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Trau keiner Statistik…

In den Scienceblogs bin ich über einen interessanten Artikel gestolpert: Unsichtbare Flugverkehrstote? Dort wird auf einen anderen Artikel verwiesen, der die wenigen Toten, die der Flugverkehr verursacht, in Zweifel zieht:

Gerade ist in der Zeitschrift „Das Gesundheitswesen“ ein Artikel von Eberhard Greiser und Gerd Glaeske über die gesundheitlichen Folgen des Fluglärms am Frankfurter Flughafen erschienen. Die Autoren gehen von ca. 23.400 zusätzlichen Krankheitsfällen, 4.300 vorzeitigen Sterbefällen und 1,6 Mrd. Euro Krankheitskosten in den nächsten 10 Jahren aus. Ihre Studie überträgt Ergebnisse, die in einer früheren Untersuchung im Auftrag des Umweltbundesamtes zum Fluglärm am Flughafen Köln gewonnen wurden, auf Frankfurt.

Ich kann weder die Studie noch die Kritik daran fachlich beurteilen, dazu braucht es gute umweltepidemiologische, umweltmedizinische, ingenieurswissenschaftliche und andere Kenntnisse, die ich nicht habe. Aber beunruhigend ist das schon. Gibt es sozusagen „unsichtbare Flugverkehrstote“, über die in der Öffentlichkeit zu wenig bekannt ist? Die Folgen von Schadstoffen, zusätzlichem Straßenverkehr etc. kämen außerdem noch dazu. Aber auch: Müsste man nicht ebenso positive gesundheitliche Effekte eines Flughafenbetriebs, z.B. durch den sozialen und wirtschaftlichen Nutzen in der Region, der bekanntlich gesundheitlichen Nutzen nach sich zieht, gegenrechnen?

Die letzten Sätze sind sehr wichtig. Denn die Alternative zum Flugverkehr ist ja nicht weniger Verkehr insgesamt, sondern mehr Verkehr an anderer Stelle. Auch Auto-, Zug- und Schiffsverkehr verursachen Lärm und Umweltverschmutzung. Und für eine seriöse Rechnung müsste man den Nutzen des Verkehrs gegenrechnen. In vielen Fällen wird das gar nicht möglich sein. Infolgedessen erzeugt eine solche Rechnung, wie sie in dem verlinkten Artikel aufgemacht wurde, vielleicht ein falsches Bild.

Solcherart aus dem Zusammenhang gerissenen Informationen begegnet man überall. Manchmal sind sie direkt falsch, zum Beispiel habe ich heute im Kapitel Anti-Aging in der Wikipedia gelesen:

Eine lebenslange hypokalorische Ernährung (Kalorienrestriktion) erhöht die Lebenserwartung bei Tieren, aber auch bei Einzellern, und ist bis jetzt bei Mäusen, Ratten, Fischen, Fliegen und Spinnen nachgewiesen. In Tierversuchen an Mäusen, aber auch bei Menschenaffen habe sich durch eine ständige leichte „Hungerkur“ das Lebensalter um bis zu 40 Prozent verlängert, bei Hefezellen um 70 Prozent. Bei Mäusen entspricht das einem Plus von zwei Jahren.

Für Menschenaffen ist das aber nicht eindeutig gezeigt. Es wird meist auf Studien an Rhesusaffen verwiesen, aber diese sind nicht alle zu diesem Schluss gekommen, z.B. liest man in einem Artikel in der Welt:

Die Forscher hatten das Verfahren der Kalorienrestriktion (Kalorienbeschränkung) auf verschiedene Alters- und die beiden Geschlechtsgruppen der Affen (Makakka mulatta) angewandt. Die Tiere bekamen eine Diät, bei der sie zehn bis 40 Prozent weniger Nährstoffe aufnahmen als die Kontrolltiere.

Bei den auf Diät gesetzten Affen traten Alterskrankheiten zwar etwas später ein, als bei den Kontrolltieren, das habe jedoch keine nennenswerten Auswirkungen auf ihre Lebenserwartung gehabt, sagt Steven N. Austad vom „Health Science Center“ der University of Texas. Das „NIA“ startete seine Studie im Jahr 1987.

Kurze Zeit später wird auf eine andere noch laufende (einige der Affen leben noch) Studie verwiesen:

Es wäre zu schön, wenn sich die These bewahrheitet hätte. Vielleicht auch deshalb weist das Team um Austad darauf hin, dass seine Ergebnisse einer anderen Studie widersprechen. Eine derzeit noch laufende Studie am Wisconsin National Primate Research Center habe nämlich in ersten Ergebnissen einen lebensverlängernden Effekt einer 30-prozentigen Kalorienreduktion bei Rhesusaffen entdeckt.

