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Watzlawick, Beavin, Jackson: Menschliche Kommunikation

Wenn man sonst gar nichts über Watzlawick und seine Arbeiten zur Kommunikationstheorie weiß, dann sollte man sich wenigstens die Grundgedanken der folgenden zwei Abschnitte merken:

Verhalten hat vor allem eine Eigenschaft, die so grundlegend ist, daß sie oft übersehen wird: Verhalten hat kein Gegenteil, oder um dieselbe Tatsache noch simpler auszudrücken: Man kann sich nicht nicht verhalten. Wenn man also akzeptiert, daß alles Verhalten in einer zwischenpersönlichen Situation, Mitteilungscharakter hat, d. h. Kommunikation ist, so folgt daraus, daß man, wie immer man es auch versuchen mag, nicht nicht kommunizieren kann. Handeln oder Nichthandeln, Worte oder Schweigen haben alle Mitteilungscharakter: Sie beeinflussen andere, und diese anderen können ihrerseits nicht nicht auf diese Kommunikationen reagieren und kommunizieren damit selbst.

Wenn man untersucht, was jede Mitteilung enthält, so erweist sich ihr Inhalt vor allem als Information. Dabei ist es gleichgültig, ob diese Information wahr oder falsch, gültig oder ungültig oder unentscheidbar ist. Gleichzeitig aber enthält jede Mitteilung einen weiteren Aspekt, der viel weniger augenfällig, doch ebenso wichtig ist – nämlich einen Hinweis darauf, wie ihr Sender sie vom Empfänger verstanden haben möchte. Sie definiert also, wie der Sender die Beziehung zwischen sich und dem Empfänger sieht, und ist in diesem Sinn seine persönliche Stellungnahme zum anderen. Wir finden somit in jeder Kommunikation einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt.


Viele Paradoxa beruhen darauf, dass die verschiedenen Ebenen von Kommunikation miteinander vermengt werden. Ein klassisches Beispiel ist die Aufforderung: „Bitte dieses Schild nicht beachten!“ Will man dieser Aufforderung folgen, kann man es nicht. Was hier offensichtlich ist, kann man in vielen praktischen Fällen sehr schwer erkennen. Ein etwas längeres Beispiel aus dem Buch:

So kann z. B. eine Meinungsverschiedenheit zwischen zwei Personen über die Wahrheit der Aussage «Uran hat 92 Elektronen» nur scheinbar dadurch entschieden werden, daß man ein Lehrbuch der Kernphysik heranzieht. Dieser Beweis bestätigt zwar die objektive Richtigkeit der Aussage, zeigt aber außerdem, daß der eine Partner recht und der andere unrecht hat. Von diesen beiden Ergebnissen legt also das erste die Meinungsverschiedenheit auf der Inhaltsstufe bei, während das zweite ein Problem auf der Beziehungsstufe aufwirft.

Um dieses neue Problem zu lösen, können die beiden Partner nicht weiterhin über Elektronen sprechen, sie müssen sich vielmehr über sich selbst und ihre Beziehung auseinandersetzen. Um das zuwege zu bringen, müssen sie sich darauf einigen, ihre Beziehung entweder als symmetrisch oder als komplementär zu definieren. Mit anderen Worten, der eine Gesprächspartner, der unrecht hatte, kann nun entweder den anderen wegen seines größeren Wissens bewundern oder aber sich aus Ärger über seine Niederlage vornehmen, dem anderen bei nächster Gelegenheit eins aufzutrumpfen und damit das intellektuelle Gleichgewicht (also die Symmetrie) wiederherzustellen.

Während in fachlicher Kommunikation dieses Problem eher lässlich ist, wird es wohl die tiefere Ursache vieler langandauernder Streitigkeiten in einer Partnerschaft sein. Der eine, auf bestimmten Gebieten Kompetentere, glaubt, es genügt, den Nachweis zu führen, dass er in einem bestimmten Punkt Recht hat. Das ist aber falsch, weil es den Beziehungsaspekt von Kommunikation ignoriert.

In dem Zitat tauchen als neue Begriffe die Wörter „symmetrisch“ und „komplementär“ auf, mit der die Beziehung der Kommunizierenden definiert wird. Während die komplementäre Kommunikation meist relativ konfliktfrei verläuft, weil einer der Beteiligten der „Sender“ und alle anderen die „Empfänger“ sind, ist die symmetrische Form a priori instabil und muss ständig neu ausbalanciert werden.

