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Testosteron und Lebenserwartung

Ein schönes praktisches Beispiel, wozu die Beschäftigung mit Argumentationsfehlern gut ist, liefert das Thema „Testosteron und Lebenserwartung“. Gibt man diese beiden Stichworte in Google ein, dann wird man mit einer Vielzahl von Links zugeschüttet. Die erste Gruppe bezieht sich auf eine Studie, die das Leben koreanischer Eunuchen in der Joseon-Dynastie von 1392-1897 untersucht hat:

Die (feministische) TAZ lockert das Thema noch mit einem launigen Bild auf

und untertitelt dieses:

Mit diesen Hoden wird der Zuchtstier sicher nicht besonders alt.

In den angegebenen Artikeln beschränken sich Focus Online, N-TV, Die Welt und T-Online darauf, einen bei allen weitgehend gleichen Text zu publizieren, die TAZ formuliert ihn wenigstens ein bisschen um. Hier die Quintessenz der Artikel:

Eine Studie über koreanische Eunuchen hat Wissenschaftlern neue Hinweise auf die Frage beschert, warum Frauen im Durchschnitt länger leben als Männer. Der am Montag in der Fachzeitschrift „Current Biology“ veröffentlichten Untersuchung zufolge könnte das frühere Ableben der Männer mit dem Sexualhormon Testosteron zusammenhängen.

„Testosteron ist dafür bekannt, das Risiko von Herzkrankheiten zu erhöhen und das Immunsystem der Männer zu schwächen“, sagte der Autor der Studie, Kyung Jin Min, von der Universität Inha in Südkorea.

Die Untersuchung verglich historische Daten zur Lebensdauer von Adeligen der koreanischen Joseon-Dynastie (1392-1897) mit denen von Eunuchen am koreanischen Hof. Während die meisten Männer mit Ende 40 oder Anfang 50 starben, lebten die Eunuchen oftmals bis in das hohe Alter von 70 Jahren.

Durch die Kastration sei bei den Eunuchen der Testosteronspiegel deutlich gesenkt worden, hieß es in der Studie. Aus der Tierwelt sei bereits bekannt, dass die Entfernung der Hoden die Lebenserwartung von Männchen erhöhe.

Interessanterweise findet man im Netz aber auch Artikel, die das genaue Gegenteil behaupten:

In Receptura liest man:

Laut einer Untersuchung … sterben Männer, deren Blut eine niedrigere Konzentration des Sexualhormons Testosteron aufweist, früher.

Insgesamt 1954 Männer im Alter von 29 bis 79 Jahren beobachteten die Forscher in einer auf sieben Jahre angelegten Bevölkerungsstudie in Vorpommern. Im Laufe dieser Zeit verstarben 195 Mitglieder der Gruppe. Die meisten hiervon fielen schon bei der Anfangsuntersuchung durch einen – gemessen am für ihr Alter gültigen Durchschnittswert – zu niedrigen Testosteronspiegel auf.

Für die Forscher, die ihre Ergebnisse im „European Heart Journal“ veröffentlichten, steht damit fest, dass es einen Zusammenhang zwischen Testosteronspiegel und Sterblichkeit bei Männern gibt. Allerdings stehe noch nicht fest, ob der niedrige Testosteronspiegel selbst zum früheren Ableben beiträgt oder ob er lediglich ein Symptom für andere Stoffwechselprobleme darstellt.

Und in der Ärztezeitung:

Männer mit niedrigen Testosteron-Werten haben oft zu viel Bauchfett – und eine verkürzte Lebenserwartung. Ob eine Testosteron-Substitution das Leben verlängert, ist aber noch unklar.

Zu wenig Testosteron, zu viel Bauchfett und möglicherweise schon ein Metabolisches Syndrom – wo diese Faktoren zusammentreffen, ist die Lebenserwartung deutlich reduziert. Das geht aus einer Studie mit knapp 800 Männern hervor, die über 18 Jahre hinweg beobachtet wurden. 583 starben in dieser Zeit. Die Sterberate bei den Männern, die zu Beginn einen erniedrigten Testosteron-Spiegel hatten, war um ein Drittel höher als bei Männern mit normalen Testosteron-Werten.

