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Was hat uns die Philosophie gebracht?

Diese Frage wurde unlängst in einem Diskussionsforum gestellt. Ich vermute, seitens des Verfassers, einem ausgewiesenen Philosophieskeptiker, war sie rein rhetorisch gemeint, er wollte wohl seine eigene negative Sichtweise nur von vielen anderen bestätigt haben.

Aber an sich ist die Frage für mich tatsächlich interessant. Vor 35 Jahren hieß eines meiner Schulfächer „Staatsbürgerkunde“, später an der Uni „Marxismus-Leninismus“, und das waren typische „Schwafelfächer“, denen man nicht ausweichen konnte. Spaß gemacht haben sie nicht. Viel später haben mich Themen interessiert, die von der Physik (Kosmologie, Quantenphysik) inspiriert wurden. Dann kamen die Neurowissenschaften (Willensfreiheit, Menschsein) dazu. Antworten auf meine Fragen konnte die Naturwissenschaft aber nicht liefern, denn die hat immer nur Wie-Antworten, d.h. „Wie funktioniert etwas?“ In der letzten Zeit sind dann ethische Fragen hinzugekommen, hier inspiriert vor allem durch Politik: Abtreibung, Präimplantationsdiagnostik, Gentechnik. Oder ebenfalls durch die Politik inspiriert: Was ist Gerechtigkeit, was ist Wahrheit? Auch die Verwendung von Sprache im Denken, in der Wissenschaft, Religion, Politik oder ganz profan im Alltag ist interessant. Und natürlich kann man bei der Suche nach „ewigen“ Antworten Fragen nach Gott nicht ausklammern.

Wenn man darüber nachdenkt, kommt man recht schnell dahinter, dass das alles philosophische Fragen sind. In dem bereits erwähnten Forum hat ein „Berufsphilosoph“ dann den Kanon immerwährender Fragen aufgelistet, mit denen in die Philosophievorlesungen an der Uni eingestiegen wird:

  1. Was sind die Regeln des korrekten Denkens?
  2. Ist die materielle Erfahrungswelt die eigentliche und ganze Wirklichkeit und gibt es über die erfahrbare materielle Welt hinaus eine nicht-materielle Wirklichkeit?
  3. Wie schaut es mit der Möglichkeit menschlichen Wissens und der Erkennbarkeit der Wirklichkeit aus?
  4. Was ist Wissenschaft und was sind die Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis?
  5. Was sind Raum und Zeit und was ist das Wesen der Materie?
  6. Wie steht es um Kausalität, Determinismus und Willensfreiheit?
  7. Wie schaut eine Lösung des Körper-Geist-Problems aus?
  8. Was ist das Wesen einer Person? Was bedeutet Identität?
  9. Gibt es Gott?
  10. Was lässt sich über Moral, das Gute, Gerechtigkeit und Freiheit sagen?
  11. Wie steht es um moralische Grundlagen von Staat und Gesellschaft?
  12. Was ist das Schöne und was sind die Grundlagen unserer ästhetischen Wertschätzung?
  13. Was ist der Sinn des Lebens? Was bedeutet Glück und was ist das gute Leben?

Philosophiekritiker übersehen meist, dass Philosophie, Mathematik und die Naturwissenschaften in der Antike eins waren und sich die Naturwissenschaften erst allmählich von der Philosophie gelöst haben, als klar wurde, dass ihre Methodik eine andere sein sollte: Nicht durch reines Denken, sondern durch Empirie, also durch Beobachtung und Experimente gewinnt man Erkenntnisse über die Natur. Heute sind deshalb viel weniger Teildisziplinen direkt der Philosophie zugeordnet, z.B. Wissenschaftstheorie, Logik, Ethik und Sprachphilosophie. Die Sprachphilosophie, vor allem die bis Mitte des 20.Jahrhunderts entwickelte analytische Philosophie, will u.a. grundlegende Begriffe klären, die im alltäglichen Leben, aber vor allem als metaphysische Grundlage in den Naturwissenschaften eine wichtige Rolle spielen, z.B. Natur, Wesen, Sein, Substanz, Vernunft, Verstand, Wissen, Ursache, Begründung, Konklusion, Bedeutung, frei, Geist, wahr, gut, gerecht, Subjekt.

Was auch nicht vergessen werden darf, ist der Einfluss, den die Philosophie auf Gesellschaft und Politik gehabt hat. Über den vor noch gar nicht so lange zurückliegend entwickelten Kritischen Rationalismus habe ich unlängst bereits etwas geschrieben. Aber die gesamte Aufklärung wurde ja von Seiten der Philosophie vorangetrieben. Einer, dem im Forum die Hutschnur ob der Diskussion geplatzt ist, schrieb:

Philosophie als rationale Weltdeutung ist (natürlich immer unter Zuhilfenahme der Wissenschaft) die einzige Möglichkeit einer Alternative zu mythologischen und religiös-dogmatischen Weltdeutungen und damit notwendig, um die Macht von Priestern, Mullahs, Sekten-Gurus zu kontern. In der Geschichte waren es Philosophen wie Hume, Voltaire, Holbach, LaMettrie, Feuerbach, Kant, Nietzsche, die Weltbilder jenseits der Kirche zu entwerfen begannen. Philosophie-Basher sind Speichellecker des Papstes, Apologeten islamistischer Mordbrenner, Unterstützer pädophiler Priester, Helfer religiöser Märchenerzähler und sollten sich am besten gleich beim nächsten Bibelkreis oder Terrorcamp anmelden.

