Archiv

Artikel Tagged ‘Sterbehilfe’

Ethikpreis an Paola Cavalieri und Peter Singer

4. Juni 2011 7 Kommentare

Gestern haben die italienische Philosophin Paola Cavalieri und der australische Philosoph Peter Singer den diesjährigen Ethikpreis der Giordano-Bruno-Stiftung für ihre Initiierung des Great Ape Project erhalten. Ziel dieses Projektes ist es, den großen Menschenaffen (Bonobos, Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans) weitergehende Rechte als bisher zu gewähren, u.a. das Recht auf Leben, den Schutz der individuellen Freiheit, das Verbot von Folter. Das impliziert eine Reihe weiterer Dinge, zum Beispiel das Verbot von Versuchen mit ihnen, die ihnen Leiden zufügen oder ihnen unnatürliche Lebensbedingungen zumuten.

Um die Positionen von Peter Singer gibt es seit langem Streit, eine kurze Einführung gibt es hier: Humanist oder Tötungsphilosoph? In dem Telepolisartikel wird auf einen älteren Artikel verwiesen: Schonung der Tiere, Euthanasie für schwer behinderte Kinder? Dort findet man u.a.:

Warum also gibt es Probleme mit ihm? Sie rühren vor allem daher, daß Singer die Meinung vertritt, auch schwerstbehinderte Neugeborene dürften unter strengen Einschränkungen zu ihrem eigenen Wohl getötet werden.

Diese Aufhebung des Tötungsverbotes wird durch die Infragestellung des Unterschieds zwischen einer passiven und aktiven Tötung begründet, denn vom Standpunkt des Konsequentialismus sind die Folgen der Einstellung von lebensverlängernden Maßnahmen und die einer schmerzlosen Tötung dieselben. Infragegestellt wird durch seinen Ansatz auch, warum es erlaubt sein soll, Föten bis kurz vor der Geburt abzutreiben, wenn sich eine schwere Behinderung etwa durch einen Gentest nachweisen läßt, und warum es verboten ist, Neugeborene zu töten, die entweder als Frühgeburt oder bis zu einem Lebensalter von einem Monat sich nicht von Föten unterscheiden.

Wenn man Abtreibung befürwortet, dann wird für ihn die Grenzziehung zwischen Fötus und Neugeborenem willkürlich. Deswegen will Singer nur das personale Leben als heilig anerkennen, was aber dann auch Folgen für die Rechte von Tieren hat (Vergleiche hierzu das Buch von Peter Singer „Befreiung der Tiere“).

Mehr…

Wolfgang Prosinger: Tanner geht. Sterbehilfe – ein Mann plant seinen Tod

27. September 2009 Keine Kommentare

Bevor ich dieses Buch gelesen habe, wusste ich nicht, dass es im antiken Griechenland und in Rom bereits gesetzliche Regelungen für Sterbehilfe gab. Allerdings waren auch damals die Meinungen nicht einheitlich, Aristoteles lehnte sie ab, Seneca befürwortete sie. Senecas Argumente klingen auch heute noch modern:

»Wenn der eine Tod unter Qualen, der andere einfach und leicht sich vollzieht, warum sollte diesem nicht die Hand nachhelfen dürfen? Wie ich ein Schiff auswählen werde, wenn ich in See gehen, und ein Haus, wenn ich wohnen will, so den Tod, wenn ich aus dem Leben gehen will.« Die Erlaubnis zum Suizid leitet Seneca – ähnlich wie die Stoiker – von der Zerstörungskraft des Schmerzes ab, der ein »sittliches« Leben nicht mehr möglich mache. »Das Leben braucht nicht unter allen Umständen festgehalten zu werden. Nicht nämlich ist zu leben ein Gut, sondern sittlich zu leben.«

