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Artikel Tagged ‘Emergenz’

Externalismus

22. Januar 2012 5 Kommentare

Bereits im Dezember habe ich eine Zeitschrift gekauft, „Hohe Luft“. Das ist die erste Ausgabe dieser Zeitschrift, die sich gern als neues philosophisches Magazin etablieren will. Ich stand im Zeitschriftenladen vor zwei Neuerscheinungen, warum ich mich für das eine und nicht für das andere entschieden habe, weiß ich nicht mehr. Die ersten Seiten mit einer Art von Textschnipseln fand ich nicht so prickelnd, aber die Hauptartikel haben es in sich, z.B. „Du sollst nicht lügen! Warum eigentlich nicht?“ oder „Wofür lohnt es sich zu leben?“ oder „Was ist eine Person?“. Was sich nach Zeitgeistklatsch anhört, hat aber sehr tiefe philosophische Wurzeln.

Am meisten beeindruckt hat mich der Artikel „Wohnt der Geist im iPhone?“ Hier wird eine Beobachtung diskutiert, die sicherlich vielen schon aufgefallen ist. Das Entstehen von Google & Co. hat die Art unseres Wissens bzw. Gedächtnisses verändert. Früher haben wir uns Dinge direkt gemerkt, heute nur noch, wo wir sie finden können. Das reicht völlig aus und de facto „wissen“ wir dadurch viel mehr als früher. Eine philosophische Strömung, der „Externalismus“, bringt diese Beobachtung in eine theoretische Form. Dazu ein originelles Beispiel aus dem Artikel:
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Übernatürliche Wesen und Intentionalität

27. Februar 2011 Keine Kommentare

In dem Beitrag EPR-Phänomen und Emergentismus wurde davon gesprochen, dass der Naturalismus höhere, übernatürliche Wesen zur Erklärung von Naturvorgängen ausschließt. In einem der ersten Kommentare wurde daraufhin kritisiert, dass „höher“ nicht „übernatürlich“ bedeuten muss. Bis jetzt hatte ich, ehrlich gesagt, noch gar nicht gründlich über diese Begriffe nachgedacht. Ehe das jetzt erfolgen soll, noch ein Nachtrag zu diesem letzten Artikel.

Emergentismus in Bezug auf Abwärtsverursachung und Freien Willen

Wenn man unter Zuhilfenahme der Wechselwirkungen auf höheren Komplexitätsebenen begründet, warum zusammengesetzte Systeme Eigenschaften zeigen können, die sich prinzipiell nicht in ihren Bestandteilen nachweisen lassen, dann nimmt dieser Erklärungsansatz auch zwei anderen Phänomenen ihre Mystik: Abwärtsverursachung und Freier Wille. Über die Abwärtsverursachung wurde hier schon mal etwas geschrieben. Über den freien Willen gibt es inzwischen sogar mehrere Artikel:

Aus diesem Grund hier nur zwei Beispiele, was mit diesen Begriffen gemeint ist:

  1. Wenn die Menschheit beschließt, keine Raumschiffe zum Mond zu schicken, dann werden keine Raumschiffe zum Mond fliegen.
  2. Mir ist kalt, deshalb ziehe ich mir einen Pullover an und trinke einen Tee.

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EPR-Phänomen und Emergentismus

19. Februar 2011 Keine Kommentare

Reduktionismus versus Emergentismus

Seit langem gibt es im naturalistischen Lager einen Streit zwischen den so genannten Reduktionisten und den Emergentisten. Zur Begriffsklärung:

  • Naturalisten sind der Meinung, dass zur Beschreibung und Erklärung der Naturvorgänge kein Rückgriff auf ein höheres, übernatürliches Wesen notwendig ist.
  • Reduktionisten vertreten die Ansicht, dass Vorgänge, die derzeit auf einer bestimmten Betrachtungsebene am besten erklärt werden können, im Prinzip auch auf niedrigeren Ebenen vollständig beschrieben werden können. Vulgo: Bewusstseinsvorgänge sind biologische Vorgänge, biologische sind chemische und chemische sind physikalische.
  • Emergentisten hingegen denken, dass auf höheren Komplexitätsebenen neue Eigenschaften auftreten, die irreduzibel sind. Wechselt man die Beschreibungsebene, dann können diese Eigenschaften dort nicht mehr erklärt werden, weil sie auf dieser niedrigeren Ebene gar nicht vorhanden sind.