Die erhöhte Sterberate war in der Studie unabhängig von Faktoren wie Diabetes, KHK, körperliche Aktivität und Lebensstil. Es fiel jedoch auf, dass viele der Männer mit niedrigen Testosteron-Werten zugleich einen erhöhten Bauchumfang (ein Maß für das besonders atherogene Bauchfett) und ein Metabolisches Syndrom hatten – und zwar dreimal häufiger als Männer mit normalen Werten. Ob bei solchen Männern eine Testosteron-Therapie hilft, das Leben zu verlängern, soll nun in Studien geklärt werden.

Von den eingangs verlinkten „Eunuchen“-Artikeln wird allein von dem Redakteur Shari Langemak in der Berliner Morgenpost noch ein bisschen weiter recherchiert und nachgedacht. Er (oder sie?) schreibt:

Ein endgültiger Beweis ist diese Studie aber keinesfalls. Gerade in den letzten Jahren häufen sich die Hinweise, dass Testosteron vielmehr ein Lebenselixier ist. Männer, die im Alter einen Mangel an Testosteron haben, erleiden häufiger Depressionen, Knochenbrüche, Muskelschwund und Diabetes. Zu dieser Erkenntnis gelangten Forscher der University of California im kalifornischen La Jolla.

„Der kranke Körper produziert in der Regel weniger Testosteron als der gesunde. Ob ein frühzeitiger Tod auf den niedrigen Testosteronspiegel – oder nicht eher auf die Grunderkrankung zurückzuführen ist – bleibt bei vielen Untersuchungen nach wie vor unklar“, erklärt der Experte. Wenn es unklar bleibt, ob Testosteron gut oder schlecht für die Gesundheit ist, könnte man eine dritte These aufstellen: Das Hormon hat keinen Einfluss auf die Lebenserwartung von Männern. Es gibt tatsächlich eine Studie, die dies nahelegt.

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Eberhard Nieschlag, Schlatts Vorgänger am Centrum für Reproduktionsmedizin, hat bereits lange vor den Südkoreanern die Lebenserwartung von kastrierten Chorsängern untersucht. Für seine zahlreichen Beiträge zu Testosteronforschung ist er in diesem Jahr von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie ausgezeichnet worden. Nieschlags Studie fand jedenfalls keinen Überlebensvorteil – weder für kastrierte noch für nicht kastrierte Sänger. Die Männer aus beiden Gruppen wurden etwa gleich alt. „Wir waren damals selbst überrascht, dass wir keine Unterschiede in der Lebenserwartung gefunden haben“, sagt Nieschlag.

Zwei sehr ähnliche Studien liefern also völlig andere Ergebnisse. Wie kann das sein? Der Experte erklärt, dass die beiden Untersuchungen nur auf dem ersten Blick ähnlich seien. So seien die koreanischen Kastraten bereits vor dem großen Eingriff gesünder als die deutschen gewesen. „Die Koreaner wurden erst im Erwachsenenalter kastriert“, so Nieschlag, „und nur fitte Männer überlebten eine derartig blutige Operation.“

Darüber hinaus hätten sie einen weiteren Überlebensvorteil gegenüber der Vergleichsgruppe besessen: Die Eunuchen am Hof hätten einen hohen Lebensstandard genossen und seien nicht in kriegerische Aktivitäten verwickelt gewesen. „Ich halte es für falsch, ihre Lebenserwartung einfach mit jener der Allgemeinbevölkerung oder übriger Höflinge zu vergleichen, wie es die südkoreanischen Forscher getan haben.“

Dagegen hatte Nieschlag zwei wirklich ähnliche Gruppen miteinander verglichen: Chorsänger mit und ohne Testosteron-produzierende Hoden. „Beide Studiengruppen hatten sehr ähnliche Lebensbedingungen, insbesondere den gleichen Beruf mit den selben Strapazen“, erläutert der Forscher.

