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Vom guten Umgang mit dem Tod

Im Editorial von Geo Wissen 51 „Vom guten Umgang mit dem Tod“ findet man den folgenden Absatz:

Die eigene Einstellung zu Leben und Tod kann auch der Kontakt mit einem sterbenden Menschen verändern. Diese Erfahrung machte die Australierin Bronnie Ware, die acht Jahre lang Schwerstkranke pflegte. „Erst die Sterbenden haben mir gezeigt, wie ich leben sollte“, sagte sie. Und notierte die fünf am häufigsten unerfüllt gebliebenen Wünsche ihrer Ex-Patienten:

  • Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, weniger nach den Bedürfnissen anderer zu leben.
  • Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.
  • Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle stärker auszudrücken.
  • Ich wünschte, ich hätte mich besser um meine Freunde gekümmert.
  • Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, das Leben mehr zu genießen.

Die meisten werden jetzt nicken, seufzen – und ihre beim Lesen gefassten guten Vorsätze bald wieder vergessen. Mir fiel ein Buch ein, das ich vor kurzem gelesen habe, Die Kunst des klaren Denkens. Dort wird der Satz, „Genieße jeden Tag, als wäre es dein letzter“, kritisch hinterfragt:

Stellen Sie sich vor, Sie würden ab heute nicht mehr die Zähne putzen, sich die Haare nicht mehr waschen, die Wohnung nicht mehr reinigen, die Arbeit liegen lassen, keine Rechnungen mehr bezahlen – Sie wären in Kürze arm, krank und vielleicht sogar im Gefängnis.

Man lebt immer im Hier und im Jetzt, von diesem Punkt schaut man zurück und nach vorn, und nur in diesem Punkt kann man handeln. Unter diesem Aspekt unterscheidet sich ein Tag mitten im Leben von einem Tag am Ende: Am Ende des Lebens schaut man nur zurück, wenn man hier Dinge bereut, kann man nichts mehr ändern. – Aber, und das scheint mir der wesentlichere Punkt zu sein, man muss auch die Konsequenzen eventueller Änderungen seines Verhaltens nicht mehr verantworten. Man bewertet deshalb seine Handlungen ganz anders.

Ein Beispiel aus der Aufzählung oben: „Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.“ Es hatte aber wahrscheinlich Gründe, warum man so viel gearbeitet hat, vielleicht wollte man ein Haus kaufen oder die Raten für ein gekauftes abzahlen. Hier ist die Perspektive eines Sterbenden anders, er wird ja kein Haus mehr kaufen. Wenn er während seines Lebens weniger gearbeitet hätte, dann hätte er kein Haus gekauft. Diese implizit mit der Aussage „Ich wünschte, ich hätte weniger gearbeitet“ verbundene Konsequenz wird aber von ihm nicht mitgedacht.

Was will ich damit ausdrücken: Die Gedanken des Sterbenden werden nur so dankbar aufgenommen, wenn oder weil man sich vielleicht bereits ähnliche Gedanken gemacht hatte, „man müsste … weniger arbeiten … sich mehr um seine Freunde kümmern … mehr genießen“. Es sind nicht die Worte des Sterbenden, die diese Gedanken ins Bewusstsein pflanzen, sondern die bei seinem Anblick nicht zu verdrängende Tatsache, dass alles endlich ist und man selbst einmal sterben wird. Der Sterbende ist nicht weiser als jeder andere Mensch zu einem beliebigen Zeitpunkt seines Lebens.

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