Wer ein einprägsames Beispiel benötigt: Reduktionisten, wenn sie zugleich dem Determinismus anhängen, müssen der Aussage zustimmen, dass das Ergebnis der nächsten Bundestagswahl im Prinzip durch eine Untersuchung aller Atome aller beteiligten Menschen und ihrer Umwelt bestimmt werden kann. Emergentisten sind der Meinung, dass das prinzipiell unmöglich ist. Selbst wenn man den Determinismus weglässt, kommen Reduktionisten zu Schlussfolgerungen, die unseren Alltagserfahrungen widersprechen, z.B. leugnen sie die Willensfreiheit des Menschen. Reduktionisten müssen ihn zu einer Illusion machen, weil er in der Physik nicht existiert. (Bissiger Einwurf: Konsequenterweise müsste das dann aber für alle nicht physikalischen Phänome genauso gelten, für Leben, Bewusstsein, den deutschen Bundestag.)
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Reduktionismus und Emergentismus

31. Dezember 2009 5 Kommentare

⇐ Information und Entropie ⇑ Sapere aude! ⇑ Freier Wille und Teleologie ⇒

Noch interessanter sind die Thesen, die sich aus der quadratischen Abhängigkeit von Information und Masse ableiten lassen. Verdoppeln wir zum Beispiel die Masse eines Systems, dann stammt nur die Hälfte der jetzt notwendigen Information, um das neue System zu beschreiben, aus dieser Masse. Die andere Hälfte aber ist notwendig, um alle möglichen Wechselwirkungen zu beschreiben, die jetzt zwischen den beiden Systemhälften bestehen können. Wenn wir uns an das eingangs gewählte Tischbeispiel erinnern, dann steckt die Information über den Aufbau eines Tischs eben nicht in den Atomen, in die er zerlegt werden kann, sondern vor allem in den Wechselwirkungen, die bestehen, wenn der Tisch existiert.

Niemand wird bestreiten, dass die physikalischen Gesetze, mit denen z.B. Atome und ihre Wechselwirkungen beschrieben werden können, nicht auch in Tischen oder in Gehirnen uneingeschränkte Gültigkeit besitzen müssen. Aber ein sehr großer Teil der weiteren Information (der Wechselwirkungen) existiert auf atomarer Ebene noch nicht. Der Ansatz des Reduktionismus, die Wirkungsweise komplexer Systeme vollständig durch die Analyse der Wirkungsweise einfacherer Systeme herausfinden zu können, ist ungenügend.
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Abwärtsverursachung

11. November 2009 Keine Kommentare

Nachdem ich vor knapp drei Wochen das Buch von Paul Davies Prinzip Chaos gelesen hatte und dort zum ersten Mal auf den Begriff „Abwärtsverursachung“ gestoßen bin, hat micht das Thema nicht mehr losgelassen. In der letzten Woche wurde der Begriff dann in einem Forum diskutiert, was mich weiter hat darüber nachdenken lassen. Zunächst eine Reihe von Thesen, danach eine kurze Erläuterung.
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Paul Davies: Prinzip Chaos

25. Oktober 2009 Keine Kommentare

Als ich das Buch bei einem Bekannten sah, erinnerte ich mich dunkel an den Namen des Autors und borgte mir das Buch aus. Paul Davies ist Professor für Theoretische Physik und hat es 1988 geschrieben. Inzwischen ist er Verfasser von einer ganzen Reihe weiterer populärwissenschaftlicher Bücher. Im Vorwort heißt es:

Gewöhnlich stellt man sich unter der Erschaffung des Universums ein weit zurückliegendes plötzliches Ereignis vor. Diese Vorstellung wird von der Religion, aber auch von der Wissenschaft bestätigt, die Anhaltspunkte für einen »Urknall« besitzt. Doch durch diese schlichte Vorstellung wird verdeckt, daß die Erschaffung des Universums nie aufgehört hat.

