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Tiere, die man essen will, bekommen keine Namen

Ein Bekannter wohnt mit seiner Frau und seinen Kindern in einem alten Haus mit einem großen und im Winter kalten Treppenhaus. Das Fenster dort bleibt in der kalten Jahreszeit immer geschlossen. In einer Ecke hat sich eine große fette Spinne eingenistet. Für meinen Bekannten ist das kein Problem, Spinnen sind nützliche Tiere. Auch seine Frau ist keine Arachnophobikerin und nicht vom Putzteufel besessen. Nur ihr Sohn hat sich vor der Spinne gefürchtet. Allein durchs Treppenhaus zu gehen, war nicht mehr möglich, nachdem er das Tierchen entdeckt hatte. Ich weiß nicht, wer zuerst auf den Gedanken kam, der Spinne einen Namen zu geben. Auf jeden Fall ist der Kleine seitdem wie ausgewechselt. Früh am Morgen stürzt er als erstes zu diesem Fenster, um zu sehen, wie es Hugo geht, und ob die Jagd in der Nacht erfolgreich war. Die von der Spinne gefressenen namenlosen Fliegen bekümmern ihn dagegen nicht.

Wenn Eltern mit ihren Kindern im Zooladen ein Kuscheltier kaufen, erhält dieses als erstes einen Namen. Kommt Besuch, dem die Neuerwerbungen stolz präsentiert werden, lautet die erste Frage meist: „Wie heißt es denn?” Tiere, die mit einem eigenen Namen versehen wurden, wechseln ganz automatisch von Objekten zu Subjekten und können sich unserer lebenslangen Aufmerksamkeit und Fürsorge sicher sein. Hirsch Heinrich, Biene Maja und Weinachtsgans Auguste stützen ebenfalls diese These. Es gibt nur wenige Tiere, die es ohne eigene Namen zu Berühmtheit brachten, weil sie als Gruppe auftraten: Die sieben Geißlein, die Bremer Stadtmusikanten.

Vor Jahren hatte ein Bekannter für Weihnachten einen lebenden Karpfen gekauft und für eine Woche in seiner Badewanne einquartiert. Die Kinder kümmerten sich um den Fisch, er wurde sogar gefüttert und – er wurde Alfred genannt. Zu Weihnachten haben sie ihn wieder in den Teich gesetzt. Der Gedanke an eine Tischkonversation ala „Reich mir doch noch ein Stück von unserem köstlichen Alfred herüber!” hatte nicht nur den Kindern den Appetit verdorben.

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