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Was ist Bildung?

Plötzlich mit der Frage konfrontiert „Was ist Bildung?”, hätte ich in etwa so geantwortet: „Bildung setzt sich zusammen aus dem Fakten-Wissen und dem Denken-Können. Beides kann man nicht voneinander trennen, denn zum Einprägen und Einordnen von Fakten muss man denken können, Denken wiederum setzt die Kenntnis eines Mindestmaßes an Wissen voraus, das die Gegenstände des Denkens liefert.”

Dem Artikel Bildung in der Wikipedia entnimmt man, dass dieser Begriff spezifisch für den deutschen Sprachraum ist. Im Englischen verschmelzen Bildung und Erziehung zu dem Wort „education”. Interessant ist in der Wikipedia weiterhin der Artikel Kanon, bezeichnet man doch die Gesamtheit des als notwendig erachteten Allgemeinwissens als Bildungskanon. Im Zusammenhang mit dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler in der Pisastudie sind Fragen der Bildung stärker in den Blickpunkt öffentlichen Interesses gerückt. Im folgenden Beitrag werden mehrere Bücher, die sich auf unterschiedliche Art mit dem Thema eines Bildungskanons beschäftigen, vorgestellt.

Der im Jahr 2004 verstorbene Dietrich Schwanitz, Professor für Literatur, hat 1999 ein Buch mit dem Titel „Bildung” veröffentlicht. Der Untertitel lautet „Alles, was man wissen muss”. Bereits dieser Untertitel ist eine Unverschämtheit. Wieso sollte ein einzelner Mann entscheiden können oder dürfen, ob das, was er vorschlägt, alles sein kann, was man wissen muss? Das impliziert, der Autor weiß viel mehr, als er im Buch empfiehlt und ist darüber hinaus noch in der Lage, eine für alle anderen Menschen zutreffende Auswahl zu geben.

Das Buch ist in die zwei Teile „Wissen” und „Können” gegliedert, als Taschenbuchausgabe hat es 697 Seiten. Bis zum zweiten Teil, der mit dem Abschnitt „Einleitung über die Regeln, nach denen man unter Gebildeten kommuniziert, ein Kapitel, das man auf keinen Teil überspringen sollte”, bin ich nicht gekommen, nach der knappen Hälfte des Buches, auf Seite 275, im Abschnitt über die europäische Literatur, habe ich die Lektüre beendet.

Auf ca. 230 Seiten des ersten Kapitels führt der Autor durch die Geschichte Europas, beginnend etwa 800 vor Christus mit den griechischen Stadtstaaten, endend mit dem Zustand Deutschlands und Europas ungefähr um das Jahr 2000. (Die Taschenbuchausgabe ist von 2002.)

Beim Lesen war ich hin- und her gerissen. Zum einen gelingt es Schwanitz sehr gut, Zusammenhänge zwischen geschichtlichen Ereignissen, philosophischen und wissenschaftlichen Strömungen quer durch die Jahrhunderte zu zeigen. Man kann nach der Lektüre viele Personen, von denen man einige Hauptwerke oder Taten kennt, besser einordnen, von welchen Voraussetzungen sie ausgehen konnten, welche Bedeutung sie in ihrer Epoche hatten, wen sie in späterer Zeit inspiriert haben. Das Register am Ende des Buches enthält über 800 Namen, die ein- oder mehrmals im Text auftauchen.

Auf der anderen Seite habe ich mich häufig an dem schnoddrigen Ton gestoßen, mit dem der Autor seine Erkenntnisse vermittelt. Ist es der Ernsthaftigkeit des Themas angemessen, wenn er zum Beispiel schreibt:

Als sie sich um 1800 herum anguckten und sich fragten: „Wer sind wir?”, fanden sie nur eine Gemeinsamkeit: die Sprache und Kultur und die Dichtung. Also sagten sie: „Wir sind eine Kultur-Nation” oder: „Wir sind ein Volk der Dichter und Denker.” Das sagten sie nicht, weil sie davon mehr hatten als andere, sondern weil es keine anderen Gemeinsamkeiten gab.

Und sie sagten: „Wir sind das Volk, das deutsch spricht.” Das war eine fatale Feststellung, denn das brachte später den Führer aller Knallköpfe auf den Gedanken, alles, was deutsch spreche, müsse heim ins Reich (für ihn selbstverständlich, denn er war Österreicher, sprach aber schlechtes Deutsch), oder das Reich müsse dahin, wo deutsch gesprochen werde, etwa nach Prag oder Reval oder in die Synagoge von Tschernowitz.