Nach Ansicht der Kosmologen befand sich das Universum unmittelbar nach dem Urknall in einem vollkommen gestaltlosen Zustand, und erst später entstanden all die Strukturen und die Mannigfaltigkeit, die wir heute beobachten. Es gibt offenbar physikalische Vorgänge, die aus dein Nichts oder doch beinahe aus dem Nichts Sterne, Planeten, Kristalle, Wolken und Menschen entstehen lassen.

Woher kommt diese erstaunliche Schöpfungskraft? Kann die fortdauernde Kreativität der Natur mit den uns bekannten physikalischen Vorgängen erklärt werden, oder sind darüber hinaus Gestaltungsprinzipien wirksam, die der Materie und der Energie Form geben und sie zu immer höheren Zuständen der Ordnung und der Komplexität führen?

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Das chinesische Zimmer

12. September 2009 Keine Kommentare

Ich hatte meinen Artikel zum freien Willen noch in einem Diskussionsforum gepostet, einer der Kommentatoren dort war Martin Dresler. Ich kannte ihn bereits aus einer anderen Diskussion zu Klarträumen, er arbeitet am Max-Planck-Institut für Psychiatrie an diesem Thema. In einem seiner Kommentare wies er auf ein neues Buch von ihm hin: Künstliche Intelligenz, Bewusstsein und Sprache. Derzeit ist er einer der Organisatoren der diesjährigen MinD-Akademie „Freiheit und Grenzen“.

Für die 130 Seiten seines neuen Buchs habe ich fünf Abende gebraucht, ich glaube nicht, dass ich alles verstanden habe. Das Niveau ist sehr hoch, ich würde sagen, dass man es, wenn er es noch ein wenig „aufbrezelt“, als Dissertation auf dem Gebiet der Philosophie des Geistes anerkennen könnte. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass er eigentlich auf einem ganz anderen Gebiet arbeitet.

Der Untertitel des Buchs verrät Genaueres über den Inhalt: „Das Gedankenexperiment des Chinesischen Zimmers“. Die Philosophie des Geistes beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen den geistigen bzw. mentalen Zuständen, die aus der Erste-Person-Perspektive erlebt werden, und den körperlichen Zuständen, die einer objektivierbaren Messung zugänglich sind, also kurz mit dem Leib-Seele-Problem.
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Reinhard Brandt: Können Tiere denken?

30. Juni 2009 Keine Kommentare

Das Buch beginnt mit den folgenden beiden Absätzen:

Wir Menschen leben in zwei Welten, die paradoxerweise zugleich eine sind. Das Tageslicht, die Gerüche aus dem Bäckerladen, die Hauswand, an der wir entlanggehen und die wir nicht durchschreiten können – diese unsere Lebenswelt unterscheidet sich zunächst nicht von der Umwelt des Hundes, der uns begleitet. Er nimmt sinnlich wahr wie wir; er erschrickt bei einem lauten Geräusch wie wir, beim Gang am Fluß wissen wir beide, daß das Wasser nicht begehbar ist, es sei denn im Winter, in dem wir gemeinsam frieren und uns nur zögernd aufs Eis wagen. Uns bewegt dieselbe freudige Erregung, wenn uns das Kind des Hauses entgegenkommt.