Von demselben Teilnehmer wurde auch ein Video mit Julian Nida-Rümelin verlinkt, in der dieser nicht mit empirischen Mitteln, womit dieses Konzept ja bereits ebenfalls widerlegt werden konnte, sondern mit philosophischen Methoden nachweist, dass der Gedanke des Homo oeconomicus falsch sein muss:

Ich lese gerade das Buch „Was ist Wahrheit“ von Peter Janich, und interessanterweise liefert er darin Argumente, die sich trefflich dafür eignen, die Bedeutung der Philosophie und des eigenen Philosophierens zu illustrieren:

Philosophieren kann als Reflexionsbemühung begriffen werden, die Sinn und Zweck nicht in ihrer eigenen Geschichtsschreibung hat, ja nicht einmal erst durch ihren historischen Ort im Philosophie-Geschehen erhält, sondern in vorgefundenen Problemen und Versuchen ihrer Lösung findet. Philosophie ist eine Reflexionsdisziplin, das heißt, in harmloser Formulierung, ein Nachdenken über das eigene Handeln und Reden – und, wenn selbst mit Wahrheitsansprüchen verknüpft, notwendigerweise ein sich in der Sprache vollziehendes Nachdenken. Reflektieren heiße diese Tätigkeit, weil sich das Reden auf das Reden selbst (und das im Reden zum Ausdruck kommende Erkennen, aber auch Erinnern, Planen usw.) zurückbezieht.

Philosophieren als Reflexionsdisziplin hat vieles gemeinsam mit dem Turnen: Man kann Turnern zusehen und dabei viel über das Turnen lernen, z.B. sogar, über das Turnen in einer Fachterminologie kompetent zu sprechen. Aber vom Zusehen lernt man nicht das Turnen selbst. Erst die eigene Übung macht den (mehr oder weniger großen) Meister. Und noch weiter geht diese Ähnlichkeit: Dabeisein ist alles!

Bemerkenswert an dem Buch sind auch Antworten auf die Frage, was man realistischerweise von der Philosophie erwarten kann. Da das Thema dieses Buchs der Wahrheitsbegriff ist, wird das natürlich daran durchdekliniert:

Die Erwartung, die Frage nach der Wahrheit ließe sich aus der Hand des professionellen Philosophiehistorikers als Lehrbuchwissen in Form einer Philosophiegeschichte genauso beantworten wie Was-ist-Fragen nach der Materie, der Neurose, der Revolution oder dem Roman, ruft – vor allem bei Anhängern der Natur- und Technikwissenschaften – Skepsis hervor. Ihnen erscheint die Vielfalt der historischen Lehrmeinungen primär als Zerstrittenheit der Philosophen, denen kein Erkenntnisfortschritt vergleichbar dem der naturwissenschaftlich-technischen Fächer gelungen sei. Häufig wird auch der Gegenstand der Philosophie oder das Fehlen empirischer und mathematischer Methoden für deren angeblichen Mißerfolg verantwortlich gemacht. Deshalb sei die Erwartung verfehlt, es könne ein allgemein anerkanntes Wissen ausgemacht werden davon, was Wahrheit sei.

Dem naturwissenschaftlichen Skeptiker gegenüber der Philosophie ist jedoch einfach zu begegnen: Ihm sollte nämlich schon der Hinweis genügen, daß ein Vergleich von Naturwissenschaften und Philosophie selbst kein Thema der Naturwissenschaften sein kann, also selbst nicht nach den Kriterien und mit den Methoden entschieden wird, denen die Naturwissenschaften ihren Erfolg verdanken; vielmehr macht sich der naturwissenschaftliche Skeptiker gegenüber der Philosophie mit dieser Skepsis selbst zum Philosophen und setzt sich damit der philosophischen Nachfrage nach Klarheit und Wahrheit seiner Einschätzungen von Wissenschaft und Philosophie aus.

Anders liegen die Verhältnisse, wo Philosophie mit Philosophiegeschichte verwechselt wird. Der Geisteshistoriker nämlich, der die philosophische Frage nach der Wahrheit in der historischen Abfolge der Antworten durch frühere Autoren beantwortet sehen möchte und dies als philosophisches Wissen wertet, ist weit schwieriger davon zu überzeugen, daß er sich selbst ein gravierendes philosophisches (und nicht ein philosophiehistorisches) Problem eingehandelt hat. Immerhin läßt sich jedem philosophisch Interessierten erklären, daß schon die Rede von Philosophiegeschichte insofern zweideutig ist, als das Wort Geschichte sowohl Geschehen als auch Geschichtsschreibung bedeutet und damit die Frage zuläßt, welches (historische) Wissen die Geschichtsschreiber über vergangenes Geschehen zusammentragen und als (systematisches) Wissen ausweisen können.