Eine Frage, die ich mir beim Lesen immer wieder gestellt habe, war, wer denn der eigentliche Leserkreis des Buches sein soll? Man muss die vielen, im Buch erwähnten Personen eigentlich schon kennen, um dem Autor folgen zu können. Nur dann kann man die Zusammenhänge nachvollziehen. Für diejenigen, die in der Pisastudie versagt haben, ist das Buch deshalb nichts.

Mein Hauptkritikpunkt besteht aber darin, wie es denn sein kann, dass in einem Buch mit dem Untertitel „Alles was man wissen muss”, nichts über die moderne Naturwissenschaft und Technik, nichts über Computer und Internet zu finden ist. Hier fragt man sich, wie Schwanitz sein Buch verfasst hat, wie es redigiert, gedruckt und verbreitet werden konnte. Ich habe es jedenfalls beiseite gelegt, als der glühende Shakespeare-Verehrer Schwanitz empfahl, sämtliche Werke Shakespeares zu lesen. So kann das mit Bildung nicht funktionieren.

Einen vollkommen entgegengesetzten Standpunkt vertritt Werner Fuld in seinem 2004 erschienenen Buch „Die Bildungslüge”, mit dem Untertitel „Warum wir weniger wissen und mehr verstehen müssen”. Ich habe seinem Buch nicht entnehmen können, dass er das Buch von Professor Schwanitz kennt, weder in der Literaturliste noch im Namensregister taucht dessen Name auf.

Bereits im Vorwort kann man lesen:

Unsere Bildungsstandards stammen aus dem 19. Jahrhundert. Sie sind weder auf die Anforderungen unserer Zeit eingestellt, noch können sie auf die Herausforderungen der Zukunft irgendeine Antwort geben. Absurde Kanon-Diskussionen lenken von der Frage ab, wozu wir überhaupt Bücher lesen sollen, die mit der Realität der uns umgebenden Welt nicht das Geringste zu tun haben.

Ironischerweise beginnt Fulds Buch mit einem Beispiel aus Shakespeares Umfeld. In dem Spielfilm „Shakespeare in Love” gibt es eine Nebenfigur namens „John Webster”, die eine historisch verbürgte Person zu Shakespeares Zeiten war. Fuld stellt hier die Frage, ob es irgendetwas nutzt, diesen historischen Bezug zu kennen, wenn man sich den Film ansieht. Dabei muss man aber anmerken, dass sich Werner Fuld diese Bezüge erschließen, er ist Autor und Literaturkritiker, zählt also genau wie Schwanitz zur klassischen Bildungselite.

In vielen Kapiteln wie „Warum man nicht mehr Goethes Faust lesen muss” oder „Warum man keine alten Sprachen mehr lernen muss” habe ich beifällig genickt, weil mir die Thesen durchaus plausibel vorgekommen sind. Aber ab den Kapiteln „Warum man Mathematik nicht braucht” und „Warum auch Physiker nicht mehr sagen können, was wahr und was falsch ist” ging mir der Autor mit seiner Fundamentalkritik an allem Wissen dann doch zu weit. Im Mathematik-Kapitel findet man:

Wir sollten uns dringlichst von dem Mythos verabschieden, dass Mathematik etwas mit der Übung des Denkvermögens zu tun hätte. Unsere Schüler lernen Formeln für Berechnungsfälle, die in ihrem Leben niemals vorkommen werden oder für die es, wie bei Kreditgesuchen, in Banken zuverlässige Auskünfte über die zukünftige Zinsbelastung gibt: Das rechnet ein Computer aus. … Selbstverständlich gehören Zahlen zu unserem täglichen Leben – ich meine „natürliche” Zahlen, mit denen man Dinge und Menschen zählen kann; es gibt ja auch „reelle”, „rationale” und „irrationale” Zahlen – jedenfalls gibt es sie in der Mathematik und nirgends sonst.

Diese Ansichten sind meiner Meinung nach in mehreren Punkten falsch. Ohne reelle Zahlen zum Beispiel gibt es keine Elektrotechnik, Werner Fulds Buch, sicherlich auf einem Computer getippt, wäre nie erschienen. Bereits während meines Studiums war mir in vielen Fächern durchaus bewusst, dass ich das dort Gelernte in meinem späteren Berufsleben nicht brauchen würde. Rückblickend erwies sich das allerdings manchmal als falsch, außerdem sind es häufig gerade die Analogieschlüsse, die zu völlig neuen Erkenntnissen führen. Und dann müsste sich Fuld auch fragen, woher denn die Softwareentwickler kommen sollen, die in zukünftigen Programmen die Zinsformeln in Rechner eingeben, wenn alle Kinder in der Schule von derartigem Wissen ferngehalten werden.