Hier wird dann der mögliche Unterschied aufgeklärt:

Die unterschiedlichen Ergebnisse der Wisconsin-Studie und der NIA-Studie basieren vermutlich auf unterschiedlichen Ausgangsbedingungen. Die Affen in der Kontrollgruppe der NIA bekamen tägliche eine fixe (nicht reduzierte) Kalorienmenge und waren daher tendenziell eher schlank. Die Kontrollgruppe der Wisconsin-Affen hingegen durfte so viel essen wie sie wollte, weshalb die Sterblichkeit hier zunächst deutlicher differierte als in der NIA-Studie. Wurden die Kontrolltiere jedoch auf einem gesunden Gewicht gehalten – wie in der NIA-Studie geschehen –, so konnte eine Kalorienrestriktion das Leben nicht weiter verlängern.

Es zeigt sich ein generelles Muster, genau wie bei dem Eingangsbeispiel mit dem Flugverkehr, das meiner Meinung nach häufig zu verkürzenden Fehlaussagen führt: Man bemüht sich bei einer statistischen Auswertung, alle Faktoren außer den gerade interessierenden herauszurechnen, völlig unabhängig davon, ob das sinnvoll ist – also als ob man genau an der einen Stellschraube drehen kann, ohne dabei andere mit zu beeinflussen.

Für Menschen gibt es nämlich auch für die genau entgegengesetzten Aussagen Studien. Hier zum Beispiel liest man:

Bewegung lässt leicht Fettleibige im Schnitt länger leben als normalgewichtige und völlig inaktive Menschen. Das ist das Ergebnis einer Studie, für die skandinavische und US-Forscher Daten aus sechs Untersuchungen mit mehr als 650.000 Teilnehmern im Alter von 21 bis 90 Jahren analysiert haben.

Die Wissenschaftler unterstreichen darin den positiven Effekt selbst von leichter körperlicher Betätigung. Wer beispielsweise wöchentlich rund 75 Minuten zügig gehe, steigere seine Lebenserwartung im Schnitt um 1,8 Jahre, heißt es im Fachjournal „PLoS Medicine“.

Und in dem Artikel wird gleich noch zu einem weiteren verlinkt, in dem man lesen kann:

Hierzulande haben die Molligen mit einem Body-Mass-Index von 27 (78 Kilogramm bei 1,70 Meter) eine längere Lebenserwartung als die Schlaksigen, sagt Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser. Auch Peters bestätigt: Dicksein ist die beste Art der Stressbewältigung und kann so lebensverlängernd wirken.

Ein noch komplizierteres Beispiel ist die Mammographie als Vorsorgeuntersuchung gegen Brustkrebs. Hier findet sich ein längerer Artikel, in dem Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen werden. Ein wichtiger Abschnitt:

Durch Früherkennung wird Brustkrebs eher erkannt. Dies hat jedoch nur dann einen Vorteil, wenn die Behandlung in diesem Stadium den Tod durch Brustkrebs verhindern kann. Spontan denkt man, dies sei logisch und wird meist der Fall sein.

Auch etwas anderes könnte der Fall sein. Frauen, bei denen früh Brustkrebs diagnostiziert wurde, und deren Lebenerwartung sich dadurch nicht verbessert hat, müssen länger als Krebspatientinnen leben, was in der Regel zu einer schlechteren Lebensqualität führt: z. B. durch Lymphödem, bestrahlte Brust oder gar Brustverlust.

Oder auch: es wird Brustkrebs gefunden, der lebenslang stumm geblieben wäre. Die Frau wird nur durch die Früherkennung zur „Krebspatientin“.

Wichtige Gesichtspunkte. In dasselbe Horn stößt eine andere Studie, die ich jetzt leider nicht wiedergefunden habe. In dieser Studie wurde berechnet, dass nach Mammographien 13 Frauen (von wie vielen weiß ich nicht mehr) durch Untersuchung und Behandlung das Leben gerettet wurde, aber 14 an den Folgen der Operationen gestorben sind – hier wäre das so gewonnene statistische Fazit sogar negativ.

Aber kann man die Toten durch die Operationen der zuvor durchgeführten Mammographie anlasten oder müsste nicht in jedem einzelnen Fall nach den konkreten Ursachen geforscht werden?

Sowieso beißen sich in diesem Fall die Erkenntnisse mit denen wieder anderer Studien, die für Menschen, die regelmäßig an Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen, eine höhere Lebenserwartung gefunden haben. Eine Hypothese ist, dass die Lebensverlängerung nicht unmittelbar die Folge der Vorsorgeuntersuchungen ist, sondern regelmäßig beim Arzt erscheinende Menschen insgesamt achtsamer mit sich selbst umgehen und gesundheitsbewusster leben. Eine denkbare Frage also wäre: Haben die Vorsorgeuntersuchungen einen Placeboeffekt, der nützlich ist – über den medizinisch nachweisbaren Nutzen der Maßnahmen selbst? Nur bekommt man eine solche Frage schwer in das Schema einer evidenzbasierten Doppelblindstudie gepresst.

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