „Einzäunung“ oder ein Betrug an Leichtgläubigen. Danach kamen dann die Notare und haben das ganze legitimiert. Soweit, so schlecht. Warum sich Sloterdijk dann darüber mokiert, dass diese kriminelle Ausgangsposition selbstverständlich immer wieder für Diskussionen über die Rechtmäßigkeit der bestehenden Vermögensverteilung sorgt oder revolutionäre Ideen befördert, vermag ich beim besten Willen nicht nach zu vollziehen.

Sloterdijks Ausführungen zum, wörtlich, „geldsaugenden und geldspeienden Ungeheuer von beispiellosen Dimensionen“, zu welchem sich nach seiner Meinung der moderne Staat ausgeformt hätte, sind dann nur noch drollig. So hält er es für bemerkswert und wohl auch für einen beklagenswerten Missstand, dass „derzeit gut die Hälfte jeder Population moderner Nationen aus Beziehern von Null-Einkommen oder niederen Einkünften ( besteht), die von Abgaben befreit sind und deren Subsistenz weitgehend von den Leistungen der steueraktiven Hälfte abhängt.“ Ja, was denn sonst? Sollen Kinder, Alte, Kranke usw. etwa auch produktiv sein, ihre „Subsistenz“ aus eigenem vermögen sichern? Und natürlich taucht auch hier wieder, wie bei all diesen neoliberalen Schwätzern, die Mär von den Leistungseliten auf, die fast die gesamte Steuerlast allein zu schultern haben, wohingegen die Masse der Nichtsnutze von Abgaben befreit ist. Mehrwert- und Verbrauchssteuern werden kurzerhand ausgeblendet.

Zum Schluss kommt dann noch der Clou: Sloterdijks Vorschlag zur Umgestaltung der Gesellschaft, eine Revolution der „gebenden Hand“, sprich, der Leistungsträger, die das System der Zwangssteuern abschafft und mit „Stolz“ Geschenke an die Allgemeinheit verteilt. Ach du meine Güte, bei diesem Vorschlag können sich selbst Westerwelle, Solms und Niebel das Lachen nicht verkneifen.

Eumel 06/15/2009 00:38:10 PM

@Gregor Keuschnig

Aphoristisches Denken gibt es nicht. Es gibt logisches Denken, assoziatives Denken, holistisches Denken, etc. Aber die Tatsache, dass der Meisterdenker es mit den Aphorismen derartig übertreibt, dass er jedewede argumentative Regel mißachtet, schafft noch keine neue Kategorie des Denkens. Man könnte allerhöchstens von einem aphoristischen Stil reden. Der enthebt einen Philosophen allerdings nicht der Pflicht, sauber zu argumentieren.

Lara 06/16/2009 00:29:40 AM

Also, dass zwei Wissenschaftler nicht einer Meinung sind, muss niemanden aufregen. Aufregen muss einen, dass einige Menschen nicht erwachsen genug sind, ihren Zuhörern in regelmäßigen Abständen klar zu machen, auf was für bzw. auf wie wackeligen Beinen ihre Prognosen bzw. Hypothesen stehen.
Man könnte natürlich auch verlangen, dass die gesamte Gesellschaft so schlau wird, in den selbstsicheren Reden einen kritischen Ton „rein“zu hören. Ich persönlich halte es für logischer, diese Aufgabe denen zu überlassen, die eigentlich lange genug studiert haben, um 1. zu wissen, dass Wissenschaft nicht „das“ sondern „ein“ Wissen produziert und 2. dass in der Bevölkerung das Wort „Experte“ nicht umsonst existiert.
Die Wirtschaftswissenschaften dafür zu kritisieren, dass sie keine klaren Aussagen über künftige Entwicklungen im ökonomischen System machen können, ist ziemlich unsinnig. Da könnte man auch die gesamten Sozialwissenschaften einstampfen. Wir sind nicht dazu da Wahrheiten herauszufinden, sondern Zusammenhänge innerhalb der uns zur Verfügung stehenden Daten. Ein Betriebswirtschaftler wird dir sehr viel klarere Anweisungen geben können als ein Volkswirtschaftler, wie weiter zu verfahren ist, ganz einfach weil das Kommunikationsfeld in beiden Fällen unterschiedlich weitläufig ist und andere Variablen maßgeblich werden.
Also: Wenn man auf etwas wütend sein kann, dann darauf, dass Menschen in Erscheinung treten, die sich und ihre Meinung als das Non-Plus-Ultra darstellen. Aber auch das ist bei weitem nicht unter allen Wirtschaftswissenschaftlan üblich. Heute zum Glück mehr als vor noch einem Jahr.

Gregor Keuschnig 06/16/2009 02:10:47 PM

@Eumel / blackconti
Ich kann nicht erkennen, dass Sloterdijk unsauber argumentiert. Sein Gedanke ist eigentlich ganz einfach: Wie lange hält die Solidarität des Mittelstands, der sich über die letzten rd. 50 Jahre der Bundesrepublik eingerichtet hat, wenn ihm gleichzeitig die Steuer- und Abgabenlast immer mehr belastet?