Über manche seiner praktischen Ratschläge musste ich lange nachdenken:

Jede mühsame Seite von Musil, James Joyce oder irgendeinem anderen Klassiker macht den Leser dümmer, weil ihre langsame Lektüre ihn von vielen anderen klugen Büchern abhält. … In seinem Essay „Über die Bücher” schrieb Montaigne: „Wenn ich beim Lesen auf Schwierigkeiten stoße, beiße ich mir an ihnen nicht die Zähne aus – ich gehe sie ein- oder zweimal an, dann lasse ich es. … Zu lange Bemühung und Anspannung machen den Verstand blind, lustlos und matt. Bin ich des einen Buches überdrüssig, so nehme ich ein anderes zur Hand.“

Auch wegen solcher Gedanken habe ich dieses Buch bis zur letzten Seite gelesen. Man stimmt dem Autor zwar in vielem nicht zu, aber in einigem hat er vermutlich recht. Unser Bildungssystem vermittelt eine Menge nutzlosen Ballastes.

In seinem Buch findet man einen Hinweis auf ein weiteres Werk, das einen wichtigen Aspekt von Bildung betont: Der Erwerb von Wissen und Fähigkeiten beginnt im Vorschulalter, in dem Kinder noch nicht lesen und schreiben können. Auch kann man den Gewinn von Bildung nicht auf die Aufnahme von Gedrucktem reduzieren, die Welt nehmen wir mit allen unseren Sinnen auf. Das von Werner Fuld empfohlene Buch wurde von Donata Elschenbroich geschrieben und trägt den Titel „Weltwissen der Siebenjährigen”.

Was sollte ein Kind in den ersten sieben Lebensjahren wissen, können, erfahren haben? Womit sollte es zumindest in Berührung gekommen sein?

Drei Jahre lang, zwischen 1996 und 1999, haben wir das Menschen allen Alters, aller Schichten und Bildungshintergründe gefragt. Eltern, Großeltern, Erzieher, Jugendliche. Hirnforscher, Entwicklungspsychologen, Medizinsoziologen und Grundschuldidaktiker. Den Direktor eines Altenheims, einen Erzbischof, Mütter in der Genesungskur, arbeitslose Väter, Unternehmer, den General der Schweizer Armee, den Verkäufer im Bahnhofskiosk, die Verkäuferin im Media-Markt, eine türkische Analphabetin, die Studentin der Betriebswirtschaft – welche Wünsche haben sie, Fachleute aller Art, an das Weltwissen der heute Siebenjährigen?

Die zusammengetragenen Empfehlungen sind bemerkenswert und regen zum eigenen Nachdenken an. Sie machen deutlich, dass Bildung nicht ein passives Aufnehmen von Vorgedachtem sein kann, sondern der eigenen Wechselwirkung mit der Welt bedarf und das Sinn-liche Begreifen der Tatsache ist, dass man selbst ein aktiver Teil der Welt ist und auf diese zurückwirkt.

Man findet im Buch viele Interviews und Beobachtungen, die einzelnen Empfehlungen sind jeweils in ein begründendes Kapitel eingebettet. Einige Beispiele der dort zu lesenden Vorschläge:

Jedes Kind sollte einige Tage seines Lebens im Wald verbracht haben.
Jedes Kind sollte Beeren vom Busch gepflückt haben.
Jedes Kind sollte Jahresringe am Baumstumpf gezählt haben.
Jedes Kind sollte einmal in einen Bach gefallen sein.

Es sollte die Möglichkeit von Geheimschriften, von einem „Kassiber” ausprobieren können.
Jedes Kind sollte ein chinesisches oder ein arabisches, kyrillisches oder ägyptisches Schriftzeichen geschrieben haben. Es sollte seinen Namen in Blindenschrift gefühlt, gelesen haben.

Einige der Empfehlungen muten etwas eigenartig an, auch das wird im Buch ausgiebig diskutiert. Es wird darauf hingewiesen, dass natürlich weder eine Realisierung aller Vorschläge sinnvoll, noch dass die Liste selbst vollständig sein kann. Aber in jedem Fall beginnt man sich beim Lesen dieses Buches an seine Kindheit zu erinnern und über den eigenen sinnlichen und intellektuellen Zugang zur Welt nachzudenken.

Das eingangs vorgestellte Buch von Dietrich Schwanitz hat mit seinem Absolutheitsanspruch heftigste Reaktionen hervorgerufen und zur Herausgabe weiterer Bücher geführt. Eines von diesen ist „Die andere Bildung” von Ernst Peter Fischer mit dem Untertitel „Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte”.

