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Thomas Grüter: Klüger als wir? Auf dem Weg zur Hyperintelligenz

In seinem Buch behandelt Grüter alle Aspekte des Themas „menschliche und künstliche Intelligenz“. Folgerichtig beginnt das Buch mit mehreren Abschnitten, in denen zunächst geklärt werden soll, was menschliche Intelligenz überhaupt ist, wie man sie misst, wo man sie im Körper findet und was sie uns nützt. Es stellt sich heraus, dass es zu keiner dieser Fragen endgültige und abschließende Antworten gibt. Nicht einmal der folgenden Definition von Intelligenz stimmen alle an diesem Thema arbeitenden Wissenschaftler zu:

Am 13. Dezember 1994 veröffentlichten 52 Intelligenzforscher im Wall Street Journal unter dem Titel „Mainstream Science on Intelligence“ eine Stellungnahme zur Intelligenzforschung, die folgende Definition enthält:

„[Intelligenz ist] eine sehr allgemeine geistige Kapazität, die unter anderem die Fähigkeit zum logischen Denken, Planen, Problemlösen, abstrakten Denken, Verstehen von komplexen Ideen, schnellen Lernen und Lernen aus Erfahrung einschließt. Es ist kein reines Bücherwissen, keine akademische Sonderbegabung oder testorientiertes Spezialtraining. Es ist vielmehr eine breite und tiefe Fähigkeit zum Verständnis unserer Umgebung – ‚begreifen‘, ‚einen Sinnzusammenhang verstehen‘ oder ‚herausfinden, was zu tun ist‘.“

Und zur Intelligenzmessung:

„Die so definierte Intelligenz kann gemessen werden, und Intelligenztests messen sie gut. Sie zählen zu den genauesten psychologischen Tests (technisch gesprochen haben sie eine hohe Reliabilität und Validität). Sie messen nicht die Kreativität, den Charakter, die Persönlichkeit oder andere wichtige Unterschiede zwischen einzelnen Menschen und sind dafür auch nicht vorgesehen. Obwohl es unterschiedliche Arten von Intelligenztests gibt, messen doch alle dieselbe Intelligenz.“

Über diese Themen habe ich mir auch seit langem meine eigenen Gedanken gemacht und bin häufig über den Widerspruch gestolpert, dass mein Eindruck eines intelligenten Menschen nicht mit den offiziellen Ergebnissen von IQ-Tests übereinstimmt. (Ich kenne ziemlich viele Menschen, die derartige Tests mit guten Ergebnissen absolviert haben. Einige würde ich nicht als besonders intelligent bezeichnen.) Grüters Buch inspiriert mich dazu, im Folgenden meine eigene „Theorie“ zum Begriff der Intelligenz zu skizzieren.

Aber zunächst kurz zum weiteren Inhalt des Buchs. Nachdem Grüter in den ersten Kapiteln klargestellt hat, dass es keine allgemein akzeptierte Definition des Intelligenzbegriffs gibt, hat man auch kein eindeutiges biologisches Pendant für Intelligenz gefunden. Weder die menschliche Anatomie, noch physiologische Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen und auch nicht die Hirnchemie liefern korrelative, geschweige denn kausale Zusammenhänge. Folgerichtig laufen auch alle Versuche zu einer Verbesserung der menschlichen Intelligenz des Einzelnen ins Leere. Am klarsten ist das an verschiedenen Medikamenten zu zeigen, die für die Steigerung mentaler Fähigkeiten beworben werden. Keins von ihnen wirkt besser als ein paar Tassen starker Kaffee – nur die Nebenwirkungen sind beträchtlich größer, entweder schon bei ihrer Einnahme oder wenigstens nach dem unvermeidlichen Absetzen.

In einem weiteren Abschnitt werden dann technische Mittel diskutiert, die als Mensch-Maschine-Schnittstelle dienen könnten. Heute bereits existierende Geräte sind Cochlea-Implantate für die Wiederherstellung des Hör- und Retina-Implantate für das Sehvermögen. Auch über die tiefe Hirnstimulation wird gesprochen, die manchen Parkinson-Patienten hilft. Diese Beispiele zeigen, welche enormen Schwierigkeiten es gibt, wenn zwei so vollkommen verschiedene Welten wie (Elektro-)Technik und Biologie miteinander gekoppelt werden sollen.

Im letzten Sachkapitel geht es um verschiedene Formen künstlicher Intelligenzen. Hier werden vergangene und gegenwärtige Prognosen dem aktuellen Stand gegenüber gestellt, natürlich kommt Ray Kurzweil mit seinen Upload-Vorstellungen zu Wort und natürlich werden auch die Befürchtungen diskutiert, die immer dann hochkochen, wenn behauptet wird, zukünftige künstliche Superintelligenzen könnten die Menschen als entbehrlich ansehen und deshalb eliminieren. – Keine der dafür notwendigen Voraussetzungen ist in absehbarer Zeit erfüllbar.

