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Artikel Tagged ‘Selbst’

Der Geist ist ausbaufähig

27. November 2012 1 Kommentar

In Bild der Wissenschaft 10/2012 findet man ein Interview mit Holger Lyre. In diesem Text geht es um die Diskussion der Frage „Steckt Genialität nicht nur im Gehirn eines Menschen, sondern auch in seinen Hilfsmitteln wie Stift, Papier und Computer?“ Genau zu dieser Frage hatte ich unlängst schon einen Artikel gefunden: Externalismus. In dem neuen Artikel wird dieser Begriff des Externalismus durch den neuen Begriff der erweiterten Kognition ergänzt (siehe auch den Wikipediaartikel zum erweiterten Geist). Lyre sagt im Interview dazu:

Die These besagt, dass wir zum Denken mehr benötigen als unser Gehirn und unser Nervensystem.

Wenn ich ein Loch in den Boden grabe, dann kann ich das mit den Händen tun, und jeder wird sagen: „Das Loch hat dieser Mann gegraben.“ Wenn ich eine Schaufel verwende, dann würde man nicht sagen, das System „Mensch plus Schaufel“ habe das Loch gegraben. Sondern man würde sagen: „Es war immer noch dieser Mann, der das Loch gegraben hat, und er hat eine Schaufel zu Hilfe genommen.“ Das ist in meinen Augen auch richtig, denn Schaufeln sind keine Werkzeuge, mit denen ich eng verwoben bin, sondern solche, die ich manchmal zu Hilfe nehme und dann wieder zurückstelle. Dasselbe gilt im Prinzip für die Frage, wann etwas nur ein Werkzeug der Kognition ist und wann es mehr wird. Zuallererst kommt es darauf an, wie stark man mit dieser externen Komponente, also mit diesem Werkzeug, verkoppelt ist. Wenn die Kopplung sehr innig, sehr stabil, quasi unentwirrbar ist, dann kann man irgendwann sagen: „Die Kopplung ist jetzt so stark, dass diese Sache wirklich wesentlich dazugehört und ein Teil des Systems ist.“

Man kann sich heute noch darüber streiten, ob die Kopplungen an Google, Facebook oder das iPhone bereits so sind, dass man sie als „innig, sehr stabil und quasi unentwirrbar“ betrachtet, aber in der Zukunft werden sie es zweifellos sein. Als Analogien zur Kognition können heutige Beispiele aus Sport und Musik dienen:
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Die Suche nach dem Ich

20. Oktober 2012 1 Kommentar

„Die Suche nach dem Ich“ heißt das neue Heft Nr. 32 von Geo Kompakt. In zwei Artikeln habe ich dort Bemerkenswertes gefunden, das ich so noch nicht wusste bzw. über das ich so noch nicht nachgedacht hatte. Die erste Erkenntnis entstammt dem Artikel „Das Rätsel Ich“ ab Seite 64 des Heftes. Dort wird darüber berichtet, dass bis jetzt neun verschiedene Bewusstseinszustände gefunden wurden. Im Einzelnen wird im Artikel unterschieden zwischen:

Dazu gehören:

  • die Wahrnehmung von Vorgängen in der Umwelt und im eigenen Körper („Ich höre ein Geräusch, ich empfinde Schmerz, mich juckt etwas“);
  • mentale Zustände wie Denken, Erinnern, Vorstellen („Ich grübele über ein Problem, ich erinnere mich an einen Urlaub, ich überlege, was ich morgen machen werde“);
  • Bedürfnisse, Affekte, Emotionen („Ich habe Durst, ich bin erschöpft, ich ängstige mich“);
  • das Erleben der eigenen Identität und Kontinuität („Ich bin der, der ich gestern war“);
  • die sogenannte Meinigkeit des eigenen Körpers („Dies sind meine Beine, meine Hände, mein Gesicht“);
  • die Autorschaft und Kontrolle der eigenen Handlungen und Gedanken („Ich möchte das tun, was ich gerade tue“);
  • die Verortung des Selbst in Zeit und Raum („Es ist Ostermontag, ich befinde mich zu Hause“);
  • die Unterscheidung zwischen Realität und Vorstellung („Was ich gerade sehe, existiert wirklich und ist kein Traum“);
  • das selbstreflexive Ich („Wer bin ich, warum tue ich etwas?“).

