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Weshalb ist unser Leben so hektisch?

Ein Artikel aus der Geo Kompakt „Wege aus dem Stress“ hat mir besonders gut gefallen. In „Weshalb ist unser Leben so hektisch?“ findet man dort ein Interview mit dem Zeitforscher Hartmut Rosa. Er beginnt mit der simplen Feststellung, dass sich am Ablaufen der Zeit im Laufe der Geschichte nichts ändert, der Tag hat 24 Stunden, das Jahr 365 Tage. Trotzdem hat man das Gefühl, die Zeit würde immer knapper werden.

…die ganze Moderne ist eine einzige Geschichte des Zeitsparens und der Beschleunigung: Mit dem Auto kommen wir rascher voran als zu Fuß, mit dem Flugzeug schneller als mit dem Auto. Waschmaschinen, Staubsauger, Mikrowellen sparen Zeit, E-Mails erreichen ihren Adressaten in Sekundenschnelle. Fast jede Technik ist mit dem Versprechen verbunden, dass wir mit ihr Zeit gewinnen. Dennoch stellt sich kein Zeitreichtum ein, sondern Zeitknappheit.

Die Aufgabenmenge wächst so rasant, dass wir sie trotz des Zeitgewinns nicht abarbeiten können. Früher wechselten Menschen einmal in der Woche ihre Wäsche, heute machen wir das täglich. Statt zehn Briefe schreiben und lesen wir 30, 40 oder noch mehr E-Mails. Und mit dem Auto legen wir natürlich viel weitere Strecken zurück als Menschen vormals zu Fuß.

Es stellt sich die Frage, warum „die Aufgabenmenge“ größer wird. Weiter unten im Interview wird auch die kapitalistische Wachstumslogik als eine der Ursachen ausgemacht. Aber selbst wenn man diese zunächst außer Acht lässt und rein phänomenologisch analysiert, kommt man schon zu einer bemerkenswerten Erkenntnis:

Mit vielen technischen Neuerungen vergrößern sich unsere Optionen, unsere Wahlmöglichkeiten. Viele Innovationen bringen uns mehr Welt in Reichweite. Besitze ich beispielsweise ein Auto, weitet sich mit einem Mal der Horizont, vermehren sich die Möglichkeiten: Ich kann am Abend noch schnell in die Stadt fahren, ein Konzert anhören, in die Natur hinausfahren, einen Freund besuchen…

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…man kann unser Verhalten mit dem eines Süchtigen beschreiben. Wir gieren nach mehr Möglichkeiten, mehr Handlungen, mehr Erlebnisepisoden – und dementsprechend brauchen wir auch mehr und mehr Zeit. Wir können gar nicht anders. Weshalb? Weil wir es für eine Bedingung des gelungenen Lebens halten, möglichst viel Welt in unsere Reichweite zu bringen. Hinzu kommt: Wir gehen von der irrigen Vorstellung aus, dass allein schon ein Mehr an Auswahlmöglichkeiten Glück auslöst, dass wir so immer mehr Freiheit erlangen.

[Das ist ein Trugschluss.] Er besteht darin, dass die Steigerung von Möglichkeiten an sich keinen Wert hat – die permanente Vermehrung von Optionen ist per se noch kein Zugewinn an Freiheit. Der tritt logischerweise erst dann ein, wenn ich meine Wahlmöglichkeiten auch realisiere. Etwa wenn ich von den Büchern, die ich kaufe, ein paar auch wirklich lese, das Teleskop, das ich mir geleistet habe, auch wirklich benutze, oder von den Opernhäusern, die ich in Reichweite habe, auch eines besuche…

Heute pflegen wir viel mehr Kontakte als früher, konsumieren viel mehr Informationen, lernen viel mehr technische Neuerungen kennen. Wir sind also viel reicher an Erlebnissen, aber dennoch ärmer an Erfahrungen. Denn Erlebnisse werden nicht mehr in Erfahrungen transformiert. Eine Erfahrung ist etwas, was zum Teil meiner eigenen Geschichte wird, zum Teil meiner Identität.