Fazit: Ein sehr lesenswertes Buch eines ausgesprochen realistisch denkenden Autors, der die gesamte Bandbreite des Themas mit seinem Buch abgedeckt hat.


Aber nun zu meinen eigenen Überlegungen zum Intelligenzbegriff. Was einem als erstes auffällt, ist die operationale Definition in der Wissenschaft, die in dem Bonmot gipfelt, „Intelligenz ist das, was der Intelligenztest misst“. Nun ist zwar inzwischen bekannt, dass hier eine Eigenschaft gemessen wird, die für eine Person in seiner gesamten Lebenszeit recht konstant bleibt und die einigermaßen gut die bestmöglichen Zensuren vorhersagt, die der Betreffende unter optimalen Bedingungen in der Schule bekommen kann, aber die sich dennoch nicht mit dem subjektiven Eindruck deckt, den man erhält, wenn man mit dem Betreffenden kommuniziert. Was also ist vorzuziehen: Die Verwendung in einem Kontext, in dem sich eine Eigenschaft gut messen lässt, oder eine Verwendung, die eher Alltagsaspekten Rechnung trägt? Vielleicht braucht man ja auch beides parallel!?

Müsste ich „Intelligenz“ in einem Satz definieren, dann vieleicht so: „Intelligenz ist die Bezeichnung für die Gesamtheit der kognitiven Fähigkeiten eines Menschen.“ Kognition ist hierbei ein Wort, dass nur für eine ganz bestimmte Gruppe informationsverarbeitender Prozesse im Gehirn steht – streng genommen sind ja alle Vorgänge im Gehirn und sogar im gesamten Körper „informationsverarbeitend“. Also nach welchen Kriterien beurteile ich die Intelligenz eines Menschen?

1. Auffassungsgabe: Wie schnell kann ein Mensch das Wesentliche aus Gesehenem, Gehörtem oder Gelesenem erfassen? Wie schnell erschließt er sich Zusammenhänge und kann eigene Schlüsse ziehen?

2. Merkfähigkeit: Wie viele Details aus Gesehenem, Gehörtem oder Gelesenem kann er in seinem Kurz- und Mittelzeitgedächtnis behalten, um sie wie im ersten Punkt beschrieben zu verknüpfen?

Diese ersten beiden Punkte sind das, was den Inhalt der üblichen IQ-Tests ausmacht. Diese wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfunden, um die Schulfähigkeit von Kindern zu prüfen. Tatsächlich ist die Korrelation dieser Tests zu Schulnoten sehr hoch. Aktuelle Theorien zur Intelligenz vermuten auch, dass Intelligenz unmittelbar von der Kapazität des sogenannten „Arbeitsgedächtnisses“ bestimmt wird, was direkt auf diese beiden Punkte verweist. Aber um von einem Gegenüber den Eindruck zu gewinnen, er sei sehr intelligent, reichen sie nicht aus.

3. Kreativität: In den meisten Intelligenztheorien wird Kreativität als getrennt von Intelligenz betrachtet, aber die Argumente dafür leuchten mir nicht ein. Ob die Lösung für ein Problem als neu und damit als kreativ angesehen wird, hängt von der Wissensverteilung ab: Kennt zuvor niemand diese Lösung, dann gilt sie als kreativ, kennt der Proband sie nicht, aber viele andere, dann gilt sie bestenfalls als intelligent, manchmal auch bloß als Abruf von bekanntem Wissen.

Zwei charakteristische Beispiele:

  1. Ein Bus ist unter einer Brücke stecken geblieben. Wie bekommt man ihn wieder flott? Indem man die Luft aus den Reifen ablässt. Der, der die Aufgabe erfunden hat, gilt als kreativ. Wer sie zum ersten Mal hört und auf die Lösung kommt, gilt als intelligent. Wer sich die lösung nach dem ersten Mal merkt und sich später daran erinnert, hat bloß noch ein gutes Gedächtnis.
  2. Aus einer Fernsehsendung zum Thema Intelligenz und Kreativität: In eine leere Flasche wurde ein Korken hinein gedrückt, so dass er sich vollständig darin befindet und herumklappert. Wie bekommt man ihn heraus? Man fädelt ein kleines Stoffläppchen in die Flaschenöffnung, schüttelt den Korken darauf und kann ihn herausziehen, weil die Reibung zwischen Lappen und Korken größer als zwischen Glas und Korken ist.