Fischer hat das Buch von Schwanitz sehr genau gelesen und weist bereits in seiner Einleitung auf Dümmlichkeiten und Fehler in dessen Buch hin. Wie kann Schwanitz ernsthaft so etwas behaupten:

Die naturwissenschaftlichen Kenntnisse werden zwar in der Schule gelehrt; sie tragen auch einiges zum Verständnis der Natur, aber wenig zum Verständnis der Kultur bei. Und so bedauerlicher es manchem erscheinen mag: Naturwissenschaftliche Kenntnisse müssen zwar nicht versteckt werden, aber zur Bildung gehören sie nicht.

Schwanitz ist es offensichtlich vollständig entgangen, dass moderne Physik und Biologie in Gestalt der Relativitätstheorie, Quantenmechanik, Genetik und Evolutionstheorie im 20. Jahrhundert viele der philosophischen Mutmaßungen auf eine solide und wissenschaftliche Weise konkretisiert haben und auf deren erstmals mögliche Beantwortung durch Experimente abzielen (oder deren niemals mögliche Beantwortbarkeit beweisen).

Fischer ist Physiker, Biologe und Wissenschaftshistoriker zugleich, so werden die von ihm im Buch gesetzten Schwerpunkte verständlich. Ich kann nicht genau einschätzen, wie viele Vorkenntnisse man benötigt, um alles im Buch zu verstehen, mir persönlich scheint der Schwierigkeitsgrad der einzelnen Kapitel unterschiedlich hoch zu sein. Ich zum Beispiel hätte seine Erklärung des Einstein-Podolsky-Rosen-Paradoxon nicht verstanden.

Er beginnt sein Buch verblüffenderweise mit Alchemie und Astrologie und zeigt, an welchen Stellen die Verheißungen dieser Vorwissenschaften in unserer modernen Gesellschaft erfüllt wurden bzw. in versteckter Form enthalten sind. Er geht chronologisch vor. Zuerst werden also die quantenmechanischen Erkenntnisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorgestellt, danach die Entdeckung der DNS Mitte dieses Jahrhunderts. Ausführlich diskutiert er darauffolgend die Bedeutung für die Evolutionstheorie.

Aussagen wie Die Dinge können in Atome zerlegt werden, aber sie bestehen nicht aus Atomen oder die Diskussion des Zusammenhangs zwischen Genen, der DNS und der Wirkungsweise der Evolution haben weiterreichende philosophische Bedeutung. Besonders in den letzten Kapiteln entwickelt er eigene Gedanken zum Wechselverhältnis zwischen einem mehr wissenschaftlichen und einem mehr künstlerischen Zugang zur Welt.

Ein sehr empfehlenswertes Buch, wenn man sich eine eigene Meinung darüber bilden will, was zu einer Allgemeinbildung im 21. Jahrhundert gehören sollte. Für einen ersten Einstieg bei weitgehender Kenntnislosigkeit und für die Beantwortung der Frage „Wie funktioniert eigentlich XYZ?” ist es weniger geeignet. Dafür kann man zum Beispiel das Buch „Die sieben größten Rätsel der Wissenschaft” von David und Arnold Brody empfehlen. Diese sieben Rätsel sehen die Brodys in Gravitation, Atomtheorie, Relativitätsprinzip, Urknall, Evolution, Genetik und DNS. Über die Aufteilung und Themengewichtung kann man vielleicht anderer Meinung sein, aber das Buch ist sehr eingängig geschrieben, mit erklärenden Abbildungen versehen, und die Entdeckungen jeweils in ihren historischen Kontext eingeordnet.

Wenn ich die hier vorgestellten Bücher ihrer Lesewürdigkeit entsprechend ordnen sollte, dann wäre diese Rangfolge genau umgekehrt zu ihrer Vorstellung im Text.

Die Fragen „Wie sieht die richtige Bildung für das 21. Jahrhundert aus, was gehört in einen Bildungskanon, gibt es so etwas überhaupt?” bleiben offen. Sie gewinnen zusätzliche Aktualität dadurch, dass zum Beispiel die neueste Pisastudie zeigt, dass das Schulsystem der Bundesrepublik Deutschland die soziale Auslese befördert, statt sie zu mildern. Gerade das Bundesland Bayern, das auf der einen Seite so stolz auf die Qualität seiner Abiturienten ist, muss sich andererseits vorwerfen lassen, dass es hier mit der Chancengleichheit seiner Bewohner besonders schlecht bestellt ist.

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