Auch wenn sich über die Aussagekraft der südkoreanischen Studie trefflich streiten lässt, so bleibt doch ein Fakt: Frauen leben länger als Männer. Wenn das Testosteron unschuldig sein sollte, wer ist dann der Übeltäter? Möglichweise der Mann selbst, zumindest wenn er seinem klassischen Rollenverständnis folgt. „Die Lebenserwartung ist nicht nur von inneren, sondern maßgeblich auch von äußeren Faktoren abhängig. Männer ziehen in den Krieg, Männer bringen sich öfter um und Männer sind risikobereiter“, sagt Schlatt. All das führe eben dazu, dass Frauen im Mittel ein höheres Lebensalter als Männer erreichen.

Damit wäre das Testosteron aber doch nicht ganz unschuldig – schließlich scheint das Männlichkeitshormon riskantes Verhalten zu fördern. Doch hilflos seinem Hormonhaushalt ausgeliefert, ist der Mann auch nicht. Wer lange leben möchte, muss nicht auf seine Männlichkeit verzichten – sondern „nur“ auf Alkohol, Zigaretten, gefährliche Mutproben und die Scheu vor Vorsorgeuntersuchungen.

In MANNdat findet man hier einen Verweis auf die sogenannte „Klosterstudie“:

Die Tatsache, dass Frauen mittlerweile überall auf der Welt eine höhere Lebenserwartung als Männer aufweisen, wird zuweilen auf biologisch-genetische Ursachen zurückgeführt, dürfte ihre Ursache aber vor allem im unterschiedlichen Lebensstil von Männern und Frauen haben.

Für diese Theorie spricht eine Untersuchung, die Mark Luy, Demograf am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden, durchgeführt hat, die sogenannte Klosterstudie.

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„Luy analysierte die Sterbedaten von mehr als 11000 Nonnen und Mönchen in zwölf bayerischen Klöstern im Zeitraum von 1890 bis 1995. Er wollte klären, ob sich die Lebenserwartung von Nonnen und Mönchen im Kloster deutlich anders entwickelt als die der Frauen und Männer in der Gesamtbevölkerung. Denn ‘Klosterbewohner leben unter weitgehend identischen Verhältnissen. Umgebung, Tagesabläufe, Ernährung sind fast gleich’, erklärt Mark Luy.“ Das Ergebnis seiner Studie: Nonnen leben genauso lange wie andere Frauen. Mönche jedoch leben im Schnitt vier Jahre länger als „normale“ Männer und nur ein bis zwei Jahre kürzer als Nonnen. Für Luy bedeutet das: Die biologischen Unterschiede sind nicht so entscheidend, wie oft behauptet wird. (Berliner Zeitung vom 20.9.2003)

Doch nicht nur die persönlichen Lebensumstände, auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen beeinflussen die Lebensdauer der Geschlechter: „Grundsätzlich ist die Lebenserwartung einer Gruppe ein geeigneter Indikator für ihre Stellung im gesellschaftlichen Machtgefüge. Schwarze sterben in den USA sechs Jahre früher als Weiße, weil sie weniger Geld und weniger Einfluss auf ihre Situation haben. Ebenso ist hierzulande die Lebenserwartung eines Universitätsprofessors rund neun Jahre höher als die eines ungelernten Arbeiters. Man müsste schon bewusst die Augen verschließen, um nicht zu erkennen, was es bedeutet, dass der Preis für den Wohlstand und überhaupt das Funktionieren unserer Gesellschaft das Leben von Männern ist.“ (Arne Hoffmann: „Sind Frauen bessere Menschen?“, Berlin 2001, S.49)

Diese Klosterstudie ist auch in Form zweier PDFs im Netz verfügbar:

Meine Schlussfolgerungen:

  • Welchen kausalen Einfluss Testosteron auf die Lebenserwartung hat, ist weitgehend unklar, vermutlich aber gar keinen. Niedrige Testosteronwerte könnten eher die Folge anderer Erkrankungen sein als die Ursache von ihnen.
  • Die heutige Gesellschaft (und die der letzten paar tausend Jahre) wird scheinbar von Männern dominiert. Diese zahlen aber für diese Dominanz einen hohen Preis in Form von durchschnittlich fünf Lebensjahren im Vergleich mit den Frauen.
  • Es ist erschreckend, wie unreflektiert Redakteure von Mainstreammedien (Focus, Welt, N-TV, Taz) Nachrichten aus der Wissenschaft weitergeben, wie wenig sie recherchieren und wie wenig sie selbst nachdenken.
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