Tatort Gehirn

Bezüglich der Diskussion um den freien Willen habe ich meinen Standpunkt seit mehreren Jahren nicht mehr geändert. Ich stimme in dieser Hinsicht überein mit den Ansichten, wie sie z.B. Geert Keil und Michael Pauen vertreten. Überwiegend im deutschsprachigen Raum gibt es eine Reihe von Neurowissenschaftlern (u.a. Gerhard Roth und Wolf Singer), die aus ihren Erkenntnissen bei der Untersuchung der Arbeitsweise des menschlichen Gehirns schlussfolgern, dass Menschen über so etwas wie einen freien Willen eigentlich gar nicht verfügen (können). Jedem Beobachter ist klar, dass das einschneidende Konsequenzen für unser Rechtssystem haben würde.

In der Geo 10/2013 gibt es in dem Artikel „Tatort Gehirn“ einen Bericht über einen fiktiven Gerichtsprozess, der genau diese Konsequenzen illustriert. Der Verteidiger eines Mörders argumentiert so:

„Sehen Sie – in diesem Moment wird mein Mandant extremen Provokationen ausgesetzt“, sagt der Verteidiger. „Die Hirnregionen, mit denen normale Menschen Affekte kontrollieren, sind bei ihm aber kaum aktiv.“ Genau wie in der Tatnacht könne das Gehirn des Täters auch jetzt kaum seine Impulse unterdrücken. Ein dreidimensionaler DNS-Strang taucht auf dem Hologramm im Gerichtssaal auf; der Verteidiger kreist eine Region mit dem Stift ein: „Und hier sitzt die verantwortliche Genmutation: eine Art Behinderung, für die mein Mandant nichts kann. Er muss für schuldunfähig erklärt werden.“


Genau darum geht es bei dem Konzept des freien Willens: Unser heutiges Rechtssystem unterstellt bei jedem (gesunden und schuldfähigen) Menschen, dass er beim Treffen einer Entscheidung die Wahl hat – ob er ein Verbrechen begeht oder es nicht doch lieber lässt. Später muss er dann auch die Konsequenzen seiner Entscheidung tragen – und wird gegebenenfalls bestraft. Wenn Menschen aber keinen freien Willen haben, können sie für ihre Taten nicht verantwortlich gemacht werden.

In den oben verlinkten Rezensionen der Bücher von Geert Keil und Michael Pauen wird argumentiert, dass der freie Willen ein Konzept von Menschen als Personen ist und nichts mit der Beschaffenheit ihrer Gehirne zu tun hat. In dem Geo-Artikel wird jetzt aber eine interessante neue Argumentation aufgebaut, die die Leugner des freien Willens sogar auf ihrem eigenen Terrain schlägt. Der Staatsanwalt in dem fiktiven Prozess plädiert seinerseits:

„Hohes Gericht, Sie sehen um mich herum das Hirn des Angeklagten.“ Der Ankläger kreist zwei Areale ein, zoomt Synapsen heraus, greift noch tiefer in das Modell, bis DNS-Stränge zu sehen sind: „Viel zu lange sind wir den Argumenten von Neuro-Anwälten gefolgt, die schlimme Taten ihrer Mandanten mit Gehirnbildern rechtfertigten. Aber dabei verschweigen diese Anwälte uns etwas Wichtiges: Wir haben es, auch bei unserem Angeklagten hier, mit einem Menschen zu tun, der zu keiner Besserung in der Lage ist. Eben weil er von Natur aus schlecht ist.“

Der Staatsanwalt bricht ein Stück aus dem digitalen DNS-Modell und hält es drohend in die Luft. „Keine Biotechnologie kann heute etwas an diesem Stück Erbgut ändern, das den Angeklagten zum Verbrecher macht. Deshalb fordere ich lebenslange Sicherheitsverwahrung.“

Das ist eine paradoxe Konsequenz: Anstelle einer langjährigen Gefängnisstrafe blüht dem Betreffenden jetzt eine lebenslange Sicherheitsverwahrung. Wäre das besser? Und erinnert diese schöne neue Welt nicht zu sehr an die alte Welt der stalinistischen Zeit, in der Abweichler anstelle ins Gefängnis, wo sie als Personen noch über gewisse minimale Rechte verfügt hätten, stattdessen in psychiatrische Anstalten gesteckt worden sind, in der sie als Unzurechnungsfähige überhaupt nicht mehr als Personen respektiert mussten.

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