Nach dem Siegeszug des Christentums war es mit diesen Gedanken erstmal vorbei, Suizid galt als schwere Sünde. Gottes Willen ist unerforschlich, also muss man Leiden als Bestandteil des Lebens akzeptieren. Letztlich entsteht so das Problem der Theodizee, denn warum lässt Gott Menschen leiden, die er doch angeblich liebt? Wenn Eltern ihre Kinder quälen oder Polizisten ihre Gefangenen, dann gilt das ja auch nicht als besonderer Ausweis ihrer Liebe. Wenn aber Gottes Willen hier falsch interpretiert wird, dann muss der Vorwurf des Sadismus an seine Exegeten weitergeleitet werden. Wenn jedoch Gott nicht existiert, dann liegt es allein in unserer Verantwortung, wie wir leben und wie wir sterben wollen.
Mehr…

Nicola Bardola: Schlemm

31. Dezember 2007 Keine Kommentare

Allein die Frage wäre zu beantworten, ob es sinnvoll ist, an die äußerste Grenze des Alters zu gelangen …, denn es ist ein großer Unterschied, ob jemand sein Leben oder sein Sterben verlängert. Warum sollten wir unseren Geist nicht aus einem zerfallenden Körper hinausführen dürfen? (Seneca)

Vor einigen Wochen habe ich an einer Lesung bzw. einem Diskussionsabend mit Nicola Bardola teilgenommen. Dieser beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Sterbehilfe. Den Beginn seiner Betroffenheit damit bildete der begleitete Freitod seiner Eltern, den er in dem Roman „Schlemm“ verarbeitet hat. In der Lesung hatte er sowohl den Roman als auch sein neues Sachbuch Der begleitete Freitod vorgestellt.

Hauptpersonen im Roman sind Paul (75) und Franca (71), die ein Paar sind, und beschlossen haben, gemeinsam zu sterben, und dabei die Hilfe einer Sterbehilfeorganisation in Anspruch nehmen wollen. Bei Paul ist Blasenkrebs diagnostiziert worden, er hat ohne ärztliche Behandlung nur noch wenige beschwerdefreie Monate zu leben, bei Franca ist es nicht so klar. Sie leidet unter diffusen Symptomen, weigert sich aber beharrlich zum Arzt zu gehen. Sie könnte durchaus gesund sein.
Mehr…

Diskussion zu Sterbehilfe

24. November 2007 Keine Kommentare

Am Donnerstag habe ich eine Lesung mit Nicola Bardola im Rahmen der Erfurter Herbstlese besucht. Bardola hat bis jetzt zwei Bücher veröffentlicht, die sich mit dem Thema Suizid beschäftigen. Zuerst erschien sein Roman Schlemm, in dem er den Freitod seiner Eltern thematisiert hat. (Aber Vorsicht vor einem beliebten Fehler: Ein Roman ist keine Biografie.) Nach Aussage von Bardola haben sich ihm beim Schreiben des Romans neue Fragen gestellt, deshalb ist jetzt ein zweites Buch von ihm erschienen, Der begleitete Freitod, ein Sachbuch.

Nicola Bardola ist Schweizer, der seit vielen Jahren in München lebt und arbeitet. In der Schweiz ist ein begleiteter Freitod legal, Ärzte dürfen ihren Patienten ein tödliches Barbiturat verschreiben. Die Patienten müssen das Mittel aber selbst einnehmen. In Deutschland ist diese Unterstützung nicht erlaubt. (Jeder weiß aber um die Grauzone, in der Ärzte auf eigenes Risiko anders handeln.) Die Regelungen im übrigen Europa sind sehr unterschiedlich. In den Niederlanden ist aktive Sterbehilfe legal, in Deutschland passive Sterbehilfe gängige Praxis, es dürfte zusätzlich noch eine Grauzone geben, weil sich bei vielen Krankheiten im Nachhinein nicht mehr feststellen lässt, ob die letzte Gabe eines starken Schmerzmittels kausal den Tod verursacht hat. In Ländern wie Spanien oder Italien sind alle Formen der Sterbehilfe verboten.
Mehr…