Es macht nicht glücklich zu versuchen, in dieselben Zeitspannen wie früher mehr „Erlebnisse“ zu packen. Interessant in dem Artikel fand ich auch die Passagen, die sich mit dem Burnout-Phänomen befassen. Es ist nicht der Umfang der Arbeit, der krank macht, denn auch unsere Vorfahren haben unglaublich hart gearbeitet. Aber andere Aspekte haben sich geändert: Man hat häufig das Gefühl, dass es nicht genug ist, was man geleistet hat und man befürchtet (häufig mit Recht), dass es immer so weiter gehen und immer mehr werden wird. Und man bekommt weniger Feedback, Anerkennung und Zuwendung von anderen. Hartmut Rosa bezeichnet das als „Resonanzerfahrung“:

Insbesondere jene, die Resonanz ausschließlich in der Arbeitssphäre suchen. Die Abwärtsspirale ist ganz häufig folgende: Am Anfang macht die Arbeit Spaß, sie fordert, man bringt sich ein, hat Erfolg, unmerklich wird immer mehr verlangt, man muss immer schneller arbeiten, verwendet mehr und mehr Energie, um alles zu schaffen, darf sich jedoch für die einzelnen Aufgaben immer weniger Zeit lassen – und so fallen nach und nach Resonanzerfahrungen weg…

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Augenkontakt, Lob, konstruktive Kritik, all das schafft eine Verbindung, durch Rückmeldung erfährt ein Mensch Resonanz. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass sich Menschen bereits mit der Welt verbunden fühlen, wenn sie Augenkontakt zu einer anderen Person haben.

Resonanz kann man nicht ohne Weiteres herstellen, sozusagen nach Plan, strategisch – sie hat immer etwas Unverfügbares und Flüchtiges an sich. Das Glück, das uns beim Anblick eines Sonnenuntergangs überwältigt, ist ein gutes Beispiel. Es liegt nicht in unserer Macht zu planen, wie ein Sonnenuntergang ausfällt, obendrein verändert sich dessen Schönheit laufend und vergeht.

Ebenso ist es bei Musik: Die beglückenden Stellen lassen sich nicht einfrieren. Und wenn ich nur meine Lieblingspassage in Endlosschleife höre, nutzt sich die tiefe Empfindung bald schon ab.

Am Ende des Artikels wird Hartmut Rosa dann nach seinen persönlichen Rezepten gefragt, wie er sich zumindestens zweitweilig der Beschleunigungslogik entziehen kann:

…gerade heute, wo sich feste Zeitfenster zunehmend auflösen, wo keine Sache mehr ihre eigene Zeit hat und sich unsere Lebenssphären zunehmend verschränken. Die Pflöcke geben Halt, die Traditionen sind nicht verhandelbar. Menschen brauchen ein paar Pflöcke im Leben! Der heilige Familienbereich, der „Tatort“ am Sonntag, die regelmäßige Chorprobe am Dienstag…

Seine „Pflöcke“ im Alltag sind das Orgelspielen jeden Montag, sein Tennisclub in einem kleinen Schwarzwalddorf und eine jährlich stattfindende dreiwöchige Sommerakademie mit hochbegabten Schülern.

Anders als Geld kann man Zeit ja nicht anhäufen. Daher sollte man einen ganz anderen Weg als bei den Finanzen einschlagen. Zeitsparen ist nicht die Methode der Wahl. Wer sich reich an Zeit fühlen möchte, sollte hin und wieder einen Tag verschwenden, nichts planen, nichts Produktives tun. In dem Moment, wo man entscheidet, Zeit zu vergeuden, gewinnt man sie plötzlich. Ein weiteres Beispiel: Schon seit 30 Jahren verbringe ich die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr in meinem Heimatdorf im Schwarzwald – und in dieser Zeit verlasse ich das Dorf nicht, komme was wolle.

Wenn der Schnee schwer auf den Fichten liegt, kippen mitunter die Hochspannungsmasten um. Dann fällt der Strom aus. Und ich bin glücklich: Sobald der Akku meines Mobiltelefons leer ist, kann ich weder telefonieren noch ins Internet noch das TV-Gerät einschalten und auch keine CDs hören, der Flughafen ist weit entfernt. Ich falle gewissermaßen aus der Zeit heraus. Und habe überhaupt kein schlechtes Gewissen, einfach nichts zu tun.

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