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KategorienGehirn & Geist, Psychologie Tags:

Externalismus

22. Januar 2012 5 Kommentare

Bereits im Dezember habe ich eine Zeitschrift gekauft, „Hohe Luft“. Das ist die erste Ausgabe dieser Zeitschrift, die sich gern als neues philosophisches Magazin etablieren will. Ich stand im Zeitschriftenladen vor zwei Neuerscheinungen, warum ich mich für das eine und nicht für das andere entschieden habe, weiß ich nicht mehr. Die ersten Seiten mit einer Art von Textschnipseln fand ich nicht so prickelnd, aber die Hauptartikel haben es in sich, z.B. „Du sollst nicht lügen! Warum eigentlich nicht?“ oder „Wofür lohnt es sich zu leben?“ oder „Was ist eine Person?“. Was sich nach Zeitgeistklatsch anhört, hat aber sehr tiefe philosophische Wurzeln.

Am meisten beeindruckt hat mich der Artikel „Wohnt der Geist im iPhone?“ Hier wird eine Beobachtung diskutiert, die sicherlich vielen schon aufgefallen ist. Das Entstehen von Google & Co. hat die Art unseres Wissens bzw. Gedächtnisses verändert. Früher haben wir uns Dinge direkt gemerkt, heute nur noch, wo wir sie finden können. Das reicht völlig aus und de facto „wissen“ wir dadurch viel mehr als früher. Eine philosophische Strömung, der „Externalismus“, bringt diese Beobachtung in eine theoretische Form. Dazu ein originelles Beispiel aus dem Artikel:
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Neues aus der Hirnforschung

23. August 2011 1 Kommentar

Der Hirnforschung stehen heute immer mehr neue Auswertungsmethoden zur Verfügung, zum Beispiel die funktionelle Magnetresonanztomographie, kurz fMRT. Dabei werden im Wesentlichen die Ergebnisse früherer Untersuchungen zur Aufteilung des Gehirns bestätigt. Diese wurden meist dadurch gewonnen, dass man beim Ausfall bestimmter Fähigkeiten (Sehen, Hören, Sprechen, Riechen, Fühlen, Orientieren, sich Bewegen) post mortem festgestellt hat, dass Hirnareale z.B. durch Tumore oder Unfälle zerstört waren.

Eine kritische Anmerkung ist hier angebracht: Aus der Beobachtung, dass eine bestimmte Leistung nicht mehr erbracht werden kann, wenn ein Hirnareal zerstört wurde, kann man nicht schließen, dass es diese Aufgabe allein erfüllt. Es ist wahrscheinlich notwendig, aber nicht hinreichend.
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Wo befindet man sich, wenn man blind und taub ist?

18. Februar 2011 Keine Kommentare

Mit einem Kollegen habe ich gestern eine interessante Diskussion geführt. Ich konnte ihn recht schnell davon überzeugen, dass man sein Selbst als sich hinter den Augen befindliches Etwas empfindet. Das liegt nicht daran, dass sich dort das Gehirn befindet, sondern dass sich diese Stelle des Körpers nicht bewegt, wenn man den Kopf dreht, und das seine Position bezüglich der wichtigsten Sinnesorgane, Augen und Ohren, beibehält.

Das bleibt auch so, wenn man von anderen Körperteilen Rückmeldungen erhält. Schält man zum Beispiel eine Apfelsine, dann melden die Finger zwar haptische Reize, aber das Selbst schaut gewissermaßen dabei seinen eigenen Händen bei ihren Bewegungen zu.

Es gibt interessante Experimente bezüglich dieser Selbst-Erfahrung. Zum Beispiel hat man Menschen, die ihre Beine unter einem Tisch verborgen hatten, für sie unsichtbar auf ein Knie geklopft und gleichzeitig und synchron und für sie sichtbar auf den Tisch. Nach kurzer Zeit hatten sie die Empfindung, dass der Tisch zu ihrem Körper gehört. Bei einem anderen Experiment wurde einem Probanden für ihn selbst nicht sichtbar auf die Nase geklopft und gleichzeitig auf eine Säule, die vor ihm stand. Schnell hatte er die Empfindung, dass er die Säule ist und sich von dort selbst sehen kann.
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Reinhard Brandt: Können Tiere denken?