Zugleich gibt es für uns Menschen eine andere, dennoch identische Welt, von der die Tiere offenbar nichts wissen. Wir Menschen machen die Dinge zu Objekten der Erkenntnis; dieselbe Sonne, die sich im Tageslauf langsam von Osten nach Westen bewegt, steht, so erkennen wir, im Zentrum des Planetensystems, und unsere Erde dreht sich als Kugel um sich selbst. Wir spüren die Kälte, aber wir erkennen in ihr zugleich die Ursache der Vereisung des Flusses; kein Tier weiß, was eine Ursache ist, kein Tier kann sich wundern.

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Sandra Mitchell: Komplexitäten. Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen.

8. März 2009 Keine Kommentare

Sandra Mitchell ist Professorin für Wissenschaftstheorie und -geschichte in Pittsburgh, der größte Teil ihrer Beispiele entstammt der Biologie. Zentrales Thema im Buch ist die Aussage der Autorin, dass die Welt komplex ist und dass aus diesem Grund die ausschließliche Suche nach einfachen und universellen Naturgesetzen nicht ausreichend ist. Das ist eng mit dem Begriff der Emergenz verbunden.

Es gibt stärkere und schwächere Versionen der Reduktion (ontologisch, erkenntnistheoretisch und methodisch). Allen gemeinsam ist die Vorstellung, dass die Erklärung aufwärts gerichtet ist – vom Verhalten der Grundbestandteile zum Verhalten des aus ihnen zusammengesetzten Systems. In seiner stärksten Version behauptet der Reduktionismus: Kausale Fähigkeiten liegen ausschließlich auf der Ebene der Grundbestandteile, und die Erklärung eines Systems von Verhaltensweisen gewinnt nichts hinzu, wenn man die Eigenschaften höherer Ebenen anspricht.

Ein Begriff, der in unmittelbarem Gegensatz zur Reduktion steht, ist die „Emergenz“. … Emergenz hat unterschiedliche Aspekte, die den unterschiedlichen Aspekten der Reduktion gegenüberstehen.

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Christopher Langan: CTMU

16. Januar 2009 Keine Kommentare

Vor dreieinhalb Wochen war ich mir nach dem Studium von Christopher Langans Theorie der Theorien nicht sicher, ob ich sein Hauptwerk, „The Cognitive-Theoretic Model of the Universe“ (CTMU) so bald lesen würde, aber inzwischen habe ich es getan. Ich möchte nicht behaupten, dass ich alles verstanden habe, aber einige der Hauptgedanken werden wohl richtig bei mir angekommen sein.

Ich bin ich mir nicht sicher, ob der Name seiner Theorie optimal ist, ich hätte nicht von einem Modell des Universums, sondern von einer Realitätstheorie gesprochen, so wie er selbst das an einigen Stellen schreibt. Ein Mitglied der Prometheus Society hat sich in einem Diskussionsforum zu Langans Theorie geäußert: „Sie ist ein wenig tautologisch, aber wir alle bewundern die Tiefe seiner Gedanken.“ Tatsächlich verwendet Langan selbst das Wort „tautologisch“ und an einigen Stellen sogar „supertautologisch“. Dazu muss man wissen, dass dieses Wort doppeldeutig ist. Im Alltagsgebrauch hat es eine eher negative Konnotation im Sinne von „überflüssige Wiederholung, Binsenweisheit“. In der Logik hingegen kennzeichnet es den Wahrheitswert einer Aussage.

Anforderungen an eine Realitätstheorie hat in den späten 70er Jahren John Wheeler formuliert, von dem auch das rechts stehende Bild stammt. Das „U“ steht für das Universum, der schmale Ast für den informationellen Aspekt, das Auge für die bewussten Beobachter innerhalb des Universums, also für den kognitiven Aspekt. „Das Universum beobachtet sich selbst und denkt über sich nach, es muss bewusst sein“, könnte man das Bild interpretieren. Als eine Kurzzusammenfassung der Forderungen Wheelers an eine Realitätstheorie kann man die 5 Fragen ansehen, die man im Wikipediaartikel über John Wheeler findet.
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