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Timeshift

Schon seit Wochen waren wir mit unserem Team in diesem Teil des Dschungels. Wir wollten seltene Zwergäffchen in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten. Manfred lief vor mir, um den Weg mit der Machete freizuschlagen, als es über ihm raschelte. Ich sah die grüne Boomslang zuerst und rief ihm zu: „Nicht bewegen, da ist eine Schlange neben dir im Gebüsch!“ Manfred erstarrte auf der Stelle, die Hand mit der Machete erhoben. Die Schlange kroch langsam weiter durch die Blätter, vielleicht einen halben Meter von seinem Kopf entfernt. Ich sah wie Manfreds Arm zitterte. Wenn man die Machete so halten muss, wird sie allmählich höllisch schwer.

Plötzlich knackte ganz in der Nähe ein Zweig, wahrscheinlich war ein kleineres Tier, das wir nicht sehen konnten, unmittelbar neben dem Weg im Unterholz unterwegs. Manfred erschrak und konnte seinen Arm nicht mehr ruhig halten. Ob die Schlange das Geräusch ebenfalls gehört hatte, weiß ich nicht, aber Manfreds Bewegung war ihr jedenfalls nicht entgangen. Sie fuhr herum und biss in den erhobenen Arm, mit dem Manfred die Machete hielt. Mit einem Schreckenschrei schüttelte Manfred die Schlange ab, sie fiel zischend auf den Boden und drehte sich augenblicklich um. Doch Manfred war schneller als sie, mit der Machete hieb er auf sie ein. Nachdem er sie in Stücke gehackt hatte, lies er die Machete fallen und sah auf seinen Arm. „Scheiße!“

Inzwischen war ich zu ihm gestürzt, wir starrten auf die winzigen blassgelben Tröpfchen an den Stellen, wo die Schlange ihre Giftzähnen in Manfreds Arm geschlagen hatte. Gemeinsam banden wir den Arm ab, ich ritzte etwas unterhalb die Haut auf und dann ließen wir reichlich Blut auf den Waldboden tropfen. Manfred hatte sich inzwischen beruhigt und sagte: „Wir sollten schleunigst zurück ins Lager, damit ich das Gegengift nehmen kann.

Im Lager angekommen, durchwühlte ich den Medikamentenkoffer. Gottseidank waren darin noch einige wenige Ampullen des Medikaments enthalten, von denen Manfreds Leben jetzt abhing. Ich gab ihm die erste Spritze. Da Manfred sich sehr schwach fühlte, blieb er im Zelt, während ich zu den anderen ins Gemeinschaftszelt ging. Dort diskutierten wir den Fall und aßen Abendbrot, Manfreds Essen brachte ich ihm vorbei. In den folgenden Tagen blieb er den ganzen Tag allein im Zelt, während alle anderen ihren gewohnten Arbeiten nachgingen.

Ich verabreichte Manfred jeden Morgen und Abend eine weitere Ampulle mit dem Gegenmittel, aber er fühlte sich immer noch sehr schwach. Ich rechnete nach, das Medikament sollte gerade reichen, bis in knapp zwei Wochen unsere Ablösung kommen würde. Am Abreisetag eilte ich mit den anderen zu der Lichtung, die wir mühsam freigeräumt hatten, damit der Hubschrauber landen konnte. Gemeinsam mit den anderen sollte auch ein Arzt zu uns in den Dschungel kommen. „Können Sie mich mal kurz in mein Zelt begleiten“, bat ich ihn, kaum dass die Neuen gelandet und ausgestiegen waren, „in meinem Zelt liegt Manfred, der von einer Baumschlange gebissen worden und bis jetzt noch nicht so richtig auf die Beine gekommen ist.“

Der Arzt nahm seinen Koffer mit den Medikamenten. Auch die anderen hatten bei meinen Worten überrascht aufgeschaut, so als ob sie zum ersten Mal von Manfreds Erkrankung gehört hätten. Sie folgten dem Arzt und mir. In der Nähe unseres Zeltes machte sich ein süßlicher Duft bemerkbar. Als der Arzt den Vorhang am Eingang zurückklappte, schlug uns eine feuchte Wolke entgegen, auch eine Menge Fliegen entwichen ins Freie. Entgeistert starrten wir alle auf Manfreds Liege. Der Arzt war zunächst sprachlos, dann wandte er sich zu den anderen und zu mir: „Kann mir das mal einer erklären, dieser Mann ist seit mindestens einer Woche tot, er ist ja schon ganz verwest und voller Maden. Wie kann man denn das so lange nicht bemerkt haben?“

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