Für die Frage, ob es ein philosophisches Wissen von der Wahrheit geben könne, hat dies zur Folge, daß die Beschreibung philosophischen Geschehens zur Interpretation philosophischer Texte wird, die ohne eigenes Philosophieren nur schwer möglich scheint – und somit die Grenze zwischen Philosophieren und Philosophiegeschichte-Schreiben verwischt.

Der zweite Abschnitt dieses Zitats hat mich zum Schmunzeln gebracht: Kritik an Philosophie zu üben heißt Philosophieren. Und ein interessanter (und beruhigender) Gedanke für mich, dass man Philosophiegeschichte und Philosophieren unterscheiden sollte. Antworten, die vor langer Zeit gegeben worden sind, reflektieren immer das damalige Wissen, müssen heute nicht mehr stimmen, können aber wertvolle Anregungen bieten – was haben andere zu diesem Thema gedacht?

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  1. 26. Dezember 2012, 22:39 | #1

    Ich hätte ähnlich geantwortet: Philosophie ist der Versuch systematischen, „sprachgebundenen“ Nachdenkens und Reflektierens und solches ist unerlässlich (im Kleinen und Großen).

    Dem naturwissenschaftlichen Skeptiker gegenüber der Philosophie ist jedoch einfach zu begegnen: Ihm sollte nämlich schon der Hinweis genügen, daß ein Vergleich von Naturwissenschaften und Philosophie selbst kein Thema der Naturwissenschaften sein kann, also selbst nicht nach den Kriterien und mit den Methoden entschieden wird, denen die Naturwissenschaften ihren Erfolg verdanken.

    Hier lässt sich einwenden, dass logisches Denken zwar nicht allein den Erfolg der Naturwissenschaften ausmacht, aber für diese ebenso unerlässlich ist und beide verbindet.

    Zum Video (ich habe die vorherigen Teile nicht gesehen): Wenn Kommunikation auch für nicht menschliche Wesen, also Tiere und Pflanzen Geltung haben sollte, dann hat sich die Ethik als Grundlage schnell erledigt.

    Nicht, dass ich unbedingt das Konzept des homo oeconomicus verteidigen möchte, aber könnte man gegen die Argumentation nicht einwenden, dass eigennütziges Handeln (darauf läuft der homo oeconomicus doch hinaus?) und ehrliche Kommunikation kein Widerspruch sein müssen? In der Richtung, dass die meisten Menschen sofort zugeben würden, dass sie (auch) eigennützig handeln, wenn man sie fragt.

  2. Ananse
    31. Dezember 2012, 17:31 | #2

    @metepsilonema
    Zum Begriff der Kommunikation: Wenn man unter dem Begriff nicht den simplen Informationsaustausch versteht, den man schon mit physikalischen Begriffen (Senden und Empfangen von Photonen) beschreiben kann, sondern das intentionale Handeln (also das zielgerichtete Handeln), dann ist die Voraussetzung, dass man über ein Bewusstsein verfügt und mit jemandem interagiert, der selbst bewusst ist. Dann kann man sich eine einfache Eselsbrücke merken: Kommunizieren kann nur derjenige, der lügen kann, mit jemandem, der getäuscht werden kann.

    Zum Homo oeconomicus: Dieses ökonomische Modell geht davon aus, dass jeder Akteur in jeder Situation nur seinen kurzfristigen Erfolg optimiert. Das führt sehr schnell zu solchen Paradoxa wie dem Gefangenendilemma. In der Lebenswirklichkeit treten solche Paradoxa aber gar nicht auf, warum, sagt vielleicht am besten der folgende Satz: Man trifft sich immer zweimal im Leben.

    Genauso verhält es sich auch mit dem scheinbaren Gegensatz von Egoismus und Altruismus. Es wurde ja lange darüber gerätselt, wieso die Evolution altruistisches Verhalten nicht ausgemerzt hat, weil es dem Betreffenden in einer konkreten Situation scheinbar einen Nachteil bringt. Aber auch hier gilt, dass das Leben ja mit dem „Verzicht“ nicht zu Ende ist, sondern es vielleicht in einer späteren Situation eine „Rückzahlung“ seiner „Investition“ gibt, die bei Menschen durchaus immateriell sein kann, z.B. höheres Ansehen o.ä.

  3. 31. März 2013, 14:43 | #3

    Menschen, die arbeitsteilig wirtschaften, sind keine Modellwesen. Sie sind Homo oeconomicuse, denn in Selbstversorgung wäre ihr lebenserhaltender Aufwand größer.
    Das „egoistische“ Mittel Arbeitsteilung optimiert ihre Wirtschaft.
    Das verzwickte Problem ist nur die gerechte Verteilung der arbeitsteiligen „Gewinne“.
    Da hilft nur eine Mathematik der Arbeitsteilung.
    Sie gilt es zu entwickeln!