30. Juni 2009 Keine Kommentare

Das Buch beginnt mit den folgenden beiden Absätzen:

Wir Menschen leben in zwei Welten, die paradoxerweise zugleich eine sind. Das Tageslicht, die Gerüche aus dem Bäckerladen, die Hauswand, an der wir entlanggehen und die wir nicht durchschreiten können – diese unsere Lebenswelt unterscheidet sich zunächst nicht von der Umwelt des Hundes, der uns begleitet. Er nimmt sinnlich wahr wie wir; er erschrickt bei einem lauten Geräusch wie wir, beim Gang am Fluß wissen wir beide, daß das Wasser nicht begehbar ist, es sei denn im Winter, in dem wir gemeinsam frieren und uns nur zögernd aufs Eis wagen. Uns bewegt dieselbe freudige Erregung, wenn uns das Kind des Hauses entgegenkommt.

Zugleich gibt es für uns Menschen eine andere, dennoch identische Welt, von der die Tiere offenbar nichts wissen. Wir Menschen machen die Dinge zu Objekten der Erkenntnis; dieselbe Sonne, die sich im Tageslauf langsam von Osten nach Westen bewegt, steht, so erkennen wir, im Zentrum des Planetensystems, und unsere Erde dreht sich als Kugel um sich selbst. Wir spüren die Kälte, aber wir erkennen in ihr zugleich die Ursache der Vereisung des Flusses; kein Tier weiß, was eine Ursache ist, kein Tier kann sich wundern.

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Thomas Metzinger: Postbiotisches Bewusstsein

13. April 2009 Keine Kommentare

Gibt man in Google die Stichworte „Thomas Metzinger Postbiotisches Bewusstsein“ ein, dann wird man gleich mehrfach zu Seiten verlinkt, auf denen man den Text eines Vortrags findet, den er zum Thema „Postbiotisches Bewusstsein: Wie man ein künstliches Subjekt baut – und warum wir es nicht tun sollten“ gehalten hat. Eingangs seines Vortrags sagt er, dass der Turing-Test seiner Meinung nach nicht geeignet ist, ein bewusstes Wesen von einer einfachen, aufs Antworten programmierten Maschine zu unterscheiden. Er schlägt den „Metzinger-Test“ vor:

Ein wesentlich stärkerer und deshalb vielleicht besserer Test für phänomenales Bewusstsein ist der Metzinger-Test: Wir sollten ein System spätestens dann als bewusstes Objekt behandeln, wenn es uns gegenüber auf überzeugende Weise demonstriert, dass die philosophische Frage nach dem Bewusstsein für es selbst ein Problem geworden ist, zum Beispiel wenn es eine eigene Theorie des Bewusstseins vertritt, d.h., wenn es mit eigenen Argumenten in die Diskussion um künstliches Bewusstsein einzugreifen beginnt.

Bei diesem Test fallen 99.99% aller Menschen durch. 99% haben sich noch nie mit Fragen des Bewusstseins beschäftigt, und vom verbleibenden Prozent haben (mindestens) 99% keine eigene Theorie über das Bewusstsein aufgestellt, die sie gegenüber einem Theoretischen Philosophen wie Metzinger glaubwürdig vertreten könnten.
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Robert Oxnam: Ich bin Robert, Wanda und Bobby

23. Februar 2009 Keine Kommentare

Viele Menschen werden sich über die Kontextabhängigkeit ihres Verhaltens wenig Gedanken machen, aber wenn man sich selbst beobachtet, dann kann man sehr leicht feststellen, dass man in jeweils unterschiedlichen Situationen vollkommen anders agiert. Gegenüber seinem Partner, seinen Kindern, Freunden, Arbeitskollegen und völlig Fremden spricht und handelt man jeweils unterschiedlich. Wahrscheinlich fällt es einem aus zwei Gründen im Alltag so wenig auf:

  • Den meisten anderen Menschen begegnet man immer nur in einem einzigen Kontext, sie sind entweder Kind oder Freund oder Arbeitskollege oder Fremder. Das heißt, sie zeigen einem gegenüber immer ähnliches Verhalten.
  • Und, wahrscheinlich noch wichtiger, man hat selbst zu seinen eigenen Rollen in Form von Erinnerungen und Antizipationen stets einen weitgehend ungehinderten Zugang.