4. Empathie: Ein großer Teil unserer kognitiven Fähigkeiten muss sich auf das Erkennen des Zustandes anderer Menschen und unsere Reaktionen darauf beziehen, denn andere Menschen bilden den wichtigsten Bestandteil unserer Umwelt. Der Begriff der Empathie trifft es trotzdem nicht ganz, denn für mich zählt auch das genaue Verstehen des eigenen Zustandes dazu, sowie das Verständnis unserer eigenen Wirkung auf andere.

Die operationale Definition von Intelligenz in der Wissenschaft schließt Empathie kategorisch aus. Ich halte sie aber für unverzichtbar. Grüter schreibt in seinem Buch bezüglich der Möglichkeit künstlicher Intelligenzen, dass diese ohne Emotionen schwer vorstellbar sind, denn diese sind Ausweis von Intentionalität, also dem Verfolgen von eigenen Zielen.

Diese vier Punkte (Auffassungsgabe, Merkfähigkeit, Kreativität und Empathie) könnte man, um einen bekannten Begriff in Intelligenztheorien zu verwenden, als fluide Intelligenz bezeichnen, denn sie bezeichnen Verlaufsqualitäten unserer kognitiven Fähigkeiten. Die beiden folgenden Aspekte sind demgegenüber mehr kristallin, d.h. über längere Zeiträume angeeignet und Resultat von Lebenserfahrung:

5. Wissen: Wenn man sich mit jemandem unterhält, dann trägt zu einem interessanten Gespräch und zu dem Eindruck eines intelligenten Gegenübers nicht bloß dessen schnelle Auffassungsgabe, sondern auch dessen Wissen bei. Und dieses ist gewissermaßen der Ausweis der Anwendung seiner fluiden Intelligenz in der Vergangenheit.

6. Sozialkompetenz: Jeder Mensch ist nicht bloß in verschiedenen Lebensphasen, sondern meist sogar an nur an einem einzigen Tag in verschiedenen Rollen gefragt: Als Elter, Kind, Partner, Vorgesetzter, Unterstellter, Freund, Vereinsmitglied, usw. Meine Überzeugung: Je besser und sicherer man in verschiedensten Rollen agieren kann, desto intelligenter ist man.

Schaut man sich die verschiedenen Eigenschaften an und vergleicht sie miteinander, dann findet man ein gewisses Maß an Überlappung zwischen ihnen. Zunächst ist natürlich klar, dass ein gewisses Maß der fluiden Komponenten notwendig ist, um ein hohes Maß der kristallinen zu erreichen, aber auch innerhalb der Bereiche findet man Korrelationen. Dass eine gute Auffassungsgabe gleichzeitig die Kreativität fördert, sollten die zwei Beispiele verdeutlichen. Und auch dass Wissen für Sozialkompetenz notwendig ist, dürfte unstrittig sein.

Während der Zusammenhang zwischen dem IQ und den Schulnoten empirisch-statistisch gut nachgewiesen werden kann, gilt das ganz allgemein für das, was man als Lebenserfolg oder als Glück bezeichnet, nicht. – Wie misst man Glück? – Vor allem in den USA hat man statistisch einen Zusammenhang zwischen IQ und Einkommen nachgewiesen. Wie Grüter in seinem Buch schreibt, ist das wenig verwunderlich, denn die Einstellungstest an den Universitäten und bei vielen Unternehmen sind IQ-Tests. Man hat hier also quasi self fulfilling prophecies.

Ich hatte das bereits vor einiger Zeit bei Malcolm Gladwell gelesen, dass sich die statistischen Zusammenhänge oberhalb einer gewissen Schwelle verlieren. Unter sonst gleichen Umständen zählen dann bisher nicht berücksichtigte und vor allem psychometrisch kaum quantifizierbare Persönlichkeitsmerkmale wie Ehrgeiz, Fleiß und Selbstdisziplin. Dazu kommen vom Einzelnen schwer zu beeinflussende Dinge, wie seine Lebensumstände (soziale Herkunft!), Freunde, Verwandte, die eigene Gesundheit und vor allem der reine Zufall, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein – oder eben auch nicht. C’est la vie.

  1. 11. Oktober 2014, 19:04 | #1

    „Der Begriff der Empathie trifft es trotzdem nicht ganz, denn für mich zählt auch das genaue Verstehen des eigenen Zustandes dazu, sowie das Verständnis unserer eigenen Wirkung auf andere.“

    Vielleicht beschreibt der Begriff der sozialen / emotionalen Intelligenz das was du meinst ja besser:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Emotionale_Intelligenz

    Gruß!