Etwa zwei Drittel des Buches sind Paradoxien in der menschlichen Kommunikation gewidmet. Diese entstehen durch die Selbstbezüglichkeit der Sprache und durch die verschiedenen Sprachebenen (von zweien war ja weiter oben schon die Rede), die aber in einem Text nicht immer leicht auseinander zuhalten sind. Vielleicht zum theoretischen Hintergrund dieses Zitat:

Wenn wir uns nicht täuschen, war es wiederum Bertrand Russell, der als erster an eine Lösung dachte. Im letzten Absatz seiner Einleitung zu Wittgensteins Logisch-philosophischen Abhandlungen erwähnt er fast beiläufig; «Diese Schwierigkeiten legen meiner Meinung nach die Möglichkeit nahe, daß jede Sprache, wie Herr Wittgenstein sagt, eine Struktur hat, über die in der Sprache selbst nichts ausgesagt werden kann, daß es aber vielleicht eine andere Sprache gibt, die von der Struktur der ersten Sprache handelt und selbst eine neue Struktur hat, und daß diese Hierarchie von Sprachen möglicherweise unbegrenzt ist»

Diese Anregung wurde von Carnap wie von Tarski aufgegriffen und zur Theorie der Sprachstufen entwickelt. Sie postuliert, daß auf der untersten Stufe einer Sprache Aussagen über Objekte gemacht werden. Dies ist der Bereich der Objektsprache. Sobald wir aber etwas über diese Sprache sagen wollen, müssen wir eine Metasprache verwenden, und eine Metametasprache, wenn wir über die Metasprache reden wollen, und so fort in theoretisch unendlichem Progreß.

Was die Mathematik, Logik und Mengenlehre betrifft, hat Russell sicher Recht, aber im Bereich menschlicher Kommunikation reichen meiner Meinung nach drei Ebenen aus: Die beiden, die in der Kommunikation verwendet werden, also die Inhalts- und die Beziehungsebene. Und wenn über Kommunikation gesprochen wird, also diese Aspekte analysiert werden, kommt maximal eine dritte Ebene hinzu. Aber dann ist Schluss.

Abschließend ein Beispiel, das ich zwar schon kannte, das ich aber immer wieder faszinierend finde:

Der Direktor einer Schule kündigt seinen Schülern an, daß er zwischen Montag und Freitag der nächsten Woche eine Prüfung abhalten wolle, die für die Schüler insofern unerwartet kommen werde, als sie den Termin erst am Morgen des Prüfungstages selbst erfahren würden. Die Schüler erwidern darauf, daß eine solche Prüfung unmöglich sei, es sei denn, der Direktor verletze den Wortlaut seiner eigenen Ankündigung und beabsichtige nicht, eine unerwartete Prüfung an einem Tag der nächsten Woche zu halten.

Sie begründen dies wie folgt: Wenn die Prüfung bis Donnerstag abend nicht stattgefunden hat, so kann sie nicht unerwartet am Freitag abgehalten werden, denn der Freitag ist der letzte mögliche Prüfungstag. Wenn aber der Freitag auf diese Weise wegfällt, kann auch der Donnerstag eliminiert werden. Am Mittwoch abend bleiben nämlich nur zwei Tage übrig, Donnerstag und Freitag. Der Freitag kommt, wie wir bereits gesehen haben, nicht in Frage. Dies läßt nur den Donnerstag übrig, so daß eine Prüfung am Donnerstag nicht mehr unerwartet wäre. In derselben Weise scheiden aber auch der Mittwoch, Dienstag und schließlich der Montag aus – eine unerwartete Prüfung ist unmöglich.

Es kann angenommen werden, daß der Direktor sich diesen «Beweis» schweigend anhört und dann z. B. am Donnerstag morgen die Prüfung abhält. Vom Augenblick seiner Ankündigung hatte er den Donnerstag als Prüfungstag vorgesehen, und die Schüler stehen nun vor einer Prüfung, die gerade deswegen unerwartet ist, weil sie sich selbst überzeugt hatten, daß sie nicht unerwartet sein könne.

Watzlawick schreibt zu diesem Paradoxon:

Es fällt nicht schwer, in dieser Geschichte die nun schon vertrauten Merkmale der Paradoxie zu entdecken. Die Schüler führten eine anscheinend einwandfreie logische Ableitung von den in der Ankündigung des Direktors enthaltenen Prämissen durch und kamen zu dem Schluß, daß eine unerwartete Prüfung unmöglich ist. Der Direktor kann dagegen die Prüfung an jedem beliebigen Schultag der betreffenden Woche abhalten, ohne den Wortlaut seiner Ankündigung auch nur im geringsten zu verletzen.

Das Überraschendste an dieser Paradoxie ist, daß es sich bei näherer Untersuchung herausstellt, daß die Prüfung sogar am Freitag abgehalten und dennoch unerwartet sein kann. Ja, der Kern der Geschichte ist gerade die am Donnerstag abend bestehende Situation, während die Einbeziehung der anderen Wochentage nur zur Ausschmückung und nebensächlichen Komplizierung des Problems dient. Am Donnerstag abend ist Freitag als einzig möglicher Prüfungstag übrig geblieben, und das macht eine Prüfung am Freitag absolut vorhersehbar, «Sie muß morgen sein, wenn sie überhaupt stattfinden soll, sie kann nicht morgen stattfinden, da sie nicht unerwartet wäre» – so sehen es die Schüler.