Früher hielt ich Schizophrenie für die Fachbezeichnung einer Bewusstseinsspaltung, heute weiß ich, dass das falsch ist. Aber auch dieser letzte Begriff wird heute nicht mehr verwendet, es heißt dissoziative Persönlichkeitsstörung. Robert Oxnam schildert in seinem Buch einen solchen Fall – es ist seine Lebensgeschichte.

Für Menschen mit einer gespaltenen Persönlichkeit sind die Pronomen „ich“ und „wir“ manchmal sehr verwirrend. Ich habe Ihnen erzählt, dass wir zwischenzeitlich zu elft waren. Heute sage ich Ihnen voller Stolz, dass wir die Anzahl in einem Integrationsprozess auf drei reduzieren konnten. Wir verbleibenden drei – Robert, Wanda und Bobby haben gemeinsam beschlossen, dieses Buch zu schreiben.

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Ode an die Freude

18. Januar 2009 Keine Kommentare

Die aktuelle SZ Wissen trägt den Titel „Zeitmaschine Gehirn“, folgerichtig findet man eine ganze Reihe von Artikeln zum Thema „Zeit“. Einer dieser Artikel enthält ein Interview mit dem Zeitforscher Hartmut Rosa. Viele seiner Aussagen kannte ich schon aus Büchern anderer Autoren, unter anderem aus Karlheinz A. Geißler: Vom Tempo der Welt und aus Fritz Reheis: Die Kreativität der Langsamkeit. Darunter das folgende Paradoxon:

Wenn ich spannende Dinge erlebe und die Zeit schneller vergeht, erscheint sie mir im Nachhinein lang. Ich diagnostiziere jedoch ein Phänomen, dass ich Fernsehparadox nenne: Beim Zappen etwa wechseln Zuschauer alle paar Sekunden das Programm. Dabei vergeht die Zeit wie im Flug. Man will vielleicht nur fünf Minuten gucken, am Schluss sind es zwei Stunden. Die Zeit ist dann zwar schnell vergangen, aber nach dem Ausschalten fällt sie sofort zusammen, es bleibt nichts zurück.

Oder etwas abstrakter formuliert: Je schneller die Zeit in der Gegenwart vergeht, umso langsamer wird sie in der Zukunft als dann vorgenommene Rückschau auf die Vergangenheit erscheinen. Wenn wir von elementaren Zeitgebern wie zum Beispiel dem Herzschlag im Körper einmal absehen, legen die erinnerbaren Ereignisse den Zeittakt fest. Unabhängig davon, in welcher Geschwindigkeit sie im Gehirn gespeichert werden, erfolgt ihr Abrufen später in einem festen, menschengemäßen Takt.

Allerdings funktioniert es auch nicht, seine Zeit beliebig dicht mit spannenden Unternehmungen vollzupacken, wie es viele versuchen, die ihr langweiliges Alltagsleben mit umso mehr Erlebnissen im Urlaub oder der Freizeit zu kompensieren versuchen.
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Jill B. Taylor: Mit einem Schlag

29. Dezember 2008 Keine Kommentare

Vor einem dreiviertel Jahr bin ich auf Jill Bolte Taylor aufmerksam geworden, die, als Neurowissenschaftlerin arbeitend, selbst einen Schlaganfall hatte, dabei am eigenen Leib beobachten konnte, wie Stück für Stück neuronale Funktionen ausfielen, und die danach etwa acht Jahre benötigt hat, um wieder vollständig gesund zu werden: Video mit ihr.

Ihre Erlebnisse hat sie in einem Buch verarbeitet:

Dieses Buch ist eine chronologische Dokumentation der Reise, die ich in die Abgründe eines stummen Gehirns gemacht habe, an einen Ort tiefen inneren Friedens. In diesem Buch verbinde ich akademische Ausbildung mit persönlicher Erfahrung und Erkenntnis. Soweit ich weiß, ist dies der erste dokumentierte Bericht eines Menschen, dessen Beruf die Hirnforschung ist und der sich von einer schweren Hirnblutung wieder vollständig erholt hat. Ich bin froh, dass ich meine Erfahrungen der Welt mitteilen kann.

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