Ich halte die Frage für nicht ganz unberechtigt und kann die Empörung, die auch teilweise in den Kommentaren der FAZ mitschwingt, nicht verstehen. Letztlich attackiert Sloterdijk die Politik, die sich mangels anderer Möglichkeiten an die hält, die so viel verdienen, dass man ihnen Steuern dauernd erhöhen kann (mangels Abschreibungsmöglichkeiten nichts „absetzen“ können) und so wenig, dass sie nicht flüchten können (wie Leute wie Zumwinkel).

Könnte man Sloterdijks Klage nicht auch dahingehend interpretieren, dass trotz aller Bemühungen keine Lösung gefunden worden ist, Verteilungsgerechtigkeit zu organisieren und stattdessen Menschen zu Almosenempfängern zu degradieren? Wenn man die überbordende EU-Subventionsbürokratie nimmt, kann man doch mit Sloterdijks Urteil nur noch übereinstimmen: Milliarden werden umverteilt, damit Firmen existieren können, die es eigentlich so nicht mehr geben dürfte (insbeondere, was die Landwirtschaft angeht). DIe Bundesregierung setzt das aus Wahlkampfgründen jetzt mit Opel fort. Vorher die Interventionen bei den Banken (die ich auch für extrem zweischneidig halte).

Seinen Schluss interpretiere ich als Plädoyer für das bedingungslose Grundeinkommen. Das ist allerdings nicht stringent.

Metepsilonema 06/16/2009 10:44:53 PM

In meinen Augen ein rein methodisches Problem, das man durch Kritik der Methoden, auf die sich Aussagen und Daten stützen, lösen kann – zumindest soweit, wie Lara bereits festgestellt hat: Aufregen muss einen, dass einige Menschen nicht erwachsen genug sind, ihren Zuhörern in regelmäßigen Abständen klar zu machen, auf was für bzw. auf wie wackeligen Beinen ihre Prognosen bzw. Hypothesen stehen.

Andere Wissenschaftszweige haben es da zugegebener Maßen einfacher.

KategorienAlltag, Gesellschaft, Ökonomie Tags:
  1. 30. April 2018, 05:53 | #1

    Ich studiere selbst Volkswirtschaftslehre und muss Köppnick in seinem Urteil zu den Wirtschaftswissenschaften Recht geben.

    In meinem Studium lerne ich, was sich unter idealisierten und in der Realität so nie auftretenden Umständen ändern wird, wenn eine bestimmte nationalökonomische Schule als wahr vorausgesetzt wird und wenn sich ein Faktor am Markt ändert und alle anderen gleichbleiben.

    Besonders hübsch finde ich das Beispiel der Krisentheorie:

    Die Neoklassik interpretiert die Weltwirtschaftskrise ab 1929 als „Reinigungskrise“. Die hohe Arbeitslosigkeit sei eine Folge eines zu hohen Lohnniveaus, das schlecht herunterverhandelt werden konnte und daher zu Entlassungen geführt hat. Da jedes langfristige Lohnniveau aber ein gleichgewichtiges Lohnniveau ist, müsse man den Markt nur sich selbst überlassen, er wird sich durch Lohnsenkungen schon selbst „bereinigen“. Wenn der Staat diesen Anpassungsprozess beschleunigen möchte, soll er also wenn überhaupt dann nur durch restriktive Geld- und Fiskalpolitik Einfluss auf die Märkte nehmen, generell aber die Staatsquote massiv verringern.

    Der Keynsianismus versteht die Arbeitslosigkeit hingegen als „Wickelschen Prozess“: Der Marktzins liege unterhalb des natürlichen Zinses, wodurch es zu relativ zu viel Ersparnissen (hohe Bankguthaben) und relativ zu niedrigen Investionen (hohe Darlehenszinsen) kommt. Dies wiederum sorgt dafür, dass die Giralgeldnachfrage sinkt und es Deflation gibt. Seine Lösungsvorschläge lauten also: Staatsquote erhöhen, expansive Geld- und Fiskalpolitik betreiben, letztere sollen zu Inflation und somit zur Vollbeschäftigung führen.

    Beide nationalökonomischen Schulen sitzen vor der selben Krise und haben das selbe Datenmaterial zur Verfügung, kommen aber zu komplett entgegengesetzen Interpretationen und Lösungsvorschlägen. Und beide sahen im Verlauf der Krise eine Bestätigung ihrer Theorie, da die Realität multideterminiert und unübersichtlich ist und sich interpretatorisch immer so hinbiegen lässt, dass sie die eigenen monokausalen Annahmen stützt. In der Wissenschaftsphilosophie Poppers gelten solche Theorien, die durch keine Empirie zu Fall gebracht werden können, als pseudowissenschaftlich.

    Zum Glück gibt es neben den typischen (v.a. neoklassischen) Lehnstuhlökonomen auch immer mehr Experimentalökonomen, die induktiv und zT. historisch arbeiten.

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