Wie sich nun aber erweist, ist es gerade diese Schlußfolgerung, die es dem Direktor ermöglicht, eine unerwartete Prüfung am Freitag (oder jedem beliebigen anderen Schultag dieser Woche) in voller Übereinstimmung mit seiner Ankündigung zu halten. Selbst wenn die Schüler erkennen, daß die Prüfung gerade deswegen unerwartet abgehalten werden kann, weil sie mit ihrer Schlußfolgerung die Unerwartetheit eliminierten, hilft ihnen diese Entdeckung nicht im geringsten. Sie beweist vielmehr nur, daß die Prüfung am Freitag gerade deswegen unerwartet stattfinden kann, weil sie für die Schüler am Donnerstag abend nicht mehr unerwartet ist.

Es handelt sich hier also um eine wirkliche Paradoxie:

  1. Die Ankündigung enthält eine Voraussage in der Objektsprache («Eine Prüfung wird abgehalten werden»).
  2. Sie enthält eine Voraussage in der Metasprache, die die Voraussagbarkeit von (1) negiert, nämlich, «die (vorausgesagte) Prüfung wird unvoraussagbar sein.»
  3. Die zwei Voraussagen schließen sich gegenseitig aus.
  4. Es liegt in der Macht des Direktors, die Schüler am Verlassen des durch seine Ankündigung gesetzten Rahmens (Teilnahme an Prüfungen ist ja obligatorisch) und am Finden zusätzlicher Information zu verhindern, die ihnen die Entdeckung des Prüfungstages ermöglichen würde.

Ich habe eine zweite Auflösung dieses Paradoxons. Es gibt zwei Typen von Wenn-dann-Prämissen. Die eine ist logischer Art (Wenn A gültig ist, dann muss B gültig sein), die zweite ist zeitlicher Art (Wenn A eintritt, dann muss B folgen). Man kann nicht einen zeitlichen Ablauf, der erst geschehen wird, aber noch nicht geschehen ist, auf diese Weise logisch analysieren, als ob er schon Realität wäre. Implizit steckt das auch in Watzlawicks Argumentation, denn er schreibt ja, dass der Direktor sich bereits bei seiner Ankündigung (bzw. bei dem Einwand seiner Schüler) für Donnerstag entschieden hatte. damit ist die Zukunft festgelegt und die zeitliche Wenn-Dann-Alternative ausgeschlossen. Das bedeutet, der Direktor betrachtet seine Konklusion als logische, die Schüler hingegen argumentieren zeitlich.

Kommentare

lou-salome 01/31/2010 03:07:56 PM

In den letzten vergangenen zwei Jahren hatte ich, wegen einer beruflichen Weiterbildung, einiges von Schulz von Thun lesen müssen, u.a. „Miteinander reden: Kommunikationspsychologie für Führungskräfte“. Gleich zu Anfang bin ich auf Paul Watzlawick gestossen, konnte ja nicht ausbleiben, und auf eine seiner Aussagen:
„ Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation ( nicht nur mit Worten) ist Verhalten und genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren.“
Habe mich jetzt richtig gefreut, auf Ihrem Blog, einen wissenschaftlichen Beitrag über P. Watzlawick zu lesen.
Nach der Erarbeitung einer Hausarbeit über das „miteinander reden“: Kommunikationsquadrat ( Sachinformation, Beziehungsseite, Selbstkundgabe, Appellseite), Teufelskreis, Inneres Team, usw. wurde deutlich, das Schulz von Thun, den Weg der Kommunikationstheorie von Watzlawick weitergeht und einen kommunikationspsychologischen Wegweiser entwickelt hat.
Leider hörte ich nur immer wieder den Ton einer „Verkäuferschulung“ heraus. ( Kennen Sie Ulrich Strunz und seine Fitnessphilosophie? So in etwa empfand ich es manchmal bei der Vertiefung, z.T. mit der Sekundärliteratur).
Die Kommunikationstheorie ist ein hochinteressantes Thema, und das Watzlawick-kennenlernen hat mir viel gebracht, vor allem die Metakommunikation, brauche ich sie ja nicht nur bei meinen eigenen Kindern sondern auch im Berufsleben. Aber wie schwer, wie verdammt schwer bei den wahnsinnig vielen verschiedenen Charakteren um mich herum und ich steh‘ mir ja auch manchmal im Weg.
Sicherlich kennen Sie dann auch Watzlawick’s kleines Büchlein: „Anleitung zum Unglücklichsein“.
LG 🙂 l-s

Köppnick 01/31/2010 04:28:38 PM

Sicherlich kennen Sie dann auch Watzlawick’s kleines Büchlein: „Anleitung zum Unglücklichsein“.

Habe ich als Hörbuch „gelesen“. Und dann noch vor einiger Zeit: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Watzlawick ist schon toll.

lou-salome 01/31/2010 09:41:26 PM

Dieses Buch ( „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ ) kenne ich nicht, aber so wie Sie den Inhalt beschrieben haben, dürfte eine Lektüre meinerseits nicht mehr lange auf sich warten. Eine sehr schöne Buchempfehlung und eine für mich sehr gute Rezension.

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